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Annemarie Bauer, Katharina Gröning (Hrsg.): Gerechtigkeit, Geschlecht und demografischer Wandel

Cover Annemarie Bauer, Katharina Gröning (Hrsg.): Gerechtigkeit, Geschlecht und demografischer Wandel. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 277 Seiten. ISBN 978-3-938304-84-6. 25,90 EUR.

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Entstehungshintergrund

Das Buch beinhaltet vorrangig Referate und Vorträge einer Ringvorlesung an der Universität Bielefeld vom Wintersemester 2006/2007. Nur ein Beitrag ist eigens für das Buch geschrieben worden.

Die beiden Herausgeberinnen sind Annemarie Bauer, Professorin für psychoanalytische Sozialarbeit an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt und Katharina Göring, Professorin für pädagogische Beratung an der Universität Bielefeld.

Thema

Im Blick auf die aller Orten prognostizierte Dramatik des demografischen Wandels und vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse stellt sich für die Herausgeberinnen die Frage nach der generativen Fürsorge für Kinder und Alte neu. Unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen werden in den Familien als der "größten Pflegedienst der Nation" die Alten versorgt und gepflegt? Welche Bedeutung, welchen Stellenwert und welche Auswirkungen hat die vor allem von Frauen erbrachte "unsichtbare" Pflege ihrer alten Angehörigen?

Grundlegende Ausgangsthese des Buches ist: die auf Individualisierung und Autonomie fußenden Lebensläufe heutiger Risikogesellschaften müssen von neuen, auf beide Geschlechter gerechter verteilten Verantwortungsbiografien abgelöst werden, um den zukünftigen Anforderungen von Arbeit, Bildung und generativer Fürsorge besser gewachsen zu sein. Denn absehbar ist, dass Frauen in Zukunft nicht mehr so bereitwillig wie gegenwärtig noch die Haupt- bzw. Alleinverantwortlichen generativer Fürsorge für Kinder und Alte sein werden. Die Beiträge des Buches kreisen aus unterschiedlichen Theorieannahmen und Perspektiven mehr oder weniger um die Frage wie das Spannungsverhältnis von individueller Autonomie und verantwortlicher Fürsorge derzeit von Frauen und Männern in den Familien organisiert und gelebt wird, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erforderlich und welche kulturellen Wandlungsprozesse notwendig sind, damit generative Fürsorge gesellschaftlich und in den Familien geschlechtergerechter bewältigt werden kann.

Das Buch erhebt den Anspruch, für diese notwendige Debatte aus unterschiedlicher Sicht einen Anfang zu setzen. Und, so bescheiden der Anspruch erscheint, die Lektüre ist es keineswegs. Auch die Zielgruppe bleibt offen.

Aufbau

Das Buch ist in drei thematische Teile gegliedert.

Teil I: Gerechtigkeit und Fürsorge als Thema der Generation

Katharina Gröning/Anne Christin Kunstmann werfen in ihrem einleitenden Aufsatz Generationsbeziehungen und Generationsfürsorge in modernen Zeiten einen kritischen Blick auf die aktuelle Forschungslage und die diversen Deutungen zum Wandel der Generationsbeziehungen. Ausgehend von modernitätskritischen Ansichten zur Krise des Sozialstaats und der Debatte um die ansteigenden Lasten des gesellschaftlichen Generationsvertrages setzten sich die Autorinnen mit Kernaussagen zum Strukturwandel des Alters wie auch der Familie auseinander. Danach ist die Ausweitung eines technokratisch ausgerichteten Pflegemarktes einerseits und andererseits der Ruf nach der Familie als letzter Hort emotionaler Zuwendung im Alter kennzeichnend für die polarisierenden Entwicklungen der Gegenwart. Anschließend reflektieren die Autorinnen Aussagen der Belastungs- und Familienforschung, wobei besonders letztere trotz vieler kluger Ansichten familiale Pflegekonstellationen zu sehr pathologisieren und therapeutisieren, da sie pflegende Familienangehörige vor allem in mehr oder weniger neurotische Beziehungsmustern verhaftet, in ungelösten kindlichen Abhängigkeiten oder Anerkennungsdefiziten verstrickt sehen. Die Autorinnen stellen deshalb die treffliche Frage, wie vor dem Hintergrund solcher Deutungen die große Anzahl pflegender Angehörige zu erklären sei und ob angenommen wird, die Betreffenden wären alle "neurotisch, unemanzipiert und rückständig"? Aus den Blick der meisten Forschungsarbeiten, so die Autorinnen, geraten hingegen die Bedingungen und Organisationsformen familialer Pflege. Denn Pflegesituationen, die meist Pflegeduals sind – eine (weibliche) Hauptpflegeperson pflegt alleine einen pflegebedürftigen Angehörigen – und eine patriachal orientierte Familienpolitik (auch die jetzt eingeführte Pflegezeit wird daran wenig ändern), die Pflege als Frauensache betrachtet, wird bislang kaum thematisiert.
In Anlehnung an die Zivilisationstheorie von N. Elias und anerkennungs- wie auch bindungstheoretische Ansätze formulieren die Autorinnen zum Schluss einige Fragen und   Überlegungen, um durch einen anderen, eher ethisch fundierten Blick auf Aspekte der sittlichen und emotionalen Verbundenheit in den Familien, die Bemühungen um Gerechtigkeit in den Familien und zwischen den Generationen zu erkennen. Es geht ihnen auch um das Sichtbarmachen der guten, lebenserhaltenden, stärkenden und schützenden Qualitäten generativer Fürsorge.

Der Beitrag von Margit Brückner trägt den Titel: "Wer sorgt für wen?" Erörtert werden die Auswirkungen sich wandelnder Geschlechter- und Generationsverhältnisse auf die gesellschaftliche Organisation des Sorgens (care). Ausgehend von einem historischen Rekurs auf die Fundierung insbesondere weiblicher Sorgetätigkeit im christlichen Menschenbild und mittels eines erweiterten Sorgebegriff (care), der den gesamten Bereich familialer und institutionalisierter Fürsorge und Pflege umfasst, thematisiert die Autorin zunächst die Affinitäten zwischen der privaten und der professionalisierten (Für)Sorgetätigkeiten. Sie plädiert in der weiteren Diskussion über die wachsende Notwendigkeit und Vielfalt professionalisierter Sorgetätigkeit dafür, dass eine fundierte "Fürsorgerationalität" als Gegengewicht zur vorherrschenden, betriebswirtschaftlich ausgerichteten Zweck-Mittel-Rationalität notwendig ist. Denn es sollten die Eigenheiten der hilfebedürftigen Menschen nicht ausgeblendet und gegebene Chancen zur Entwicklung einer sozial- und geschlechtergerechten "Kultur des Sorgens" nicht verpasst werden. Zum Schluss skizziert die Autorin auch im Blick auf globale Migrationsbewegungen die Hürden und Hindernisse auf den nicht ganz einfachen Weg zu einer "Kultur des Sorgens" in entwickelten Wohlfahrtsgesellschaften.

In dem Aufsatz Karriere! –Kinder? Küche? Eine explorative Studie zur Verrichtung der Reproduktionsarbeit in Familien mit qualifizierten berufsorientierten Müttern aus der Perspektive von Frauen nach Beendigung der Erwerbsarbeit stellt die Autorin Marianne Dierks die Ergebnisse ihrer Studie vor. Ausgangspunkt ist die "strukturelle Rücksichtslosigkeit" der Gesellschaft gegenüber der unbezahlten Haus- und Familienarbeit, die in Zahlen belegt ist. Nach den letzten Zeitbudgeterhebungen 2001/2002 beträgt der Umfang unbezahlter Arbeit in der BRD 96 Milliarden Arbeitsstunden und ist damit um das 1,7fache höher als das Gesamtvolumen erwerbstätiger Arbeit von nur 56 Milliarden Stunden. Ziel der Studie war: aus dem "mütterlichen Blick" von qualifizierten Erwerbstätigen Erkenntnisse über die Bedingungen familiärer Sozialisation und Alltagsarbeit zu gewinnen. Die Untersuchungsgruppe bestand aus verheirateten Müttern, insgesamt 12 an der Zahl, die während ihrer Erwerbstätigkeit (die meisten mit akademischer Ausbildung) auch in leitender Funktion tätig und zum Zeitpunkt der Befragung bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden waren. Nach der Vorstellung des Untersuchungsdesigns und der befragten Frauen referiert und diskutiert die Autorin ihre Ergebnisse. Besonders auffällig ist, dass die beruflich engagierten Frauen auf der Erzählebene ihre gesamte häusliche Arbeit einschließlich der verschiedenen Phasen der Kinderbetreuung und -erziehung als relativ unbedeutend darstellen, d.h. sie banalisieren, trivialisieren und damit selbst entwerten. Obgleich sie diese, abgesehen von einigen wenigen, die es sich leisten konnten, während der gesamten Erwerbsarbeitszeit selbst übernommen haben\. Und den Frauen, die Hausarbeit und Kindererziehung zeitweise delegieren, gelingt es nicht, dies im öffentlichen Raum offensiv kundzutun, um z.B. ja nicht als "Rabenmutter" gebrandmarkt zu werden. Damit wirken erwerbstätige Familienfrauen sowohl am Mythos der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit als auch an der gesellschaftlichen Tabuisierung und Marginalisierung reproduktiver Arbeit selbst mit, verstärken diese noch. Differenziert erläutert die Autorin auch, welche spezifischen Anforderungen und Problemlagen in den verschiedenen familienzyklischen Phasen von den Frauen angesichts der "strukturellen Dominanz" der Erwerbsarbeit und fehlender öffentlicher Betreuungseinrichtungen, zu bewältigen sind. Als Fazit ihrer Untersuchung stellt sie fest, dass gesellschaftspolitische Forderungen nach einer stärkere Beteiligung der Männer an reproduktiven Tätigkeiten nicht ausreichen. Aus ihrer Sicht braucht es Initiativen, die der Trivialisierung, Marginalisierung und Proletarisierung reproduktiver Arbeit entgegenwirken, sie gegenüber der Erwerbsarbeit gesellschaftlich aufwerten. Die gesellschaftlich anerkannte Gleichwertigkeit von (unbezahlter) reproduktiver Arbeit und (bezahlter) Erwerbsarbeit sieht sie als grundlegende Voraussetzung dafür, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beiden Geschlechtern zukünftig besser gelingen kann.

Teil II: Familiendynamik und familiale Konflikte in der späten Familie

Katharina Gröning/Anne Christin Kaufmann setzen sich in ihrem Beitrag Sorge für die alten Eltern und familiale Entwicklung als erstes kritisch mit der durch das Pflegeversicherungsgesetz gesetzten sozialrechtlichen Stellung der pflegenden Familie auseinander. In den darin formulierten Konstrukt der Hauptpflegeperson spiegelt sich aus der Sicht der Autorinnen der ambivalente Blick der Gesellschaft und besonders auch der der Experten auf die familiale Pflege: Glorifizierung der aufopferenden Angehörigen, meist der "guten Tochter, Schwiegertochter und Ehefrau" bzw. Überhöhung der souveränen Kundenfamilie gepaart mit einem misstrauisch-kontrollierenden Blick vor allem auf jene, denen unterstellt wird nur "des Geldes wegen" (negative Kundenfamilie) ihre alten Angehörigen zu Hause pflegen. Da das Pflegegeld im Unterschied zum Kindergeld keine unterstützende pauschale Zuwendung ist, sondern nur für beantragte, gewährte und überprüfbare Pflegeleistungen gewährt wird, sind nicht nur pflegende Angehörige einer permanenten Kontrolle ausgesetzt, sondern implizit werden die zu Pflegenden zu potenziellen Opfern einer möglicherweise unzulänglichen familialen Pflege gemacht. In Anlehnung an neuere Theorien der Familienforschung versuchen sie anhand von Fallbeispielen pflegender Familien die Vielschichtigkeit familiärer Prozesse und generativer Beziehungen, die sie beeinflussenden Überlagerungen institutioneller, ideologischer und unbewusster Art aufzudecken. Kontrastierend zu den vielen Fallstricken, den offenen und verdeckten Konflikten, die in der familialen Altenfürsorge im Verlauf des Pflegeprozesses zu Tage treten können skizzieren die Autorinnen zum Schluss die Idee der Altenfürsorge als "generatives Solidaritätsprojekt", das getragen ist vom Bewusstsein, lebenslang auf andere Menschen angewiesen zu sein, von einer praktizierten innerfamilialen Gerechtigkeit und einer im "hier und jetzt" verorteten schöpferischen Bewältigung auftretender (Alltags- bzw. Familien)Probleme.

Gerhard Rudnitzki, der einzige männliche Autor wirft in seinen Aufsatz Abschied oder Abschiebung? die sehr interessante Frage auf, ob Altenhilfeeinrichtungen als Bühnen für die Inszenierung von Familiendramen oder als Leistungsstruktur im Dienste alter Menschen gesehen werden können. Die Bearbeitung ist allerdings ziemlich enttäuschend. Und das aus zwei Gründen:

  1. Sie ist eine irritierende Melange aus Alltagserkenntnissen, interpretiert mit psychoanalytisch geschulten Blick, angerissenen Überlegungen zu realen Familiendramen und Verständnisschwierigkeiten zwischen Angehörigen und Pflegepersonal, und zu vielen eingestreuten Vor-und Falsch-Urteilen insbesondere gegenüber dem Personal in Pflegeheimen.
  2. Rudnitzki zeichnet trotz besseren Wissen letztlich ein polarisierendes Schwarz-Weiß-Bild: eine indirekte Klage über die Erosion traditioneller Mehrgenerationsfamilien, die auch dazu führt, dass heutigen Familie selten ein guter Abschied ihrer alten Angehörigen vor dem Umzug in das Pflegeheim gelingt und er beschreibt Pflegeheime als Orte, in denen ein meist "sprachloses" Personal nicht mehr als Basispflege erbringen kann, was er sehr verkürzt den Finanzierungsmodalitäten der Pflegeversicherung anlastet.

Rudnitzkis Überlegungen sind zwar keineswegs abwegig, doch zu befürchten ist, deren apodiktischer Charakter provoziert eher Widerstand als Einsichten und Anregungen für eine andere Praxis. Und seine Empfehlung an die Altenheime, therapeutische Kompetenzen auszubilden und die Regie bei der Entdramatisierung von Familienkonflikten zu übernehmen ist wenig überzeugend, zumal dadurch die vorausgegangene Familienpflege eher entwertet wird und außerdem wesentlich früher beratende und unterstützende Hilfen für pflegende Angehörigen notwendig sind.

Luitgard Franke beschreibt in ihrem Beitrag Demenz in der Ehe. Über die verwirrende Gleichzeitigkeit von Ehe- und Paarbeziehung differenziert die besonderen Probleme im Zusammenleben mit einem demenzkranken Ehepartner. Sie greift dabei vor allem auf amerikanische Studien zurück, da Forschungsergebnisse aus dem deutschsprachlichen Raum kaum vorliegen. Thematisiert werden die Veränderungen in der Ehebeziehung, die Komplexität und Vielschichtigkeit der Betreuungs- und Pflegesituationen, das Belastungserleben des pflegenden Partners, auch die unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Bewältigungskompetenzen pflegender Ehemänner und Ehefrauen. Erkennbar wird auch, dass die Betreuung und Pflege eines demenzkranken Ehepartners deutlich und in vielerlei Hinsicht von der Situation pflegender Kinder abweicht. In ihrer abschließenden Einschätzung kommt die Autorin daher zu dem nachvollziehbaren Ergebnis, dass es vor allem im Hinblick auf die Entwicklung hilfreicher Beratungs- und Unterstützungsangebote für pflegende Ehepartner noch einen erheblichen Forschungsbedarf gibt, besonders hinsichtlich des fragilen Verhältnisses von Ehe- und Pflegebeziehung, der Paardynamik und der Mehrgenerationsperspektive, also ob und wie die erwachsenen Kinder einbezogen werden.

Der Beitrag von Annemarie Bauer zu Bindungen zwischen den Generationen der späten Familie: bindungstheoretische Überlegungen ist eine umfassende Reflexion bindungstheoretischer Ansätze im Blick auf die Bedeutung familiärer Beziehungen für alte  Menschen. Im Zentrum stehen neuere bindungstheoretische Entwicklungsmodelle, mit deren Hilfe die Autorin u.a. der Frage nach geht, welche Bedeutung die Entscheidung von erwachsenen Kindern hat, sich oft jahrelang um ihre alten Eltern zu kümmern, welche Entwicklungsaufgaben aus solchen sog. Triangulierungsprozessen resultieren. Überaus feinsinnige Überlegungen formuliert die Autorin hinsichtlich der Prägungskraft früherer Bindungen auf die Verhaltens- und Kommunikationsformen von dementiell erkrankten  Menschen vor allem auch in der Abschieds- und Sterbephase. Zum Schluss geht sie der Frage nach, wie intergenerationale Souveränität zu erwerben ist. Wie können Kinder auf abhängig gewordene Eltern reagieren, ohne sich selbst dabei zu verlieren, mehr noch: dadurch sich selbst gut auf das eigene Alt werden vorbereiten.

Teil III: Geschlecht und demografischer Wandel

Kerstin Griese, skizziert in ihrem programmatischen Beitrag Aktuelle Gleichstellungspolitik und demografischer Wandel die bundespolitischen Entwicklungslinien von Frauen- und Familienpolitik im Blick auf die Erwerbsförderung von Frauen, die Kinderbetreuung sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Beitrag ist leider wenig aussagekräftig und liefert weder neue Erkenntnisse noch neue Politikstrategien im Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. zur Entwicklung einer geschlechtergerechteren Arbeitsverteilung zwischen Frauen und Männern. Gleichstellungspolitik als Erfolgsstrategie darzustellen, wenn lediglich die Steigerung von Betreuungsplätzen für unter Dreijährige von 2,4% im Jahre 2002 auf 13,7% in 2005 als Ergebnis aufgeführt wird, ist nicht sehr überzeugend. Zumal gerade auch hinsichtlich der Herstellung gleicher Chancen am Arbeitsmarkt oder der Förderung eines höheren Anteils von Frauen in Führungsposition in der Wirtschaft die Ergebnisse in den letzten Jahren wenig Veränderung zeigen und daher eher deprimierend sind.

Regina-Maria Dackweiler analysiert in ihrem Beitrag "Demografischer Wandel" als soziales Problem? aus feministischer und ideolgiekritischer Perspektive scharfsinnig die gegenwärtige gesellschaftspolitische Debatte zu den "konstruierten" Risiken des demografischen Wandels und die darauf reagierenden Politikstrategien. Insbesondere in der Diskussion um das "Drama der kinderlosen weiblichen Elite" entdeckt sie eine "geschlechterpolitische Vorderbühne" auf der vor allem den kinderlosen Akademikerinnen vorgeworfen wird, dass sie entweder als Opfer oder als Täterinnen in die "Emanzipationsfalle" der Frauenbewegung mit deren einseitigen (männlichen) Modell der Berufs- und Karriereorientierung getappt sind. Zugleich wird auf der "Hinterbühne" mit völkisch-nationalistischen und klassendiskriminierenden Vokubular die Förderung von Geburten bei den Müttern gefordert, die die "richtige" nationale, ethnische und soziale Zugehörigkeit besitzen. Als äußerst fragwürdig qualifiziert sie aktuelle sozialpolitische Strategien, die mittels punktueller Steuerungsmaßnahmen allein das "Fertilitätsverhalten" beeinflussen wollen, um die "Humanvermögensreproduktion" zu steigern, anstatt danach zu fragen, wie Lebenswelten institutionell so gefördert werden können, das auch ein gutes Leben mit und für Kinder möglich wird. Als Fazit nimmt sie mit Sorge eine Verdrängung der Forderung nach "Geschlechtergerechtigkeit" durch eine neoliberale Politik wahr, die verstärkt eine Verteilungsungerechtigkeit zwischen Alt und Jung sowie zwischen Eltern und Kinderlosen konstruiert.

Bianca Radtke-Röwekam: Frauen als pflegende Angehörige. Geschlechterspezifische Dimensionen familialer Pflege. Ausgehend von der Tatsache, dass ca. 80% der pflegenden Angehörigen weiblich sind, zugleich aber in der Pflegeforschung, der gerontologischen Forschung und auch in der Frauen- und Geschlechterforschung dieses so offensichtliche Ungleichgewicht fast völlig ausgeblendet wird, fokussiert die Autorin die geschlechtsspezifischen Dimensionen der Pflege. Sie erörtert drei zentrale Aspekte:

  1. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die zwar auf der normativen Ebene kaum mehr Leitlinie ist, aber faktisch, besonders im Bereich der häuslichen Pflege weiterhin fast als Selbstverständlichkeit existiert, so dass in der Familienpflege eher nur eine "rhetorischen Modernisierung"stattgefunden hat.
  2. Die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber reproduktiver Arbeit generell potenziert sich für pflegende Frauen noch dadurch, dass Alter, Krankheit und Tod tabuisiert sind, "unsaubere" Arbeiten zu erledigen sind und ihnen ein "altmodisches Leben" unterstellt wird, so dass eine Rundum-Entwertung der häuslichen Pflege stattfindet. Und
  3. sind pflegende Frauen, wenn sie nicht ganz auf Erwerbstätigkeit verzichten wollen oder können, einer zunehmenden Entgrenzung beruflicher Arbeit bei gleichzeitiger Zunahme an privaten Pflegeanforderungen ausgesetzt. Als Schlussfolgerung fordert daher die Autorin, dass sowohl in der Forschung als auch auf politisch-institutioneller Ebene der Blick stärker auf die Förderung günstiger Bedingungen für pflegende Angehörige gerichtet ist als fast ausschließlich individualisierende Beratung und Therapien zu favorisieren.

Margret Flieder "Sei doch nicht gleich so ungehalten!" Zum Alltag pflegender Töchter und Schwiegertöchter zwischen Geduld und Zeitdruck. In dem letzten Beitrag geht die Autorin der Frage nach, welche alltägliche Anforderungen pflegende Töchter und Schwiegertöchter zu bewältigen haben. Pflege in der Familie wird zwar als komplexes und vielschichtiges Geschehen verstanden, dennoch gelingt es der Autorin drei Anforderungskonstellation zu beschreiben und zu erörtern, die typisch für den Alltag pflegender Frauen sein dürften.

  1. Schuld- und Pflichtgefühle, die aus tradierten Rollenerwartungen und -zuweisungen, aber auch aus tiefer Verbundenheit und Zuneigung resultieren sind zeitstabile Motive einer Betreuungsübernahme. Rollenumkehr und damit verbundene Konflikte erfordern ständig Um- und Neuorientierungen.
  2. Geduld und permanenter Zeitdruck sind alltägliche Bestandteile in den meisten Pflegebeziehungen, die  immer wieder in ihrer Gegensätzlichkeit neu austariert werden müssen.
  3. Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist ein Anspruch, den viele Frauen individuell und alleine zu bewältigen haben. Daraus resultierende Belastungen und Nachteile können zwar einige Zeit vor allem dann gut bewältigt werden, wenn Frauen die Pflegesituation zugleich als Bereicherung erfahren. Doch mit zunehmender Pflegebedürftigkeit des Angehörigen gelingt es den wenigsten pflegenden Frauen erfahrene Belastung und Bereicherung im Gleichgewicht zu halten, vor allem wenn familiär, beruflich und institutionell entsprechende Unterstützungsangebote fehlen.

Zielgruppe

Trotz oder gerade wegen der formulierten Bescheidenheit, einen Diskussionsanfang zu setzen, sind fast alle Beiträge vorrangig an ein wissenschaftlich tätiges, lehrendes und studentisches Publikum gerichtet. Weil jedoch die Herausgeberinnen wie auch einige Autoren hier im Blick auf die Erforschung einer geschlechtergerechten Verantwortungsethik und -praxis in vielerlei Hinsicht "blinde Flecke", kurz- und einseitige Forschungsperspektiven und -ergebnisse notieren, ist das Buch mit seinen kritischen Blick auf die Gegenwart und den Versuchen, auch an den bislang kaum wahrgenommenen Potentialen pflegender Familien anzusetzen, ein erster und im Blick auf die gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen dringend notwendiger Meilenstein auf dem Weg zu einer geschlechtergerechteren Umorientierung in der Pflege alter Menschen.

Fazit

Wer sich für eine differenzierte Sicht auf die gegenwärtige Situation pflegender Familien bzw. Frauen interessiert, findet eine Vielzahl von Denkanstößen und Hinweisen zu weiteren Forschungsarbeiten, aber auch zur Entwicklung passender Beratungs- und Unterstützungsangebote. Auch Praktiker, die Interesse an neueren Forschungsarbeiten haben und sich durch die Theorielastigkeit nicht abschrecken lassen, finden eine Menge Anregungen um die eigene institutionelle Pflegepraxis unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit (selbst)kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und in dieser Zielgruppe den Männern und besonders den Frauen zu empfehlen, denen durch die gegenwärtigen Dominanz modernistischer Managementrhetorik und pflegewissenschaftlicher Qualitätstechnologien der Blick für die Geschlechterungerechtigkeit gänzlich verstellt wird oder verloren gegangen ist, wenn er überhaupt je vorhanden war. Allerdings erfordert die Lektüre Zeit und Muße. Für pflegende Angehörige ist das Buch nur dann zu empfehlen, wenn sie über eine sozialwissenschaftliche Qualifikation verfügen, ansonsten ist es eher eine nicht hilfreiche Zumutung.


Rezensentin
Dipl. Soziologin Angela M. Laußer
Beraterin, Fortbildnerin und Coach. Vorher leitende Tätigkeit in verschiedenen Einrichtungen der Behinderten- und Altenhilfe
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Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 07.09.2008 zu: Annemarie Bauer, Katharina Gröning (Hrsg.): Gerechtigkeit, Geschlecht und demografischer Wandel. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 277 Seiten. ISBN 978-3-938304-84-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6298.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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