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Susanne Elsen: Die Ökonomie des Gemeinwesens

Cover Susanne Elsen: Die Ökonomie des Gemeinwesens. Sozialpolitik und soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 352 Seiten. ISBN 978-3-7799-1928-5. 32,00 EUR.

Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung.
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Thema

In Anknüpfung an ihre Studie zur Gemeinwesenökonomie aus dem Jahre 1998 greift Susanne Elsen ihre alten Thesen der Ökonomie des Gemeinwesens auf. Bereits damals hatte sie die Belebung alternativer Entwürfe zu den neoliberalen Entwicklungen globaler Marktwirtschaft im lokalen Gemeinwesen dargestellt. Diese kann in den lebensweltlichen Kontexten der durch Armut und Arbeitslosigkeit sozial ausgegrenzten Menschen eine Antwort auf die makroökonomische Entwicklung darstellen.

Ihr damaliges Anliegen, Gemeinwesenökonomie in das professionelle Selbstverständnis von Forschung und Lehre zu integrieren, den schon seit langem geführten, internationalen Diskurs um Gemeinwesenökonomie auch in der deutschen Diskussion zu verankern, sich der historischen Tradition dieser Strömung zu vergewissern und dadurch das professionelle Profil von Gemeinwesenarbeit in Deutschland zu schärfen, wird nun um weitere Perspektiven vielfältiger Entwicklungen der letzten zehn Jahre erweitert (vgl. Vorwort, S. 6).

Aufbau und Inhalt

Der Untertitel des Buches weist auf den Spannungsbogen hin, der sich über alle acht Kapitel zwischen wirtschaftstheoretischen Reflexionen, gesellschaftspolitischen Konzeptionen gerechter Wertschöpfung und –verteilung und den praktischen Ansätzen der Sozialen Arbeit im Hinblick auf die Reorganisation lokaler Gemeinwesenökonomie entwickelt.  

So werden nach einer Einführung ( S. 11-14) in einem ersten Kapitel die Mechanismen der Entgrenzung der Ökonomie, die zum weltweiten Phänomen sozialer Ausgrenzung und Verarmung weiter Bevölkerungskreise führen, und die sozialökonomische Gemeinwesenarbeit als gestaltende Sozialpolitik vorgestellt (S. 15-56).

Im Kapitel 3 stehen einerseits anthropologische Prämissen für den Stellenwert der Ökonomie in der Gesellschaftsordnung im Mittelpunkt (S. 57-78), andererseits wird die ethische Einbindung der Wirtschaft in soziale und ökologische Gesellschaftskonzepte eingefordert (S. 79–104).

Den Schluss dieses Kapitels bildet eine überblicksartige Darstellung von Konzepten "lebensdienlichen Wirtschaftens", die als Überleitung zum zentralen Kapitel 4 auf die dort formulierten Elemente einer sozialen Ökonomie des Gemeinwesens vorbereiten (S. 105–163). In diesem zentralen Kapitel entfaltet Elsen nun auch ihre "reale Utopie der Gemeinwesenökonomie" als "Alternative zum neoliberalen Modell"(S. 145). Dabei muss die Wiederaneignung der ökonomischen Grundlagen im Gemeinwesen als Relokalisierung und Pluralisierung wirtschaftlichen Handelns im Sinne Herman Dalys vor allem "von unten"  erfolgen, aber auch durch Programme "von oben" unterstützt werden (vgl. S. 157ff).

Praktische Ansätze der sozialökonomischen Handlungsfähigkeit im Gemeinwesen prägen den weiteren Gedankengang. Elsen entwickelt praktische Ansätze einer gemeinwesenorientierten Sozialen Arbeit, indem in der Konzeption der Handlungsansätze die materiellen Lebensgrundlagen mit den soziokulturellen Lebenskontexten konsequent verknüpf werden. Dieser Ansatz weiß sich den Traditionen einer nachhaltigen sozialen Entwicklung auf lokaler Ebene über die Ansätze der neuen Sozialen Bewegungen (Kap. 5, S. 164-217), alternative Konzepte monetärer Finanzierungsquellen bis hin zu nicht-monetären Tauschsystemen (Kap. 6, S. 218 – 255) und der weltweiten Genossenschaftsbewegung (Kap. 7, S. 218-255) verpflichtet.  

Der angestrebte Machtausgleich zwischen Markt und Staat durch die Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene begründen die Notwendigkeit der "Konzeption neuer Unternehmensformen mit sozialen Zielsetzungen, die Herausbildung netzwerkförmiger Mesostrukturen und die Konstruktion von Kreislaufökonomien (short circuits)" (S. 317), um eine sozialökonomische Gemeinwesenentwicklung zu ermöglichen. In der Begründung dieser Strategie greift Elsen zum Ende des Buches im 8. Kapitel (S. 315–336) unter anderem auf die gesellschaftlichen Analysen und Konzepte von Pierre Bourdieu, Paulo Freire und Saul Alinsky zurück. Nicht nur in dieser Zusammenstellung, sondern auch an vielen anderen Stellen des Buches wird deutlich, dass eine umfassende Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie zur Umsetzung des Konzeptes lokaler Gemeinwesenökonomie noch fehlt und politisch sehr unterschiedliche Theorien zur Begründung einzelner Elemente des Konzeptes lokaler Gemeinwesenökonomie herangezogen werden. Fast gänzlich fehlt die systematische Reflexion kirchlicher Gemeinwesenarbeit, die immer schon in ihrer langen Tradition lokale ökonomische Lebenskontexte reorganisieren hilft und zur Grundlage ihres gemeinwesenorientierten Handelns gemacht hat. Wenn Elsen schon auf radikal kapitalismuskritisch orientierte Theologen bei der Reflexion der Gemeinwohlbindung des Privateigentums zurückgreift (vgl. S. 120) und auf die Beeinflussung der brasilianischen Landlosenbewegung durch die Befreiungstheologie hinweist (S. 204), wäre es umso konsequenter, wenn auch die lange Tradition kirchlicher Gemeinwesenarbeit im Hinblick auf die Gemeinwesenökonomie aufgegriffen würde.

Diskussion

Trotz dieser Schwachstellen bleibt aber zusammenfassend festzuhalten, dass das vorliegende Werk eine große Bereicherung für die deutsche Diskussion um die Weiterentwicklung gemeinwesenorientierter Ansätze Sozialer Arbeit darstellt. Es richtet sich an die vielen Akteure in der Praxis, Lehre und Forschung, die gemeinwesenorientierte Ansätze Sozialer Arbeit vorantreiben, aber auch an politisch Verantwortliche, die eine soziale Kommunalpolitik zu verantworten haben, sowie an alle interessierten Bürgerinnen und Bürger, die sich zivilgesellschaftlich auf lokaler und globaler Ebene engagieren. Erwähnenswert ist, dass die Arbeit Ende 2006 unter dem Titel "Die soziale Ökonomie des Gemeinwesens" an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Dresden als Habilitationsschrift angenommen wurde. Susanne Elsen selbst ist Dekanin der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München und leitet den europäischen Master-Studiengang "Gemeinwesenentwicklung, Quartiersmanagement und Lokale Ökonomie". Dieser neue Studiengang (vgl. eine ausführliche Beschreibung auf der Homepage der Hochschule München unter http://www.macd.hm.edu), auf den Elsen am Ende ihres Buches hinweist (S. 335ff), ist ein erster Schritt, die Forschungsergebnisse des Ansatzes der Gemeinwesenökonomie in das Ausbildungssystem zu integrieren.

Bleibt zu hoffen, dass auch die nötige Theorie zu den Ansätzen lokaler Gemeinwesenökonomie, in der das Geld an seine dem Menschen dienende Funktion als Erleichterung des Waren- und Dienstleistungstausches rückgebunden wird und sich alternative Formen des sozialen Lebens auf der Basis autonomer lokaler Ökonomien entfalten können, in der weiteren Fachdiskussion systematisch entwickelt wird. Elsen beklagt in ihrem Vorwort, dass die existierenden Diskurse und Ansätze weitgehend unverbunden nebeneinander stehen (S. 6). Eine wirkliche Verknüpfung auf der Basis einer umfassenden Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie kann Elsen in diesem Buch natürlich auch nicht leisten. Aber nur wenn diese Aufgabe langfristig gelingt, kann aus dem immer wieder als komplementär beschriebenen Sektor ein generelles Prinzip weltweiter wirtschaftlicher Austauschbeziehungen werden. Den Beitrag, den die Soziale Arbeit dazu leisten kann, hat die Autorin hervorragend herausgearbeitet. Soziale Arbeit kann über den Ansatz lokaler Gemeinwesenökonomie in der Gesellschaft eine gestaltende Kraft sein. In dieser professionellen Ausformung hat die Soziale Arbeit die Aufgabe, "eigenständige sozialökonomische Komplementär- und Alternativstrukturen in der zivilen Gesellschaft" (S. 13) zu verteidigen und schaffen.

Fazit

Das Buch motiviert, die neue Praxis einer lokalen Gemeinwesenökonomie auszuprobieren und neue Netzwerke alternativer Gemeinwesenökonomie zu knüpfen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Ansatz auch auf breite Resonanz stößt.


Rezensent
Dr. Georg Singe
Dozent am Institut für Soziale Arbeit, Angewandte Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Georg Singe. Rezension vom 15.09.2008 zu: Susanne Elsen: Die Ökonomie des Gemeinwesens. Sozialpolitik und soziale Arbeit im Kontext von gesellschaftlicher Wertschöpfung und -verteilung. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1928-5. Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6619.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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