Ruthard Stachowske (Hrsg.): Drogen, Schwangerschaft und Lebensentwicklung der Kinder

Cover Ruthard Stachowske (Hrsg.): Drogen, Schwangerschaft und Lebensentwicklung der Kinder. Asanger Verlag (Kröning) 2008. 407 Seiten. ISBN 978-3-89334-489-5. 29,00 EUR.

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Thema

Der Herausgeber, Leiter einer familienorientierten Drogenrehabilitationseinrichtung (mit Jugendhilfe) in Norddeutschland, und seine MitarbeiterInnen (5) und Gäste (2) legen mit diesem Buch eine Arbeit zu einem Thema vor, das in den letzten Jahren zwar in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, bislang jedoch nicht ausreichend in den der Wissenschaften gerückt ist: Es geht um Kinder von drogenabhängigen Frauen / Eltern, um Erkenntnisse über ihre Entwicklungsbedingungen während der Schwangerschaft und danach und um die Hilfen, die angeboten werden können oder könnten und ihre Relevanz und Verfügbarkeit im Hilfesystem. Ausführlich behandelt werden gesetzliche Regelungen, die zu beachten und von Bedeutung sind. „Wir wollen aufzeigen, welche elementaren Fragen bisher weder gestellt noch erarbeitet sind und somit in ihrer Bedeutung und in ihren Rückkoppelungseffekten für die Kinder in suchtkranken Familien weder von den wissenschaftlichen und von den professionellen Instanzen noch von den Familien selbst verstanden werden können“ – so der Herausgeber selbst in der Einleitung (13).
Wesentlich für die Bedeutung des Themas ist, dass die Störungsbilder von Kindern, die in ihrer prä- und postnatalen Lebensentwicklung Substanzen konsumiert bzw. am Konsum partizipiert haben, nicht als eigenständige Störungsbilder in den internationalen und auch in Deutschland verbindlichen Diagnosesystemen klassifiziert sind. Dass sie erforscht und klassifiziert werden müssen und könnten, damit nicht nur TherapeutInnen, sondern auch Jugendämter und JuristInnen den Kindern angemessen helfen können, ist eine zentrale Aussage dieses Buches.

Entstehungshintergrund

Der Herausgeber geht in der Einleitung und in seinem Beitrag „Drogen, Schwangerschaft und Entwicklung der Kinder“ ausführlich auf das mediale Interesse an spektakulären Fällen von Kindstötung durch drogenabhängige Eltern in den letzten Jahren ein. Mehrer AutorInnen erwähnen, dass das Team der Drogenrehabilitationseinrichtung im Januar 2007 zu einem Expertenhearing zum Thema Drogen – Schwangerschaft – Kind eingeladen war, das der Fachverband Drogen und Rauschmittel in Zusammenarbeit mit der Bundesdrogenbeauftragten organisiert hatte. Das Thema ist sicher aktuell. Außer Frage steht aber, und das geht aus allen Beiträgen hervor, dass der Herausgeber und seine Kolleginnen und Kollegen sich mit diesem Thema – und mit betroffenen Kindern und ihren Müttern bzw. Eltern – beschäftigt haben, lange bevor es aktuell wurde, und Wesentliches zu sagen haben.

Aufbau

Der Verlag weist das Buch als „Sammelband“ aus. Dem Herausgeber geht es darum, „sich der Komplexität der Lebensbedingungen von Kindern aus suchtkranken Familien“ (9) in einem interfakultativen und interdisziplinären Dialog anzunähern bzw. diesen Dialog öffentlich zu machen. Dieser Dialog entwickelt sich in sieben Beiträgen, die durch einen Überblicksbeitrag des Herausgebers eingeleitet werden. Dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, d.h. dass dieses Buch die Arbeit eines interdisziplinär arbeitenden Teams und mehr als nur ein Sammelband ist, deuten Herausgeber und AutorInnen auch formal an: Für alle Beiträge verbindlich ist ein einziges Literaturverzeichnis (393 – 403).
In der Einleitung (8 – 31) spricht Stachowske die zentralen Fragen an, die diskutiert und, soweit möglich, beantwortet werden sollen:

  • die lange Geschichte und generationale Bedeutung des Themas,
  • die pharmakologische „Black Box“ des Konsummusters abhängiger schwangerer Frauen,
  • die nicht erklärten und nicht klassifizierten Störungsbilder geschädigter Embryos / Feten,
  • medizinische und medizinrechtliche Fragestellungen
  • und das juristische Wohl des Kindes in suchtkranken Familiensystemen.

Ein Thema, das in der Einleitung angeschnitten, in den Beiträgen aber nicht weiter verfolgt wird, ist die Problematik der Hilfeplanung in Deutschland, d.h. die mangelhafte Koordinierung einzelner Interventionen durch verschiedene Hilfe leistende Stellen, Träger und Personen. Das ist bedauerlich – nach Auffassung der Rezensentin, die andere, bessere europäische Hilfesysteme kennen und schätzen gelernt hat und die vermutet, dass ein weniger sektoriell organisiertes Hilfesystem nicht nur billiger wäre, sondern auch die Klientel besser schützen und unterstützen könnte. Es ist evident, dass Stachowske et al. auch zu diesem Thema mehr sagen könnten, als sie es in diesem Buch tun.

Drogen, Schwangerschaft und Entwicklung der Kinder

Stachowske liefert hier die Folie, auf der die weiteren Beiträge zu lesen sind. Sie mag mit der Vielzahl der Themen, die angeschnitten werden, überfrachtet sein: Zitate aus der Bibel zur Geschichte der Problematik, ein Überblick über den Stand der Forschung, spektakuläre Fälle von Kindstötung und das mediale Interesse daran, Fallgeschichten, Korrespondenzen mit der Pharmaindustrie und anderen an Arzneimittelherstellung, -vertrieb und -kontrolle Beteiligten u.a.m. Deutlich wird aber (auch dadurch), dass Stachowske sich nicht nur mit allen Bereichen, die die Entwicklung der Kinder von Drogenabhängigen betreffen, auseinandergesetzt hat und dass er fundierte Kenntnisse besitzt, sondern dass ihm die Verbesserung der Lebensbedingungen dieser Kinder wirklich ein Anliegen ist und er hier Anwaltschaft („advocacy“ im internationalen Sprachgebrauch) für sie übernimmt.
Ein Thema, das ihm bedeutsam erscheint, das aber von den anderen AutorenInnen kaum aufgegriffen wird, ist die generationale Dimension der Abhängigkeit von Substanzen. Er scheint akribisch recherchiert zu haben, führt eine Vielzahl historischer Quellen an wie Cadéac et Malet, 1886, Haupt, 1886, Runkel, 1900, auch Kreutel, 1988; nur sind diese Quellen nicht belegt, d.h. die Werke, aus denen hier zitiert wird, sind im Literaturverzeichnis nicht aufgeführt. Auch deshalb ist die Hypothese, die zum Abschluss dieser Ausführungen formuliert wird, kritisch zu bewerten: „Folglich scheint die Hypothese berechtigt, dass in unserer Kultur, in unseren Familiensystemen und möglicherweise besonders in den Familiensystemen, aus denen heraus sich drogenabhängige Lebensentwürfe entwickelt haben, unreflektiertes Wissen über psychotrope Drogen-Substanzen vorhanden sein muss. (vgl. Stachowske, 2002, 37).“ (68).
Erstaunlich wenig Raum, nur fünf Seiten (119 – 123), nehmen die Schilderung der Forschungsarbeit des Autorenteams und ein Überblick über die Ergebnisse ein – erstaunlich, da hier nach Auffassung der Rezensentin tatsächlich Beachtliches geleistet wurde: Das Team um Stachowske hat in den Jahren 2005 / 06 hundert Schwangerschaftsverläufe, die im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen betreut wurden und dokumentiert waren, analysiert. Zum einen wurde der Versuch unternommen, die Konsummuster der abhängigen schwangeren Frauen zu identifizieren. Zum anderen wurde nach psychosozialen Einflussgrößen im Verlauf der Schwangerschaften gesucht. In diesem Buch werden die Ergebnisse zu den Konsummustern veröffentlicht (Beitrag von Rita Hüllen, s.u.). Stachowske selbst referiert diese Ergebnisse selbst kurz ebenfalls. Er berichtet auch, dass das Team von den Angaben zu psychosozialen Einflussgrößen wissenschaftlich und fachlich zum Teil überfordert wurde – auch menschlich, wie vermutet werden kann: Viele schwangere Frauen waren extremer Traumatisierung, z.B. durch spezielle Methoden der Prostitution, Versuche der Abtreibung in fortgeschrittener Schwangerschaft u.ä. ausgesetzt. Eine Auswertung und die Darstellung dieser Ergebnisse sollen zu einem späteren Zeitpunkt folgen.
Stachowske weist nachdrücklich darauf hin, dass das Team im Rahmen seiner Möglichkeiten – in einer Praxis-, nicht in einer Forschungseinrichtung – keine detaillierte Ursache-Folge-Wirkung zwischen Konsummustern von Müttern und Störungen von Kindern erforschen konnte. Komplexe Forschungsprojekte seien nötig; die eigenen Befunde, ie das Erkennbar-Machen des Problems, könnten als Grundlage für spätere Forschungsprojekte dienen. In Vorwegnahme eines Kommentars zum Beitrag von Rita Hüllen, die die Befunde detailliert referiert, sei angemerkt, dass es sich hier um Befunde handelt, die vorzulegen noch keiner Forschungseinrichtung gelungen ist – und dass die „Bescheidenheit des Praktikers“[1] angesichts der Kompetenzdiskussionen zwischen Forschung und Praxis zwar verständlich ist, nach Auffassung der Rezensentin aber unnötig.

Schwangerschaftsanamnesen und Untersuchungsergebnisse aus 10 Jahren

Rita Hüllen stellt die Schwangerschaftsanamnesen, die sie selbst (Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin) mit entwickelt hat und durchführt, dar und referiert und erklärt die Untersuchungsergebnisse der qualitativen Analyse von 100 Anamnesen über einen Zeitraum von 10 Jahren. Genaue Angaben zu diesen „10 Jahren“ werden nicht gemacht. Rückgeschlossen werden kann, dass es sich um die Zeit von ca. 1996 bis 2006 handelt.
Drei Diagnosefragebögen zur Einschätzung des Grades an Beeinträchtigung der Entwicklung von Kindern drogenabhängiger schwangerer Mütter / Eltern wurden seit 1993 entwickelt und sind heute standardisiert. Erfasst werden pharmakologische Daten, aber auch medizinische, psychosoziale und soziale Faktoren. Hüllen macht deutlich, wie die Anamnese in den therapeutischen Prozess eingebettet ist und dass therapeutische Begleitung der Interviewten erforderlich ist: Die standardisierten Interviewfragen konfrontieren die Drogenabhängigen in der Regel mit der eigenen Schuldbelastung, ein Sachverhalt, mit dem individuell und therapeutisch umzugehen ist. Der Zeitraum, in dem die Anamnese durchgeführt wird, ist deshalb nicht eng abgesteckt. Er umfasst in der Regel drei bis sechs „Sitzungen“. Die Anamnese wird anders als ansonsten üblich auch nicht bei der Aufnahme in die Rehabilitationseinrichtung gemacht, sondern erst nach etwa 6 Monaten der Teilnahme an der Therapie.
Die drei Diagnosekomplexe ( - fragebögen) sind 1. die Anamnese der Suchtentwicklung (Fragen zu Substanzen, Konsum, somatischen Belastungen etc.), 2. Schwangerschaft und Geburtsverlauf, das „Kernstück“ der Anamnese (Grunddaten, psychosoziale und medizinische Aspekte, Konsum während der Schwangerschaft, Geburtsverlauf, Konsum post partum etc.), 3. Exploration der Geburt und der frühkindlichen Entwicklung.
Die Ergebnisse zu Konsum und Konsummuster während der Schwangerschaften, die hier vorgelegt werden, sind eindrucksvoll und rechtfertigen Vermutungen über die Schädigung der ungeborenen Kinder schon im Mutterleib: Von 100 abhängigen Frauen war nur eine ab dem Zeitpunkt der diagnostizierten Schwangerschaft konsumfrei. Über die Hälfte der Frauen war weiter polytoxikoman abhängig; ein Viertel wurde substituiert. Auffällig war durchgehender Alkoholkonsum während der Schwangerschaften, der bis zu dieser Auswertung fast ignoriert wurde, da die meisten Frauen wegen Abhängigkeit von anderen Substanzen in die Rehabilitationseinrichtung aufgenommen worden waren. Die meisten Interviewten gaben darüber hinaus an, den Ärzten falsche Angaben gemacht zu haben: Fast alle wurden während der Schwangerschaft gynäkologisch, viele auch suchtmedizinisch betreut.
Die Ergebnisse sprechen, wie auch Hüllen selbst feststellt, für sich. Man darf auf die Ergebnisse der Auswertung der anderen Anamneseteile gespannt sein.

Warum brauchen Babys Therapie?

Arnhild Sobot ist Diplom-Sozialpädagogin, Suchttherapeutin und Gestalttherapeutin. Anders als der Titel des Beitrags und die Titel der Autorin vermuten lassen, geht es in dieser Arbeit allerdings um medizinische Erkenntnisse über die Wirkung von Drogen, Entzugssymptomen etc. auf Ungeborene. Sobot hat wesentliche medizinische Erkenntnisse zusammengetragen und referiert sie hier – akribisch, aber Nicht-Medizinern (einschließlich der Rezensentin) nicht immer verständlich: „Freisetzung des Transmitters Dopamin im Nucleus Accumbens“ (181), „Bei den embryotoxischen Einflüssen unterscheidet man zwischen Wachstumsstörungen, den dysfunktionellen Störungen wie hormonellen, mentalen und immunologischen Störungen, den letalen Störungen und den teratogenen Schädigungen, denen die mikroskopischen und molekularen Störungen zugeordnet werden“ (183), “ ‚Spines‘ – so nennt man die Teile der Dendriten, die synaptische Verbindungen eingehen“ (191) etc. Auch in Kapitel 3, das den Titel „Somatik Psychik“ (mit Anführungszeichen) trägt, geht es eher um „zentralnervöse Regler für Stressregulation“ (212), über „das Nebennierenmark Katecholamine“ (213) und um „Spinesynapsen“, die „überwiegend eine exzitatorische, also eine erregende Funktion“ haben (213). Sobot bleibt auch in ihren Ausführungen zu Traumatisierungen von Feten und Neugeborenen eng der medizinischen Terminologie verhaftet. Das ist angesichts der Schwierigkeit, Aussagen über die „Psyche“ von Feten und Neugeborenen zu machen, zwar verständlich und sicher im Sinne der Absicht des Autorenteams, ‚die Forschung‘ aufzurütteln, auf die Notlage dieser Kinder aufmerksam zu machen. Es ist dennoch schade, dass die Autorin nur wenig und eher am Rande von ihren Praxiserfahrungen mit den betroffenen Kindern berichtet, z.B. über auffälliges Essverhalten der Neugeborenen (221) oder die Auswirkungen pränataler Bindungskatastrophen (224 ff). Die Ausführungen der Autorin zur Entstehung desorientierenden Bindungsverhaltens der abhängigen Mütter – auch derer, deren Schwangerschaft weitgehend drogenfrei verlief – im letzten Kapitel dieser Arbeit sind nachvollziehbar und gut belegt. Sie liefern die Grundlage für den Hinweis auf die Notwendigkeit von „Eltern-Coaching“ (Beitrag von Heidrun Girrulat) und binden die Arbeit in den interdisziplinären Dialog ein.

Kinder in drogenkranken Familiensystemen und ihre Störungsbilder

Ulrike Czyrnek und Alev Bozkurt, Pädagoginnen, beschreiben die Drogenrehabilitationseinrichtung, um die es hier geht: Die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch in Lüneburg besteht seit 1993. Die Einrichtung hat eine Anerkennung im Bereich SGB VI (abstinenzorientierte Rehabilitationseinrichtung) und ist gleichzeitig als Jugendhilfeeinrichtung nach SGB VIII anerkannt. Diese besondere Konstruktion macht die gleichzeitige und zum Teil gemeinsame stationäre Behandlung von Eltern und ihren Kindern möglich. Das Konzept ist aufwändig: Es gibt 21 Behandlungsplätze für erwachsene Klienten und 22 stationäre Therapieplätze für Kinder und Jugendliche. Auch schwangere Frauen können aufgenommen werden. Die Einrichtung ist vielfach vernetzt, nicht nur im norddeutschen Raum. Die stationären Prozesse dauern 24 – 36 Monate. Czyrnek und Bozkurt haben – ebenfalls für das bereits erwähnte Expertenhearing im Januar 2007 – 87 Kinder- und Jugendlichenakten analysiert und dabei einen Schwerpunkt auf die Diagnosen gelegt, die durch professionelle Instanzen gestellt worden waren. Angesichts der von den Autorinnen vorgelegten Tabelle ist tatsächlich schwer vorstellbar, wie diese Kinder das Drogenumfeld, in dem sie aufwuchsen, überhaupt überleben konnten. Deutlich wird, dass ein lang anhaltendes Neonatales Abstinenzsyndrom (NAS) auch oder gerade bei Kindern von Substituierten offenbar häufig unerkannt bleibt. Einige Kinder waren schon als Neugeborene Gewalt, auch sexueller Gewalt, ausgesetzt. Auf die von Sobot schon erwähnte und in den Daten dokumentiere Ess- bzw. bei Säuglingen Fütterstörung gehen die Autorinnen näher ein; und der Aufwand den die MitarbeiterInnen der Therapeutischen Gemeinschaft erbringen müssen, um das weitere Überleben dieser Säuglinge zu sichern, wird hier deutlich: „Selbst für unser Team in einer großen Einrichtung mit vielen einzelnen Unterstützungssystemen bedeutet allein die Ernährung dieser Kinder eine äußerst zeitintensive Aufgabe“ (259).

Kindeswohl in suchtkranken Familiensystemen

Britta Tammen, Juristin, gibt einen Überblick über relevante internationale Regelungen und das deutsche Verfassungsrecht und geht dezidierter auf die so genannten einfachgesetzlichen Regelungen ein. § 1912 BGB garantiert vorgeburtlichen Schutz. Wie die Autorin aber ausführt, greift diese Regelung im Fall von abhängigen Müttern fast gar nicht und kann ein Ungeborenes nicht vor dem Substanzkonsum der Mutter schützen. Wirksamer Schutz ist erst nach der Geburt möglich. Hier ist § 1666 BGB relevant, der alle Fälle der subjektiven Ungeeignetheit der Eltern bzw. Sorgerechtsinhaber betrifft. Tammen berichtet über eine Untersuchung zum Umgang mit Kindeswohlgefährdungen von 2005, in der sich zeigte, dass in 44 % von 381 bundesweit erhobenen Fällen des Sorgerechtsentzugs Substanzabhängigkeit der Eltern eine entscheidende Problemlage in der jeweiligen Familie war.
Auch die Jugendhilfe hat sich mit dem „Kindeswohl“ zu beschäftigen (§ 27 SGB VIII). Die Tätigkeit der Jugendämter setzt aber nicht erst mit dem Beginn eines gerichtlichen Verfahrens ein. Tammen empfiehlt das, was in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch praktiziert wird: die gemeinsame Unterbringung und Behandlung von Kindern abhängigkeitskranker Eltern mit diesen in einer Einrichtung. Sie gibt auch Hinweise darauf, welche Regelungen ein solches Setting bzw. eine solche „Hilfe zur Erziehung“ ermöglichen. Was interessant wäre, von der Autorin aber nicht thematisiert wird und wohl von anderen geleistet werden müsste, wäre die Erstellung einer Kosten-Nutzen-Analyse: Die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch behandelt (s.o., Czernyk und Bozkurt) 21 Erwachsene und 22 Kinder und Jugendliche über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren. Das ist aufwändig und möglicherweise mit ein Grund dafür, dass es nur wenige solcher Einrichtungen gibt. Könnte der Schaden, der mit solchen Konzepten abgewandt wird, quantifiziert werden, könnten sich solche Modelle vielleicht eher durchsetzen, als sie es bislang tun.
Die Krisenintervention bei Kindeswohlgefährdung – und hier handelt es sich um eine Prognoseeinschätzung – wurde und wird auch in der Öffentlichkeit viel diskutiert. Gesetzesänderungen im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzes haben die Kontrollfunktionen des Jugendamtes gestärkt; und eine neue Regelung § 8a wurde in das SGB VIII eingefügt. Tammen stellt den Handlungsablauf nach VIII schematisch dar – ein Schema, das sicher hilfreich für diejenigen ist, die auf den Jugendämtern arbeiten, das Nicht-Juristen wie die Rezensentin jedoch ratlos lässt: Es scheint noch immer viel, vielleicht zu viel Zeit vergehen zu müssen, bis das Jugendamt eingreifen kann. Angesichts der Daten, die Czyrnek und Bozkurt vorlegen, bleibt der Eindruck, dass trotz gestärkter Kontrollfunktion des Jugendamtes Kinder, und erst recht ungeborene Kinder, aber noch nicht wirklich geschützt werden können. Die Diskussion darüber muss Kompetenteren überlassen bleiben, wäre aber nach Einschätzung der Rezensentin zu führen.

Rechtsprobleme der Substitutionsbehandlung schwangerer Patientinnen

Auch Florian Wölk ist Jurist. Er beschäftigt sich mit rechtlichen Fragen der suchtmedizinischen Behandlung – Substitution – von schwangeren Frauen und stillenden Müttern. Ärzte werden bei der Verschreibung von Betäubungsmitteln nach § 13 BtMG auf eine im Einzelfall vorzunehmende Nutzen-Risiko-Abwägung verwiesen. Die Substitutionsbehandlung einer Schwangeren ist rechtlich möglich. Schwangerschaft kann gar eine Indikation für Substitution sein. Wie empirische Daten zeigen, ist ein Beikonsum illegaler Suchtmittel, anderer Substitutionsmittel bzw. Alkohol und Nikotin während der Substitutionsbehandlung aber eher die Regel als die Ausnahme. Und das gilt auch für schwangere Drogenabhängige genauso wie für alle anderen. Kann dieser Beikonsum akzeptiert werden? Er kann, wie Wölk ausführt, akzeptiert werden, wenn er medizinisch und juristisch kontrolliert bzw. direkt verordnet wird (verschreibungsfähige Betäubungsmittel). Nicht beantwortet ist bislang allerdings die Frage nach den Auswirkungen einer solchen Behandlung auf die Patientin und das ungeborene Kind. Nach Wölk müssten klinische Prüfungen durchgeführt und sichere Behandlungskonzepte erarbeitet werden, Behandlungskonzepte, die rechtlich allerdings wahrscheinlich schwer zu legitimieren wären. Er schließt seine Ausführungen mit einer Bemerkung, der sich die Rezensentin nur anschließen kann: „Jedoch sollten die Verantwortlichen in Wissenschaft und Politik ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es keinen Sinn macht, das in der Praxis vorhandene, empirisch belegte Problem des polytoxikomanen Beikonsums im Rahmen der weiteren Erforschung der Substitutionstherapie von Schwangeren einfach auszublenden.“ (329).

Systemisches Elterncoaching in suchtkranken Familiensystemen

Heidrun Girrulat, Diplom-Sozialpädagogin, ist die stellvertretende Leiterin von Wilschenbruch. Ihr Beitrag ist über weite Strecken ein Praxisbericht: Fallbeispiele, narrative Berichte über „viele Kinder“ oder „viele Mütter“, konkrete Beispiele von Verhaltensauffälligkeiten von Kindern etc. Bezüge zu vorliegender wissenschaftlicher Literatur oder Arbeiten anderer Autoren sind rar und nicht immer ganz korrekt. – Hilarion Petzold wird als derjenige bezeichnet, auf den der Grundgedanke der Therapeutischen Gemeinschaften der Drogenhilfe zurückgeht (334). Petzold hat unbestritten Pionierarbeit in vielen Bereichen geleistet. Diese Idee aber hat er aus den USA übernommen. – Heidrun Girrulat ist Praktikerin und als solche hoch engagiert. Von Haim Omer und seinem Konzept des Elterncoachings nach den Prinzipien des Gewaltlosen Widerstandes berichtet sie begeistert (349ff). Wie das Setting eines solchen Coachings in der Einrichtung Wilschenbruch aussieht, kann allerdings nur ansatzweise aus den Fallbeispielen rück geschlossen werden, die auch hierzu gegeben werden. Die wörtliche Wiedergabe einer „Live Supervison“ (371f – „Supervision“ mit einer Patientin, der behandelnden Therapeutin, ie der Autorin, und zwei Supervisoren) trägt nur wenig zur Klärung der Setting-Frage bei. Nichtsdestotrotz: Elterncoaching scheint ein sehr sinnvoller Ansatz in der Arbeit mit Abhängigen und ihren Kindern zu sein. Und mehr Einrichtungen wie Wilschenbruch, innerhalb derer ein solches Coaching möglich ist, könnten zur Verbesserung der Entwicklungs- und Lebensbedingungen von Kindern abhängigkeitskranker Eltern zweifellos erheblich beitragen.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch sei nicht nur all denen, die im Drogenbereich i.e.S. arbeiten, empfohlen, sondern auch MitarbeiterInnen von Jugendämtern, Funktionären der Freien Träger und, warum nicht, Juristinnen und Juristen, die in Familiengerichten tätig sind. Die Beiträge sind, obwohl das Autorenteam auch in der beruflichen Praxis ein Team ist bzw. sich fachlich offensichtlich nahe steht, heterogen und von unterschiedlicher wissenschaftlicher Qualität und Lesbarkeit. Das aber entspricht der Realität der Drogenhilfe. Es kann dem Herausgeber nur hoch angerechnet werden, dass er hier Autorinnen und Autoren zum Dialog gebracht hat, die unterschiedliche (Fach-) Sprachen sprechen und „eigentlich“ unterschiedliche Schwerpunktsetzungen verfolgen.


[1] Das Buch behandelt die Perspektive der Praxis(-notwendigkeiten). Stachowske ist Diplom-Sozialpädagoge und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Seit 12/2007 hat er eine Honorarprofessur an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden.


Rezensentin
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath, Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Akademische Auslandsbeauftragte am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
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Zitiervorschlag
Angelika Groterath. Rezension vom 01.02.2009 zu: Ruthard Stachowske (Hrsg.): Drogen, Schwangerschaft und Lebensentwicklung der Kinder. Asanger Verlag (Kröning) 2008. 407 Seiten. ISBN 978-3-89334-489-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6262.php, Datum des Zugriffs 22.10.2014.


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