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Regina Becker: Beratung von pflegenden Angehörigen

Cover Regina Becker: Beratung von pflegenden Angehörigen. Eine queer-feministische Diskursanalyse. Kassel University Press (Kassel) 2008. 290 Seiten. ISBN 978-3-89958-401-1. 24,00 EUR.

Reihe: Kasseler gerontologische Schriften - Band 45.

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Thema

Die Beratung und die Belastung von pflegenden Angehörigen gehört seit vielen Jahren zu den wichtigen Gegenständen nicht allein pflegewissenschaftlicher Studien. Vielmehr sind sie auch Thema von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen in den Bereichen Pflege und ambulante Pflege, also der pflegerischen Gesundheitsversorgung insgesamt. Nicht zuletzt ist es das Pflegeversicherungsgesetz selbst, das entscheidende Vorgabe für diesen Bereich macht. Eben diese Literatur ist Gegenstand der queer-feministischen Diskursanalyse, die Regina Becker vorlegt.

Schwerpunkt ihrer Analyse ist weniger die Bewertung der untersuchten Texte im Hinblick auf ihre Praxistauglichkeit als die Frage danach, inwieweit diese Texte von verschiedenen Institutionen und AutorInnen tradierte Rollenvorstellungen und geschlechterspezifische Zuweisungen reproduzieren und damit Veränderungen in der Praxis der pflegerischen Versorgung im häuslichen Bereich verhindern. Die Autorin will die Belastung und Beratung von Pflegepersonen kritisch analysieren, um alternative Interventionsvorschläge ausarbeiten zu können, mit denen traditionelle Normen und Erwartungshaltungen an Frauen und Männer in Frage gestellt werden.

Autorin

Die Autorin ist promovierte Sozialpädagogin, Diplom-Pädagogin und Krankenschwester mit langjähriger Berufserfahrung in der stationären Altenpflege. Sie beschäftigt sich mit gerontologischen Fragestellungen und führte 2003 bis 2005 Lehraufträge im Studiengang Lehramt Pflegewissenschaft an der Universität Bremen durch. Gegenwärtig arbeitet sie als selbständige Unternehmerin und bietet Vorträge, Fortbildungen und Begleitungen zu pflegerelevanten Themen an.

Aufbau

Das Buch ist abgesehen von einer Einleitung in fünf Kapitel unterteilt.

1. Theoretische und methodische Voraussetzungen

In Kapitel 1 (Seite 7 – 37) erläutert die Autorin die vier theoretischen Grundlagen, auf denen sie ihre Analyse aufbaut. Sie rekurriert dabei auf Postrukturalismus, Queer-feministische Theorie, Gouvernementalität und Feministische Diskursanalyse. Jedem Ansatz ist ein kurzes Unterkapitel gewidmet, in dem die Ansätze erläutert und Fragestellungen für die Untersuchung abgeleitet werden.

2. Diskussionslinien des häuslichen Pflegebedarfs

Kapitel 2 (Seite 39 – 74) stellt sechs Binaritäten (begriffliche Gegensatzpaare) dar, die in den folgenden Kapiteln als Diskussionlinien zur Strukturierung der Untersuchung der verschiedenen Texte dienen:

  1. Gleichheit versus Differenz
  2. Moral versus Subjektivität
  3. Verantwortung versus Autonomie
  4. Sorge versus Begehren
  5. Öffentlich versus Privat
  6. Staat versus Individuum.

Die einzelnen Begriffe/Konzepte werden erläutert und zum Teil in einen historischen Entwicklungskontext gestellt. Aus den einzelnen Diskussionslinien wie auch auf Grundlage ihrer Gesamtsicht am Ende des Kapitels entwickelt die Autorin weitere Fragestellungen für ihre Untersuchung.

3. Diskursanalyse

Das Kapitel 3 (Seite 75 – 231) ist in drei Unterkapitel unterteilt, die nach den drei Bereichen, aus denen die Texte für die Diskursanalyse ausgewählt wurden, benannt sind:

  1. Belastungsforschung
  2. Angehörigenberatungskonzepte
  3. Pflegeversicherungsgesetz

Während die Texte zur Belastungsforschung (insgesamt drei, einer davon ein Ausschnitt aus dem vierten Altenbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2002) anhand von sieben Thesen dargestellt werden, folgt die Autorin in Bezug der Texte zur Angehörigenberatung (ebenfalls drei Texte) neben einer Kategorisierung der Konzepte den in Kapitel 2 vorgestellten Diskussionslinien. Abschließend wird das Pflegeversicherungsgesetz zunächst hinsichtlich der Veränderungen und Wirkungen erläutert und dann ebenfalls entlang der Diskussionslinien analysiert.

Den Abschluss des Kapitels bildet eine zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse der Textanalyse. Die zentralen Defizite, die allen Texten zu Grunde lagen, werden identifiziert: Das sind vor allen Dingen, die überall wiederzufindende Normierung und Normalisierung der häuslichen Pflege als weiblichem Arbeitsbereich, die es verhindern, die pflegerische Versorgung als Vielfalt von Möglichkeiten zu repräsentieren und zu realisieren. Zudem steht – wenn auch mit abnehmender Tendenz - die Person des/der Pflegedürftigen im Mittelpunkt aller Untersuchungen und Beratungsangebote während die Bedürfnisse („das Begehren“) der Pflegepersonen vernachlässigt werden. Darüber hinaus wird in der Darstellung der Pflege der Subjektstatus der Pflegenden stark reduziert und damit ihre Wahlfreiheit erheblich eingeschränkt

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse entwickelt die Autorin ein alternatives Belastungs- und ein neues Konfliktmodell. Das Belastungsmodell enthält die folgenden Faktoren: Standardisierung, Normierung, Homogenisierung, Normalisierung, Disziplinierung, Pathologisierung, Marginalisierung und Feminisierung. Alles Faktoren, die in den üblichen Untersuchungen der Belastungsforschung kaum oder gar keine Beachtung finden.

Das alternative Konfliktmodell bietet an, in Hinsicht auf die Diskussionslinien (oder Gegensatzpaare) das Spannungsverhältnis von Fremd- und Eigenkonzepten einzubeziehen. Dieses Spannungsverhältnis manifestiert sich im Bereich der Eigenkonzepte der Pflegepersonen und erzeugt erhebliche Konfliktpotenziale.

4. Konturen einer feministischen Angehörigenberatung

Das vierte Kapitel (Seite 233 - 247) entwirft ein queer-feministisches Beratungskonzept, das dazu beitragen soll, die in der Analyse aufgezeigten Mängel zu beheben.

Zentrale Instrumente einer solchen Beratung sind Feministische Therapie, Gender Training und Case Management. Die Synthese dieser drei Ansätze stellt das neue Beratungskonzept Gender Management dar, das als Geschlechter problematisierende politische Bildungsarbeit verstanden werden soll, mit dem eine Veränderung von Repräsentationen in Bezug und auf Geschlecht und Sexualität herbeigeführt werden kann.

5. Ausblick

Das abschließende Kapitel 5 (Seite 248 – 251) stellt zusammenfassend fest, dass mit der vorliegenden Analyse ein fächerübergreifender Blick auf die Situation und Beratung von pflegenden Angehörigen möglich geworden ist, der die Grenzen der Geschlechterforschung, der sozialen Gerontologie, der Pflegewissenschaft und der Sozialpädagogik überschreite. Die Autorin plädiert darüber hinaus für eine kontextsensible Diskussionsweise, wenn es um die Belange der Pflege von Angehörigen gehe, und fordert alle beteiligten EntscheidungsträgerInnen auf, Informationen und Beratung transparent und zugänglich zu machen, die den überlasteten Pflegepersonen Hilfe bieten.

Diskussion

Die Autorin kommt nach einer ausführlichen Inhaltsanalyse von insgesamt sechs Texten zu Belastung und Beratung von pflegenden Angehörigen und der Interpretation einiger Teile des Pflegeversicherungsgesetzes, die sich auf Beratungsangebote beziehen, insgesamt zu eindeutigen Ergebnissen:

  1. Sowohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung als auch die rechtlichen Vorgaben gehen aus von spezifischen Normvorstellungen im Hinblick sowohl auf die geschlechterspezifische Verteilung der Pflegearbeiten als auch hinsichtlich der Ansprüche an die zu leistende Pflege.
  2. Aufgrund einer solchen an standardisierten Vorstellungen und Erwartungshaltungen orientierten Repräsentation von Pflege in ambulanten Settings kann die untersuchte Literatur, so Regina Becker, bestimmte damit nicht fassbare Konstellationen in der häuslichen Pflege nicht erkennen.
  3. Außerdem entgehen den aus dieser Perspektive entstandenen Untersuchungen die besonderen Belastungen, die eben daraus entstehen, dass die pflegenden Personen vermeinen, solchen Erwartungshaltungen gerecht werden zu müssen. Demzufolge müssen auch Beratungsangebote, die diesen blinden Fleck in der Analyse teilen, an den tatsächlichen Bedürfnissen vieler Pflegepersonen vorbeigehen.
  4. Überhaupt stehen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der häuslichen Pflege allein die zu pflegenden Personen und ihre Bedürfnisse im Zentrum der Aufmerksamkeit, während die pflegenden Personen, die ja der eigentlich Gegenstand von Belastungsuntersuchungen und Beratungsangeboten sind, kaum bis wenig wahrgenommen werden.

Damit leistet Regina Becker einen Betrag zu den in der feministischen, Frauen- und Genderforschung für zahlreiche Bereiche der Frauenarbeit durchgeführten Untersuchungen, indem sie einen weiteren Sektor, nämlich dem der Pflegetätigkeit im häuslichen Bereich hinzufügt. Die für die Kontexte der sozialen Arbeit und der Krankenpflege bereits vielfach beschriebenen, die hierarchischen Geschlechterverhältnisse stabilisierenden Praxen und Normen erhalten damit eine weitere Facette. Dabei stellt sie der Inhaltsanalyse der von ihr ausgewählten Texte zahlreiche Beispiele aus dem pflegerischen Alltag gegenüber, die veranschaulichen, wo die Grenzen tradierter bipolarer Betrachtungsweisen liegen. Auch die Untersuchungen zur Bedeutung von Institutionen für die Konstruktion und Verfestigung bestehender Geschlechterhierarchien, wie sie insbesondere von Helga Krüger vorgelegt wurden, finden in der Betrachtung des Pflegeversicherungsgesetzes neues Anschauungsmaterial. Die Arbeit von Regina Becker hätte gleichwohl andere Dimensionen gewonnen, wenn sie die vorliegenden Arbeiten der Gender- und Frauenforschung zu den von ihr behandelten Fragen stärker berücksichtigt hätte.

Beckers Vorgehensweise, nämlich die Arbeit an und mit Texten, vor allen Dingen wissenschaftlichen Texten, überzeugt durch den Nachweis des geschlechterdifferenzierenden wissenschaftlichen Arbeitens. Sie lenkt damit die Aufmerksamkeit darauf, wie sehr unsere Vorstellungen und Konzepte von Realität von Texten geprägt werden, indem wir diese als Repräsentation von Wirklichkeit akzeptieren und uns an ihnen auch dann zu orientieren versuchen, wenn sie unserer Wahrnehmung widersprechen. Leider fehlen Hinweise auf die umgekehrte Wirkweise, nämlich darauf wie sehr Handeln und Verhaltensweisen in der Praxis in die wissenschaftliche Analyse desselben eingehen.

Dieses nicht einmal gravierende Versäumnis deutet jedoch auf wesentliche theoretische und methodische Mängel der Arbeit von Regina Becker hin. Mögen die Ergebnisse ihrer Textanalysen auch noch so erhellend sein, so ist die theoretische Grundlage ihrer Ausarbeitungen eher schlicht, wenn nicht gar unzureichend. Ihre Beschreibung des Poststrukturalismus, dem sie ihre Untersuchung zuordnet, als auf die de Saussuresche Linguistik aufbauende wissenschaftliche Richtung, die außerdem die Vorstellung des Subjekts als einheitliche, stabile Struktur in Frage gestellt habe, mündet konsequenterweise in einem ebenso einfachen Untersuchungsdesign. Dort geht es vor allen Dingen darum, die Positionierung von Subjekten gemäß sprachlich vermittelter gesellschaftlicher Konventionen aufzuzeigen.

Ein solcher Ansatz verbietet es denn auch, bei dem vorliegenden Buch von einer Diskursanalyse im Sinne Foucaults zu sprechen. Foucault und die entsprechend weiter entwickelten diskursanalytischen Ansätze verstehen Diskurs als weitaus mehr als sprachliche Äußerungen. Diskurse können demnach gesellschaftliche Macht konstituieren und bilden ein Dispositiv als ein sich ständig neu ordnendes Netz von Diskursen, Praktiken und Institutionen. Regina Becker identifiziert aber weder den Diskurs oder Diskursstrang, den sie untersuchen will – sie behauptet einen Pflegediskurs, den sie in keiner Weise definiert -, noch bemüht sie sich darum, die Bedeutung der von ihr ausgewählten Texte für die Durchsetzung und/oder Verschiebung von dominanten Positionen im Dispositiv nachzuzeichnen. Vielmehr beschränkt sie sich darauf, in der Inhaltsanalyse der Texte aufzuzeigen, wie sich Macht und Ohnmacht im Handeln von Pflegepersonen manifestiert.

Mehr noch gilt diese Kritik für das Konzept der Gouvernementalität, das ebenfalls von Foucault entwickelt wurde. Der Bezug darauf ist im methodischen Teil der Arbeit etwas klarer ausgearbeitet, wenngleich sich Beckers Verständnis davon allein auf die Durchsetzung neoliberaler Herrschaft zu beschränken scheint. Nichtsdestotrotz hätte ein Bezug auf die dem Konzept zugrunde liegenden sogenannten Herrschafts- und Selbsttechniken in der Anwendung auf die untersuchten Texte zu Problemen häuslicher Pflege weitere spannende Ergebnisse zu Tage bringen können. Schade, dass die Autorin sich das nicht zunutze macht. So hätte sie auch ganz auf diesen theoretischen Bezug verzichten können.

Darüber hinaus löst Beckers direktes Vorgehen bei der vergleichenden Textanalyse – die Verfolgung der sogenannten Diskussionslinien – einiges Erstaunen aus. Die Autorin spricht selbst von einem provokativen Vorgehen, was zutrifft. Denn zum einen ist völlig ungeklärt, warum die Autorin die verwendeten Gegensatzpaare auswählt. Zwar gehören einige davon zum elementaren Bestandteil politisch-theoretischer und feministischer Diskussionen (u.a. öffentlich-privat, Gleichheit-Differenz), dennoch wäre eine Begründung der genauen Auswahl wünschenswert gewesen. Zum anderen gibt Becker einleitend kurze Einführungen in die jeweiligen Begriffe, die ihren historischen politisch theoretischen Hintergrund beleuchten sollen, in der Anwendung auf die ausgewählten Texte verlieren diese Begriffe jedoch oftmals jeden theoretischen oder politischen Gehalt und werden wesentlich alltagssprachlich verwendet.

Fazit

Alles in allem ist festzustellen, dass die Untersuchung, die Regina Becker in diesem Buch vorlegt, im Kontext der aktuellen Pflegewissenschaften eine wirkliche Bereicherung darstellt. Feministische Analysen, die sich mit der Frage der Geschlechterverhältnisse in der beruflichen und Laienpflege kranker und älterer Menschen beschäftigen, sind dort noch immer – oder vielleicht auch immer weniger – Thema. Während es für die soziale Arbeit kaum noch Fragestellungen gibt, die nicht im Hinblick auf die Genderproblematik aufgeworfen wurden, ist das im Bereich der Pflege kaum der Fall. Dabei sind solche Fragestellungen in diesem Frauenberuf und auch in der überwiegend von weiblichen Laien durchgeführten häuslichen Versorgung von zentraler Bedeutung. Dabei ist es besonders erfreulich, wenn solche Untersuchungen von Personen durchgeführt werden, die die Pflegepraxis kennen und nicht von WissenschaftlerInnen, die sich dem Thema allein theoretisch zu nähern versuchen.

Allerdings sollte auch die theoretisch methodische Überfrachtung erwähnt werden. Weniger, dafür aber ein gründlicher ausgearbeitetes Instrumentarium könnte zur Verminderung von Irritationen und Verärgerung bei der Leserin führen. Bei allen, auch gravierenden theoretischen Mängeln der vorliegenden Arbeit zeigt die Autorin doch ein breites Spektrum von Gegenständen auf, die einer weiteren Analyse zugänglich gemacht werden müssen.


Rezensentin
Dr. Eva-Maria Krampe
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Zitiervorschlag
Eva-Maria Krampe. Rezension vom 28.05.2009 zu: Regina Becker: Beratung von pflegenden Angehörigen. Kassel University Press (Kassel) 2008. 290 Seiten. ISBN 978-3-89958-401-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6685.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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