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Jörg Döring, Tristan Thielmann (Hrsg.): Spatial turn. Das Raumparadigma [...]

Cover Jörg Döring, Tristan Thielmann (Hrsg.): Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. transcript (Bielefeld) 2008. 456 Seiten. ISBN 978-3-89942-683-0. 29,80 EUR, CH: 48,30 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Die Raumvergessenheit der Raumwissenschaften

Wenn sich unsere Zeit heute als "Zeitalter des Raumes" begreifen lässt, wie dies Michel Foucault Ende der 60er Jahre formuliert hat, dann wird dies von vielen wissenschaftlichen Disziplinen und Denkrichtungen eine Aufmerksamkeit herausfordern, die möglicherweise so etwas wie einen "turn", eine Kehrtwende im wissenschaftlichen Metadiskurs über Begriffe und Systemzuordnungen hervorrufen. "Spatial turn", als ein Perspektivenwechsel in der Betrachtung des Räumlichen und des Raumes im kulturellen und historischen Dasein der Menschen muss demnach nicht nur diejenigen auf die Bühne der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bringen, die als "Raumspezialisten" immer schon den Raum als ihr Metier betrachtet haben, die Geographen nämlich, sondern eben auch Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Historiker, Literatur- und Naturwissenschaftler. Die Diskussion über den Begriff wie über das "neue" Raumparadigma wird bisher eher in angelsächsischen und vor allem japanischen Medien geführt; in deutschen am ehesten noch in je fachspezifischen Diskursen der kultur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Merkwürdig dabei, dass die "Raumspezialisten", die Humangeographen also, in diesem Diskurs mit allzu leiser Stimme zu hören sind.

Herausgeber und Überblick

Jörg Döring, Juniorprofessor für Neuere deutsche Literatur und Medien und sein Mitarbeiter Tristan Thielmann, beide von der Universität Siegen, machen sich nun mit einer Anthologie daran, zum einen ein gemeinsames Forum für alle anzubieten, die zur "spatial-turn-Diskussion" etwas zu sagen haben.

Im ersten Teil des Bandes werden deshalb "Beiträge aus der kulturwissenschaftlich perspektivierten Literaturwissenschaft / Filmwissenschaft, der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Medienwissenschaft und der Philosophie" vorgestellt; im zweiten Teil werden, erstmals in dieser Form, die Humangeographen einbezogen. Und das nicht nur, um möglicherweise zu einer Begriffsklärung des teilweise als inflationär daherkommenden Labels zu gelangen, im guten wissenschaftlichen Sinne nämlich, etwa im Sinne Hegels, "den Begriff mit der Wirklichkeit zu versöhnen"; sondern auch, um die vielfältigen Herausforderungen in einer globalisierten Welt mit einer "Begriffsvernetzung" zu ermöglichen. Die Ausdifferenzierung des Begriffs "spatial turn", in "topographical turn" oder "topological turn" hat bisher nicht zu einer Begriffsklärung beigetragen. Wenn es aber um die Frage geht, ob es im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Findungs- und Erfindungsprozess so etwas wie einen "wiedergefundenen Raum" gibt, angesichts der Metaphern vom "Verschwinden des Raumes" oder dem "Ende der Geografie", dann sind sorgfältige und "stimmige" Reflexionen über Raum und Zeit als zusammengehörende (?) und relative (?) Dimensionen menschlichen Daseins gefordert.

Inhalt

  • Im einleitenden Beitrag fragen die Herausgeber: "Was lesen wir im Raume?", wobei sie sowohl die Entstehungskontexte der oben genannten Begriffe darstellen und die Begriffsverwendung in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen erläutern, als auch die Humangeographie als "verschwiegenen Souverän" zeihen.
  • Im ersten Teil "Der Spatial Turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften" diskutiert Jörg Dünne vom Institut für Romanische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Beitrag "Die Karte als Operations- und Imaginationsmatrix" die Geschichte eines Raummediums. Er erkennt in der "Wendung zum Raum" eine historisierende Neuperspektivierung von Raumfragen mit dem Medium der Kartographie und sieht gleichzeitig die Notwendigkeit, "der Spezifizität des frühneuzeitlichen Territorialisierungsschubs" durch die Entwicklung einer territorialen Verortung in einem medialen Repräsentationsraum gerecht zu werden; jedoch nicht im Sinne eines Raumdenkens als geodeterministische Territorialität, sondern in der symbolischen Adressierung, wie "umgekehrt differenziert sich das Zeichenverbundsystem Karte symbolisch in dem Maße aus, wie es zu einem Leitmedium der Operationalisierung von Raum wird".
  • Die an der Harward University lehrende Medienwissenschaftlerin Guiliana Bruno reflektiert in ihrem Beitrag "Bildwissenschaft" vier filmische Einstellungen und fordert damit auf, "unsere Wahrnehmung dieser Kunstform zu verändern", optisch und haptisch.
  • Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl Frühe Neuzeit an der TU Dresden, Eric Piltz, nimmt die Metapher von der "Trägheit des Raums" zum Anlass, um die "Spatial Stories" in der Geschichtswissenschaft zu verdeutlichen. Dabei nähert er sich der Thematik dadurch, "Raum als ein Medium zu betrachten, auf die Herstellung von mit Bedeutung aufgeladenen Objekten und ihrer Situierung in einem räumlichen Ensemble" zu verweisen.  Mit dem französischen Historiker Fernand Braudel zeigt er Raumbilder auf, die für die Geschichtsschreibung bedeutsam sind.
  • Matthias Middell von der Universität Leipzig referiert über "Spatial Turn und das Interesse an der Globalisierung in der Geschichtswissenschaft". Die Methodenkontroversen, die sich dabei in seinem Fach auftun und die sich mit den Termini cultural turn und spatial turn ausdrücken, erfordern eine Wende hin zu einer "Weltgeschichtsschreibung", in der sich Geschichte "in Form der gelebten Raumbezüge" darstellt.
  • Der Soziologe an der TU Darmstadt, Markus Schroer, spricht über die "Relevanz des Raums als soziologische Kategorie". Dabei setzt er sich mit dem Für und Wider der vielberufenen "Rückkehr des Raums i(m) sozialwissenschaftlichen Diskurs" auseinander. Er erkennt "ein gewisses Unbehagen gegenüber einem eingeschränkten Verständnis von Sozialität und auch eine gewisse Sehnsucht nach Konkretisierungen".
  • Rudolf Stichweh von der Universität Luzern zeigt "Kontrolle und Organisation des Raums durch Funktionssysteme der Weltgesellschaft" auf. Wenn die "Vollentdeckung des Erdballs in einem räumlichen Sinn" dazu führt, die Prozesse der Globalisierung als räumliche Konstruktionen zu erkennen, die gleichzeitig der Kontrolle durch soziale Systembildungen unterliegen, dann entsteht "der Eigenraum der Weltgesellschaft", in dem sich Funktionssysteme entwickeln, die einen spezifischen, geschichtlichen Umgang mit dem Raum erforderlich machen.
  • Der Literaturwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, Niels Werber, breitet eine "Semantikgeschichte" aus, indem er über den Geocode der Medien als gesellschaftliche Selbstbeschreibungsformeln nachdenkt. Dabei entdeckt er die "Netzwerkgesellschaft", in der "der Geocode der Medien … als Semantik (darstellt), deren Traditionen die Beschreibungen der Medien codiert. Und als kultureller Effekt von Medien, deren Wirkungsmacht und Struktur in den unterschiedlichsten Selbstbeschreibungsversuchen der Gesellschaft" sich äußern.
  • Manfred Faßler, Kulturanthropologe an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M., bezeichnet den Versuch, über "grenzenlose Grenzen" und "unsichtbare Grenzen" zu sprechen, als "Cybernetic Localism". Dadurch verweist er auf die "neue Dimension der Raumerzeugung", die in einer "Ungenauigkeit des Räumlichen" zum Ausdruck kommt. Der "territoriale Raum" verliert in der Wirklichkeit des "Digitalen" an Bedeutung: "Es ist ein neues Raumformat entstanden: der Interface-Raum". Die Forschung darüber hat gerade erst begonnen.
  • Stefan Günzel, Medienwissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, nimmt die im wissenschaftlichen Diskurs aufgekommene Kritik an der spatial turn-Hinwendung zum Raum auf, indem er über die Probleme nachdenkt, die sich durch die "Abwendung vom Glauben an die Wirkungsmächte der historischen Zeit und die Hinwendung zum Raum als einen bedingenden Faktor" ergeben. Damit zeigt er die unterschiedlichen Raumparadigma auf.

Im zweiten Teil kommen die Humangeographen zu Wort.

  • Der bereits in der Einführung durch die Herausgeber als Wort- und Meinungsbildner der Spatial Turn Innovation herausgestellte Edward W. Soja von der University of California Los Angeles und der London Schools of Economics, nimmt mit dem Paradigma "Vom `Zeitgeist` zum `Raumgeist`" das neue Bewusstsein vom Raum als "spatial capital" und "spatial justice" in den Blick. Und mit Lefebvre, Foucault, Jane Jacobs und David Harvey argumentiert er: "Wenn wir annehmen, dass der Raum gesellschaftlich erschaffen wird, dann erkennen wir, dass wir ihn ändern können". Damit wird spatial turn zu einem Aufruf, politisch zu handeln und zu einem "politisierten räumlichen Bewusstsein".
  • Der Osnabrücker Physische Geograph Gerhard Hard bekennt, dass seine erste Auseinandersetzung mit dem spatial turn einem intellektuellen Schwindelgefühl gleichkam. Die Betrachtung von der Geographie her gerät dabei zur "Wiedererfindung der Geographie in der Geographie"; also nicht zu einem  "Abgesang der Geographie", sondern "die Geographie vom spatial turn her besser zu verstehen".
  • Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Geographie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Marc Redepenning, spricht von einer selbst erzeugten Überraschung, wenn er über die "Renaissance von Raum als Selbstbeschreibungsformel der Gesellschaft" nachdenkt. Für ihn ist die Benutzung von raumbezogenen Semantiken ein Indiz dafür, dass "die Bedeutung von Integration und Harmonie in einer funktional differenzierten Gesellschaft nach wie vor hoch im Kurs steht, und dass dies ferner in nicht unerheblichem Maße auf die Verschärfung der In- und Exklusion von Personen in oder aus Kommunikationszusammenhängen hinausführt".
  • Der ebenfalls in Jena tätige Roland Lippuner argumentiert über die "Räumlichkeit des Sozialen in der Systemtheorie", indem er auf Raumbilder der Gesellschaft verweist. Um "Sehfehler" bei der Beschäftigung mit gesellschaftlichen Funktionssystemen zu erkennen, bedarf es eines "räumelnden" Beobachtens, eines räumlichen Bildes der Gesellschaft also.
  • Dem Jenenser Sozialgeographen Benno Werlen geht es um "Körper, Raum und mediale Repräsentation". Dabei kritisiert er, dass beim Diskurs um spatial turn "zunehmend eine () mangelnde () Klärung des ontologischen Status von Raum" zu beobachten ist. Seine Empfehlung: "Die Bedeutung des spatial turn sollte eher darin gesehen werden, die Erforschung der spät-modernen gesellschaftlichen Rahmenverhältnisse zum wissenschaftlichen Programm zu machen, statt selbst Diskurse problematischer Verräumlichung zu produzieren".
  • Der Rektor der University of Warwick, Nigel Thrift, diskutiert mit seinem Beitrag "Raum" die Bedeutung des spatial turn in seiner Entstehungsgeschichte wie den Wirkungen auf wissenschaftliche und gesellschaftliche Deutungen. Der spatial turn habe sich "deshalb als folgenreich herausgestellt, da er Begriffe wie Materie, Leben und Intelligenz in Frage stellt … durch die Betonung der unnachgiebigen Materialität der Welt, in der es keine präexistierenden Objekte gibt". Mit den drei Vignetten – Mit anderen sein, Andere beeinflussen, Andere organisieren – denkt er über Wirksamkeit und Ursächlichkeit nach, "wie wir in der Welt sind, in der es keinen gesicherten Grund, aber immer noch Kohärenz gibt, und in der Nähe durch Verteilung (distribution) ersetzt wird".
  • Der Kulturgeograph von der Durham University, Mike Crang, bringt in seinem Beitrag das Verhältnis "Zeit : Raum" zusammen. Weil es "vielfältige Zeiten" und "vielfältige Räume" gibt und sie im philosophischen wie fachbezogenen Diskurs oft "in Form binärer Entgegensetzungen voneinander abgeleitet" werden und weil, wie Heidegger ausgedrückt hat, Zeit kein Ding ist, kann es nur darum gehen zu erkennen, dass "ihre Untrennbarkeit zur Begrifflichkeit selbst (gehört)".

Fazit

Man wird davon ausgehen können, dass die in der Anthologie versammelten Beiträge, als Zustimmungen und kritische Differenzierungen zum Raumparadigma Spatial Turn, den wissenschaftlichen Diskurs beleben werden. Es ist dabei zu hoffen, dass diese wichtige Metadiskussion nicht nur als intellektuelle Auseinandersetzung geführt wird, sondern auch Eingang in das gesellschaftliche, soziale und politische Handeln findet. Denn Begriffe beschreiben und machen Wirklichkeiten deutlich – und sie können sie auch verändern. Vielleicht gelingt es ja auch, den erst einmal etwas sperrigen Begriff in eine handhabbare deutsche Übersetzung zu bringen. "Who is afraid of the spatial turn?Ó, diese (angstvolle?) Frage wird sicherlich von den Buchbeiträgen nicht in aller Sinne beantwortet oder auch ausgeräumt; aber die aufgezeigten Positionen, die von der Herausgebern geordnet werden in die "emphatische Position", die "strategisch-neutrale Position" und in die "aversiv-souveräne Position", bringen Licht in den bisher geführten – oder eben auch (noch) nicht geführten - Diskurs über das Raumparadigma.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.08.2008 zu: Jörg Döring, Tristan Thielmann (Hrsg.): Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-683-0. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6606.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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