Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Siegfried Magiera, Karl-Peter Sommermann u.a. (Hrsg.): Verwaltungswissenschaft und Verwaltungspraxis [...]

Cover Siegfried Magiera, Karl-Peter Sommermann, Jacques Ziller (Hrsg.): Verwaltungswissenschaft und Verwaltungspraxis in nationaler und transnationaler Perspektive. Festschrift für Heinrich Siedentopf zum 70. Geburtstag. Duncker & Humblot (Berlin) 2008. 909 Seiten. ISBN 978-3-428-12550-0. 128,00 EUR.

Besprochenes Werk kaufen


Thema

Die öffentliche Verwaltung, das Kernthema des Werkes, ihre Organisation und Funktionsweise, sind für die Staat-Bürger-Beziehung ebenso wesentlich wie für Status und Entwicklung von Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Moderne Verwaltungswissenschaft ist geprägt vom Diskurs zwischen unterschiedlichen Disziplinen ebenso wie vom Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis. Kann der Verwaltungswissenschaft seit jeher internationale Provenienz zugesprochen werden, weist  mit dem Zusammenwachsen Europas gerade auch Verwaltungshandeln zunehmend europäische Dimensionen und Schwerpunkte auf  bis hin zur Diskussion über die allmähliche Herausbildung eines europäischen Verwaltungsrechts.

Entstehungshintergrund

Mit der vorliegenden Festschrift wollen die Herausgeber und Autoren aus dem In- und Ausland Heinz Siedentopf zu seinem 70. Geburtstag ehren, indem sie Themen aus den Hauptgebieten seines wissenschaftlichen Schaffens aufgreifen und häufig seine Gedanken und Analyseansätze weiterführend erörtern. Sie wollen ihm ihre Wertschätzung als Brückenbauer zwischen Kulturen und Wissenschaftsdisziplinen, zwischen Wissenschaft und Praxis, aber auch zwischen Menschen, zum Ausdruck bringen. Der tabellarische Lebenslauf des Geehrten sowie das Verzeichnis seiner Schriften, die dem Werk angefügt sind, geben Aufschluss über Leben und Schaffen dieser vielseitigen und interessanten Persönlichkeit, die sich an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, durch sein Wirken in Frankreich, aber auch in Asien, seine Tätigkeit als Sachverständiger und Schriftleiter und nicht zuletzt durch seine menschlichen Qualitäten hohes Ansehen erworben hat.

Aufbau und Inhalt

Ein erster Teil des Werkes befasst sich mit Verwaltung im europäischen und internationalen Kontext. Eberhard Bohne stellt hier "Internationale Organisationen aus verwaltungswissenschaftlicher Sicht am Beispiel der World Trade Organization" dar. Michel Fromont vermittelt – in französischer Sprache - einen vergleichenden Einblick in die Kontrolle von Verwaltungsentscheidungen in Europa. Klaus.Eckart Gebauer mit seinem Beitrag "Good and Global Governance – Folgen und Nebenwirkungen für die Parlamente" schildert die Entwicklung hin zum "Verhandlungsstaat" auf Kosten der Legislativfunktionen in der parlamentarischen Demokratie. Mit dem Beitrag über "Die Integration von Zuwanderern – ein neues Politikfeld für die Europäische Union" führt Christoph Hauschild auf die Entwicklung eines europäischen Integrationspolitik hin. "Rechtssetzung und Rechtsdurchsetzung in der Europäischen Union" lautet der grundlegende Beitrag von Siegfried Magiera, mit dem er Handlungsbedarf im Hinblick auf Qualitätssicherung und Kooperation zwischen den Kontrollmechanismen aufzeigt. Matthias Niedobitek gibt einen Einblick in "Die europäische Verwaltung der Europäischen Union" in der Sicht des Reformvertrages. "Überlegungen zu Begriff und Funktionskreisen des Internationalen Verwaltungsrechts" stellt Eberhard Schmidt-Aßmann an. Karl-Peter Sommermann befasst sich mit "Verwaltungskontrolle im Europäischen Verwaltungsraum: zur Synchronisierung der Entwicklung von Verwaltungsrecht und Verwaltungskontrolle", die der raschen Entwicklung des Verwaltungsrechts häufig hinterherhinkt; Andrzej Wasilewski mit dem "Euopäischen Verwaltungsraum" und der Europafähigkeit der mitgliedstaatlichen Verwaltungen anhand von Beispielen aus dem Umweltschutzbereich. Hedda von Wedel gibt als ehemalige Präsidentin des Europäischen Rechnungshofs Einblick in die Zuverlässigkeitserklärung des ERH. Mit "Europa im Spannungsfeld zwischen Wettbewerb und sozialem Anspruch: Die Antwort des Vergaberechts" zeigt Jan Ziekow auf, dass das Gemeinschaftsrecht der Einbeziehung sozialer Aspekte in Vergabeverfahren deutliche Grenzen setzt. Jacques Ziller schildert "Bezugsquellen und Grundlagen des europäischen Verwaltungsrechts".

Im Zweiten Teil  "Verwaltung und Verfassungsstaat" schreibt Ludwig Adamovich  "Über die Verwaltung der Dritten Gewalt". Es schließt sich Demetrios Argyriades mit Ausführungen – in englischer Sprache - über "Reclaiming Public Space" an. Der Beitrag von Hans Herbert von Arnim über "Demokratie in Deutschland" stellt "Staatsrecht zwischen normativem Anspruch und politischer Wirklichkeit" ausgerechnet am Beispiel des Hambacher Festes in einer eher Politikverdrossenheit erzeugenden Weise dar. "Erhebungen des Bundesrechnungshofs im Bereich der Steuerverwaltung" von Dieter Engels, dem Präsidenten des BRH, regen mit einem guten Einblick in die Arbeit des BRH die Einführung einer Bundessteuerverwaltung an. Mit "Demokratie und Rechtsstaat in der Verfassung Rumäniens" gibt Detlef Mertens einen Ausblick über die Grenzen, ebenso wie Pensri Wongsaree mit seinem Beitrag "Zehn Jahre Verwaltungsverfahrensgesetz in Thailand: der Verwaltungsakt in der Rechtsprechung der thailändischen Verwaltungsgerichtsbarkeit". Rudolf Morsey beschäftigt sich mit "Rudolph Delbrück – Präsident des Bundes- und Reichskanzleramts 1867 -1876" als Blick auf die Mitarbeiter Bismarcks. In seinem Beitrag "Frei – sozial – auch sicher?" beschäftigt sich Rainer Pitschas mit "Sicherheit als Rechts- und Verfassungsprinzip im Wandel zur "neuen Staatlichkeit". "Bürgernähe in der Verwaltung" mit ihren Problemen, einschließlich bürgerschaftlichen Engagements,  schildert Günter Püttner. Gerd Roellecke beschäftigt sich mit "Ewigkeit im Kontext der Rechtfertigung von Verfassungen" als grundlegenden Beitrag zur Legitimation von Verfassungen. "Legislative Handlungsmöglichkeiten und Handlungspflichten nach der Föderalismusreform" untersucht Edzard Schmidt-Jortzig. Wolfgang Zeh stellt "Beobachtungen beim Demokratietransfer" an.

Im dritten Teil "Kommunale Selbstverwaltung" beschäftigen sich Hartmut Bauer und Frauke Brosius-Gersdorf mit der "demografischen Krise" und "verwaltungswissenschaftlichen Steuerungsansätzen zur Bewältigung des demografischen Wandels in den Kommunen". Peter Häberle entwirft eine "Skizze" über "Verfassungsstaatliche Textstufen in Sachen kommunaler Selbstverwaltung" als Vergleich verschiedener Verfassungen." Der Kreis – Bindeglied zwischen Staat und Gemeinden" ist das Thema von Hanns-Günter Henneke, während sich Janbernd Oebbecke mit dem "hauptamtlichen Bürgermeister als Beamter" beschäftigt und Gunnar Schwarting "Kommunale Spitzenverbände in Deutschland" in ihrer Geschichte, Stellung und Funktion beschreibt. Das grundlegende Thema "Kommunalrecht und Rechtsstaatsprinzip" behandelt Rolf Stober. Christoff Wolff befasst sich mit der "Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung durch regelmäßigen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis".

Im Teil "Öffentlicher Dienst" fragt Jean-Luc Bodiguel "Comment rendre les hauts fonctionnaires "imputables" (accountable)?", was an den Verfassungsprinzipien vieler Staaten scheitert, während Hans Peter Bull Probleme und Lösungsansätze für "Leistungsorientierte Bezahlung im öffentlichen Dienst" darstellt. Demgegenüber fragt Holger Mühlenkamp in seinem Beitrag "Leistungsbezahlung im öffentlichen Sektor unter dem Regime der "Kostenneutralität" "Warum sie nicht wirklich funktionieren kann." "Einheit des öffentlichen Dienstes und Alimentationsprinzip" untersucht Werner Thieme. Christoph Demmke behandelt "Reformen der Personalpolitiken in den öffentlichen Diensten der EU-Mitgliedstaaten – Europäisierung oder Differenzierung", wobei er die Gemeinsamkeiten der öffentlichen Dienste in Europa und die Krise des europäischen "Beamtentums "betont, während Hermann Hill die Frage stellt "Der öffentliche Dienst – gut aufgestellt für die Zukunft" im Hinblick auf seine Anforderungen, Arbeitsweisen und Kompetenzen und Theo Öhlinger nach einem "Abschied vom Beamtentum in Österreich?" fragt. Benedikt Speer untersucht die "Europafähigkeit des öffentlichen Dienstes und Europakompetenz öffentlich Bediensteter" als Anforderungen des Europäischen Verwaltungsraums an das deutsche System. Rainer Koch beschäftigt sich mit "Neue Steuerung und Mitarbeiterführung" als Frage des Verwaltungsmanagements, was von Hans-Werner Laubinger mit seinem Beitrag "Beamtenrechtliche Zielvereinbarungen" fortgesetzt wird. "Das Laufbahnrecht in der Gesetzgebungskompetenz der Länder" ist das Thema des Beitrags von Matthias Pechstein.

Der fünfte Teil ist der "Verwaltungswissenschaft und Verwaltungspolitik" gewidmet. Hier beschäftigt sich Hermann-Josef Blanke mit "Government und Governance im 21. Jahrhundert" mit politischen und rechtlichen Aspekten neuer Steuerungsmodelle, ein Thema, das auch Francis Delpérée mit "A propos de la gouvernance" aufgreift und Franz Strehl mit seinem Beitrag "Governance – Good Governance" grundsätzlich behandelt. Carl Böhret hat sich das historische Thema "Verwaltungswissenschaft mit praktischer Absicht: Friedrich List" gestellt, und Gerhard Holzinger schreibt "Zum gegenwärtigen Stand der Verwaltungslehre in Österreich". Klaus König beschäftigt sich mit "Verwaltungswissenschaft im Zeichen der Globalisierung und Europäisierung". "La réforme administrative, préoccupation d"hier, d"aujourd"hui, de demain" ist das Thema von Jean-Marie Pontier. Heinrich Reinermann schreibt über "Die Veränderbarkeit des Seins: Scheitern Verwaltungsreformen?". "Les habits neufs de l"action public" behandelt schließlich Gérard Timsit.

Diskussion

Der inhaltlichen Vielfalt der Beiträge entspricht die Auswahl der Autoren insbesondere aus dem Bereich der Hochschulen, aber auch der Rechnungshöfe, Parlamentsverwaltungen, Bundesministerien, Gerichte und  wissenschaftlicher Institute. 

Mit seinen zum größten Teil komplexen und auf hohem wissenschaftlichen Niveau erstellten Beiträgen wendet sich das Buch in erster Linie an den Wissenschaftler im Bereich Staats- und Verwaltungsrecht sowie Verwaltungswissenschaft. Dennoch ist das Werk auch für vielseitig interessierte Praktiker in Verwaltungen von hohem Informationswert, insbesondere in seinen Beiträgen über die Europafähigkeit von Verwaltungen (S. 131 ff.) oder das Vergaberecht (S. 158 ff.), aber auch im Hinblick auf die Ausführungen über den Sozialstaat (S. 285 ff.), den öffentlichen Dienst  (S. 511 ff.) mit seiner Bürgernähe (S. 305 ff) und Managementansätzen. Es ist sowohl als Lektüre zur Horizonterweiterung als auch als thematisches Nachschlagewerk zu empfehlen. Die Abfassung einzelner Beiträge – entsprechend der internationalen Ausrichtung des Jubilars – in französischer und englischer Sprache stellt eine zusätzliche Bereicherung dar. Dabei hätte sich der Leser zur besseren Übersichtlichkeit und im Interesse des inhaltlichen Kontextes allerdings eine stringentere thematische Zusammenstellung der Beiträge gewünscht.

Fazit

Die Festschrift für Heinrich Siedentopf zum 70. Geburtstag stellt insgesamt ein Werk von beachtlichem wissenschaftlichen Niveau  und von hohem Informationswert für den anspruchsvollen und vielseitig gebildeten Leser und damit eine würdige Hommage an diesen großen Gelehrten und sein Wirken dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Susanne Tiemann
Honorarprofessor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Professor für Verwaltungswissenschaft und Sozialmanagement an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Susanne Tiemann. Rezension vom 10.11.2008 zu: Siegfried Magiera, Karl-Peter Sommermann, Jacques Ziller (Hrsg.): Verwaltungswissenschaft und Verwaltungspraxis [...]. Duncker & Humblot (Berlin) 2008. 909 Seiten. ISBN 978-3-428-12550-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6646.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Fachreferent/in, Essen

Bereichsleiter/in, Essen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.