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Vera Hähnlein, Jürgen Rimpel: Systemische Psychosomatik

Cover Vera Hähnlein, Jürgen Rimpel: Systemische Psychosomatik. Ein integratives Lehrbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 341 Seiten. ISBN 978-3-608-94479-2. 34,00 EUR, CH: 57,00 sFr.

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Zielgruppe und Zielstellung

Das Buch möchte es Therapeuten ermöglichen, den "Beschwerdeführer, also den Patienten, dort abzuholen, wo er sich befindet bzw. finden lässt" (so benennt es Arnold Retzer in seinem Vorwort), das heißt, die Sichtweisen des psychosomatischen Patienten - auch wenn sie zunächst einmal in einer ambivalenten oder skeptischen Haltung der Psychotherapie gegenüber bestehen  - wertschätzend aufzugreifen.  So geben die Autoren den therapeutisch Tätigen Anregungen, Konzepte und Vorschläge an die Hand, wie sie eine systemisch orientierte Auftragsklärung und darauf aufbauend ein gutes Arbeitsbündnis angehen können und wie die unterschiedlichen Methoden im therapeutischen Prozess ineinander greifen.

Inhalt

Das Buch ist inhaltlich nicht nach einzelnen Störungsbildern gegliedert und gibt auch keine systematische Einführung in Konzepte und Methoden der systemischen Therapie, was vielleicht bei zwei Ärzten als Autoren medizinisch orientierte Therapeuten überrascht und so Erwartungshaltungen konstruktiv "verstört", sondern thematisiert im Theorieteil zunächst Charakteristika psychosomatischer Patienten, ihrer verschiedenen Arten zu kommunizieren und insbesondere ihrer Sichtweisen auf den psychotherapeutischen Prozess. Daran schließt sich ein Hypothesenpool mit psychotherapeutisch bedeutsamen Konzepten zur Symptomentstehung an, in dem unter anderem auch bindungstheoretische und traumatherapeutische Sichtweisen aufgegriffen werden. Weiterhin werden die Auswirkungen der Symptome in der Familie und in der Arzt-Patient-Beziehung thematisiert, um dann diagnostische Aspekte einschließlich testpsychologischer Untersuchungen im Überblick darzustellen, ohne - wie gesagt - hierbei ins Detail der einzelnen Störungsbilder einzusteigen.

Im Theorieteil werden im Hypothesenpool III auch 2 andere psychotherapeutische Verfahren (jenseits der systemischen Sichtweise) kurz  besprochen. Hierbei ist besonders die kurze und informative Thematisierung der Traumatherapie hervorzuheben.

Teil II ist mit Praxis überschrieben: Hier geht es zunächst noch einmal ausführlich um die therapeutische Grundhaltung, die von Wertschätzung, Echtheit, Empathie, Neutralität und Respekt vor den Werten des Patienten bei gleichzeitiger Respektlosigkeit vor eigenen Überzeugungen geprägt ist. Im Anschluss werden Beziehungsaufbau und Auftragsklärung behandelt, um dann spezieller auf Methoden und - angereichert mit Fallvignetten - auf die folgenden Interventionstechniken einzugehen:

  • Unterschiedsbildende Fragen
  • Zirkuläres Fragen
  • Arbeit mit dem leeren Stuhl
  • Black-Box-Arbeiten
  • Reflecting Team
  • Splitting
  • Genogrammarbeit
  • (kleine) Familienaufstellung
  • Visualisierungen
  • Gesundheitscoaching
  • Geschichten
  • Metaphern
  • Reframing
  • Skalierung
  • Symptomexternalisierung
  • Arbeit mit innerer Ambivalenz
  • Arbeit mit inneren Anteilen
  • Wunderfrage
  • Problemveröffentlichung
  • Metakommunikation
  • Skepsis
  • Verschreibungen
  • Paradoxe Intervention
  • Rituale
  • Tetralemma

Die komplexeren Methoden können hierbei verständlicherweise nur skizziert werden; hier wären an manchen Stellen Literaturhinweise hilfreich gewesen, die es ermöglichen, sich gezielt weiter zu belesen.

Im weiteren Verlauf wird dann noch einmal ausführlich das Problem des Zugangs zu Psychosomatikern aufgegriffen, hierbei wird beispielsweise auch die komplexe Auftragssituation erläutert, der sich ein Konsiliararzt gegenübersieht, wenn der Patient dem Konsil skeptisch gegenübersteht. Auch werden an dieser Stelle vertiefend Haltungen analysiert, die es Patienten erschweren, eine psychotherapeutische Beziehung einzugehen, diese reichen von bei einer Psychogenese oft aufgeworfenen individuellen oder familiären Schuldfragen über Berentungswünsche bis hin zu einem möglichen Gesichtsverlust vor Angehörigen bei rascher Besserung der Beschwerden.

In den weiteren Buchkapiteln werden nun integrativ verschiedene Wirkebenen, die Zusammenarbeit auf einer psychosomatischen Station und Aspekte der Gruppenarbeit behandelt. Ausgehend von den Ambivalenzkonflikten der Patienten und den praktischen Schwierigkeiten des Zusammenseins auf einer psychosomatischen Station heben die Autoren die Bedeutung einer aktiven Lenkung des Stationsklimas hervor und weisen hierbei auch  auf Risiken und Stolpersteine bei der Umsetzung von therapeutischen Interventionen hin.

Im Kapitel "Was sonst noch hilft" gehen die Autoren sowohl auf die Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeuten und anderen Therapeuten ein als auch auf Therapieangebote wie Entspannungsverfahren, Imagination, Physiotherapie, Aromatherapie, euthyme Therapie, Ergotherapie, Musiktherapie, Biofeedback, transkutane elektrische Nervenstimulation (hier findet sich ein gewisser Stilbruch hin zu neurologischem Fachjargon), Nervenblockaden und medikamentöse Strategien, letzteres mit neurologisch-psychiatrischem Schwerpunkt.

Im Anschluss werden an einem Krankheitsbild - der Insomnie - exemplarisch krankheitsspezifische Interventionen - allerdings mit deutlich verhaltenstherapeutischem Fokus - erläutert.

Fazit

Das Buch zeichnet sich durch eine empathische und wertschätzende Grundhaltung dem psychosomatischen Patienten gegenüber aus und regt den therapeutisch tätigen Leser an vielen Stellen zur Selbstreflexion an, gibt Hintergrundwissen und Hinweise für die Auftragsklärung und Beziehungsgestaltung und behandelt Interventionstechniken und Methoden, immer mit der nötigen Skepsis, die bei den Ambivalenzen der Patienten und bei möglicherweise widersprüchlichen Aufträgen geboten ist. Das Buch liest sich sehr gut und stellt vom Zugang her eine echte Alternative oder Ergänzung zu Lehrbüchern dar, die im Aufbau diagnostischen Zuordnungen folgen: Dieses Buch hat seinen Ausgangspunkt und Fokus bei den Sichtweisen der Patienten und versucht diesen schulenübergreifend gerecht zu werden. Die Auswahl der Fallbeispiele orientiert sich etwas am neurologisch-psychiatrischen Erfahrungswissen der Autoren, so dass Traumafolgen, Begleitreaktionen von Ängsten, somatisierte Depressionen, Schmerzzustände, Bewegungsstörungen und Schlafstörungen besonders thematisiert werden; Essstörungen stehen beispielsweise weniger im Fokus der Betrachtung.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Lausitz
Homepage www.hs-lausitz.de/users/ajost.html


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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 17.06.2008 zu: Vera Hähnlein, Jürgen Rimpel: Systemische Psychosomatik. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 341 Seiten. ISBN 978-3-608-94479-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6387.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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