Friedhelm Steffens: Integrations- und Segregationsmuster (türkische Migranten)
Friedhelm Steffens: Integrations- und Segregationsmuster von türkischen Migranten. Menschen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2008. 354 Seiten. ISBN 978-3-8300-3736-1. 88,00 EUR.
Schriftenreihe Studien zur Migrationsforschung - Band 9.
Thema, Hintergrund und Zielsetzung
Im Rahmen eines bilateralen Abkommens wurden die ersten türkischen Arbeitnehmer im Jahre 1961 angeworben. Inzwischen ist aus der zuerst befristeten Arbeitsmigration längst eine dauerhafte Migration geworden. Die Kinder und Enkelkinder der ersten angeworbenen türkischen Arbeitnehmer sind in Deutschland aufgewachsen. In vielen deutschen Großstädten pulsiert das türkische Leben in hochverdichteten ethnischen Wohnvierteln. Dies erzeugt bei der einheimischen Bevölkerung Befürchtungen der Entwicklung einer Parallelgesellschaft, die sich am Beispiel der kontroversen Debatte um die geplante symbolträchtige Moschee in Köln aufzeigen lassen. (Vgl. hierzu die Rezension zu Franz Sommerfeld (Hrsg.): Der Moscheestreit. Köln 2008).
Der Autor der vorliegenden Arbeit möchte "die Befürchtungen der nicht muslimischen Kölner Bevölkerung aufgreifen und der Frage bezüglich der Integration und Segregation und damit der möglichen Entwicklung einer Parallelgesellschaft der türkischen Bevölkerung innerhalb Kölns nachgehen." (S. 3)
Entstehungshintergrund
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Dissertation an der FernUniversität in Hagen, Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, aus dem Jahr 2008.
Autor
Friedhelm Steffens studierte Betriebswirtschaftslehre (FH) sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie (M.A.) an der FernUniversität Hagen. Er arbeitet seit 1976 bei der Ford-Werke-GmbH. Laut seinen Angaben hatte er in den 1970er Jahren mit den damaligen Gastarbeitern, heute beruflich häufig mit Vertretern der zweiten Generation ehemaliger türkischer Gastarbeiter zu tun.
Das Forschungsdesign
Die der Arbeit zugrunde liegenden Forschungsfragen lauten:
- "Wie entwickelten sich die türkischen Wohnwelten topografisch innerhalb des Stadtgebiets von Köln seit Beginn der Migration im Jahre 1961 bis heute?
- Welche Stabilitäten und Umbrüche gab es in der Arbeits- und Lebenswelt zwischen der ersten und zweiten Generation?
- Folgen die residentiellen Segregationslinien religiösen, ethnischen oder sozioökonomischen Kriterien oder sind die Zusammenhänge multikausal?
- Durch welche endogenen und exogenen Mechanismen und deren Wechselwirkungen wird die Integration oder Segregation der Türken in die Arbeits- und Lebenswelt in Köln maßgeblich beeinflusst?
- Folgt die Migrationsgeschichte der Türken entlang einer Generationen-Sequenz (…) hin zu einer Integration oder entwickelt sich diese Gruppe zu einer Parallelgesellschaft?" (S. 7)
Steffens' Forschungsdesign besteht zum einen aus einem qualitativen Forschungsprozess, in dem mitunter anhand Leitfragen-Interviews folgende Personengruppen befragt wurden: 20 türkische/türkischstämmige aktive und ehemalige Ford-Mitarbeiter und Bewohner Kölns der ersten Generation (ehemalige Gastarbeiter), 20 türkische/türkischstämmige aktive Ford-Mitarbeiter und Bewohner Kölns der zweiten Generation und zwei Experten: ein ehemaliger Mitarbeiter der Ford Personalabteilung, der für die besondere Betreuung der türkischen Gastarbeiter zuständig war, sowie ein ehemaliger türkischer Betriebsrat der ersten Generation der Ford-Werke. Als weitere Quellen wurden Aggregatdaten der BRD und der Stadt Köln (Bevölkerungsstruktur/Wanderungsbewegungen, Beschäftigungsstrukturen, Arbeitslosigkeit, Wohnsituation, Sozialhilfebezug usw.) sowie unveröffentlichte aggregierte Personendaten der Ford-Werke Köln herangezogen und analysiert sowie Ortsbegehungen in besonders verdichteten türkischen Wohnvierteln vorgenommen.
Aufbau und Inhalt
Abgesehen von der Einleitung, in der Steffens die Intention der Arbeit, die Methoden und Vorgehensweise, die theoretische Einbindung sowie den Aufbau seiner Arbeit skizziert, besteht die Arbeit aus drei Teilen. An das letzte Kapitel knüpfen Schlussfolgerungen.
- Unter der Überschrift Der Fremde als Symbol gesellschaftlicher Modernisierung wird in dem ersten Teil (Kapitel 2) die theoretische Einbindung der Arbeit beschrieben. Der Autor beschäftigt sich hierbei zunächst ausführlich mit dem Begriff des Fremden, dann kurz mit der gesellschaftlichen Modernisierung. Er geht dann auf die "Veränderung der Industriegesellschaft am Beispiel des (Post)Fordismus" ein und schließt den ersten Teil mit "mögliche(n) Ausgänge(n) des Kulturkontaktes zwischen Einheimischen und Fremden" ab.
- Der zweite Teil besteht aus zwei Kapiteln und zeigt die Ergebnisse einer Literaturrecherche über die allgemeinen Strukturdaten der türkischen Bevölkerung in Deutschland. Als erstes (Kapitel 3) beschreibt Steffens die Türkische Arbeitsmigration in die BRD, d.h. die Geschichte der ersten Generation als Gastarbeiter mit Rückkehrabsichten. Besondere Beachtung schenkt er hier der Analyse der soziokulturellen Strukturen der Türkei als Herkunftsgesellschaft, da er davon ausgeht, dass diese neben dem sozialräumlichen Handeln auch die Lebensentwürfe der ersten Generation in Deutschland entscheidend prägten. In dem darauf folgenden Kapitel 4 geht der Autor analog zur ersten Generation auf die Erwerbsmuster, Lebensentwürfe und Wohnformen der zweiten Generation ein, da dieser intergenerative Vergleich "bereits erste Hinweise darüber liefern (könnte), inwieweit es zwischen der ersten und zweiten Generation bereits zu Umbrüchen in den zu vergleichenden Dimensionen gekommen ist." (S. 14)
- Der dritte Teil besteht ebenso aus zwei Kapiteln und enthält den eigentlichen Kern der Arbeit. Im ersten Kapitel (Kapitel 5) skizziert Steffens unter der Überschrift Türkische Arbeits- und Wohnwelten in Köln am Beispiel der Ford-Werke, zunächst die Geschichte der ersten türkischen Ford-Mitarbeiter vom Zeitpunkt ihrer Anwerbung, über den beruflichen Einsatz bei Ford sowie über ihre Wohn- und Lebensverhältnisse in Köln im Zeichen der Modernisierung. Anschließend stellt der Autor die Umbrüche in der Arbeitswelt bei Ford kurz vor und diskutiert die durch diese Umbrüche sich veränderten Anforderungen schulischer und beruflicher Art für die zweite Generation. Es folgt dann die Untersuchung der historischen Entwicklung türkischer Wohnwelten in Köln. Wie der Zwischentitel "Residentielle Segregation der Türken in Köln" zeigt, geht es hierbei darum, anhand der Strukturdaten der Stadt Köln, internen Dokumenten der Ford-Werke sowie persönlichen Ortsbegehungen aufzuzeigen, wie sich die Muster der Achsenverschiebung türkischer Knotenpunkte seit Beginn der Migration bis heute verändert haben. Dabei interessiert den Autor besonders die Frage, "ob die heutigen Agglomerationen türkischer Wohnwelten in einigen Kölner Stadtteilen sozioökonomischen, ethnischen oder gar religiösen Ursachen folgen oder ob diese multi-dimensional sind." In Kapitel 7 mit der Überschrift Integrations- und Segregationsmuster der Ford-Mitarbeiter in Köln folgen dann die Analysen der durchgeführten Interviews.
- Im abschließenden Kapitel 7 Schlussbemerkungen fasst der Autor auf knapp fünf Seiten die Ergebnisse seiner Arbeit mit einem Ausblick auf zukünftige Forschungsprojekte zusammen.
Diskussion
Steffens Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Fremden in der gesellschaftlichen Modernisierung unter Bezugnahme auf die klassischen und aktuellen soziologischen Ansätze ist genauso präzise wie seine Beschreibung der türkischen Arbeitsmigration in die BRD. Er diskutiert zudem recht plausibel die Verunsicherungen bei den Einheimischen und Migranten im Übergang von der modernen zur postmodernen Gesellschaft und die Integrationschancen unter Einbezug von Forschungsergebnissen. Seine Analysen der Migrationsverläufe mit den Stationen der Wohnkarrieren der türkischen Ford-Mitarbeiter in Köln sind anschaulich und gründlich.
Der Autor stellt fest, dass es den Türken "deutlich schlechter als den ehemaligen Gastarbeiternationen gelungen (ist), sich auf den signifikanten Umbruch von der ehemaligen fordistischen Massenproduktion, die noch der ungelernten Gastarbeiter bedurfte, auf die postfordistische Arbeitswelt umzustellen, die für diesen industriellen Archetyp höchstens noch marginale Beschäftigungsverhältnisse bereithält, ansonsten jedoch zunehmend auf hochqualifizierte Mitarbeiter setzt." (S. 319). Diese Feststellung des Autors überrascht nicht, da dies bereits durch zahlreiche andere Veröffentlichungen bekannt ist. Genauso wenig überraschend ist die Tatsache, dass sich unter den Angehörigen der zweiten Generation zwischen den Antagonisten und Protagonisten einer erfolgreichen Integration verschiedene Gruppierungen ausdifferenziert haben. Steffens hebt dann zwar hervor, dass der relative Anteil der Protagonisten unter den in der BRD lebenden Türken nicht unterschätzt werden sollte (S. 317), gleichzeitig bleibt jedoch nicht ganz nachvollziehbar, warum er im Schlussteil eine auf die Antagonisten bezogene Diskussion über die Zukunft führt, die eigentlich überflüssig ist, da sie eher auf Spekulation ("die Aufnahme der Türkei in die EU könnte …") beruht als auf Tatsachen.
Fazit
Abgesehen davon, dass die Veröffentlichung mit 88,- Euro sehr teuer ist, dass die 68 Tabellen und 20 Abbildungen zum Teil sehr klein geraten und deshalb schwer lesbar sind, ist das vorliegende Buch gut gegliedert und gut lesbar. Es enthält einen sehr lohnenden Überblick zu der Migrationsgeschichte und zum Integrations- und Segregationsmuster der türkischen Ford-Mitarbeiter in Köln.
Diese Veröffentlichung kann daher den migrationshistorisch, integrationstheoretisch und/oder wissenschaftlich interessierten Personen durchaus empfohlen werden.
Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 15.01.2009 zu: Friedhelm Steffens: Integrations- und Segregationsmuster (türkische Migranten). Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2008. 354 Seiten. ISBN 978-3-8300-3736-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6759.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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