Karlheinz A. Geißler: Zeit - verweile doch (Zeitverwendung)
Karlheinz A. Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 265 Seiten. ISBN 978-3-451-05959-9. D: 11,95 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 18,50 sFr.
Reihe: Herder-Spektrum - Band 5959. Mit einem Bilderzyklus von Karl Waibl.
Autor
Karlheinz A. Geißler, geb. 1944, Pädagoge, Philosph, Soziologe.
Thema
Sein Thema ist die Zeit, der Umgang damit und die Wahrnehmung der Zeit in Vergangenheit und Gegenwart. Dazu hat er zahlreiche Zeitungsartikel und Bücher veröffentlicht. Bekannt ist er ebenso durch viele Beiträe in Funk und Fernsehen.
Inhalt
Der Titel "Zeit – verweile doch ..." geht auf ein Goethezitat aus dem Faust zurück. Bei Goethe heißt es dann weiter: "...dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen." Doch die Zeit bleibt nicht stehen und vom Zugrundegehn sind Geißlers Gedanken freilich weit entfernt. Im Gegenteil, er ermuntert den Leser sein eigenes Gefühl für die Zeit zu entwickeln. Dabei hilft seine kenntnistreiche Auseinadersetzung mit dem Wandel des Zeitgefühls in vergangenen Jahrhunderten europäischer Kulturgeschichte und so veranschaulicht er die Entwicklung der Auseinandersetzung damit seit den Ursprüngen unserer Zeitwahrnehmung in der Antike.
Entscheidend verändert wurde unsere Zeitwahrnehmung, erläutert Geißler, seit dem Beginn des Industriezeitalters. Statt des Sonnenstandes begann die mechanische Uhr den Tag zu bestimmen. Die Produktionsabläufe in der industrialen Welt zwangen dazu. Begriffe wie Zeitzwang, Zeitmanagement, Zeitersparnis, Zeittakt und Arbeitszeit, die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, stammen alle aus der neueren Zeit. Goethe wären sie fremd. Zwar finden sich in Sprichwörtern, wie "Eile mit Weile" noch Relikte an die Betrachtungsweise der vorindustriellen Welt. Heutzutage jedoch , nachdem uns Einstein klargemacht hat, dass Zeit und Raum zusammenhängen, die Zeit deshalb als etwas Relatives betrachtet werden sollte, klaffen die Betrachtungen des Zeitphänomens in der Wissenschaft und im Alltag auseinander.
Noch immer aber stellen wir uns die Zeit im Alltragsleben als etwas vor, das vergeht. Infolgedessen können wir nicht genug davon haben, wie müssen sie nutzen, das Beste daraus machen.
Geißler zeigt am Beispiel des Schulwesens, mit dem er hart ins Gericht geht, dass die Kinder dort vielfach an ein Zeitverständnis herangeführt werden, dass in erster Linie leistungsorientiert ist. Immer mehr Lernstoff ist in immer weniger Zeit zu bewältigen, moniert er. Als Folge der Wettbewerbsgesellschaft, verdeutlicht er, steigt, beflügelt durch den Ergeiz der Eltern, die Erwartung an die Schüler. Sie müssen Wissen aufsaugen damit sie fit werden für die Arbeitswelt. Als Folge erscheint Geißler das Schulwesen zu wenig kindgerecht und läßt der Entwicklung der Persönlichkeit zu wenig Raum, bzw. Zeit.
Der Autor erinnert uns aber auch daran, dass man gewissermaßen als Ausgleich für den Zeitgdruck des Arbeits- und Erwerbslebens die freie Zeit, die Mußezeit genießen sollte. Sei es, dass man seinen Hobbies nachgeht, etwas für seine Gesundheit tut und die Geselligeit pflegt. So spart er nicht mit Lob für die Kultur des Weingenusses und verweist auf große Geister der Kulturgeschichte, denen der beseelende Wohlgeschmack des gegorenen Traubensaftes die Zeitläufe etwas leichter erträglich machte. Wein, so erinnert er uns, ist ein Göttergeschenk, für das man Zeit haben sollte. Freilich mag mancher bei einem Glas Wein die Zeit vergessen; wieder nüchtern und in die Realität zurückgekehrt, wird allerdings die verlorene Zeit um so begehrlicher verlangen, aufgeholt zu werden.
Fazit
"Zeit - verweile doch" ist ein vergnügliches, anschauliches Buch. Es kann besonders all denen nützlich sein, die sich in Ferien, Pausen, dem Freisein von täglicher Zeithatz eine Mußestunde gönnen und sich fragen, ob ihr Umgang mit der Zeit, ihrer Familie, ihren Freunden und nicht zuletzt ihnen selbst, bekömmlich ist.
Rezensent
Dr. Gerd Manstein
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Zitiervorschlag
Gerd Manstein. Rezension vom 10.10.2008 zu: Karlheinz A. Geißler: Zeit - verweile doch (Zeitverwendung). Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 265 Seiten. ISBN 978-3-451-05959-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6548.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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