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Lorenz Böllinger, Heino Stöver (Hrsg.): Drogenpraxis, Drogenrecht, Drogenpolitik

Cover Lorenz Böllinger, Heino Stöver (Hrsg.): Drogenpraxis, Drogenrecht, Drogenpolitik. Handbuch für Drogenbenutzer, Eltern, Drogenberater, Ärzte und Juristen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2002. 5., vollständig überarbeitete Auflage. 640 Seiten. ISBN 978-3-931297-59-6. 14,90 EUR.
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Bedeutung der Veröffentlichung

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um die fünfte und vollständig überarbeitete Auflage eines mittlerweile 20 Jahre alten "Klassikers" (Erstauflage 1982), der sich im Laufe seines Bestehens als wertvolle Informationsquelle für die im Bereich der Drogenhilfe Tätigen etablierte. Zu Recht darf dieses Buch daher, nicht nur aufgrund seiner weiten Verbreitung, als ein "Standardwerk" betrachtet werden, dessen Lektüre allen Praktikern der Drogenhilfe (Drogenberatern, Ärzten und Juristen) auch weiterhin angeraten ist. Es eignet sich aber ebenso für Konsumenten illegalisierter Drogen und deren Angehörige und kann im übrigen auch dem interessierten Laien oder Politiker einen umfassenden Eindruck über Möglichkeiten und Probleme der Drogenhilfe verschaffen.

Konzeption

Im Unterschied zur Konzeption der vorangegangenen Auflagen setzt sich die aktuelle Ausgabe aus mehr als 40 Einzelbeiträgen von nahezu 50 Autoren verschiedener Praxisfelder und Fachdisziplinen zusammen und versucht, auf diesem Wege der zunehmenden Komplexität der Drogenhilfe und -Politik inhaltlich gerecht zu werden. Wie auch in den vorangegangenen Auflagen hält auch diese Ausgabe den Anspruch aufrecht, zu einer "Bemündigung" (anstelle einer Entmündigung) der Drogenkonsumenten beizutragen. Dementsprechend sind viele Autoren der Publikation auch dem "Lager" einer akzeptanzorientierten Drogenhilfe zuzuordnen.

Aufbau und Inhalte

Die 640 Seiten umfassende Publikation teilt sich in die folgenden sechs Kapitel auf: "Grundlagen", "Lebensbereiche und Hilfsangebote", "Methodik/Evaluation und Dokumentation", "Drogenpolitik", "Drogenrecht" und "Drogenhilfe und Sozialrecht".

Im Kapitel "Grundlagen" werden zunächst in zwei Beiträgen zum Drogenkonsum als Lebensstil und/oder Krankheit sowie zu den Theorien und Modellen zur Entstehung und dem Verlauf der Drogenabhängigkeit (Degwitz) die einander widerstreitenden Deutungen im Problemfeld Drogen dargestellt. Weiterhin findet man in diesem Kapitel Artikel zur Drogenselbst­hilfeförderung (Hentschel/Schäffer), zur Verbindung zwischen Drogen­abhängigkeit und psychischen Störungen (Verthein/Krausz), sowie zur Eltern- bzw. Angehörigenarbeit (Fischer) und zur frauenspezifischen Drogenarbeit (Trinkler/Spreyermann).

Der inhaltliche Schwerpunkt der Publikation liegt, dem Anspruch als Handbuch für die praktische Drogenarbeit entsprechend, im Praxisbereich. Allein auf das zweite Kapitel "Lebensbereiche und Hilfsangebote" entfallen 16 Beiträge, die von der Hepatitis-Prophylaxe (Stöver) über die Gesundheitsförderung für Beschaffungsprostituierte (Zurhold) und Drogennotfall-Prophylaxe (Leicht), bis hin zur beruflichen Integration als neues Arbeitsfeld der Drogenhilfe (Beierlein) und zum Wohnen als Integrationshilfe (Gerlach) vielfach bislang weniger beachtete Themenbereiche behandeln. Auch findet man in diesem Kapitel neben einer Darstellung der "Kontaktläden" und "Konsumräume" (Stöver) als mittlerweile etablierte Angebote der akzeptanzorientierten Drogenhilfe einen Überblick über die bestehenden therapeutischen Ansätze: stationäre Langzeittherapie und Nachsorge (Alves/Evers), Akutbehandlung Drogenabhängiger (Heudtlass), ambulante Rehabilitation für Drogenabhängige (Alvers/Evers), Substitutionsbehandlung und heroingestützte Behandlung Opiatabhängiger (Follmann/Gerlach und Michels).

Neben diesen Artikeln enthält dieses Kapitel mit einem Artikel zum Wandel der Präventionsansätze weg von der Abschreckungspädagogik hin zur Gesundheitsförderung (Püschl/Schlömer), einem Artikel zur Prävention bei Partydrogenkonsumenten (Schroers) und dem Artikel zur Anwendbarkeit des Kinder- und Jugendhilfegesetz bei drogenabhängigen Jugendlichen (Schöne), immerhin drei Beiträge, die sich in spezifischer Weise dem Problemkreis "Jugend und Drogen" zuwenden. Kapitel zwei schließt ab mit einem Artikel zur grenzüberschreitenden Drogenhilfe (Klebeck/ Neuer).

Auch das dritte Kapitel des Buches mit der Überschrift "Methodik/Evaluation und Dokumentation" hält den deutlichen Praxisbezug der Publikation in seinen 13 Artikeln aufrecht. Zunächst wenden sich Lütkens und Kalke in ihren Beiträgen zur Qualitätssicherungsdebatte und den elektronischen Dokumentationssystemen für die Sucht- und Drogenhilfe dem Bereich der Dokumentation, Planung und Evaluation zu. Daran schließen sich die Artikel zur Methodik der Drogenhilfe an. Hier finden sich neben Beiträgen zur motivierenden Beratung (Vogt, Schmid), zum Streetwork (Steffan/Stürmer), zum Case-Management (Schu), zur Online-Beratung (Brüning) und telefonischen Drogenberatung (Happel) auch Artikel zum Peer Support (Stöver), der Psychoedukation (Farnbacher Basdekis-Jozsa/Krausz) und der Akkupunktur in der Drogenentzugsbehandlung (Bernhard). Mit einem Beitrag zum Antigewalt- und Deeskalationstraining (Wilkens) richtet man die Perspektive auch auf die Mitarbeiter von Suchtkrankeneinrichtungen. Das Kapitel schließt mit zwei Beiträgen zum helfenden Zugang und Umgang mit der in letzter Zeit wachsenden Klientenpopulation der nicht-deutschen Drogenkonsumenten: Drogenabhängige aus dem türkisch-arabischen Sprach- und Kulturraum (Kaya-Heinlein) sowie MigrantInnen aus der GUS (Osterloh).

Das vierte Kapitel zur Drogenpolitik mit lediglich einem Artikel zu alternativen Drogenkontrollmodellen (Schmidt-Semisch) fällt im Vergleich zum Umfang und der inhaltlichen Breite der anderen Kapitel sowie angesichts der Tatsache, dass der Begriff der Drogenpolitik im Titel der Publikation geführt wird, recht dürftig aus.

Im fünften Kapitel "Drogenrecht" stellt Böllinger in zwei Artikeln strafrechtliche und außerstrafrechtliche Sanktionen (z.B. Psychiatrisierung, Entzug der Fahrerlaubnis) gegenüber Drogenkonsumenten auf. Gerade diese Beiträge wenden sich in direkter Form an den Konsumenten illegalisierter Drogen und können aufgrund ihrer, auch für Nicht-Juristen gut verständlichen Form, zur dringenden Lektüre für jeden Drogenkonsumenten empfohlen werden. In einem weiteren Beitrag wendet sich Böllinger an die im Bereich der Drogenhilfe tätigen Praktiker und legt die rechtliche Situation u.a. von Medizinern, Apothekern, Psychologen, Sozialarbeitern, Ärzten und Drogenberatern dar. Ergänzt wird dieses Kapitel durch zwei Beiträge zur Zurückstellung der Strafvollstreckung zugunsten einer Drogentherapie (Körner) sowie zu Platzverweisen und Aufenthaltsverboten als immer weiter verbreitete ordnungspolitische Maßnahmen gegen "offene Drogenszenen" (Lesting).

Das letzte Kapitel der Publikation ist mit dem Titel "Drogenhilfe und Sozialrecht" überschrieben und enthält zwei Artikel (Busse), die sich eingehend und praxisnah mit den Möglichkeiten der Finanzierung der Drogenhilfe beschäftigen. Zunächst werden die seitens staatlicher und privater Einrichtungen und Versicherungen vorhandenen Hilfen dargestellt, um dann Wege aufzuzeigen, diese Hilfen in Anspruch nehmen zu können.

Die Publikation schließt mit einem Stichwortverzeichnis und einem Autorenregister ab.

Diskussion

Aufgrund des Umfangs des Buches und der Vielzahl der behandelten Themen ist hier auf eine Einzelwürdigung der Beiträge verzichtet worden. Die große Bandbreite der überwiegend durchweg gut verständlich abgefassten Artikel abgedeckter Themen dürfte dennoch ersichtlich geworden sein. Zu kritisieren ist an diesem Buch nicht viel, monieren kann man höchstens die Dinge, die dieses Buch nicht enthält, aber aufgrund seines Titels enthalten könnte. Inhaltlich fokussiert diese Publikation eindeutig in großen Teilen auf die Problematik des opiatabhängigen erwachsenen Drogenkonsumenten. Andere illegalisierte Drogen spielen eine deutlich geringere Rolle: Zu den Partydrogen findet man, ebenso wie zu Cannabis (als der in Deutschland am weitesten verbreiteten illegalisierten Droge), jeweils nur einen spezifischen Beitrag (wenngleich Böllingers Beiträge zum Drogenrecht, bzw. zum Umgang der Polizei und Justiz mit den Drogenkonsumenten für die Konsumenten aller illegalisierter Drogen als potentiell "Kriminalisierungsgefährdete" lesenswert ist). Legale Drogen spielen in dieser Publikation keine Rolle. Kritisieren könnte man auch, dass sich das Buch in nur einem Artikel in spezifischer Weise mit der Drogenpolitik auseinandersetzt (und dabei alternative Drogenkontrollmodelle in erster Linie für den Cannabiskonsum diskutiert).

Insgesamt aber läuft eine solche Kritik angesichts der Praxis der Drogenhilfe (hier stellen ja gerade opiatabhängige erwachsene Drogenkonsumenten die Mehrzahl der Klienten dar), des Umfangs der Publikation (auch bei 640 Seiten können nicht alle Thematiken in der gleichen Tiefe behandelt werden) und der Forschungslage (was Drogenpolitik eigentlich ist, was ihre Akteure und deren Motive und Ziele sind, etc. ist ein bis heute unzureichend bearbeitetes Feld) ins Leere.

Fazit

In Anbetracht des guten Preis- Leistungsverhältnisses der Publikation kann der Rezensent daher unbedenklich den Kauf dieses Buches empfehlen (und selbstverständlich in erster Linie angesichts des Inhaltes, auch dessen Lektüre).


Rezensent
Dipl. Soz.-Wiss. Kurt Groll
Dipl.-Soz.Wiss. Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Forschungsprojekt "Kommunale Drogenpolitik"
Lehrbeauftragter (Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle) des FB Wirtschaftswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Kurt Groll. Rezension vom 25.03.2003 zu: Lorenz Böllinger, Heino Stöver (Hrsg.): Drogenpraxis, Drogenrecht, Drogenpolitik. Handbuch für Drogenbenutzer, Eltern, Drogenberater, Ärzte und Juristen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2002. 5., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-931297-59-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/676.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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