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Arbogast Schmitt: Die Moderne und Platon

Cover Arbogast Schmitt: Die Moderne und Platon. Zwei Grundformen europäischer Rationalität. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2008. 2., überarbeitete Auflage. 596 Seiten. ISBN 978-3-476-02245-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 46,00 sFr.
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Thema und Thesen

Die Moderne bezieht ihr Selbstverständnis maßgeblich aus den Brüchen, denen das Denken in Europa seit der frühen Neuzeit unterliegt. Begriffe wie Subjektivität, Freiheit, Individualität, Gewissen, Selbstbestimmung, Reflexivität, Menschenwürde oder Geschichtsbewusstsein gehören seither zu ihren ureigensten Errungenschaften. Erst die Moderne, so der gemeingültige Tenor, habe diese Werte in Abgrenzung zur mittelalterlichen und antiken Geisteswelt "entdeckt", und allen voran ein reflexives Denken begründet, das sich seiner Vernunft und Erkenntnisprozesse bewusst ist. Zugleich ist dieses Bewusstsein nach Arbogast Schmitt immer auch begleitet von einem dezidierten Anti-Platonismus. Nicht zu Unrecht gilt Platon als der große Protagonist einer Auffassung, wonach es feststehende Wesenheiten, Ideen, mithin transzendente Substanzen gebe, die allein der Vernunft – ohne Rekurs auf das Erfahrbare – zugänglich seien. Die nominalistische Wende hat diesen platonischen "Universalienrealismus" im 13. und 14. Jahrhundert endgültig zu Grabe getragen. Das Platonbild hat sich seither verfestigt und gehört gewissermaßen zum wissenschaftstheoretischen Selbstverständnis der Moderne, soll heißen: Platons Vernunftbegriff gilt als unkritisch und dogmatisch. Doch die Defizite erkenntnistheoretischer Ansätze sieht Schmitt weit mehr in der Gegenrichtung. In der Überzeugung, dass alle Erkenntnis mit der Erfahrung zu beginnen und an ihr wiederum kontrolliert werden müsse, so Schmitt, stimmten nicht nur sämtliche empiristischen und rationalistischen Theorien der Neuzeit überein, sondern auch alle gegenwärtigen Positionen vor wie nach dem "linguistic turn" (S. 23). Diese Positionen eint zudem, dass sie die "Absolutsetzung des Einzeldings zu ihrem Erkenntnisprinzip" erhoben hätten (vgl. S. 178-189). Nach Schmitt eine fatale Fehlentscheidung, weil "die neuzeitliche Wende zum Einzelding und zum Einzelnen erheblich mehr an spekulativer Metaphysik mit sich führt, als sie sich bei Platon und im Platonismus belegen lässt." (S. 5). Auch habe die antike Philosophie keineswegs einen unkritischen Begriff des Denkens vertreten, sondern ihrerseits bereits versucht, einen naiven Abbildrealismus zu überwinden (S. 41). Die Vernunft sei ferner keine Entdeckung der Moderne, sie habe lediglich einen anderen Vernunftbegriff postuliert.

Sowohl mit dem tradierten Platonbild wie mit dem Missverständnis einer "naiven Antike" versucht Schmitt in der vorliegenden Studie aufzuräumen. Das Buch des Marburger Philologen, der seit vielen Jahren das Projekt "Neuzeitliches Selbstverständnis und Deutung der Antike" leitet, ist bereits 2003 in erster Auflage erschienen. Es hat seither viel wohlwollende Aufnahme gefunden und liegt nun in zweiter, überarbeiteter Fassung vor. Ergänzt wurde es vor allem um ein neues Vorwort und einen zusätzlichen, knapp 30 Seiten langen Schlussteil (vgl. S. 524-552), der angesichts des 600 Seiten starken Werkes ein wertvolles Resümee liefert, und damit – nolens, volens – wohl auch den Gesetzen des wissenschaftlichen Rezeptionsverhaltens Rechnung trägt.

Inhalt

Die Besonderheiten antiker wie moderner Rationalitätsperzeption werden von Schmitt dabei in einer Breite entfaltet, bei der allein die Aufzählung der Kapitelüberschriften jeden Rahmen sprengen würde: Erkenntnistheorie, Ethik, Ökonomie, Ästhetik, Politik- und Gesellschafstheorie, selbst Evolutionsbiologie sind Bereiche, denen Schmitt seinen Blick zuwendet. Das alles in einer unaufgesetzten, gleichwohl präzisen Sprache, die weder selbstverständlich noch hölzern ist und überdies disziplinäre Verständigungshindernisse zu vermeiden hilft.

In Schmitts Buch geraten die eingespielten Konstruktionen und Kriterien von Modernität mitunter deutlich unter die Räder. Bereits der Beginn der Moderne, die Frage nach ihrer Datierung, gilt Schmitt als völlig unbefriedigend gelöst: Ob Christentum oder Universalienstreit, ob Renaissance oder Aufklärung oder erst das 19. Jahrhundert? – diese Setzungen hält der Autor für ebenso willkürlich, wie ihre Kriterien. Als methodisches Hauptdefizit gilt ihm insbesondere das Fehlen des vergleichenden Blicks: "Wer die Moderne mit dem Christentum beginnen lässt, fragt nicht, weshalb denn das christliche Mittelalter zum Inbegriff des Nichtmodernen genommen werden konnte. (…) Selbst in vielen Kant-Interpretationen kann man lesen, erst Kant habe die für die moderne Philosophie konstitutive (und auch von ihm selbst beanspruchte) "kopernikanische Wende" des Denkens auf sich selbst vollzogen, obwohl es z.B. kaum einen Descartes-Interpreten gibt, der eben diese Leistung nicht für Descartes in Anspruch nimmt." (S. 9)

Gespickt ist das Buch nicht nur mit unorthodoxen Fragestellungen, sondern auch mit manch revolutionärer These, etwa wenn Schmitt einen "Vorrang des Individuums vor dem Staatsganzen bei Platon" (vgl. S. 398-403) ausmacht. Die Diagnose muss auf den ersten Blick überraschen, denn schließlich ist es seit Karl Popper (Die offene Gesellschaft, Bd. 1: Der Zauber Platons) Sitte geworden, Platon als kollektivistischen Vordenker, ja als Ahnherr der totalitären Exzesse des 20. Jahrhunderts zu deuten. Schmitt argumentiert indes: Anders als in der Moderne sei der Staat bei Platon eben nicht etwas, das nur zum Überleben des Menschen, zur bloßen Erhaltung seiner physischen Existenz errichtet wurde (Hobbes). Die menschliche Gemeinschaft sei vielmehr Vorbedingung, damit der Einzelne seine besonderen Fähigkeiten und Vermögen überhaupt ausbilden und vollenden könne: Selbst ein Arzt vermag sich nur als Arzt zu betätigen, wenn es Objekte für seine Heilkunst gibt. Weil der Einzelne zur Verwirklichung (ergon) seiner freien Selbstentfaltung der Gemeinschaft bedarf, ist die Organisationsform des Staates nur notwendige Voraussetzung des guten, d.h. glücklichen Lebens. Der Priorität des Einzelwesens tue dies keinen Abbruch. Schmitts Argumentationen sind anschaulich, sachlich und frei von Polemik, wenngleich in ihren Konsequenzen bisweilen durchaus zugespitzt. Er muss Platon dazu nicht immer neu entdecken, oft reicht es, ihn aus den eingefahrenen Dichotomien von "modern" und "anti-modern" zu lösen. Und doch zeichnet sich ein völlig verändertes Platonbild ab, und letztlich auch ein solches der gesamten Antike, weil Schmitt auch Aristoteles stets als getreuen Schüler Platons porträtiert. Mit der umfassenden Rekonstruktion der platonischen Positionen gerät aber nicht zuletzt dessen Rezeptionsgeschichte ins Zwielicht. Diese habe – einen anderen Schluss lassen die Untersuchung Schmitts kaum zu – selten die tatsächlichen erkenntnistheoretischen, ethischen oder logischen Argumente Platons erfasst, sondern sich mit einem Zerrbild zufrieden gegeben, mit dem Produkt einer (neo-)stoischen Rezeptionstradition, die vor allem in das Selbstverständnis der Moderne zu passen schien.

Gleichwohl: Nicht die bloße Platon-Deutung und dessen Wirkungsgeschichte oder die Frage nach den Kriterien, was denn Modernität nun ausmache, bestimmt den Fortgang des Buches. Das auch, aber mehr noch die Frage, weshalb in der fast 700 Jahre langen Phase der Neuzeit so häufig das Bewusstsein anzutreffen ist, dass das Neue und Moderne nur in einer radikalen Abkehr vom Alten, nur durch eine völlige Destruktion oder Überwindung des Hergebrachten zu erreichen sei. Weshalb, so fragt Schmitt unermüdlich, werde in so vielen Texten seit dem 14. Jahrhundert der Anspruch erhoben, nunmehr ein gänzlich neues Entwicklungsniveau erreicht zu haben, das mittels revolutionärer Wende das Vergangene außer Kraft setzt. Als beispielhaft gilt Schmitt die Rede von der "kopernikanischen Wende". Der Terminus sei zum Inbegriff umstürzender, wissenschaftlich-technologischer Änderungen schlechthin geworden und Schmitt hält ihn gleichsam für das typische Muster, mit dem die Moderne jede Veränderung als Zeitenwende, als Paradigmenwechsel oder völligen Bruch mit dem Dagewesenen auszuweisen versucht habe. In Wahrheit aber wollte bereits Kopernikus nicht das theoretische System der ptolemäischen Astrologie revolutionieren, sondern versuchte gerade dessen Richtigkeit durch Änderung eines Parameters zu retten, um es so in Übereinstimmung mit den messbaren Daten zu bringen. Schmitt hält daher nicht zuletzt die Ansicht, Geschichte und Fortschritt vollziehe sich stets in revolutionären Schüben, für die Perspektive des Laien, der nur auf die Konsequenzen und den Effekt blicke, nicht aber auf die innere Abfolge von Gründen (S. 13).

Als Grundmotiv von Schmitts Studie lässt sich – alles in allem – das Anliegen ausmachen, die Auffassungen einer platonisch-aristotelischen Antike zu rehabilitieren, weil sie insbesondere für die vollendete Entfaltung des Menschen und die Bedingungen für ein glückliches Leben (nicht bloßes Überleben) unbestreitbare Vorzüge bieten. Zugleich will er diese Einsichten mit den Errungenschaften der Moderne verbinden. Er versucht zurückzugewinnen, was durch die erfolgreiche und rasante Konzentration der modernen Wendung hin zur technischen Beherrschung der praktischen Lebensprobleme verloren gegangen ist, um so die Chance offenzuhalten, die Mängel beider Seiten auszugleichen.

Fazit

Ein großen, gelehrtes Buch voll neuer und tiefer Einsichten und ein ebenso erhellender wie spannend lesbarer Kommentar, nicht nur zu Platon und seiner Rezeptionsgeschichte, sondern mindestens ebenso zu den Selbstzuschreibungen der Moderne und den Gründen für ihre brüchig gewordenen Fundamente.


Rezensent
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 15.07.2008 zu: Arbogast Schmitt: Die Moderne und Platon. Zwei Grundformen europäischer Rationalität. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2008. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-476-02245-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6276.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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