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Mirjana Zipperle: Organisationsentwicklung und Fachlichkeit

Cover Mirjana Zipperle: Organisationsentwicklung und Fachlichkeit. Eine Fallstudie zur Neustrukturierung von Beratungsdiensten im Jugendamt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 184 Seiten. ISBN 978-3-531-15898-3. 29,90 EUR.

Reihe: VS research. Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft.
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Thema

„Soziale Dienste stehen unter zunehmendem Veränderungsdruck, dem häufig mit Organisationsentwicklungsprozessen begegnet wird. Mirjana Zipperle untersucht am Beispiel eines Neustrukturierungsprozesses eines Allgemeinen Sozialdienstes und einer Erziehungsberatungsstelle in einem Jugendamt, inwieweit über Organisationsveränderung fachliche Entwicklungen initiiert werden. Diese Frage wird vor dem Hintergrund einer theoretisch hergeleiteten aktuellen Fachlichkeit für Dienste in der Jugendhilfe gestellt und empirisch an Hand von Experteninterviews mit den betroffenen MitarbeiterInnen beantwortet. Die Autorin macht die verschiedenen Motive der untersuchten Organisationsveränderung deutlich und diskutiert sie aus sozialpädagogischem Blickwinkel.“ (Klappentext).

Autorin

Diplom-Sozialwirtin und Diplom-Pädagogin Mirjana Zipperle ist wissenschaftliche Angestellte am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Organisationen der Jugendhilfe und Kooperation Jugendhilfe – Schule.

Aufbau …

  1. Jugendhilfe im Wandel
  2. Allgemeiner Sozialdienst und Erziehungsberatung – Gegenstand und Herausforderungen
  3. Entwicklungen in A. (Zusammenlegung von ASD und Erziehungsberatung in A.)
  4. Methodisches Vorgehen der empirischen Untersuchung
  5. Der Entstehungsprozess des Beratungszentrums
  6. Veränderungen durch den Zusammenschluss zum Beratungszentrum
  7. Perspektive des Beratungszentrums
  8. Abschließende Betrachtungen

… und Inhalt

  1. Im Kapitel „Jugendhilfe im Wandel“ werden die wichtigen Impulse für die fachliche und organisatorische Weiterentwicklung der Jugendhilfe beschrieben. Die Autorin nennt die aktuelle Theoriediskussion (Lebensweltorientierung, Dienstleistungsorientierung, Sozialraumorientierung) und das KJHG als zeitgemäße fachliche Grundlage für den notwendigen Wandel der Hilfeformen und der Organisation.
  2. Das Kapitel Allgemeiner Sozialdienst und Erziehungsberatung – Gegenstand und Herausforderungen“ befasst sich die Autorin mit Geschichte, Selbstverständnis und aktuellem Forschungsstand von ASD und Erziehungsberatung. Dabei werden die zugänglichen Studien aufgegriffen und zusammengefasst und parallele Herausforderungen für beide Dienste festgestellt (u. a. komplexe Problemlagen, Ressourcenknappheit, fachliche Anforderungen in der Jugendhilfe).
  3. Im Abschnitt Entwicklungen in A.“ werden die konkreten Bedingungen der Jugendhilfe in der Stadt A. beleuchtet. Unter dem Motto „Umbau statt Ausbau“ wurde dort ein ambitioniertes Umstrukturierungsvorhaben durchgeführt. Zentrales Element dieser Umstrukturierung ist die Zusammenlegung von ASD und EB in multidisziplinäre, stadtteilbezogene, sozialräumlich operierende Teams.
  4. Das Kapitel Methodisches Vorgehen der empirischen Untersuchung beschreibt das methodische Vorgehen der qualitativen Experteninterviews, die die Autorin durchgeführt hat.
  5. In Abschnitt „Der Entstehungsprozess des Beratungszentrums“ werden die Ergebnisse der Untersuchung chronologisch gegliedert vorgestellt und mit den bisher entwickelten Erkenntnissen interpretiert. Dabei geht die Autorin sehr detailliert vor und beschreibt den Prozess des Zusammenschlusses der beiden Dienste zu einem Beratungszentrum aus Sicht einiger betroffener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie stellt fest, dass der Prozess von verschiedenen Betroffenen verschieden aufgenommen wurde, und es keine einheitliche Bewertung dieses Prozesses gibt. Trotz dieser unterschiedlichen Bewertung kommt die Autorin zu drei Thesen: (1) Die Beschäftigten des Beratungszentrums wurden als Betroffene nicht zu Beteiligten des Veränderungsprozesses. (2) Der Ablauf des Veränderungsprozesses erfolgte nicht aufgrund organisationstheoretischer Logik. (3) Widerstände aus der Belegschaft wurden nicht aufgegriffen.
  6. Es folgt das Kapitel „Veränderungen durch den Zusammenschluss zum Beratungszentrum“. Dort werden theoriebasiert die Auswirkungen der Neustrukturierung thematisiert.
  7. Mit dem Kapitel „Perspektive des Beratungszentrums“ wird noch einmal die Sicht der Fachkräfte in Bezug auf die Zukunft des Beratungszentrums referiert.

Zielgruppen

Dieses Werk wendet sich wohl eher an das wissenschaftlich interessierte Publikum aus der Sozialpädagogik und den Erziehungswissenschaften. Der empirische Teil könnte für Jugendämter, Erziehungsberatungsstellen und Sozialämter interessant sein, insbesondere, wenn sie ähnliche Projekte der Zusammenlegung von Diensten initiieren wollen.

Diskussion

Die Studie beschreibt ausführlich den Prozess der Zusammenführung von Allgemeinem Sozialdienst (ASD) und Erziehungsberatung (EB). Nach einer sehr fundierten theoretischen Herleitung der Kriterien für den „Erfolg“ einer solchen Zusammenlegung werden mittels qualitativer Sozialforschung Betroffene gefragt, wie sie den Prozess erlebt haben und wie sie ihn beurteilen. Die grundlegende Fragestellung der Autorin: „Hilft die Umstrukturierung (sprich: Zusammenlegung von ASD und EB) der Fachlichkeit?“ ausschließlich aus Sicht der Mitarbeiterschaft zu beleuchten, erscheint unter dem qualitativen Paradigma durchaus legitim. Fraglich ist, weshalb die Autorin dann der Frage, wie der Zusammenschluss organisatorisch vonstattenging, so breiten Raum gewährt, ja dieses Kapitel fast wie eine „High-noon“-Filmszene inszeniert: Was passiert vor dem Zusammenschluss? Wie wird der Tag des Zusammenschlusses gestaltet? Welche Gefühle hatten die Beteiligten an diesem Tag? Die Verwunderung der Autorin, dass kaum einer der Beteiligten davon noch etwas weiß (oder wissen will), ist wiederum verwunderlich: Vielleicht haben sie einfach einen anderen Fokus als die Autorin? Wenn der Autorin der organisatorische Prozess des Zusammenführens so wichtig ist, dass sie ihn auf vielen Seiten des Buches beschreibt, hätte es wohl auch einer entsprechenden theoretischen Reflexion mit Erkenntnissen der Organisations- und Personalentwicklung bedurft. Wenn man diese Erkenntnisse hinzugezogen hätte, hätte man ahnen können, welches Ergebnis die Befragung von ausschließlich langjährigen Angestellten bedeutet, und noch dazu von solchen, die einen vermeintlichen Statusverlust erleiden, indem sie von einer therapeutisch definierten „psychologischen Beratung“ nun in eine Zwangsgemeinschaft mit der (Zwangs-) Klientel der Sozialarbeit gedrängt werden. Fragen der Motivations- und Arbeitspsychologie, aber auch der Anlage und der Erkenntnisse von Organisationsentwicklungsprozessen zu thematisieren, hätte mehr der theoretischen Reflexion bedurft, als von der Autorin in einem „Exkurs“ zur Organisationsentwicklung angeboten wird. Die dort zitierten Autoren finden sich bezeichnenderweise nicht im Literaturverzeichnis. Insofern ist der Titel des Buches etwas irreführend, und die von der Autorin gezogenen Schlussfolgerungen über den Organisationsentwicklungsprozess als solchen (z. B. der Vorwurf, er sei nicht systematisch vollzogen oder der Mitarbeiterstab sei nicht einbezogen, S. 111 ff) sind aufgrund der für das Interview ausgewählten Personen und fehlender weiterer Daten gewagt.

Immer dann, wenn sich die Autorin auf ihre Stärken besinnt, nämlich auf die inhaltlichen Fragen der Jugendhilfe, wird die Studie spannend: Bringt eine solche massive Veränderung der Organisation aus Sicht der Mitarbeitenden tatsächlich eine erkennbare fachliche Verbesserung? Die Erkenntnisse der Studie sind ernüchternd: Selbst nach dem Zusammenschluss bleibt die Fallverteilung orientiert am „alten Schema“: hier ASD – dort EB. Die aus der Praxis geschilderten Vorteile (gemeinsame Fallbesprechungen, multidisziplinäre Zusammenarbeit, Co-Beratung) hätten sich wohl auch ohne diese Strukturveränderung erreichen lassen. Dass sich für die Adressaten und Adressantinnen etwas in Richtung auf „Kundenfreundlichkeit“ und „Dienstleistungsorientierung“ verbessert hat (S. 141), ist eine Annahme der Autorin, die sie empirisch nur schwach belegt. Allerdings wird auch deutlich, dass der gemeinsame Dienst den Paradigmata lebensweltorientierter Jugendarbeit (Regionalität, Alltagsorientierung, Prävention) zumindest näher gekommen ist (S. 143). Wenn jedoch, wie die Autorin vermutet, der Sozialraumbezug verloren zu gehen droht bzw. bei der EB erst gar nicht in das fachliche Handeln integriert wird (S. 163), erscheint der Reformprozess eher als ein potemkinsches Dorf. Insbesondere die Beobachtung der Autorin, dass keine der Befragten „erzählt, welche fachlichen Weiterentwicklungen für die AdressatInnen wichtig wären und was dahingehend noch getan werden müsste“ (S. 168), gibt zu denken. Wenn also zusammenfassend gefragt wird, inwieweit über die genannte Organisationsveränderung fachliche Entwicklungen initiiert werden, ist die Bilanz mäßig. Die negative Bewertung betrifft in der Studie dabei eher die EB als den ASD. Wer seine Arbeit als „therapeutisch“ definiert, tut sich offensichtlich schwerer, in einer Zwangsehe mit „invasiver“ Jugendhilfe Vorteile sehen zu können, als umgekehrt. Die Anpassung speziell von langjährig tätigen Fachkräften in der EB an die Paradigmata der lebensweltlich orientierten Jugendhilfe wird durch Strukturveränderung offenkundig nur sehr langsam (wenn überhaupt) gefördert. Insofern ist die Erkenntnis der Autorin, dass hier möglicherweise externe Hilfe nötig gewesen wäre, durchaus nachvollziehbar.

Ausstattung

Das Buch ist nicht besonders gut ausgestattet: So fehlt ein Stichwortverzeichnis, und auch ein vollständiges Literaturverzeichnis wäre kein Luxus. Der Preis des Buches ist überdies nicht sehr studentenfreundlich.

Fazit

Das Buch ist insbesondere für all diejenigen Praktiker und Wissenschaftler lesenswert, die sich mit Folgen von Strukturveränderungen insbesondere für die Mitarbeiterseite auseinandersetzen wollen. Für Studierende könnte man dem Buch durchaus praktische Relevanz zusprechen, thematisiert es doch sehr anschaulich Fragen des Selbstverständnisses von ASD und EB.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Klug. Rezension vom 16.09.2009 zu: Mirjana Zipperle: Organisationsentwicklung und Fachlichkeit. Eine Fallstudie zur Neustrukturierung von Beratungsdiensten im Jugendamt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15898-3. Reihe: VS research. Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6773.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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