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Andreas Bergknapp: Ärger in Organisationen. Eine systemische Strukturanalyse

Cover Andreas Bergknapp: Ärger in Organisationen. Eine systemische Strukturanalyse. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 442 Seiten. ISBN 978-3-531-13744-5. 42,00 EUR.

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Autor und sein Hintergrund

Andreas Bergknapp ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Personalwesen (Prof. Dr. Neuberger) an der Universität Augsburg. Das zu rezensierende Werk ist seine Promotion.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an WissenschaftskollegInnen und theoretisch interessierte PersonalentwicklerInnen und OrganisationsberaterInnen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat neben dem Vorwort sieben Sachkapitel, eine Schlussbetrachtung, ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister.

Kapitel 1 beschreibt die Relevanz von Ärger in Organisationen, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit. Ein umfassendes Verständnis von Ärger für Interaktionsprozesse in Organisationen, ein theoretisches Modell soll entwickelt werden, das die Interdependenz von ärgerspezifischen Interaktionen und organisationalen Strukturen theoretisch erfasst.

Kapitel 2 betrachtet und reflektiert das Phänomen Ärger aus dem Blickwinkel verschiedener theoretischer Ansätze der Emotionspsychologie. Das Komponentenmodell wird kritisch hinterfragt mit dem Ergebnis, dass für die eigene Fragestellung das Strukturmodell von MEES als emotionstheoretische Basis für das Verstehen von Ärger favorisiert wird.

Kapitel 3 expliziert dieses Strukturmodell und entwickelt ein durch eindeutige Kriterien bestimmbares theoretisch präzises Ärgerverständnis. Dyadische Ärger-Interaktionen werden erklärbar. Sie sind eine interpersonale Emotion: "Ego ist unzufrieden mit einem Ergebnis, das er auf das tadelnswerte Tun/Lassen von Alter zurückführt."

Kapitel 4 überprüft organisationstheoretische Ansätze. Ausgegangen wird von einer subjektabhängig existierenden organisationalen Wirklichkeit. Das Handeln von und in Organisationen wird im Spannungsfeld von Freiheit und Zwang verortet. Die GIDDENSsche Strukturationstheorie, eine Sozialtheorie und keine spezifische Organisationstheorie, versucht durch ihre Struktur- und Handlungsanalyse die Interdependenz von organisationaler Interaktion und Struktur zu erfassen.

Auf der Strukturebene sind die Dimensionen Signifikation (Sinn- und Bedeutungsebene), Legitimation (moralische oder normative Integration) und Herrschaft relevant, auf der Interaktionsebene die korrespondierenden Dimensionen Kommunikation, Sanktion und Macht. Erst die Erweiterung und Modifizierung der Strukturationstheorie von GIDDENS um das Element der horizontalen Rekursivität durch ORTMANN/SYDOW/WINDELER führt zur Interdependenz. Soziale Systeme, organisatorische Gefüge sind das Ergebnis sozialen Handelns.

Die Handlungsanalyse wird ärgerspezifisch erweitert und ausdifferenziert in ein Ärger -Handlungs - bzw. Ärger - Interaktions - Modell. Ärger-Handlungen sind Produkte des Zusammenwirkens emotionaler und kognitiver Kontrollsysteme. Ärger-Handlungen werden in einem kontinuierlichen Prozess von (un- und erkannten) Handlungsabsichten, - bedingungen und -folgen von den Akteuren fortwährend reproduziert. Es ist Aufgabe der Strukturanalyse diese Reproduktionsprozesse zu konkretisieren. Damit ist eine Rahmung für die Analyse von Ärger-Emotionen geschaffen.

Kapitel 5 stellt sich erfolgreich der Herausforderung, eine Synthese zu leisten zwischen der a-organisationalen Ärgertheorie und a-emotionalen Strukturanalyse. Mittels der Ansätze von KEMPER und COLLINS wird die Strukturanalyse emotionsspezifisch erweitert: Emotionen produzieren soziale Strukturen und sind strukturell bedingt. Der rekursive Prozess setzt sich zusammen aus zwei Halbschleifen, zum einen der emotionsbedingten Produktion von Strukturen und zum anderen der strukturellen Bedingtheit der Emotionen auf der Interaktionsebene. Emotionale Schemata werden eingeführt. Diese verknüpfen die Ärgerspezifikation des Strukturmodells mit der Signifikations- und Legitimationsdimension der Strukturanalyse. Das Ergebnis heißt: "emotionsspezifische Dualität der Struktur".

Kapitel 6 beschäftigt sich mit der Organisationsspezifität des Strukturationsprozesses. Die organisationale Kodierung von Emotionen geschieht im Kontext der jeweiligen gesellschaftlichen Kodierung. ELIAS' Zivilisationstheorie und die Informalisierungsthese werden reflexiv diskutiert mit dem strukturationstheoretischem Ergebnis, dass Akteure durch ihr Erleben, Ausdrücken und Wahrnehmen von Emotionen ein komplexes Regelset (Modalitäten) reproduzieren und auf der Signifikations- und Legitimationsdimension Strukturen erzeugen, die ihrerseits zur Voraussetzung für weiteres emotionales Erleben und Verhalten werden. Die organisatorischen und soziologisch anerkannten Ebenen - Gesellschaft, Organisation, Gruppe und Interaktion - werden erarbeitet. Besonderes Interesse gilt dabei der Organisation und Gruppe als betriebliche Arbeitsgruppe. Abschließend wird der Stellenwert von Emotionen für Interaktionssyteme auf der Folie organisationaler Kontextbedingungen analysiert.

Kapitel 7 verknüpft die vorgängig entfalteten Argumentationsstränge - Ärgertheorie, Organisationstheorie, Ärgerrelevanz für organisationale Interaktionsprozesse - auf der Folie der drei Dimensionen der Strukturationstheorie - Signifikation, Legitimation und Herrschaft. Das Ergebnis lautet: "Wenn Ärger als Sinnform, Integrations- und Abgrenzungsmechanismus, als organisational reguliertes Phänomen, als Indikator für organisationale Regeln, als Sanktionsmacht und als Machtmittel betrachtet wird, kommt die Strukturationstheorie nicht über den Status eines groben Rahmen hinaus".

Kapitel 8 liefert eine Schlussbetrachtung über Ziele, Wege und Ergebnisse des Vorgehens. Es benennt deutlich und überzeugend die Grenzen und Möglichkeiten des entwickelten Konzeptes. Es ist sowohl theoretisch erweiterungsoffen als auch offen für eine empirische Prüfung. Im Kontext des Forschungsprogramms 'Logographie der Gefühle' ermöglicht die entwickelte Strukturanalyse organisationaler Ärger-Interaktionen eine logographische Erarbeitung von Ärger-Geschichten.

Fazit

Das Buch ist klar strukturiert, gut gegliedert und von hoher Wissenschaftlichkeit. Als Dissertation dient es dem Eintritt in die wissenschaftliche Laufbahn, d.h. ist wesentlicher Teil eines Initiationsritus. Hervorhebenswert und anerkennungswert ist deshalb insbesondere, dass es dem Autor gelingt, komplexe Theorieansätze und schwierigste Zusammenhänge leserinnenfreundlich und damit verstehbar zu präsentieren.


Rezensentin
Dr. Michaela Schumacher
Homepage www.drmichaelaschumacher.de
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 21.01.2003 zu: Andreas Bergknapp: Ärger in Organisationen. Eine systemische Strukturanalyse. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 442 Seiten. ISBN 978-3-531-13744-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/666.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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