Jutta Ihle: Pflegerische Krisenintervention
Jutta Ihle: Pflegerische Krisenintervention. Forschungsergebnisse - Unterrichtskonzept - Bearbeitung von Fallbeispielen. Facultas Verlag (Wien) 2008. 176 Seiten. ISBN 978-3-7089-0081-0. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 42,60 sFr.
Thema
Zum Thema Krisenintervention gibt es zahlreiche Veröffentlichungen aus medizinischer, psychologischer oder psychiatrischer Sicht, die die Durchführung von Interventionen beschreiben. Kriseninterventionen gehören zu den berufsgruppenübergreifenden Tätigkeiten im Gesundheitswesen, klare Kompetenzgrenzen der jeweils primär angesprochenen Berufsgruppen sind i.d.R. wenig erkennbar.
Das vorliegende Buch unterscheidet sich hierbei von anderen Veröffentlichungen, denn es nimmt eine konsequent pflegebezogene Perspektive ein. Üblicherweise richtet sich der Ziel-Fokus auf die betroffene Person, während die Bezugspersonen nur am Rande Erwähnung finden. Auch an dieser Stelle positioniert sich das vorliegende Buch in innovativer Weise. Es erweitert die Perspektive über die betroffenen PatientInnen hinaus auf die der Angehörigen, basiert auf einem Literaturreview vorwiegend englischsprachiger Texte der Pflegeforschung. Für gelingende pflegebezogene Kriseninterventionen ist dies hochgradig relevant. Darüber hinaus ist es ein pädagogisch-didaktisches Buch, das sich an den Prinzipien nach Siebert (2000) orientiert. Zu jedem Kapitel gibt es Hinweise zur Vermittlung dieses Themas in Fortbildung oder Unterricht.
Autorin
Die Autorin lebt in der Schweiz, ist Pflegeexpertin Höhere Fachausbildung Stufe 2, sie ist Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, hat langjährige Lehrerfahrung in der Aus- und Weiterbildung von Pflegepersonen in Deutschland und in der Schweiz. Weiterhin ist sie stellvertretende Leiterin des Pflegedienstes und Ausbildungsverantwortliche am Inselspital in Bern.
Aufbau und Inhalt
Der Band enthält fünf Kapitel, ist übersichtlich und klar gegliedert.
Den eigentlichen inhaltsbezogenen Ausführungen voran gestellt ist ein Kapitel zu pädagogisch-didaktischen Grundlagen mit kurzen, fundierten Erklärungen. Begriffe wie z.B. Zielgruppe/Zielorientierung, TeilnehmerInnenorientierung, Perspektivverschränkung, Zeitlichkeit und Kontingenz finden hier Eingang. Es folgen Hinweise zum Umgang mit den Unterrichtsmaterialien und zu den für didaktische Zwecke hilfreichen Symbolen. Dieser Vorspann ist sinnvoll, denn jedem Kapitel folgt ein Fortbildungsteil.
- Das erste Kapitel befasst sich mit Basiswissen, Krisendefinitionen und Krisenmodellen. Ihle gibt Einblicke in wichtige Definitionen, macht aufmerksam auf verschiedene Ansätze, u.a. aus sozialpsychologischer und systemtheoretischer Sicht. Sie verdeutlicht Krisen auslösende Ereignisse und spezifiziert ihre Ausführungen mit pflegetheoretischen Erkenntnissen, u.a. zur Bedeutung von Übergängen im Krankheitsverlauf und zum Aufbau einer pflegerisch-therapeutischen Beziehung.
- Im zweiten Kapitel geht es um das Erleben in Krisensituationen. Hier schildert Ihle Beispiele von Krisen zunächst aus der Sicht von Betroffenen wie z.B. den Umgang mit einer lebensbedrohlichen Diagnose und das Erleben der Betroffenen nach Apoplex. Es folgen Forschungsergebnisse zum Erleben von Angehörigen, wenn ein Familienmitglied bewusstseinsgestört ist, auf einer Intensivstation liegt oder ein Kind schwer erkrankt ist (S. 70 ff.). Die Phänomene von Ungewissheit und langen Wartezeiten, u.a. beim Suchen nach einer geeigneten Pflegeeinrichtung gehören zu den häufigsten Erlebnissen der Angehörigen, insofern ist der hier vorliegende Exkurs besonders relevant. Im Fortbildungsteil thematisiert die Autorin Aspekte von Eigenwahrnehmung und Selbsterfahrung in Krisensituationen, die in einem geschützten Rahmen gut geeignet sind zur eigenen Aufarbeitung und zur Schärfung der Wahrnehmung für Ressourcen.
- Das Assessment in Krisensituationen und Krisenprävention ist Gegenstand des dritten Kapitels. Hier erläutert die Autorin zunächst Phänomene beim betroffenen Individuum, nachfolgend Beispiele auf der Familienebene. Ein Assessment mit Einbeziehung familiärer Bezugspersonen ist für die deutschsprachige Pflegelandschaft mit Blick auf die Versorgungslage sehr bedeutsam. Ihle gibt Hinweise auf familiäre Themen wie Krankheitseinsicht oder Schwierigkeiten der Familie im Umgang mit der Krankheit (S. 101 ff.). Die Bearbeitung dieser Elemente im Pflegeprozess kann wichtige Ressourcen erkennen helfen. Der pädagogische Teil zeigt praxisnahe Möglichkeiten zur Vermittlung des Themas, macht auf Chancen und Grenzen von Assessments gezielt aufmerksam.
- Um pflegerische Kriseninterventionen geht es im vierten Kapitel. Dies ist das "Herzstück" des Buches. Ihle nennt ausgewählte Definitionen und Merkmale von Kriseninterventionen, gibt einen Überblick über Stufenmodelle zur Durchführung einer Krisenintervention. Erneut nimmt sie eine pflegewissenschaftlich fundierte und reflektierte Perspektive ein, favorisiert begründet das Modell von Wright und Leahey (1994/2000). Positiv hervorzuheben ist hier erneut die übersichtliche Art der Darstellung, insbesondere bei den familienzentrierten Interventionen (S. 121 ff.), und bei den leitenden Fragen zum Erfassen von Copingstrategien (S. 125). Im weiteren Verlauf erläutert sie Verfahrensschritte und Beispiele von kognitiv bezogenen, verhaltens- und emotionsbezogenen Interventionen, gibt konkrete Hinweise (z.B. für die Begegnung mit Angehörigen auf Intensivstationen). Ein Qualitätsmerkmal dieses Kapitels sind neben den für PraktikerInnen hilfreichen konkreten Hinweisen die Einblicke in Ergebnisse von Forschungsprojekten (S. 142 ff.). Abschließend betont Ihle die Notwendigkeit gezielter Kompetenzentwicklung auf Seiten der Pflegenden und fasst ihre Aussagen in praxisbezogenen Richtlinien (S. 153) bündig zusammen.
- Ausgewählte Aspekte von Evaluation stehen im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Thematisiert werden in übersichtlicher und nachvollziehbarer Weise Kriterien zur Ergebnismessung pflegerischer Krisenintervention und zur Dokumentenanalyse. Der abschließende Fortbildungsteil mit Übungen zur Analyse konkreter Pflegedokumentationen rundet den niveauvollen Eindruck des Buches ab.
Zielgruppe
Menschen mit pflegebezogenem, pädagogisch-psychologischem Tätigkeitsfeld, in Aus- und Fortbildungen oder in der Lehre an Hochschulen werden mit dem Buch grundlegendes und weiterführendes Material für die Auseinandersetzung mit Kriseninterventionen vorfinden. Auch für Personen in einschlägiger Weiterbildung oder im Studium ist es empfehlenswert. Die Autorin gibt aktuelle, fundierte Einblicke in Modelle von Krisen und Kriseninterventionen, ohne sich einseitig in theorie- oder praxisbetonten Aspekten zu verlieren. Durch die pädagogisch gekonnt aufbereiteten Hinweise am Ende jedes Kapitels ist es ein Fach- und Lehrbuch besonderer Art. Das Buch kann Personen aus den genannten Zielgruppen zur Anschaffung empfohlen werden, darüber hinaus sollte es Eingang finden in Bibliotheken von Weiterbildungsinstituten und von Hochschulen.
Fazit
Dar Band ist aktuell und gut recherchiert, fachlich anspruchsvoll, zugleich überwiegend gut und flüssig lesbar. Die jeweiligen Teile sind sorgfältig und systematisch bearbeitet, an vielen Stellen mit praxisnahen Hinweisen belegt. Die gelegentlichen vertiefenden Erläuterungen am Rand sind hilfreich und gut platziert.
Das Format des Buches (DIN A 4) und seine Spiralbindung verstärken die lesefreundliche Wirkung, insbesondere was Schaubilder und Übersichten betrifft. Es ist ein niveauvolles Buch mit anschaulichen Abbildungen und fundiertem Inhalt, dem ich viele LeserInnen wünsche.
Rezensentin
Prof. Dr. Margret Flieder
Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Fachbereich Pflege- und Gesundheitswissenschaften
Homepage web.efhd.de/mf_start.html
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Zitiervorschlag
Margret Flieder. Rezension vom 09.12.2008 zu: Jutta Ihle: Pflegerische Krisenintervention. Facultas Verlag (Wien) 2008. 176 Seiten. ISBN 978-3-7089-0081-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6729.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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