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Elisa Streuli, Olivier Steiner u.a.: Eigenes Geld und fremdes Geld (Jugendliche)

Elisa Streuli, Olivier Steiner, Christoph Mattes, Franziska Shenton: Eigenes Geld und fremdes Geld. Jugendliche zwischen finanzieller Abhängigkeit und Mündigkeit. gesowip (Basel) 2008. 184 Seiten. ISBN 978-3-906129-42-6. 19,90 EUR, CH: 29,90 sFr.

Thema

Das Buch will einen Beitrag leisten, die Diskussion um die Verschuldung von jungen Menschen etwas realistischer, also mit den Realitäten übereinstimmender werden zu lassen. Denn die Einschätzung der Verf. geht in die Richtung, dass sie sich heute zwischen den Extremen der "Glücksverheissung und Verteufelung" bewege (S. 13). Um ihren Anspruch einzulösen, führten die Verf. eine Untersuchung durch. Sie sollte Antworten auf zwei Fragekreise erbringen. Erstens geht es um die Frage, welches der Zusammenhang zwischen Identität und Selbstwert mit dem Besitz von Geld sei, und zweitens, wie sich der Zusammenhang zwischen sozialer Zugehörigkeit und der Verfügbarkeit von Geld gestaltet (S. 29). Dabei war zu überlegen, ob die Verschuldung (als spezifischer Situation der Verfügung über Geld) als problematisch oder nicht problematisch einzuschätzen sei (S. 35); auch diese Frage ist, insbesondere für die öffentlichen Debatten, von Bedeutung, wird doch dort oft Verschuldung ausschliesslich als problematisch dargestellt.

Autoren und Autorinnen

Elisa Streuli ist Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit (Standort Basel); dort sind auch Olivier Steiner, Christoph Mattes und Franziska Shenton als wissenschaftliche Mitarbeitende tätig.

Aufbau

  1. Im ersten Kapitel ("Ausgangslage und Zielsetzung") wird ein kurzer Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand gegeben; die wichtigsten Begriffe werden eingeführt. Angebote zur Verschuldungsprävention werden vorgestellt.
  2. Das zweite Kapitel ("Theoretische Bezüge") stellt theoretische Verknüpfungen her. Zunächst wird das Verhältnis von Geld und Konsum geklärt, dann gezielt die Differenzierung zwischen Geldmangel und Verschuldung vorgenommen, und im dritten Schritt wird die Thematik von Geld und Konsum für die Jugendlichen erläutert.
  3. Das dritte Kapitel wendet sich den zu untersuchenden Forschungsfragen zu.
  4. Die methodischen Fragen, welche sich für die empirische Untersuchung stellen, werden im vierten Kapitel diskutiert.
  5. Das fünfte Kapitel ("Die Zahlen hinter den Menschen – schriftliche Befragung") präsentiert die Ergebnisse, die mittels quantitativer Analyse gefunden wurden.
  6. Qualitative Aussagen werden im sechsten Kapitel ("Die Menschen hinter den Zahlen – Interviews") getroffen. Zum einen kommt die aktuelle Verschuldungssituation zur Sprache, und zum andern wird aufgezeigt, wie ehemals Verschuldete ihre Situation bewältigen konnten. Zum Vergleich  geht ein Absatz auch auf die nicht Verschuldeten ein.
  7. Die Untersuchungsergebnisse werden im siebten Kapitel gebündelt und akzentuiert.
  8. Im achten Kapitel werden Schlussfolgerungen angeboten für verschiedene fachliche und gesellschaftliche Praxisfelder, so nebst der Sozialen Arbeit auch für Unternehmungen, Gläubigerinstitutionen oder für die Politik.
  9. Nach einem Ausblick kommt die Schuldenberatungsstelle Plusminus in Basel zu Wort, worin sie die Ergebnisse der Untersuchung begrüsst und mit praktischen Tipps ergänzt.

Theoretische Bezüge

Die Verfasser stellen verschiedene theoretische Bezüge her, um ihren eigenen Ansatz zu situieren und durch die Untersuchung zu schärfen. Einen Eckpfeiler stellt die "protestantische Ethik" im Sinne von Max Weber dar. Der Warencharakter von sozialen Beziehungen (Baudrillard) wird als Entfremdungsphänomen gezeigt. Dieses lässt als Kehrseite eine soziale Unabhängigkeit entstehen, was wiederum eine neue Abhängigkeit, nämlich diejenige von Besitz, nach sich zieht (Simmel). Zudem werden Bourdieus Analysen von Konsummustern, die sich in Abhängigkeit vom sozialen Statuts differenzieren, herangezogen. Hinter diesen theoretischen Zugängen steht das Geld als zentraler Punkt, auf den die verschiedenen Aspekte bezogen sind.

Kritisch ist dazu anzumerken, dass das Geld im Text zuweilen fast essentialistisch, zu einer eigenen Wesenheit verselbständigt erscheint (so etwa Geld als soziales Ziel, S. 34, Geld als Handlungspotenzial, S. 89). Die "wesentliche" Funktion, nicht eigenständig, sondern eben grade als Mittler, nämlich als Mittler zum Tausch von andern Waren zu fungieren, wird in den theoretischen Teilen des Buches zu wenig deutlich. In der Darstellung realer Situationen und praxisbezogener Überlegungen kommt dann die Mittlerfunktion des Geldes klar zum Ausdruck.

Anders als bei Erwachsenen wird bei Jugendlichen von Überschuldung (im Sinne von Elmar Lange) gesprochen, wenn die Schulden höher sind als das monatliche Einkommen (S. 35). Es werden die Kriterien benannt, welche eine Verschuldung als (nicht) problematisch einstufen lassen. Im Weiteren wird begründet – und das ist ein Teil des inneren Programms des Buches -, weshalb Verschuldung nicht isoliert, sondern im sozialen Kontext zu betrachten ist.

Mit Blick auf die aktuelle Jugendforschung wird eingegangen auf die auch die Jugendlichen erfassende Individualisierung, auf den Moratoriumscharakter der Jugendphase und deren tendenzielle Verlängerung sowie auf die verschiedenen Übergänge bzw. Transitionen, welche die Jugendlichen zu verschiedenen Zeitpunkten zu bewältigen haben. Mehrfach wird dargestellt, dass solche Merkmale der Lebenswelt den Jugendlichen nicht einen homogenen Spaziergang durch die Jugendphase ermöglichen; vielmehr treffen sie auf vielerlei Ambivalenzen und Realwidersprüche (S. 38, 139). Zu erwähnen sind etwa die den konsumistischen Lebensverhältnissen eigenen Handlungsanforderungen nach Sparen einerseits und sofortiger Wunscherfüllung bzw. Bedürfnisbefriedigung anderseits. Die Marketingforschung oder besser: die Marketingstrategien dagegen sehen die Jugendphase verkürzt. Die Jugendlichen geraten in den Blick als kaufkräftiges Segment von Konsumierenden, die bereits mit etwa 15 Jahren zu den Erwachsenen "überwechselten".

Die empirische Untersuchung

Zum Einstieg stellen die Verfasser in gut nachvollziehbarer Weise ihr methodisches Vorgehen vor. Dazu gehört eine weitere Verfeinerung des Verschuldungsbegriffs (S. 43). Im Unterschied zur Überschuldung wird "Verschulden" als weiter Begriff verstanden, welcher ein normales ökonomisches Alltagsverhalten bezeichnet. Bedeutungsvoll ist dabei die Verschuldungshöhe sowie die Intensität der sozialstrukturellen Unsicherheit, die Schulden zurückzahlen zu können.

Die quantitative Untersuchung gruppiert die 537 16 – 21jährigen, in der Stadt Basel lebenden Jugendlichen nach vier unterschiedlichen Ausbildungsniveaus, um sozialstrukturelle Aspekte der Verschuldung herausdestillieren zu können (Brückenangebot = SEMO [Semestre de Motivation], Berufslehre, Diplommittelschule, Gymnasium). Ein Blick auf die höchste Ausbildung der Eltern zeigt klar, "dass sich der soziale Status über die Generationen hinweg reproduziert" (S. 58). Mit steigendem Bildungsniveau schätzen  die Jugendlichen ihre finanzielle Situation positiver ein.  Die Ausgaben liegen fast ausschliesslich im Konsumbereich (S. 63). Zwar verfügen die Lehrlinge durch ihren Monatslohn über die höchsten Einkommen, haben jedoch auch die höchsten Ausgaben, da sie meist den ganzen Lebensunterhalt selber bestreiten. Demgegenüber verfügen die Gymnasiasten und Gymnasiastinnen bei kleinerem Einkommen dennoch über das meiste Geld, weil sie von den Eltern ökonomisch unterstützt werden (S. 64).

Beim Umgang mit Geld fällt auf, dass bei 40% (der Befragten) Sparstrategien deutlich vor dem Geld Borgen (mit 21%) liegt. Zudem fällt ein deutliches Kostenbewusstsein auf: 85% achten auf ein ausgewogenes Kosten-Leistungsverhältnis. Die faktische Ausgabenpraxis wird jedoch mit höherem Bildungsstand sorgloser (S. 67). Taschengeld schafft die Gelegenheit, den Umgang mit Geld zu lernen. Diese Gelegenheiten differieren nach Bildungshöhe stark: Fast alle Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, aber nur etwas mehr als 70% der Absolvierenden eines SEMO erhalten mit 14 Jahren Taschengeld. Analog verhält es sich mit der Regelmässigkeit des Erhalts von Taschengeld; mit steigendem Bildungsniveau der Familie steigt auch die Regelmässigkeit. Von grosser Bedeutung für den bewussten Umgang mit Geld sind Erfahrungen grosser finanzieller Knappheit in den Herkunftsfamilien. Insgesamt geben nur 18% an, keine solchen Knappheiten erlebt zu haben; von den "SEMO-Familien" lebt ein Fünftel in dauerhafter Knappheit.

Was die Verschuldung anbetrifft: 39% haben noch nie Geld von Bekannten geborgt. Beim Borgen sind die SEMO-Absolvierenden am vorsichtigsten, bei Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hingegen ist das Borgen weitgehend in den Alltag integriert (S. 72 f.). Aktuelle, also über gelegentliches Borgen hinausgehende Verschuldung besteht bei 27% aller Befragten; bei den Absolvierenden von Gymnasien sind es 38%. Problematische Verschuldung ist an der Verschuldenshöhe ablesbar. Mit niedrigerem Bildungsniveau nimmt die Verschuldenshöhe (bei breiter Streuung) zu und kann bei SEMO-Absolvierenden bis zu 11„000 Franken reichen. Die durchschnittliche Verschuldenshöhe liegt bei männlichen Jugendlichen höher als bei weiblichen (S. 75). Eigentliche Überschuldung besteht bei 18% der Befragten. Die Kreditgeber stammen dabei primär aus dem sozialen Umfeld. Für Kleider und Schmuck machen die jungen Frauen am meisten Schulden, bei den jungen Männern liegen diese bei den Dingen des abendlichen Ausgehens: Alkohol, Zigaretten, Handys und Bussen.

Die qualitative Untersuchung beinhaltete 21 biografisch-narrative und problembezogene Interviews. Sie fokussierten insbesondere auf Aspekte des Umgangs mit Geld, das Bewusstsein darüber, auf damit verbundene Identitätsfragen, auf unterschiedliche Lebensstile, auf Aspekte der Transitionen, etwa das Erreichen einer Balance zwischen Bindung und Autonomie. Es wurden aktuell, ehemals und nicht Verschuldete befragt. Die daraus entstandenen Porträts sind reichhaltig und fallen differenziert aus. Sie bestätigen die quantitativen Analysen, vertiefen und konkretisieren sie. Aus Platzgründen wird hier auf ihre verkürzende Darstellung verzichtet.

Die wichtigsten Folgerungen aus den Interviews lauten: Konsumorientierung (nicht gleich zu setzen mit dem faktischen Umgang mit Geld) ist Sozialschicht unspezifisch; problematische Verschuldungssituationen gehen meist mit kumulierten lebensweltlichen Problemlagen einher; verschuldete Jugendliche finden sich oft in einem sozialökonomischen Vakuum wieder, das heisst, sie haben kaum Gelegenheit, von vertrauten Bezugspersonen unterstützt zu werden und finanzielle Sicherheit wieder zu gewinnen (S. 135).

Der Praxisbezug

Das zuletzt Gesagte bedeutet, dass Möglichkeiten der Bewältigung der Verschuldung geschaffen werden müssen. Dies ist allerdings nur mittels Kooperation aller (spezialisierter) Beteiligten möglich und sinnvoll. Dazu sollten insbesondere professionelle Schuldenberatungsstellen einbezogen werden. Wichtig ist auch die Prävention zur Verhinderung von Verschuldung. Dabei kann es nicht nur um den praktischen Umgang mit Geld und Konsum gehen. Prävention soll sich vielmehr auch mit den vorausgegangenen und gegenwärtigen Problemlagen der Jugendlichen befassen.

Im Weiteren werden Praxisfolgerungen für verschiedene gesellschaftliche Subsysteme gezogen. Der Politik wird beispielsweise empfohlen, "die Kreditfähigkeitsprüfung … zu verstärken und ein(en) rechtlichen Schonraum für Jugendliche zu prüfen" (S. 152). Oder den Sozialarbeitsdiensten wird die systemische Ausrichtung der Schuldenberatung nahe gelegt (S. 148). Unternehmen sollten teilzeitliche Berufslehren anbieten, "um damit den Übergang in einen zeitlich vollständig durchstrukturierten Alltag fliessender zu gestalten" (S. 154).

Die Schuldenberatungsstelle Plusminus in Basel begrüsst in einer abschliessenden Stellungnahme grundsätzlich die Ergebnisse der Untersuchung und akzentuiert einige davon in Verbindung mit in der Beratung gemachten Erfahrungen. Diese sind auch wegleitend für Tipps, welche den Umgang mit Geld besser gestalten lassen.

Diskussion

Das Buch ist klar gegliedert und verwendet eine ebenso klare, verständliche Sprache. Zudem sind die theoretischen, empirischen und praxisorientierten Teile gut verschränkt; hier kann nachgetragen werden, dass verdienstvollerweise "die Praxis von Beginn an Vorschläge in die Planung und Untersuchung einbrachte und die gesamte Durchführung (sc. der empirischen Untersuchung) begleitete" (S. 45).Kritisch wurde schon oben auf die zunächst unklare Funktionsbestimmung des Geldes verwiesen. Weiter finden sich keine Überlegungen, welche den konsumistischen Realzusammenhang von Geldgebrauch und Verschuldung systematisierten. Konsumismus wird inzwischen verbreitet als dominierende Prägung der Kultur durch den Konsum verstanden. Wenn dieses Verständnis akzeptiert werden kann, erscheinen die Verhältnisse beschönigt, etwa wenn die immerhin 18% der problematisch kumuliert Verschuldeten als "kleiner Teil der verschuldeten Jugendlichen" bezeichnet wird (S. 137; S. 76). Dass an der Verschuldung strukturelle Benachteiligung und schwierige Lebensereignisse mitwirken, ist sicherlich zu bejahen; auch die Einschätzung, dass Verschuldung "nicht der Ausdruck einer hemmungslosen Konsumorientierung" ist (S. 145), mag man teilen. Doch sollten die wirkmächtigen konsumistischen Mechanismen nicht ausser acht gelassen, sondern in die Klärungen einbezogen werden. Immerhin ist Verschuldung meistens mit intensivem Konsum verbunden (vgl. S. 76 f.). Und die Anregung an die Arbeitgeberschaft nach Teilzeit-Berufslehren schafft zunächst, allerdings bei verringertem Einkommen, erweiterte Konsumzeit für die Jugendlichen; es wäre zu prüfen, ob zusätzlich – vergleichbar mit den Angeboten in Tagesschulen für Kinder – peer-orientierte Begleitung der "befreiten" Jugendlichen eingerichtet werden müssten. Generell müssten die Fragen einsetzen, weshalb die Jugendlichen (und auch die Erwachsenen) derart intensiven Konsum betreiben. Die Antworten darauf liessen wohl die praktischen Anregungen an die gesellschaftlichen Subsysteme etwas dezidierter als Forderungen auftreten.

Zielgruppen

Personen, die theoretisch und/oder praktisch mit Verschuldung befasst sind oder in Berührung kommen, das Thema aber nicht nur Symptom orientiert, sondern mit psychologischen und sozialen Hintergründen verstehen wollen. Dazu gehören Praktiker und Praktikerinnen, Dozierende und Studierende der Sozialen Arbeit, Personalvorgesetzte von Betrieben, Sozialpolitiker und –Politikerinnen.

Fazit

Trotz einiger Einschränkungen ist das Buch in der Sache erhellend und kann bestens empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Franz Hochstrasser
Bildungsberater
Homepage www.fhochstrasser.ch
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Zitiervorschlag
Franz Hochstrasser. Rezension vom 09.07.2008 zu: Elisa Streuli, Olivier Steiner, Christoph Mattes u.a.: Eigenes Geld und fremdes Geld (Jugendliche). gesowip (Basel) 2008. 184 Seiten. ISBN 978-3-906129-42-6. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/6386.php, Datum des Zugriffs 12.03.2010.


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