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Claude-Hélène Mayer: Trainingsfilm Interkulturelle Mediation und Konfliklösung

Cover Claude-Hélène Mayer: Trainingsfilm Interkulturelle Mediation und Konfliklösung. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-3-8309-1828-8. 19,90 EUR.

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Thema

In Ausbildungskontexten der Mediation erfreut sich der Einsatz von Lehrfilmen einer immer größer werdenden Beliebtheit, da so der Lernprozess visuell und realitätsnah unterstützt werden kann und Lernen am Modell möglich wird. Der Rezensentin ist der Wert guten, filmischen Materials aus eigener Unterrichtstätigkeit bekannt. Dieser Trainingsfilm von Claude-Hélène Mayer und Christian Boness ist eine Neuheit auf dem deutschen Markt, da hier die interkulturelle Dimension in der mediativen Arbeit filmisch demonstriert wird. Ihre Darstellung eines Konfliktes zwischen einem deutschen und afrikanischen Arbeitskollegen lenkt den Blick auf die Herausforderungen der Mediation im interkulturellen Kontext. Der Film stellt eine Ergänzung zum gleichnamigen Buch (2006; vgl. dazu die Rezension) der Autoren dar und erweitert somit die didaktischen Materialien für angehende und ausgebildete Mediatoren in Deutschland, die sich für interkulturelle Fragestellungen sensibilisieren möchten.

Zwei herausragende Eigenschaften der DVD sollen an dieser Stelle gleich erwähnt werden, bevor der Aufbau des Trainingsfilmes kurz skizziert und inhaltliche Schwerpunkte der Mediation dargestellt werden.

  1. Zum einen: Der Film bildet nicht nur einen Mediationsprozess in seinen Phasen ab. Seine besondere Struktur erhält er durch eingeblendete Übersichtsfolien, die an jeder wichtigen Stelle des Filmes metakommunizieren: Durch beides, Schrift und Sprache, wird der Zuschauer mit Hilfe dieser Folien in die Besonderheiten in jeder Phase eingewiesen, mit welchen Techniken gearbeitet wird, welche (interkulturellen) Fragestellungen sich aus bestimmten Szenen ergeben. Diese Art der Darstellung steht anstelle der sonst in Lehrfilmen üblichen Form des Experteninterviews zwischen einzelnen Sequenzen der Mediation und erweist sich als sinnvolle didaktische Technik der Rahmung und Ergebnissicherung.
  2. Zum zweiten: Im Mediationssetting wird mit einer Dolmetscherin, der Autorin und Produzentin des Filmes selbst, gearbeitet, d.h. in der Mediation findet eine konsekutive Übersetzung in die deutsche und englische Sprache statt. Durch die Teilnahme einer Übersetzerin ändert sich die Dynamik eines Mediationsprozesses grundlegend, was anhand dieses Lehrfilmes mit Lernern sehr gut und kritisch diskutiert werden kann – insbesondere im Hinblick auf eine Entschleunigung und De-Eskalation in der Mediation aber noch viel wesentlicher in Hinblick auf die mediativen Kompetenzen von Dolmetschern. So bspw. fällt an einigen Stellen auf, dass die Dolmetscherin an einigen Stellen Aussagen mediativ so reformuliert, dass sie der Kommunikation förderlich scheinen. 

Überblick

Ich gehe im Folgenden auf den Vorspann (1.), auf die Mediation (2.), die didaktischen Materialien (3.) sowie auf die inhaltlichen Schwerpunkte ein.

1. Vorspann

Nach einem Eingangszitat von Johan Galtung (1975: Conflict and diversity)  werden in Bild und Ton die Ziele des Lehrfilms vorgestellt:

  • State of the Art zur "Interkulturellen Mediation"
  • Anregungen zum Verständnis interkultureller Mediation
  • Anstoß zur Selbst- und Fremdreflexion interkultureller Mediationen
  • Aufbau von Aspekten interkultureller Kompetenz
  • Beitrag zur Entwicklung einer interkulturellen und mediativen Persönlichkeit

Im Einzelnen erwarten den Zuschauer des Films:

  • - Ausschnitte aus einer "Realmediation": Interkulturelle Mediationssequenzen

  • Theoretische und praktische Erläuterungen / Hintergrundinformationen zu bestimmten Stellen
  • Didaktische Materialien zur theoretischen Vertiefung
  • Fragen zum Film
  • Ein Assessment eigener interkultureller Mediationskompetenz

Die Autoren erläutern anschließend ihr Praxis interkultureller Mediation, bestehend aus einer Vorphase, der Mediationsphase in 5 Schritten und einer Umsetzungsphase. Zum Abschluss des Vorspanns erfährt der Zuschauer etwas über die "Philosophie" des Filmes, welche in folgenden Punkten umschrieben wird:

  • Gemäßigter Konstruktivismus und systemische Theorie (Berger&Kellner, Watzlawick)
  • Grundzüge der Transformativen Mediation (Bush&Folger)
  • Gewaltfreie Kommunikation (Rosenberg)
  • Kommunikation, Kongruenz und Selbstwert (Satir)
  • Kultursynergetisches Mediationsmodell (Mayer)
  • Standards des BM (Bundesverband Mediation)

Mit diesem Einblick in die ihrer Mediationspraxis zugrunde liegenden methodischen und theoretischen Orientierungen schaffen die Autoren/Autoren Transparenz und vollziehen damit in Augen der Rezensentin einen aus Perspektive der interkulturellen Forschung für bikulturelle Mediationen sehr wichtigen, aber of unterlassenen Schritt: Die Reflexion über die eigene kulturelle Prägung.

Die Mediation, so wie wir sie in Deutschland praktizieren, ist – und das wird derzeit viel zu wenig diskutiert – eine kulturspezifische Methode, der kulturell geprägte Werte und ein ganz bestimmtes Menschenbild zugrunde liegen, die wiederum in kulturspezifischen Haltungen des Mediators und kulturellen Mediationstechniken sich ausprägen. Dies hat gerade für einen wichtigen Grundsatz der Mediation schwerwiegende Folgen: Wird die Bedeutung kultureller Einflüsse auf das Mediationsverfahren nicht erkannt und reflektiert, ist die angestrebte Allparteilichkeit in interkulturellen Settings hochgradig gefährdet.

Diejenigen, die sich interkulturellen Herausforderungen in der eigenen Praxis bereits stellen, werden an vielen Stellen des Lehrfilmes wichtige (symbolische) Handlungen des Mediators und zugrunde liegende Fragestellungen ausmachen können.- Insbesondere in Kombination mit der theoretischen Aufarbeitung kultureller Phänomene in den Büchern der Autoren (mit Hilfe kulturvergleichender und zum Teil interkultureller Forschung) können wesentliche Konfliktpotentiale im interkulturellen Kontext erhellt werden. Zwar werden in der dargestellten Mediation kulturelle Besonderheiten an der einen oder anderen Stelle deutlich dennoch bleibt zu vermuten, dass interkulturell unerfahrenen Zuschauern Wesentliches verborgen bleiben muss. Hier zeigt sich eine nicht unerhebliche Problematik des Films.

Sowohl der Mediator Christian Boness als auch die Dolmetscherin im Film, Claude-Hélne Mayer verfügen beide über langjährige Forschungs- und Arbeitserfahrungen in Ost- und Südafrika, über -  erlebte und reflektierte -  interkulturelle Praxis. Diese Erfahrungen sind in dieser deutsch-afrikanischen Mediation handlungsleitend, ohne dass dies dem Zuschauer unbedingt bewusst werden muss. In meiner eigenen Lehrtätigkeit mache ich mit diesem Film die Erfahrung, dass das Publikum des Filmes in meinen Veranstaltungen (Studenten und Teilnehmer an Fortbildungen der Rezensentin) oft die Ansicht äußert, dass die vorgeführte Mediation sich nicht sehr von einer "normalen" Mediation unterscheide. Erst durch gemeinsames "theoriegeleitetes" Studium von Textpassagen und dem wichtigen Anhang des Filmes werden den Zuschauern kulturelle Spezifika erkennbar, die dann im erneuten Anschauen der Mediation auch wahrgenommen werden können. - Aus diesem Grund möchte ich auf die im Film folgenden Didaktischen Materialien 1-3 hinweisen, die gerade deshalb sehr wertvoll sind, weil sie das für ein umfassenderes Verstehen der Vorgänge nötige Wissen nachreichen.

2. Mediation

Vorphase. Die Begegnung zwischen Konfliktpartei und Mediator läuft – ohne Ton – im Hintergrund ab. Dazu wird erläutert, was alles in einem Vorgespräch besprochen werden muss. Das Vorgespräch findet in diesem Fall in einem Einzelsetting statt. Kulturspezifische Wertorientierungen sollen ergründet, Sprachkompetenzen erkundet werden. Den Autoren gemäß können die Einzelgespräche dazu genutzt werden, Fragen nach folgenden Themen zu klären:

  • Hintergründe, Anliegen, Erwartungen
  • Kulturspezifische Wertorientierungen und Kommunikationsmuster
  • Gab es vorausgegangene Konfliktlösungsversuche?
  • Welche Werte in Bezug auf das Verfahren liegen vor?
  • Auf welchem Weg kommen Konfliktparteien zur Mediation?
  • Was ist das Ziel der Mediation für die Parteien

Besprochen werden müssen dabei:

  • Vorgehensweise in der Mediation
  • Rolle des Mediators
  • Übersetzung und Übersetzerrolle
  • Konzept der Allparteilichkeit
  • Organisatorisches (Zeit, Raum, Kosten)

Mediationsphase. Diese läuft nach den im westlichen Kulturkreis bekannten 5 Stufen ab:

  1. Einleitung
  2. Konfliktdarstellung:
  3. Erhellung
  4. Lösung
  5. Vereinbarung

In der Vorphase der Mediation haben beide Konfliktparteien diesem Modell zugestimmt, da beide im westlichen Kontext leben und arbeiten.

Umsetzungsphase. Nach der eigentlichen Mediation erfolgt eine Erprobung der Lösungen durch die Konfliktparteien im Alltag und eine Überprüfung der Tragfähigkeit der erarbeiteten Lösungen im Bilanzgespräch.

3. Didaktischen Materialien

Die bereits erwähnten Didaktischen Materialien 1-3 (Laufzeit: 41min) in Form von Aussagen und Fragen zu Aspekten interkultureller Mediation in bewährter Folienform bilden den Abschluss des Lehrfilmes (Laufzeit: 1:23 min). Thematisiert werden hier unter anderem kulturelle Konfliktstile, interkulturelle De-Eskalation, Ebenen interkultureller Kommunikation, Techniken in der interkulturellen Mediation sowie das von Mayer entwickelte Kultursynergetische Modell interkultureller Mediation.

Zu den inhaltlichen Schwerpunkten

Gezeigt wird eine Mediation zwischen zwei Arbeitskollegen, dem 40jährigen afrikanischen Herrn Mugallo und dem 57jährigen deutschen Herrn Rupert. Geleitet wird die Mediation von Herrn Boness. Beide Konfliktparteien arbeiten in Deutschland gemeinsam in einem Projekt zur Integration afrikanischer Jugendlicher. Konfliktschwerpunkt bildet im Wesentlichen das Verhalten am Arbeitsplatz sowie das Einhalten von terminlichen Fristen. Kulturspezifische Orientierungen, die anhand des Filmes thematisiert werden können, sind u.a. die Trennung von beruflicher und privater Sphäre, Konzepte von Zeit und Pünktlichkeit, Formen von Beziehungsaufbau- und Pflege am Arbeitsplatz. Auch wenn nicht explizit von den Autoren thematisiert, können in der Mediation kulturell sich wesentlich voneinander unterscheidende Kommunikationsstile identifiziert und über ihren Einfluss auf das Mediationsverfahren nachgedacht werden. Die Gender-Perspektive (kulturelle Konzepte von Geschlechterrollen) lohnt gleichermaßen einer Diskussion auch wenn oder gerade weil in dieser Mediation drei Männer sich miteinander im Gespräch befinden.

In den Veröffentlichungen verweisen Mayer und Boness immer wieder auf die Bedeutung von Vor (-Einzel)-Gesprächen in interkulturellen Mediationskontexten. Vorab soll Vieles geklärt werden, was sich in interkulturellen Kontexten als Konfliktpotential herausgestellt hat. Leider kann der Zuschauer an diesem so bedeutungsvollen Vorgespräch im Film nicht teilhaben, da es nur angedeutet wird und ohne Ton abläuft. Wie also verläuft so ein Klärungsgespräch? Setzt eine "Klärung" kultureller Spezifika nicht auch voraus, dass diese den Konfliktparteien selbst bewusst sind? Besteht nicht ein Risiko der Überlastung, wenn in einem Konflikt sich befindende Menschen vorab auch die interkulturellen Herausforderungen mit reflektieren sollen? Für einen weiteren Film würde sich die Rezensentin die ausführliche Darstellung eines Vorgespräches im interkulturellen Kontext wünschen.  

Fazit

Alles in Allem: Ein gelungenerr Trainingsfilm, dessen interkulturelles Know-How aktiv entdeckt werden will.


Rezensentin
M.A. Katharina Kriegel
Erziehungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena, interkulturelle Trainerin und Mediatorin.
Homepage www.beziehungsportal.de
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Zitiervorschlag
Katharina Kriegel. Rezension vom 04.12.2008 zu: Claude-Hélène Mayer: Trainingsfilm Interkulturelle Mediation und Konfliklösung. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-3-8309-1828-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6241.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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