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Florian Baier, Stefan Schnurr (Hrsg.): Schulische und schulnahe soziale Dienste

Cover Florian Baier, Stefan Schnurr (Hrsg.): Schulische und schulnahe soziale Dienste. Angebote, Praxis und fachliche Perspektiven. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2008. 248 Seiten. ISBN 978-3-258-07287-6. D: 38,50 EUR, A: 39,60 EUR, CH: 58,00 sFr.
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Autoren und Thema

Stefan Schnurr und Florian Baier, beide an der Fachhochschule der Nordwestschweiz tätig, vermitteln in dem von ihnen herausgegebenen Band ein Bild von „schulischen und schulnahen Diensten“ in der deutschsprachigen Schweiz. Er versammelt Beiträge zur schulischen Heilpädagogik (Elisabeth Moser-Opitz), Schulsozialarbeit (Florian Baier), Schulpsychologie (Morena Inäbnit u. Tanja Rom), Tagesstrukturen und Tagesschulen (Ester Forrer Kasteel u. Franziska Shenton-Bärlocher), Berufsintegration (Dorothee Schaffner) sowie eine Darstellung der Schweizer Volksschule (Urs Vögeli-Mantovani) und spezifischer Massnahmen zum Umgang mit Heterogenität (Elisabeth Moser Opitz und Alois Buchholzer).

Nun zeigt ja bereits die korrekt beschreibende aber doch auch als Negation gefasste Sammelbezeichnung „schulische und schulnahe Dienste“, dass es funktionierende Unterstützungssysteme gibt, diese aber nicht über eine genügende gemeinsame ‚Identität‘ verfügen. Sie sind eben das, was benötigt wird, wenn der individuelle Schulerfolg wahrscheinlicher gemacht werden soll, was aber zugleich nicht dem ‚System Schule‘ selbstverständlich zugehören muss. Es handelt sich also um durchaus eigenständige, aber doch abhängig auf die Schule bezogene „ausserunterrichtliche Angebote und Handlungformen“ (9). Sie sind ‚Nicht-Schule‘ im Kontext einem von Schule dominierten Lern- und Lebensabschnitt, kompensieren deren Schwächen, ergänzen deren Möglichkeiten, verstärken deren Zielsetzungen und handeln örtlich auf die Schule bezogen. Ungeachtet dieser begrifflichen Schwierigkeiten, die dann zu Wortschöpfungen wie „ausserunterrichtlich“ führen müssen, gibt es praktische Nachteile dieser fehlenden integrierenden Identität. Es kann ganz pragmatisch gefordert werden, dass jene „schulischen und schulnahen Dienste“ bestmöglich miteinander abgestimmt werden, optimierte Kooperationsformen in die Schule hinein entwickeln und pflegen sowie durch transparente Darstellung für Zuweisung und Nutzung vereinfacht werden. (vgl. 17f.)

Diesem Anliegen ist das Buch im Kern gewidmet und hierfür gibt es hervorragende Anstöße. „Den hier behandelten Diensten ist gemeinsam, dass sie im Kontext der Institution Schule Leistungen erbringen, die sich in Selbstverständnis und Praxis von den als Standard definierten Formen und Inhalten des Unterrichts unterscheiden aber gleichwohl ihren funktionalen Bezugspunkt in der Erziehung und Bildung von jungen Menschen haben.“ (11)

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber bündeln die unterschiedlichen Dienste in drei Gruppen, mit individualisierten, sozialkontextuellen und explizit schulischen Perspektiven. Damit werden die Kinder und Jugendlichen als unterschiedliche Persönlichkeiten mit je differenzierter Bedürfnislage akzeptiert, ihre Lebenswelt als familiäres, persönliches, sozialräumliches Umfeld werden eingebunden und ihre „Lebenslage Schülersein“ (14) bleibt dennoch im Blickfeld. Baier und Schnurr zeichnen mit ihrem Band also ein facettenreiches Bild von sinnvollen bzw. nötigen Ergänzungen in und um die Schule, die an deren spezifischen, kritischen Merkmalen ansetzen und z.T. auch zur Veränderung von Schule führen (sollten).

Ansätze schulischer Heilpädagogik gehen auf die Bedingungen für den einzelnen Lernweg ein. Dadurch wird genau die begrenzte Reichweite der Schule aufgebrochen, da „sie die im Standardprogramm geltenden Erwartungen an das schulische Lernen zumindest temporär zurückstellen und die Abfolge der Themen und Gegenstände wie auch die Methoden des Lernens stärker auf die je individuellen Voraussetzungen abstimmen“. (11f.)

Schulsozialarbeit oder Angebote zwischen Schule und Berufswelt nehmen die Schüler umfassend in den Verhältnissen ihres Lebensabschnittes wahr. „Ihre spezifische Leistungsfähigkeit liegt unter anderem darin begründet, dass sie die jungen Menschen nicht auf ihre Rolle als Schülerin oder Schüler reduzieren, sondern den Blick auf die gesamte Lebenspraxis öffnen und sowohl in der Rekonstruktion als auch in der Bearbeitung von Krisen und Problemen … die jeweils situativ relevanten Lebenskontexte einbeziehen …“ (13)

Gemeinsam ist den Diensten, dass sie eine erfolgreiche Schulkarriere als selbstverständliche Zielsetzung verfolgen müssen, als ihre wesentliche Funktion. „Sie liegt darin, Heranwachsenden Unterstützungsleistungen anzubieten, die Ihnen helfen, sich in der für ihre Lebenslage prägenden Institution zurecht zu finden, sich zu orientieren, die dort herrschenden Regeln und Erwartungen zu verstehen und bestmöglich zu nutzen.“ (14f.)

Diskussion

In den Beiträgen wird dann aber auch deutlich, dass die Dienste ihre wichtige Funktion nur dann ausführen können, wenn sie die notwendige Eigenständigkeit in Methode und Zielsetzung bewahren bzw. ausbauen. Ob Schulpsychologie, Schulsozialarbeit oder auch schulische Heilpädagogik: wenn die Dienste integrierter Bestandteil der Schule sind, laufen sie Gefahr ihre alternative Begleitung junger Menschen aufzugeben. Den umfassendsten organisatorischen Ansatz bieten die Tagesschulen. Sie könnten das Ziel einer „Ganztagesbildung und –erziehung“ vervollständigen „und somit sowohl Schule als auch Elternhaus – im Sinne von schul- und familienergänzend – optimal ergänzen“. (149) Der diesbezügliche Beitrag verschafft einen verdienstvollen Überblick zur Situation in der Schweiz. Es wäre aber zu wünschen, dass die Vision der „Rundum-Sorglos“-Versorgung noch kritischer diskutiert würde. Den Feststellungen des Beitrags kann gar nicht widersprochen werden. Freilich kann man zu Recht eine „Änderung der Einstellung gegenüber Familienformen und öffentlicher Erziehung“ einfordern. Vielleicht kann man öffentliche und private Erziehung auch als „gleichwertige Erziehung“ (187) einstufen wollen, die sich „optimal ergänzen“. Aber, wenn man die Gesamtintention des Bandes beim Wort nimmt, dann kann der Lebensabschnitt des ‚Schülerseins‘ sich eben nicht ausschließlich in schulischer Form realisieren. Es gilt also die Freiheit von Schule und Begleitung ernsthaft zu thematisieren. Das jugendliche Leben könnte sonst seine ‚optimal ergänzte‘ Spielform im Internat wiederfinden. Die reformpädagogischen Ansätze bieten hier sehr interessante Ansätze. Man denke nur an Lietz-Schulen, deren Konzept ja gerade die Inszenierung des gemeinsamen Lebens (als „Bürger“) ist. Aber es sei nochmals insistiert: Wenn es ein Leben neben der Schule gibt, dann muss dies auch Lebensraum erhalten. Die Theorie der Jugendarbeit und besonders ihre Praxis sind dieser Gewissheit verpflichtet. Jugendliches Leben ist auch krasser Gegenentwurf zur Schule. Es mögen bitte alle am Diskurs beteiligten Fachleute dies nicht vergessen und damit konstruktiv hantieren. Es droht sonst der Verlust jener Bereiche selbstorganisierter Lebensgestaltung, die vielleicht ebenso gut mit der UN-Kinderrechtskonvention begründet werden können. (vgl. Baier 112-117) Es ist bezeichnend, dass die aufgelisteten Tagesstrukturen und Tagesschulen das Leben letztlich im Jahresrythmus der Schule organisieren. In den Schulferien gibt es keine oder Not-Programme. Die Frage drängt sich auf: welches Leben findet eigentlich in den Schulferien statt und wie werden junge Menschen für dieses eigene ‚außerunterrichtliche‘ Leben vorbereitet? Denken wir bitte auch noch an Tom Saywer. Die wichtigen Dinge lernt er von Huck, wenn er nicht in die Schule geht. Auch dafür muss Raum sein.

Fazit

Der Band „Schulische und schulnahe Dienste“ von Florian Baier und Stefan Schnurr kann allen Akteuren im ‚(Um)Feld Schule‘ sehr empfohlen werden. Er ist eine kundige Bereicherung des Diskurses um die Stärken und Schwächen ergänzender und begleitender Erziehungs- und Bildungsangebote neben und in der Schule.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) seit 2009; Mitglied im Team deutscher Bologna-Experten des DAAD (2007-2013); ehem. Vorsitzender des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit (2006-2012)
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Zitiervorschlag
Ulrich Bartosch. Rezension vom 24.08.2009 zu: Florian Baier, Stefan Schnurr (Hrsg.): Schulische und schulnahe soziale Dienste. Angebote, Praxis und fachliche Perspektiven. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2008. ISBN 978-3-258-07287-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6587.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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