Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie
Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2008. 6., vollst. überarbeitete Auflage. 1087 Seiten. ISBN 978-3-621-27607-8. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 84,00 sFr.
Zielgruppe und Entstehungshintergrund
Nahezu jeder Student der Psychologie, der Sozialpädagogik und der Erziehungswissenschaften, sowie alle in diesen und angrenzenden Bereichen Tätigen kennen den "Oerter/Montada". Seit Jahrzehnten gilt er als das Standardwerk der Entwicklungspsychologie im deutschsprachigen Raum, was zum einen an der Beteiligung vieler renommierter Autoren aus Theorie und Praxis liegt, sich aber zum anderen auf mangelnde Konkurrenz begründet.
Seit Vorliegen der vorherigen, fünften Auflage (vgl. die Rezension) ist auf dem Markt einiges passiert. So haben andere Verlage Lehrbücher herausgegeben, die teils andere Schwerpunkte setzen, sich aber ebenfalls um eine breit gefächerte Abdeckung des weiten Gegenstandes der Entwicklungspsychologie bemühen (einseitig wird sich häufig auf die Entwicklung im Kindes- und frühen Jugendalter konzentriert).
Obwohl das vorliegende Lehrbuch weiterhin in seinen bisherigen Auflagen als an deutschen Universitäten, Fachhochschulen, sowie in der Praxis etabliertes Standardwerk verstanden werden kann, haben die Autoren sich nicht auf diesen Lorbeeren ausgeruht, sondern dem bewährten Konzept mit der aktuellen Neuauflage ein "Facelifting" verpasst.
Bereits die vorhergehende Auflage hatte umfangreiche Änderungen erfahren, die nach immerhin sechs Jahren nun weitergeführt wurden.
Aktuelle Neuerungen
Graphisch wurde das bewährte, doch teilweise etwas kühl wirkende, aber übersichtliche typische Layout des Beltz Verlages beibehalten. Auch hat sich am Format des Buches nichts geändert. Jedoch ist dieses an sich kürzer geworden und an den richtigen Stellen ausgedünnt, etliche Kapitel wurden in Anbetracht des aktuellen Forschungsstandes neu eingearbeitet (s. weiter unten).
Als eine begrüßenswerte Neuerung wurden didaktische Elemente eingeführt, die das Bearbeiten des Buches erheblich erleichtern und in vielen anderen Büchern mittlerweile zum Standard geworden sind. So finden sich am Ende jedes Kapitels kurze Zusammenfassungen über den vorangegangenen Inhalt, die einen schnellen Überblick über das jeweilige Kapitel erlauben und damit die Nutzung vereinfachen. Weiterhin wurden in alle Kapitel blaue Kästchen eingeführt, die aktuelle Denkanstöße geben sollen und somit die aktive Auseinandersetzung mit der Thematik im Sinn haben. Eine weitere sinnvolle Neuerung stellt die Einführung eines Glossars am Ende des Lehrbuchs dar. Gerade bei umfassenderen Lehrbüchern macht es Sinn, häufig vorkommende Fachbegriffe in einem Glossar zusammenzustellen, um so das Nachschlagen zu erleichtern, was wiederum der konstruktiven und vor allem auch effektiveren Arbeit mit einem Buch dient. Als eine etwas geringere Neuerung stellt sich die Kommentierung von vertiefenden Literaturhinweisen durch die Autoren der jeweiligen Kapitel dar. Natürlich beruhen auch diese Hinweise auf den subjektiven Auffassungen der Verfasser, aber möglicherweise wird dadurch die weiterführende Literatur-Recherche für den Einzelnen vereinfacht.
Um den sich stetig weiterentwickelnden Bedingungen des Lernens und damit auch den Anforderungen der Lernenden gerecht zu werden, haben sich die Autoren und der Verlag entschieden, der aktuellen Auflage eine CD-Rom beizufügen, die kurze Informationen zu den einzelnen Kapiteln, Definitionen und Zusammenfassungen enthält. Diese Entwicklung ist prinzipiell zu begrüßen, da sie es dem Studierenden beispielsweise erleichtert, mit wichtigen Inhalten zu bearbeiten, ohne den "Wälzer" überall dabei haben zu müssen. Natürlich kann die Nutzung der CD-Rom das Buch an sich nicht ersetzen, aber gerade bei einer kurzen Rekapitulation der wichtigsten Definitionen und Zusammenfassungen stellt sie eine wertvolle Unterstützung dar. (Die CD-Rom dürfte aber zur Verteuerung des Buches beigetragen haben, kostet es doch mehr als die vorherige Auflage.)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Herausgeber mit diesen Änderungen einen wichtigen Schritt unternommen haben, um das Bearbeiten des Buches zu vereinfachen und somit weiterhin attraktiv für Studierende und Praktiker werden zu lassen. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in den einzelnen Kapiteln wieder.
Aufbau
Am bewährten Konzept hat sich auch in der sechsten Auflage nichts geändert, so fungieren Rolf Oerter und Leo Montada weiterhin – wenn auch zum letzten Mal, wie dem Vorwort zu entnehmen ist – als Herausgeber dieses Mehrautoren-Bandes. Im Gegensatz zu den bisherigen 38 Kapiteln umfasst das Lehrbuch nunmehr 33 Kapitel. Dies ergibt sich daraus, dass einzelne Kapitel, die als veraltet oder als in anderen Büchern ausführlich behandelt gelten, herausgenommen wurden, um Platz für aktuelle Entwicklungen zu schaffen. Auch wurden andere Kapitel sinnhaft zusammen gelegt. (Allerdings wurde eine Verringerung des Umfangs auch durch eine geringfügige Verkleinerung des Schriftbildes erreicht, was jedoch nicht störend ist.)
Alle Kapitel lassen sich unabhängig voneinander lesen und somit erfüllt das Lehrbuch auch die Voraussetzung eines praktischen Handbuches. Dies tut es nach Angaben der Herausgeber mit einer "theoretisch modernen systemischen, differentiell-psychologischen Betrachtungsweise" auf relevante Praxisfelder von der vorgeburtlichen Entwicklung bis ins hohe Alter.
Die Aufteilung in grobe Kategorien wurde beibehalten, jedoch wurde der fünfte Teil "Methoden der Entwicklungspsychologie" weggelassen.
Teil 1: Grundlagen der Entwicklungspsychologie
Hier geht es insbesondere um die Thematik, wie Entwicklung wissenschaftlich aufgefasst wird und wie sich die moderne Entwicklungspsychologie entwickelt hat. Unter Einbezug der gesamten Lebensspanne wird der Leser mit einer Arbeitsdefinition von Entwicklungspsychologie ausgestattet, die einen wichtigen Hintergrund vor den weiteren Kapiteln des Buches darstellt. Fragen über Kontinuität und Diskontinuität, also der Stabilität von Entwicklungseigenschaften wie der Persönlichkeit werden ebenso diskutiert, wie ein Abriss der weiter andauernden und gerade aufgrund aktueller Erkenntnisse wichtigen Anlage-Umwelt-Debatte gegeben wird.
Folgerichtig setzt sich das zweite Kapitel (Jens B. Asendorpf) auch mit genetischen und evolutionspsychologischen Grundlagen der Entwicklung auseinander. Aufgrund aktueller Forschung findet ein Kapitel (Sabina Pauen; Birgit Elsner) über die neurologischen Grundlagen der Entwicklung (hauptsächlich auf das Gehirn bezogen) Aufnahme in das Buch. Dies ist insofern begrüßenswert, da man vorher gezwungen war, auf andere Literatur auszuweichen. Natürlich kann dieser Artikel nur einen kleinen Ausschnitt aus der Hirnforschung geben, dies tut er aber in hier ausreichendem Maße, mit anschaulichen Illustrationen versehen.
In einem logischen Zusammenhang steht dann auch das Kapitel 4 (Rolf Oerter), welches sich mit Kultur, Ökologie und Entwicklung beschäftigt, befindet sich der Mensch doch immer in einem Ökosystem, in welchem er Handlungsmöglichkeiten erlangt und unterschiedlich einsetzt. Erwähnenswert ist hier auch der kulturelle Vergleich, bzw. die Thematisierung der Anpassung von Minoritäten im Sinne einer gelingenden Entwicklung.
Abschließend werden in Kapitel 5 (Klaus Schneewind) aus systemtheoretischer Sicht die Sozialisation und die Erziehung im Familienkontext dargestellt, die wichtige Komponenten in der Entwicklung des Menschen ausmachen.
Teil 2: Entwicklung in den einzelnen Lebensabschnitten
In den folgenden Kapiteln geben die Autoren einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse und Forschungsergebnisse in Bezug auf die Entwicklung des Neugeborenen bis hin zum alten Menschen.
Kapitel 6 (Hellgard Rauh) beschäftigt sich mit den einzelnen Entwicklungsaspekten der pränatalen Zeit und den sich daraus bereits ergebenden Implikationen für den weiteren Entwicklungsverlauf. Der Bogen wird darüber hinaus über die Neugeborenenzeit bis hin zum Kleinkindalter gezogen. Hier werden bereits Grundlagen einzelner Entwicklungsaspekte thematisiert (bspw. Motorische Entwicklung, Kognitive Entwicklung, Bindungsverhalten), die in späteren Kapiteln ausführlich diskutiert werden.
Kapitel 7 (Rolf Oerter) beschäftigt sich mit der Kindheit und bezieht wesentliche Meilensteine der kindlichen Entwicklung mit ein. So werden Zusammenhänge zwischen Temperament und den großen fünf Persönlichkeitsvariablen ("Big Five"), aber auch die wichtigen Aspekte des kindlichen Spiels diskutiert. Die Schule als Umweltfaktor der Entwicklung und damit einhergehend der Einfluss Gleichaltriger werden ebenfalls thematisiert, wie auch damit zusammenhängende Konzepte, wie die Entwicklung sozialer Kompetenz, aber auch negative Erscheinungen, wie Bullying berücksichtigt werden.
Dem logischen Verlauf folgend, werden in Kapitel 8 (Rolf Oerter; Eva Dreher) Konzepte zur kognitiven, körperlichen und psychosexuellen Entwicklung in der Jugend dargestellt. Auch hier werden weiterführende Einblicke in die Struktur und Entwicklung von Identität gegeben, sowie Umwelteinflüsse (Familie, Peers, Arbeitsumfeld) beleuchtet.
Den Übergang von der Jugend hin zum Erwachsenenalter und die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben thematisiert Kapitel 9 (Günter Krampen; Barbara Reichle). Diesen Teil des Buches schließt ein Kapitel (Ulman Lindenberger; Sabine Schäfer) über das Erwachsenenalter und das (höhere) Alter ab. Hier werden Erkenntnisse über die intellektuelle Entwicklung über die Lebensspanne hinweg, sowie die Entwicklung des Selbst und der Persönlichkeit ebenso diskutiert, wie bspw. Möglichkeiten erfolgreichen Alterns anhand der Individualisierung relevanter Erfolgskriterien im Entwicklungsverlauf dargestellt werden.
Innerhalb des Kapitels würde man sich eine etwas weiter gefasste, möglicherweise auch spezifischere Darstellung der Entwicklung - gerade im hohen Alter wünschen, da diese nach Ansicht des Rezensenten einen noch zu geringen Niederschlag findet. Auch wenn in späteren Kapiteln der Bezug zum Alter hergestellt wird, findet die Gerontologie in den für die Entwicklungspsychologie relevanten Bereichen noch zu geringe Beachtung, gemessen am demographisch aktuell umgekehrten Verhältnis von Jung zu Alt.
Teil 3: Entwicklung einzelner Funktionen
Der dritte Teil des Lehrbuchs beschäftigt sich nun mit spezifischen Funktionsbereichen, die teilweise bereits in einem übergeordneten Kontext dargestellt wurden.
So geben Friedrich Wilkening und Horst Krist einen Überblick über die Entwicklung der Sinne und damit der Wahrnehmung von Formen und Objekten, sowie damit zusammenhängenden Phänomenen, wie der Auge-Hand-Koordination.
Beate Sodian geht in Kapitel 12 auf die Entwicklung des Denkens ein. Hier wurden zwei Kapitel aus der vorherigen Auflage zusammengelegt. So beschäftigt sich die Autorin zu Beginn mit den einflussreichen und auch heute noch teilweise gültigen theoretischen Überlegungen Piagets' zur Entwicklung des Denkens. Anhand vieler klassischer Beispiele wird der typische Entwicklungsverlauf nachvollziehbar dargestellt und im Hinblick auf neuere Erkenntnisse kritisch diskutiert. Darauf aufbauend werden im weiteren Verlauf des Kapitels neuere Informationsverarbeitungsansätze und die Entwicklung begrifflichen Wissens dargestellt und mit praktischen Bezügen erläutert. Durch die Einarbeitung bestimmter Verarbeitungsprozesse wurde das Kapitel über die Entwicklung des Problemlösens aus der Vorauflage ebenfalls gestrichen.
Kapitel 13 (Wolfgang Schneider; Gerhard Büttner) beschäftigt sich mit der Gedächtnisentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Hervorzuheben ist der Bezug auf aktuelle Forschungstrends, sowie deren praktische Implikationen, bspw. bei der Bewertung der Gedächtnisleistung von Augenzeugen.
Kapitel 14 (Sabine Weinert; Hannelore Grimm) setzt sich umfassend mit der Sprachentwicklung und den bedeutsamen Komponenten (Phonologie, Morphologie, Syntax, etc.) auseinander. Insbesondere werden nicht nur einseitig biologische, sondern auch sozial-kognitive und kommunikative Voraussetzungen angesprochen.
Die Verfasser des Kapitels 15 (Manfred Holodynski; Rolf Oerter) geben einen Überblick über die Entwicklung von Motivation, Emotion und Volition, sowie den damit verbundenen regulatorischen Strategien. Hier stellt sich die Frage, ob es nicht mehr Sinn machen würde, den einzelnen Komponenten einen breiteren Raum zu gewähren, da gerade Emotionen (und der dazu gehörigen Emotionsregulation) immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch erscheint hier eine Einarbeitung von u.a. Emotionsregulationsstrategien im Alter sinnvoll. Positiv hervorzuheben ist die Aufgliederung der Motivation in die beiden Teilaspekte Interesse und Leistung, deren Entwicklungsverläufe anschaulich dargestellt werden.
Kapitel 16 (Leo Montada) thematisiert die moralische Entwicklung in einem sehr umfassenden und interdisziplinären Beitrag, werden doch Grundkonzepte wesentlicher Vertreter der Moralphilosophie (bspw. Habermas und Rawls) ebenso erläutert, wie die einflussreichen Theorien von Kohlberg und Piaget.
Kapitel 17 (Anton A. Bucher; Fritz Oser) thematisiert des Weiteren die Entwicklung von Religiosität und Spiritualität und wurde damit aus dem Praxisteil der Vorauflage verlegt. In dem vergleichsweise knappen Beitrag werden Religiosität und Spiritualität vor allem vor den unterschiedlichen Lebensabschnitten betrachtet, ebenso wie evolutionspsychologische und neurophysiologische Aspekte zum Tragen kommen. Damit wurde dieses Kapitel auf den neuesten Stand gebracht.
Hanns Martin Trautner beschäftigt sich im achtzehnten Kapitel mit der Entwicklung der Geschlechtsidentität und bezieht ebenfalls Entwicklungsverläufe über die Lebensspanne hinweg, sowie differenzierte Erklärungsansätze mit ein.
Im abschließenden Kapitel 19 (Günter Krampen; Werner Greve) geht es um die Entwicklung der Persönlichkeit und des Selbstkonzepts über die Lebensspanne. Hier werden wesentliche Aspekte der Persönlichkeitspsychologie und grundlegende Entwicklungstheorien übersichtlich und knapp dargestellt.
Ein in der Vorauflage vorhandenes Kapitel zur sozialen Kognition ist in dieser Auflage scheinbar weggefallen.
Teil 4: Entwicklung in Praxisfeldern
Dieser Teil des Buches beginnt mit einem neu hinzugekommenen Kapitel (Peter Zimmermann; Gottfried Spangler) über Bindung, Bindungsdesorganisation und Bindungsstörungen in der frühen Kindheit. In einem übersichtlichen Beitrag gehen die Autoren auf das Grundkonzept der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth ein und legen die unterschiedlichen Aspekte von Bindung und den positiven wie negativen Einflussfaktoren dar. Das Kapitel schließt mit einer Darstellung möglicher Interventionen. Leider finden die Auswirkungen von Bindungsstörungen auf die weitere Entwicklung im Lebensverlauf nur geringen Niederschlag.
Im folgenden Kapitel (Axel Schölmerich; Birgit Leyendecker), welches ebenfalls hinzugekommen ist, beschäftigen sich die Verfasser mit einer weiteren wichtigen Entwicklungsaufgabe des Erwachsenenalters – der Elternschaft und Kleinkindbetreuung. Hier werden sowohl juristische Aspekte der Elternschaft beleuchtet, wie auch verschiedene Eltern- und Familienkonstellationen betrachtet; also auch hier wird der aktuellen Entwicklung durch vermehrte Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtlichen Lebensformen und den daraus resultierenden, speziellen Elternaufgaben Rechnung getragen. Außerelterliche Betreuungsformen finden ebenfalls den Eingang in das Kapitel.
Weitere angesprochene Themenbereiche des praktischen Teils des Buches beschäftigen sich mit der vorschulischen Förderung (Ulrich Schmidt-Denter) und der Entwicklung schulischer Leistungen (Olaf Köller; Jürgen Baumert). Begrüßenswert ist die Aufnahme eines zusätzlichen neuen Kapitels (Marcus Hasselhorn; Claudia Mähler; Dietmar Grube) über Lernstörungen in Teilleistungsbereichen, also Lese-/Rechtschreib- und Rechenstörungen. Gerade die aktuelle Bildungsdebatte, sowie die Umstellung bisheriger Schulsysteme zeigt deutlich, welche Wichtigkeit, wenn nicht sogar Brisanz Themen wie diese beinhalten. Insofern trägt dieses Kapitel aktuellen Entwicklungen Rechnung und setzt sich fundiert mit Ursachen, Diagnosekriterien und möglichen Präventionsmaßnahmen und Interventionsstrategien auseinander. Hier zeigt sich exemplarisch der Nutzen der kommentierten weiterführenden Literatur, um sich vertiefend in diagnostische Aspekte oder weiterführenden Beschreibungen einer Teilleistungsstörung einzuarbeiten.
Kapitel 25 (Rolf Oerter) beschäftigt sich mit Begabung und Hochleistung. Damit wurde das bisherige Kapitel mit Zentrierung auf musikalische und sportliche Leistungen bspw. um das Konzept der Kreativität erweitert.
Im Folgenden beschäftigt sich das Lehrbuch mit der Vernachlässigung und der Misshandlung von Kindern (Jochen Hardt; Anette Engfer). Auch hier wurden aktuelle Forschungsergebnisse eingearbeitet, so dass die Thematik umfassend dargestellt ist. Dies geschieht u.a. anhand verschiedenster Erklärungsmodelle und Interventionsmöglichkeiten, sowie Eigenschaften von Tätern/Täterinnen, aber auch dargestellt anhand von Opfern.
In Kapitel 27 widmet sich Inge Seiffge-Krenke gesundheitspsychologischen Aspekten und erläutert Gesundheit als aktiven Gestaltungsprozess der altersbezogen differenziert werden muss. Hervorzuheben ist hier die Einarbeitung von Erkenntnissen aus den Bereichen der Stress- und Resilienzforschung, so dass keine einseitige Darstellung gefährdeterer Gesundheit gegeben wird, sondern vielmehr Gesichtspunkte der Gesundheitsförderung und präventiven Maßnahmen im Vordergrund stehen.
Kapitel 28 (Werner Greve; Leo Montada) setzt sich mit Delinquenz und antisozialem Verhalten auseinander und legt sowohl Möglichkeiten der Prävention, aber auch Sanktionsmaßnahmen dar. Hier werden also psychologische, soziologische und juristische Aspekte interdisziplinär miteinander verknüpft.
Mit einem weiteren aktuellen Bezug beschäftigt sich Kapitel 29 (Eva Schmitt-Rodermund; Rainer K. Silbereisen). Hier geht es um die Akkulturation von jugendlichen Immigranten und so werden insbesondere Auswirkungen der Migration auf Wohlbefinden und Gesundheit, Schule und Beruf, aber auch auf deviantes Verhalten diskutiert.
Kapitel 30 (Siegfried Preiser) setzt sich mit dem Themenkomplex Jugend und Politik auseinander, während Kapitel 31 (Ulrike Six) positive und negative Auswirkungen der Nutzung moderner Medien auf die Entwicklung beschreibt.
In Kapitel 32 (Werner Greve) dreht sich der Schwerpunkt um Bewältigung und Entwicklung. Darunter versteht der Autor die Auseinandersetzung mit als Einschränkung oder Bedrohung erlebten Belastungen, Gefühlen und Ereignissen. Vor diesem Hintergrund werden unterschiedliche Formen der Bewältigung dargestellt, die auch entsprechend für das Altern explizit herausgearbeitet werden, wie auch das Modell der Resilienz in Beziehung gesetzt und vor dem Hintergrund der Entwicklung skizziert wird.
Abschließend beschäftigt sich das Lehrbuch mit Aufgaben, Funktionen und Kompetenzen für ein produktives Leben im Alter (Ursula M. Staudinger; Ines Schindler). Ausgehend von aktuellen Forschungsergebnissen werden Befunde über die Produktivität im Alter vorgestellt, aber auch Theorien über die Generativität und deren intergenerationelle Relevanz, sowie weiteren Tätigkeitsformen diskutiert, bis hin zu den wichtigen Ablöseprozessen mit zunehmendem Alter.
Spätestens hier wird der große Bogen der Entwicklungspsychologie vom pränatalen Stadium bis zum hohen Alter deutlich.
Einige Kapitel der vorherigen Auflage zu speziellen Themenbereichen wie Substanzmißbrauch und Essstörungen oder zu lebensbegleitendem Lernen wurden in entsprechende Kapitel integriert, oder fielen aus pragmatischen Gründen weg, da viele Bereiche spezifischer in entsprechenden Büchern behandelt werden.
Zusammenfassung und Fazit
Die Neuauflage des Lehrbuchs "Entwicklungspsychologie" von Rolf Oerter und Leo Montada (Hrsg.) zeichnet sich durch eine konsequente, wie sinnhafte und teilweise radikale Überarbeitung aus. So wurden etliche Kapitel gestrichen, deren Inhalte teils durch neue, teils durch die Überarbeitung alter Kapitel abgedeckt werden, oder deren Gegenstand in einschlägigen Fachbüchern vertieft nachgelesen werden kann (bspw. zu Themen der klinischen Entwicklungspsychologie). Aus diesem Grund wirkt das Buch kompakter und übersichtlicher, ohne an inhaltlicher Prägnanz verloren zu haben. So zeichnen sich auch in der 6. Auflage namhafte Autoren für die Inhalte verantwortlich und machen dieses Buch auch weiterhin zu einem praxis- und studienrelevanten Standardwerk für eine breit gefächerte Zielgruppe. Durch den Einsatz unterstützender und das Lernen erleichternder didaktischer Elemente, wie Zusammenfassungen am Kapitelende, Denkanstöße, sowie den wichtigsten Inhalten auf einer beigefügten CD-Rom wird das Bearbeiten des Buches vereinfacht. Dieses Konzept wurde offenbar auch auf die Inhalte der einzelnen Artikel übertragen, so dass diese im Vergleich zur Vorauflage größtenteils prägnanter und mehr an den Bedürfnissen des Studenten und Praktikers orientiert erscheinen. Gerade die Lesbarkeit und Verständlichkeit der Kapitel wurde verbessert und ermöglicht eine übersichtlichere Orientierung innerhalb des Buches und damit eine vereinfachte Bearbeitung relevanter Inhalte.
Die Herausgeber waren zudem bemüht, alle relevanten Bereiche der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne abzudecken, auch wenn das hohe Alter im Vergleich geringer vertreten ist, was aber als immanent angesehen werden kann.
Insgesamt gesehen liegt mit der aktuellen Auflage eine gelungene, weil wirkliche und sinnige Überarbeitung eines Lehrbuch-Klassikers vor, der weiteren Generationen von Studenten das Lernen entwicklungspsychologischer Betrachtungsweisen vereinfachen und praktisch Tätigen als gewinnbringendes Nachschlagewerk dienen wird. Die Preiserhöhung kann aus diesem Grund als gerechtfertigt angesehen werden und befindet sich - gerade für Studenten immer noch in einem erschwinglichen Bereich.
Rezensent
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Dipl.-Soz.päd.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 19.12.2008 zu: Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2008. 6., vollst. überarbeitete Auflage. 1087 Seiten. ISBN 978-3-621-27607-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6489.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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