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Reinhard K. Sprenger: Gut aufgestellt. Fußballstrategien für Manager

Cover Reinhard K. Sprenger: Gut aufgestellt. Fußballstrategien für Manager. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. 222 Seiten. ISBN 978-3-593-38628-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.

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Thema

Nach  Bergsteigern, Polarforschern, Captain Cook und Al Capone als Modellen war es nach Klinsmanns Change Management nur eine Frage der Zeit, wann Fußball als Modell für Management überhaupt an der Reihe war. In Deutschland konnte sich nur einer dazu berufen fühlen: Rainer K. Sprenger.

Der Autor, "promovierter Philosoph, gilt als profiliertester Management-Berater und Führungsexperte Deutschlands. Zu seinen Kunden zählen nahezu alle Dax-Unternehmen, er lebt in Zürich und Santa Fe, New Mexiko. Sprenger ist bekannt als kritischer Denker, der nachdrücklich dazu auffordert, neues Denken und Handeln zu fordern. Seit seiner Jugend ist er Fan von Rot-Weiss Essen." (Klappentext)

Sprenger will in seinem Buch, kündigt er in der Einleitung ("Warm machen") an: "Die Kunst der Führung im Stadionlicht beleuchten. Es vertritt die These, dass Fußball nicht nur eine Metapher, sondern geradezu ein Modell für modernes Management ist oder zumindest in den letzten Jahren wurde." (S. 10).

Der Inhalt des Buchs ist sortiert nach:

  1. Tabellenplatz
  2. Trainer
  3. Mannschaft
  4. Fankurve.

Verteilt auf diese vier Kapitel jongliert der Autor mit der schier unerschöpflichen Welt der Fußballweisheiten, aus denen dann bei Sprenger Ansprachen und Handlungsaufforderungen an Manager werden, was sie tun oder gefälligst lassen sollen. Und so findet sich der Leser schnell in einem Vademekum der Sprengerschen Führungslehre wieder. Einige Kostproben: "Eine gute Führungskraft macht sich überflüssig" - "Führung braucht freiwillige Gefolgschaft" - "Führung braucht Reife". Und so geht es weiter.

machst mit 'nem doppelpass - jeden gegner nass

Heute gehört das Fußballfan-Sein zum kulturellen Kapital. In allen möglichen Lebenslagen Fußballweisheiten von sich zu geben, angefangen mit denen des großen Sepp ("Nach dem Spiel ist vor dem Spiel") bis zu Jürgen Klinsmann ("Jungs, ihr packt es") ist schick. Der Autor setzt, und das ist sein gutes Recht, auf diesen Trend. Die Crux: Fußballweisheiten sind Plattitüden. Werden Fußballweisheiten mit Managementweisheiten zusammengebracht, so kann - und muss vielleicht -, man ahnt es, Schreckliches herauskommen. Vor allem aber: zu jeder Plattitüde gibt es natürlich eine Gegenplattitüde, Das ist auch Sprenger bekannt. ("Es geht auch anders", S. 34). Da es nicht Sinn einer Besprechung sein kann, 218 Seiten Fußballweisheiten die entsprechenden Gegenweisheiten gegenüberzustellen, will ich mich auf das Wesentliche beschränken.

Der zentrale Kritikpunkt an diesem Buch ist der, dass es Sprenger offensichtlich schwerfällt, die Besonderheit des Profi-Fußballs (und über ihn schreibt er in der Hauptsache) in seiner paradoxen Verbindung von Spiel UND Arbeit, die gesellschaftlich ansonsten hermetisch voneinander getrennt sind, zu verstehen. So schreibt er z.B.: "Unsinnig ist es, eine Tugend aufs Schild zu heben, mit der einst Trainer Hennes Weisweiler seinen verspielten Dribbler Pierre Littbarski (u.a. 1990 Fußball-Weltmeister, H.L.) gewähren ließ: „Man darf Fehler machen“. Was gütig und aufgeschlossen klingt, ist Unfug". (S. 44). Man staunt. Reinhard Sprenger als Hennes Weisweilers Lehrmeister, obwohl er, so sein Versprechen in der Einleitung, eigentlich  keine Doppelpässe spielen wollte (S. 13). Woher hat er sein Wissen? Allgemeine beraterische déformation professionelle oder einfach Hybris? Vielleicht hat er dabei auch nur an den großen Kant gedacht, der ja auch Geografie-Vorlesungen hielt, ohne Königsberg jemals ernsthaft verlassen zu haben.

In einer Saison fallen ca. 900 Tore. 10 davon nach einem Doppelpass

Es gibt, wenn man ein Thema erschließen möchte, eine einfache Methode, diesem Thema nahe zu kommen: man befragt die Betroffenen. Spieler, Trainer, Fußballmanager. Man könnte so z.B. erfahren, weshalb so manche Trainer, die in der modernen Management- oder Führungslehre in der Kategorie "Kotzbrocken" oder "Mein Chef ist ein Arschloch" auftauchen würden, nicht nur bei Fans, sondern auch bei ihren (früheren) Spielern hohe Achtung erfahren. Auch in Sprengers Führungsphilosophie passen sie als Sympathieträger überhaupt nicht. Einige von ihnen zählen zu den ganz Großen.

Man hätte sich aktiv dafür interessieren können, welche Strategie dahinterstand, als Lothar Matthäus mit seinem Chef Uli Hoeneß wettet, dass der Mannschaftskamerad Klinsmann in der Fußballsaison 1996/97 nicht mehr als 15 Tore schießen würde. Mikropolitik in der Kabine und im gemeinsamen Hotelzimmer, Strippenziehen, Hauen und Stechen kein Thema für Führung und Management im Fußball? Ein kurzer Blick z.B. in: "Stefan Effenberg, 2003, Ich habs allen gezeigt, Berlin" vermittelt einen ersten Eindruck vom Leben hinter den Kulissen des Stadions. 

Geradezu sträflich ist es, in einem solchen Buch, zumal Sprengers Metier "Führung" ist,  keine gründliche und grundsätzliche Diskussion der wohl dramatischsten Führungssituation im deutschen Fußball zu finden: Pokalendspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln 1973 (für viele immer noch das Jahrhundertspiel). Netzer wechselt sich selber ein (!?), nachdem er die vorherige Aufforderung seines Vorgesetzen Weisweiler, auf den Platz zu gehen, missachtet hat - erster Ballkontakt - Netzer trifft nicht richtig, trotzdem grandioses Tor - Sieg, Pokal. Ein Modell fürs Management?  Na, super. Vorgeschichte, Umstände und Folgen dieser Fußballegende findet man i.ü. aus Netzers Sicht bei "Günther Netzer, 2004, Aus der Tiefe des Raumes, Reinbek".

Wie und was man für ein Buch aus den Erfahrungen und Kompetenzen der Fußball-Protagonisten schöpfen kann, hat David  Winner grandios gezeigt (David Winner, 2008, Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs, Köln). Interessierte am Thema des hier besprochenen Buchs sollten es unbedingt lesen

Fazit: Die Flanke ist das Allersinnloseste

Sprengers Buch ist allerbeste Management-Popliteratur. Wer von Sprenger noch nichts gelesen hat und wissen möchte wie er "tickt", dem sei dieses Buch unbedingt empfohlen. Was allerdings den Titel "Fußballstrategien für Manager" angeht, so ist der Titel ziemlich anmaßend, da sich Sprenger im Durcheinander von  fußballerischen Bauernregeln und Managementaphorismen arg verheddert. Management liebt er auch nicht so sehr, eher Führungsfragen. En passant gerade einmal eine knappe halbe Seite  zum Thema "Totaler Fußball" (Für Fußball-Laien siehe  Wikipedia – Totaler Fußball). Zur Erinnerung: Ajax Amsterdam wurde 1970, 1971, 1972 in direkter Folge dreimal Europapokalsieger der Landesmeister.

Und wer wissen möchte, was man aus erfolgreichen Fußballstrategien abstiegsbedrohter Mannschaften für den Kampf gegen eine drohende Insolvenz lernen könnte ("Fußball als Modell"), findet bei Sprenger die überraschende Erkenntnis "Trainerwechsel ist meist die falsche Strategie". (S. 63). Da wirkt Sprengers Einschätzung, Jürgen Klinsmann sei über Plakatpsychologie nie (!) hinausgekommen (S. 28), richtig niedlich.

Das Titelbild zeigt Sprenger in einer gut sortierten, aufgeräumten Umkleidekabine.  Schon das ist das Problem. Eine Umkleidekabine ist nun mal kein Büro, und der Autor unterschätzt die Intelligenz des Führungspersonals und der Mitarbeiter, wenn er davon ausgeht, dass sie diesen Unterschied nicht bemerken.

Und sonst? Sprenger, der i.ü. etwas arg mit seiner Ruhrpottherkunft kokettiert, hat sich glücklicherweise  nicht an der Beantwortung der alles entscheidende Frage versucht: Gibt es einen Fussballgott? - Halt, zurück. "Der  PISA-Sieger Finnland", so Sprenger, war " bei der WM 2006 nicht dabei. Der Fußballgott hat doch einen Sinn  für Gerechtigkeit." (S10.) Na also. - Auch da hätte er besser vorher mit Rudi Assauer reden sollen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 26.06.2008 zu: Reinhard K. Sprenger: Gut aufgestellt. Fußballstrategien für Manager. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. 222 Seiten. ISBN 978-3-593-38628-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6437.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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