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Dagmar Brand, Veronika Hammer (Hrsg.): Balanceakt Alleinerziehend

Cover Dagmar Brand, Veronika Hammer (Hrsg.): Balanceakt Alleinerziehend. Lebenslagen, Lebensformen, Erwerbsarbeit. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 376 Seiten. ISBN 978-3-531-13822-0. 34,90 EUR.

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Thema des Buches

Das vorliegende Buch bildet den Abschlussbericht des zweijährigen Projektes "Alleinerziehende: Risiken und Chancen auf dem Arbeitsmarkt - Veränderung von Lebenslagen und Lebensformen". Durchgeführt in Thüringen wurden innerhalb der Studie 649 Alleinerziehende (94 % Frauen, 6 % Männer - damit entsprechend der bundesdeutschen Verteilung Alleinerziehender) mittels Fragebögen befragt; ebenso wurden Telefonbefragungen von Selbsthilfegruppen, biographische Interviews, Gruppendiskussionen, ExpertInneninterviews sowie Befragungen von Thüringer Unternehmen durchgeführt.

Repräsentative Ergebnisse zur Lebenssituation Alleinerziehender in Thüringen werden anhand der Ergebnisse ebenso dargestellt wie Verknüpfungen zwischen Lebenslagen und Lebensformen Alleinerziehender und deren daraus resultierenden Risiken und Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Theorie und Empirie sorgen dabei für das Fundament, auf das bei Übertragung der Ergebnisse auf Alleinerziehende sowie auf andere Familienformen in ganz Ostdeutschland und auf Bundesebene, am Ende auch familienpolitische Forderungen aufgebaut werden können.

Deutlich wird , dass Einelternfamilien nicht als eine Problemgruppe an sich zu sehen sind, sondern dass es sich um eine Familienform handelt, die strukturell mit spezifischen Lebensumständen verknüpft ist, auf die bedarfsgerecht einzugehen ist und deren Risiken durchaus erheblich sein können.

Die AutorInnen

Die beiden Sozialwissenschaftlerinnen Dagmar Brand und Veronika Hammer als Herausgeberinnen des Buches haben das angegebene Projekt verantwortlich gestaltet und nachfolgend durchgeführt. Die AutorInnen der einzelnen Kapitel setzen sich aus insgesamt fünf Beteiligten der einzelnen Verbundpartner des Projektes zusammen - bieten jedoch eine angenehm durchgängige Blick- und Schreibweise auf bzw. zum Thema.

Aufbau und Inhalt

Der Inhalt des Buches gliedert sich in fünf große Themenkomplexe mit unterschiedlicher Ausführlichkeit

Kapitel 1 Problemhintergrund und Forschungsansatz

Dieses Kapitel erläutert zu Beginn in aller Kürze, aber mit prägnanter Deutlichkeit die Projektausgangssituation in Bezug auf den in West- und Ostdeutschland etablierten Familienbegriff sowie die Bezeichnung "Alleinerziehende" und deren sich wandelnde Bewertung. Desweiteren stellt es die Veränderungen des Arbeitsmarktes in Ostdeutschland nach der Wende und die Partizipation von Frauen, und hier besonders von alleinerziehenden Frauen, an diesem vor. Das methodische Vorgehen innerhalb der Studie wird nachvollziehbar dargestellt.

Kapitel 2 Heterogenität der Lebenslage Alleinerziehender

In diesem Kapitel wird die grundlegende Heterogenität der Gruppe der Alleinerziehenden, die sich sowohl durch strukturelle Bedingungen unterscheidet wie auch durch eigene innere Einstellungen zu ihrer Lebensform, deutlich herausgearbeitet. Eine grobe Unterteilung der befragten Alleinerziehenden in fünf Cluster wird begründet, deren Darstellung mit der - in dem Zusammenhang eher überraschenden - Hypothese beginnt, dass es ungefähr einem Drittel aller Alleinerziehenden ausgesprochen gut geht, die verbleibenden zwei Drittel jedoch in Gruppen mit spezifische Problemen und Risiken unterteilt werden können.

Kapitel 3 Alleinerziehende: Lebenslagen und Lebensformen

Im Wissen darum, dass Clusterbildungen immer Unschärfen aufweisen und der Realität nicht in vollem Umfang gerecht werden können, wird in diesem Kapitel eine deutlich größere Differenzierung versucht und nachfolgend eine Vielzahl von Subgruppen gebildet mit einer Verknüpfung unterschiedlichster Einzelaspekte. Dabei werden folgende Aspekte ausführlich dargestellt und abschließend in je einem kurzen Fazit auch im Zusammenhang bewertet:

3.1. Die Lebensform "Alleinerziehend"

3.2. Institutionalität und Pluralität - die alltägliche Organisation der Kinderbetreuung

3.3. Finanzielle Lage

3.4. Soziale Beziehungen und soziale Unterstützung

3.5. Einschätzung der Lebenssituation

3.6. Lebenslagen und Lebensverläufe - die Alltagsbewältigung Alleinerziehender

3.7. Selbsthilfegruppen Alleinerziehender

3.8. Lebenslagen Alleinerziehender aus ExpertInnensicht

Für den/ die LeserIn, deren/dessen Zeit nur für Essenzen reicht, das wichtigste Kapitel:

3.9. Zusammenfassung: Lebenslagen und Lebensformen.

Nicht wirklich neu oder überraschend dabei drei wichtige Forderungen, die innerhalb der Ausarbeitungen immer wieder genannt werden:

- gesellschaftliche Anerkennung Alleinerziehender

- finanzielle Absicherung von Alleinerziehenden (und aller Familienformen)

- angemessene und gesicherte Kinderbetreuung

Kapitel 4 Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt

Dieses zweitgrößte Kapitel umfasst die Darstellung und Kommentierung sämtlicher untersuchter Zusammenhänge bezüglich der Situation Alleinerziehender auf dem Arbeitsmarkt wie Erwerbs- und Nichterwerbstätigkeit, berufliche Qualifikation und Re-Integration, das Selbstverständnis und die Familienorientierung erwerbstätiger und erwerbsloser Alleinerziehender sowie auch Betrachtungen der Bezüge Alleinerziehender zu Arbeitsamt und Arbeitsvermittlern sowie zu Unternehmen. Dank der sich jedem Unterpunkt anschließenden Zusammenfassungen lassen sich die Ergebnisse der jeweiligen Untersuchungen immer wieder in Kürze nachlesen.

Kapitel 5 Schlussfolgerungen

Ausgehend von den Ergebnissen werden in diesem Kapitel Impulse gegeben für die Arbeit all jener, die im Zusammenleben mit Alleinerziehenden entscheidend sind - in politischer, wirtschaftlicher oder professioneller Hinsicht. Ansatzweise wird ein Konzept zur beruflichen Qualifizierung alleinerziehender Frauen entwickelt, das die Erkenntnisse der Studie bereits berücksichtigen kann. Wie viele wissenschaftliche Arbeiten endet auch dieser Projektbericht mit reichlich offenen Fragen, die sich für weitere Anschlussforschungen anbieten würden.

Zielgruppe

Am ehesten wünsche ich diesem Buch viele LeserInnen aus dem Bereich der Politik - nicht nur der Landespolitik Thüringens - sondern auch aus der übrigen Bundespolitik: all jenen nämlich, die Entscheidungen in Zukunft treffen müssen bezüglich der Familienpolitik Deutschlands.

Tatsächlich sinnvoll als Basislektüre zum Thema ist es für (Sozial-) PädagogInnen, PsychologInnen sowie für alle, die mit Gruppen oder einzelnen Alleinerziehenden in den verschiedensten Bezügen arbeiten. Den Interessenverbänden der Alleinerziehenden liefert es hervorragendes, empirisch gesichertes Datenmaterial zur Durchsetzung Ihrer Forderungen. Ein Genuss ist es sicher für jeden Student / jede Studentin auf Materialjagd zum Thema "Alleinerziehende".

Fazit

Ein sinnvolles, sehr vielfältiges, komplexes Buch, das es aber schafft, eher Horizonte zu eröffnen als sich in der Vielfalt zu verzetteln. Ausführliche, empirisch begründete Darlegungen mit anschaulichem Tabellenmaterial sowie komplexe Zusammenhänge in griffigen Clusterformulierungen helfen, Wissen über Alleinerziehende sowohl sich selber anzueignen, wie dieses auch sinnbringend umsetzen zu können. Die Bedeutung der sozioökonomischen Bedingungen für eine gelingende Anpassung an jede Lebensform wird an vielen Stellen - nicht nur für Alleinerziehende, sondern für alle Familienformen - deutlich herausgearbeitet und bietet damit Ansatzpunkte für mögliche, strukturell notwendige Verbesserungen. Das Buch eignet sich als Arbeitsbuch zu den genannten Zusammenhängen - die wiederkehrenden Zusammenfassungen ermöglichen ein schnelles Auffinden der wichtigsten Ergebnisse.

Es stellt meines Erachtens einen sinnvollen Basisbestand zu diesem Thema für FH- und Uni-Bibliotheken dar sowie eine Pflichtlektüre für PolitikerInnen, mindestens für die Thüringens.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Claudia Haider
Kreissozialamt Mettmann, Regionalstelle Frau & Beruf
Schwerpunkte: Frauen in Erwerbsarbeit und Familienarbeit, Berufswahlorientierung für Mädchen
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Zitiervorschlag
Claudia Haider. Rezension vom 18.02.2003 zu: Dagmar Brand, Veronika Hammer (Hrsg.): Balanceakt Alleinerziehend. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 376 Seiten. ISBN 978-3-531-13822-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/669.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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