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Stefan Bayer, Volker Stümke (Hrsg.): Mensch. Anthropologie in sozialwissenschaftlichen Perspektiven

Cover Stefan Bayer, Volker Stümke (Hrsg.): Mensch. Anthropologie in sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Duncker & Humblot (Berlin) 2008. 296 Seiten. ISBN 978-3-428-12695-8. 62,00 EUR, CH: 106,00 sFr.

Reihe: Sozialwissenschaftliche Schriften - H. 44.
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Thema

Menschenbilder sind etwas sehr Grundlegendes. Sie organisieren maßgeblich Diskurse unterschiedlichster Provenienz: alltägliche Diskurse, Diskurse der Medien, ästhetische Diskurse, wissenschaftliche Diskurse. Wissenschaftlichen Disziplinen sowie einzelnen Theorien innerhalb dieser Disziplinen liegen implizite Menschenbilder zugrunde. Diese werden meist nicht eigens formuliert, sondern bilden ein nicht thematisiertes Vorverständnis der Wissenschaft. Mittels einer Rekonstruktion kann dieses Vorverständnis herausgearbeitet  werden und zum Gegenstand eines neuen Diskurses gemacht werden.

Menschbilder bestehen nicht nur aus empirisch verifizierbaren bzw. falsifizierbaren Aussagen. Sie thematisieren insbesondere auch Aspekte, die sich einer empirischen Prüfung entziehen, z.B. die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier oder die Frage nach der menschlichen Freiheit. Diese Fragen lassen sich nicht beantworten, indem man einfach ein Objekt – hier den Menschen – erforscht – sie tangieren das Selbstverständnis des Menschen, der durch dieses Selbstverständnis das zu erforschende Objekt allererst konstituiert. Damit ist die Frage nach Menschenbildern eine genuin philosophische Thematik.

Bilder vom Menschen können durch Konstruktion ab ovo entstehen. Im Sammelwerk von Bayer und Sünker wird der Zugang über die Rekonstruktion gewählt: Welches ist das Menschenbild eines bestimmten Wissenschaftsgebietes oder eines Themenfeldes?

Grundlegende philosophische Aussagen über den Menschen lassen sich vergleichen. Im hier besprochenen Sammelwerk ist genau dies angezielt: Der Leser soll Verknüpfungen zwischen den Menschbildern herstellen, die in 16 Einzelbeiträgen dargelegt werden. Damit wird die Achse eines multi- und interdisziplinären Diskurses aufgeschlagen.

Jedes Bild vom Menschen hat Relevanz für vielfältige andere Aspekte – gesellschaftliche, institutionelle und individuelle Aspekte. Von Bayer und Sünker wird die Bedeutung einzelner Menschenbilder bezogen auf die Rolle des Soldaten in der Bundeswehr dargelegt.

Entstehungshintergrund

Das Sammelwerk ist im Fachbereich Sozialwissenschaften an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg entstanden. Aufgrund der Zusammensetzung des Lehrkörpers, durch den vielfältige sozialwissenschaftliche Disziplinen vertreten werden, war die Chance einer interdisziplinären Behandlung eines grundlegenden Themas wie das des Menschenbildes gegeben. Die Autoren vertreten in ihren Beiträgen nicht zwangsläufig die offizielle Position der Bundeswehr, stehen aber auch nicht notwendig zu dieser im Gegensatz (S. 7).

Aufbau und Inhalt

Die 16 Einzelbeiträge des Sammelwerkes beziehen sich schwerpunktmäßig auf Ethik, Politik, Ökonomie, Recht, Technik, Gender sowie das Militär.

Alle Beiträge folgen einer vergleichbaren formalen Struktur: Zuerst werden Grundlagen der betreffenden Thematik dargelegt; es folgt eine Explikation des jeweiligen Menschenbildes; hieran schließt eine Diskussion der Relevanz des Menschenbildes für das Militär, die Bundeswehr bzw. den Soldaten an; Zusammenfassungen runden die Beiträge ab.

Inhaltlich gesehen sind die einzelnen Beiträge durchaus heterogen. Zu den einzelnen Themenkomplexen werden zahlreiche theoretische Grundlagen referiert. So kommen im ersten Aufsatz des Sammelwerkes "Was ist der Mensch? Das Menschenbild in der Ethik" u.a. Pico della Mirandola, Richard Rorty, Judith Butler, aber auch Luther zu Wort (15 ff.). Der Leser erhält so einen Überblick zur jeweiligen Thematik. Er wird in die zentralen Fragestellungen und Antwortalternativen eingeführt. Zur Ethik und ihrem Menschenbild werden virulente Grundfragen thematisiert: Ist der Mensch frei oder durch die sein Leben bestimmenden Faktoren determiniert? Und weiter: Wenn es derartige Determinationsfaktoren gibt, kann der Mensch aufgrund seiner spezifischen Kondition nochmals zu diesen Stellung beziehen? Und noch weitergehend: Ist Identität möglicherweise Zwang, der mich verpflichtet, trotz divergenter Rollenerwartungen in unterschiedlichen Settings, substanziell derselbe zu beleiben?

Die einzelnen Beiträge überschreiten im Allgemeinen nicht eine Länge von 20 Seiten. Von daher werden viele Aspekte und Fragestellungen nur angeschnitten. Die Breite des Gesamtthemas lässt hier auch nicht mehr zu.

Neben dem Menschbild der Ethik werden in einzelnen Beiträgen die Menschbilder von Politik, Friedensforschung, Ökonomie, Soziologie, Ethnologie, gender, Technik und Recht thematisiert. Spezifisch wird in Einzelaufsätzen auch eingegangen auf den Sowjetmenschen, auf Spitzenführungskräfte, auf neue Kriege, auf Söldner sowie die Innere Führung. Dabei stehen nicht immer philosophisch-anthropologische Fragen im Zentrum. Beispielsweise thematisiert der Beitrag zum Menschbild der Soziologie empirische Aspekte wie beispielsweise die Motivation von Soldaten (119 ff.).

Die Frage nach dem Soldaten bildet den zentralen Fokus des Sammelwerkes. So werden die Handlungs- und insbesondere die Willensfreiheit des Soldaten im ersten Beitrag zur Ethik diskutiert: Ist der Soldat angesichts der Existenz von Drill in seinem Willen frei oder gleicht er hier eher dem Tier, das durch Instinkt oder Dressur gesteuert ist. Der Verfasser des ersten Beitrages, Volker Stümke, gibt durch seine Antwort einen Rahmen, innerhalb dessen sich die Diskussion bewegt: Der Soldat ist frei, insofern er sich als Erwachsener für Lebenssegmente bewusst entscheidet, in denen er aufgrund sachlicher Notwendigkeiten Drill in Kauf nimmt. Die Freiheit wird hier nicht negiert, sondern in einzelnen Handlungsbereichen zurückgenommen. Bezugspunkt bleibt ein freies Subjekt, das zeitweise auf Freiheit verzichtet, um sachangemessen bestimmte Fertigkeiten zu trainieren. Stümkes Beitrag rekkuriert auch auf theologische Ethik und begreift das Subjekt in seiner Freiheit als letztlich getragen durch Gott. Letzteres ist wohl ein Spezifikum des Beitrags zur Ethik

Zielgruppe

Zielgruppe sind erst einmal alle Leser, die an der Frage: "Was ist der Mensch?" interessiert sind. Durch seinen Bezug zur Bundeswehr und zum Soldaten und dessen Rolle in der Gesellschaft, wird das Werk insbesondere Leser ansprechen, die an Fragen, die das Soldatentum und die Bundeswehr unter philosophischer, kultur-, geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive betreffen, besonders interessiert sind. Dies ist der genuine Leserkreis. Darüber hinaus können auch Leser, die an Fragen zum Militär nur wenig interessiert sind, das Buch mit Gewinn lesen. Es wird eine Vielzahl von Theorien und Perspektiven referiert, die einen profunden Überblick schaffen und Grundlagen bieten, das Menschsein multi- und interdisziplinär zu reflektieren.

Diskussion

An dem Sammelwerk haben zahlreiche Autoren mitgewirkt. Es handelt sich durchwegs um fachlich sehr kompetente Wissenschaftler, die an der Führungsakademie der Bundeswehr tätig sind oder waren (6).  

Das Werk ist durchwegs sehr verständlich geschrieben und kann auch Laien Zugang zu anthropologischen Fragestellungen eröffnen. Es liefert profundes geistesgeschichtliches und sozialwissenschaftliches Wissen und spielt vielfältige Argumentationen - für den Leser gut nachvollziehbar - durch.

Fazit

Das Sammelwerk spannt einen weiten Bogen zwischen heterogenen Gebieten. Es liefert philosophisches, kultur- und sozialwissenschaftliches Wissen zu unterschiedlichen Menschenbildern. Dabei werden Disziplinen und Themenfelder auf ihr zugrundeliegendes Menschenbild analysiert. Die Aufsatzsammlung legt das Schwergewicht auf die Frage nach dem Soldaten in unserer Gesellschaft. Resultate unterschiedlichster Disziplinen werden auf diese Fragestellung bezogen. Dabei werden ethisch-philosophische, anthropologische, aber auch empirische Aspekte berücksichtigt.

Kritisch bleibt anzumerken, dass die einzelnen Beiträge nicht mehr zu einer Synthese, z.B. in einem Abschlusskapitel, zusammengeführt werden. Weiter hätte man sich als Leser, der zum Soldatenwesen keinen oder wenig Bezug hat, auch Beiträge gewünscht, die aus anthropologischer Perspektive das Militär kritischer reflektiert hätten.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 19.11.2008 zu: Stefan Bayer, Volker Stümke (Hrsg.): Mensch. Anthropologie in sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Duncker & Humblot (Berlin) 2008. ISBN 978-3-428-12695-8. Reihe: Sozialwissenschaftliche Schriften - H. 44. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6516.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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