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Andreas Friese: Formulierungshilfen

Cover Andreas Friese: Formulierungshilfen. Aktivitäten der sozialen Betreuung dokumentieren. Vincentz Verlag (Hannover) 2008. 102 Seiten. ISBN 978-3-86630-059-0. 13,80 EUR, CH: 24,60 sFr.

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Thema

Nach Inkrafttreten der Pflegeversicherung mit ihrem Fokus auf den körperlich-pflegerischen Bereich sah sich die Sozialarbeit in Alten- und Pflegeheimen in ihrer Existenz bedroht. Inzwischen wurde jedoch die flankierende "soziale Betreuung" installiert und seit 2005 bezieht der Medizinische Dienst der Krankenkassen bei seinen Überprüfungen von pflegebedürftigen Bewohnern in stationären Einrichtungen in sehr viel stärkerem Umfang auch die Leistungen der sozialen Betreuung ein.

Die Angebote des Sozialen Dienstes erfahren also zunehmend Aufmerksamkeit. Dies erfordert, die eigenen Leistungen in ihrer Vielfalt aufzuzeigen und zwar nicht nur zur Abrechenbarkeit von Leistungen und "Refinanzierung" der eigenen Stelle, , sondern auch dafür, sich der bedürfnisgerechten Angemessenheit des eigenen Tuns bewusst zu werden. Insgesamt scheinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialen Arbeit Schwierigkeiten zu haben, ihre Leistungen über Eintragungen in standardisierten Dokumentationssystemen hinaus anschaulich darzustellen. Das Büchlein von Andrea Friese setzt sich den Anspruch, "aus der Praxis für die Praxis" (S. 9) Hilfen für "eine überzeugende Selbstdarstellung qualitativ guter Arbeit" (Werbeflyer) zu vermitteln.

Autorin

Andrea Friese ist im Sozialdienst eines Seniorenzentrums tätig und Ausbildungsreferentin des Bundesverbandes Gedächtnistraining e.V.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeitshilfe gliedert sich nach Vorwort und Vorbemerkungen in "Leistungskatalog" und "Begriffskatalog zur schriftlichen Darstellung von Befindlichkeiten".

Im Leistungskatalog werden folgende fünf Aufgabenbereiche unterschieden und in eigenen Kapiteln bearbeitet:

  1. Einzelbetreuung;
  2. Gruppenangebote;
  3. Feste und Veranstaltungen in den Jahreszeiten;
  4. Veranstaltungen in Kontakt mit dem örtlichen Gemeinwesen;
  5. Maßnahmen zur Kontaktpflege mit den Angehörigen.

Der Begriffskatalog zur Darstellung von Befindlichkeiten bezieht sich auf

  1. Bedürfnisse und Begehren;
  2. Gefühle;
  3. Persönliche Lage.

Vorwort und Vorbemerkungen zeigen die Bedeutung des Bereichs der "sozialen Betreuung" im Heim auf. Ausführliche Dokumentation ermögliche eine Verbesserung der individuellen Betreuung jedes einzelnen Bewohners, wenn die Einzigartigkeit jeder Person in ihrer Lebensgeschichte und mit ihren Bedürfnissen gesehen werde. Somit könne der Beitrag des Sozialen Dienstes im Gesamtprofil des Hauses deutlicher werden und zu erhöhter Wertschätzung der Einrichtung und der Mitarbeiter/innen aller Bereiche führen. Dies setzt allerdings voraus, dass nicht nur quantitativ Einzelaktivitäten aufgezählt werden, sondern dass "qualitativ" ersichtlich wird, auf welche Bedürfnisse und Interessen des Bewohners sich die Angebote beziehen und wie sie sich auf das Wohlbefinden der alten Menschen auswirken.

Die Arbeitshilfe von Andrea Friese benennt in den fünf Feldern des Leistungskatalogs zunächst die "Ziele", die mit den verschiedenen Angebots- und Betreuungsformen erreicht werden sollen. Mit welchen konkreten Aktivitäten und Maßnahmen diese Ziele erreicht werden sollen, demonstriert die Liste der "Inhalte": die Begleitung beim Heimeinzug, das biografische Arbeiten, die 10-Minuten-Aktivierung, Bewegungsangebote, Feste im Jahreslauf, generationenübergreifende Projekte, Mitwirkung ehrenamtlicher Kräfte aus der Gemeinde, Angebote für und mit Angehörigen usw.

Die Beschreibung von Aktivitäten in diesen knapp 40 Tätigkeitskategorien wird "qualitativ" auf die Resonanz beim Bewohner bezogen. Somit erfolgen für jede dieser Kategorien an die 10 bis 15 konkrete Reaktionsformen, die nach positiver, neutral/passiver und negativ/ablehnender Stimmung des Heimbewohners gegliedert sind. Grafische Symbole (Smilies) sind den Beschreibungssätzen vorangestellt. In ähnlicher Weise wird beim Begriffskatalog zur Darstellung von Befindlichkeiten verfahren.

Diskussion

Kritisch ist zu bemerken, dass sich in den angebotenen Formulierungshilfen bald Routine und einschleichen. Ähnliche Formulierungen wiederholen sich, sie sind auf verschiedene Tätigkeiten bezogen. Insofern ermüdet ein Durchlesen von Anfang bis zum Ende sehr schnell. Das Büchlein eignet sich jedoch zum gezielten Einsteigen in ein jeweils konkretes Tätigkeitsfeld. Dann sollten die Formulierungshilfen nicht zum "Abschreiben" oder unkritischen Reproduzieren verführen, sondern als Anregung zu eigener kreativer Darstellung dienen. In weiteren Schritten wäre dann auch zu überlegen, ob sich z.B. bei ablehnender Reaktion des Bewohners gegenüber einem gemachten Angebot die Konzentration auf andere Anregungen anbietet. Hierzu ist eine Sortierung und Überprüfung des Bündels der Leistungen aus der Perspektive des Nutzers angesagt. Eine Hilfestellung zur Bündelung der Aussagen im Sinne einer personenzentrierten Bilanzierung steht noch aus.

Als Fazit muss auch festgestellt werden, dass bei den Publikationen der Verlage zu wenig auf bereits Vorhandenes Bezug genommen wird. Man publiziert und "powert" in Konkurrenz zueinander statt in Kooperation miteinander. Ein Literaturhinweis erfolgt nur auf eine Produktion aus dem eigenen Haus (Swoboda Beate: Formulieren wie ein Profi. Vincentz Verlag 2005).

So sei – für weitere Auflagen – der Autorin anempfohlen, die beim Kuratorium Deutscher Altershilfe erschienene Broschüre "Hilfen zur Kommunikation bei Demenz" von Jennie Powell zur Kenntnis zu nehmen und aufzugreifen. Dort findet sich das Bemühen vor, eine erweiterte Liste der AEDL (Aktivitäten des täglichen Lebens) auf das Wohlbefinden der Bewohner zu beziehen und in den sog. "Lebensstilprofil (Clipper)"-Bögen festzuhalten. Es wird aufgenommen, welche Angebote der Bewohner mag und nicht mag und bei welchen Verrichtungen bisher noch gar nicht nachgedacht wurde, ob und wie sie die emotionale Seite des Gegenübers berühren. Vor allem mündet diese Dokumentationsform noch zielgerichteter als in der Formulierungshilfe in eine Entwicklungsspirale ("Planen – Durchführen – Reflektieren - neues Planen") und bleibt nicht auf der Ebene der Deskription stehen.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an alle Mitarbeiter/innen, die in der sozialen Betreuung in Alteneinrichtungen tätig sind. Laut Vorwort will es auch Schülerinnen und Schülern an Berufsfachschulen und an Pflegeseminaren Anregungen und Denkanstöße geben. In seiner Aufmachung (DIN A 5, Ringheftung, Nachschlagecharakter) niedrigschwellig konzipiert, ist das Büchlein als Türöffner zu vertiefender Literatur und zu eigener Schreibtätigkeit geeignet.

Fazit

Die gut strukturierte und gegliederte Auflistung des gesamten Spektrums von Einzeltätigkeiten im Feld der "sozialen Betreuung" will eine Arbeits- und Formulierungshilfe sein und nicht mehr. Sie soll den unter Zeit- und Handlungsdruck stehenden Praktikern helfen, sich des Umfangs ihrer möglichen Tätigkeiten bewusst zu werden, sich anregen zu lassen und die durchgeführten Aktivitäten in ihrer Spiegelung auf die Teilnahmebereitschaft des Bewohners dokumentieren und reflektieren.

Wer eine weitergehende akademische Abhandlung zu den Möglichkeiten und Grenzen der sozialen Arbeit in der stationären Altenhilfe erwartet, wird enttäuscht sein. Zweck der Formulierungshilfe ist ihre unmittelbare Verwendbarkeit. Sie regt letztlich dazu an, genauer auf die vorfindbaren Interaktionen zu schauen und diese dann mit eigenen Worten festzuhalten, ohne dass zeitraubende Abhandlungen erforderlich sind.  Die gelungene eigene Darstellung der Arbeit könnte also dazu beitragen, die bestehenden Raster computergestützter standardisierter Erfassungshilfen in Frage zu stellen. Denn letztlich geht es gerade bei "sozialer" Arbeit nicht um das sinnentleerte Abhaken und Eintragen vorgegebener Ausführungsmodule, sondern um sensible, wertschätzende Begegnung und den Austausch von Bedeutungen.


Rezensent
Prof. Dr. Fred Karl
Der Rezensent ist Hochschullehrer am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel und führt mehrere Forschungs- und Entwicklungsprojekte im In- und Ausland durch. Er ist Herausgeber der bisher 46 Bände umfassenden Kasseler Gerontologischen Schriften.
Homepage www.soziale-gerontologie.de
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Zitiervorschlag
Fred Karl. Rezension vom 15.06.2008 zu: Andreas Friese: Formulierungshilfen. Vincentz Verlag (Hannover) 2008. 102 Seiten. ISBN 978-3-86630-059-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6248.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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