Jan Ritzmann, Katrin Wachtler: Die Hilfen zur Erziehung
Jan Ritzmann, Katrin Wachtler: Die Hilfen zur Erziehung. Anforderungen, Trends und Perspektiven. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 239 Seiten. ISBN 978-3-8288-9560-7. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
Thema
Es gab in den letzten Jahren einige wenige Bücher, in denen das Feld der erzieherischen Hilfen zusammenhängend und systematisch betrachtet wurde. Seithe (2001) stellte rechtliche Aspekte in den Vordergrund, die von der IGfH herausgegebene Einführung „Grundwissen erzieherische Hilfen“ konzentrierte sich auf konzeptionelle und pädagogische Fragen (Krause 2008²). Da erscheint das in der Einleitung von Ritzmann und Wachtler formulierte Vorhaben, eine Bestandsaufnahme der Hilfen der Erziehung in einem Band zu geben und zusätzlich etwas zu Trends und Perspektiven zu sagen, natürlich etwas hoch gegriffen.Tatsächlich und glücklicherweise beschränken sich die Autoren auf einige zentrale Aspekte, unter denen sie das Feld betrachten. Die Nützlichkeit des Buches hängt davon ab, ob und inwieweit man die Prioritätensetzung mit den Autoren teilt. Wer sich weniger für stationäre Hilfen, sondern stärker für den ambulanten Bereich der Erziehungshilfen interessiert und für deren Perspektiven vor dem Hintergrund einer kurzen Einführung in die Systematik der Erziehungshilfen insgesamt und einer kritischen Würdigung der sozialpolitischen Entwicklung, der wird viel aus diesem Band gebrauchen können.
Aufbau und Inhalt
Nach einem sehr kurzen Durchlauf durch die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe, die Organisation des Systems, der Skizzierung des Verhältnisses von Hilfe und Kontrolle und der verschiedenen Erziehungshilfen gehen Ritzmann und Wachtler ausführlicher auf die sozialstrukturelle Bedingtheit der Inanspruchnahme von Erziehungshilfen ein. Besondere Beachtung findet dabei die so genannte Multiproblemfamilie, in der sich Erziehungshilfebedarf zu kulminieren scheint. Bei dieser „Adressatengruppe“ allerdings wird das Dilemma – nicht nur dieser Autoren – sichtbar, einerseits sozialstrukturell, andererseits individualisierend zu argumentieren. Dieselbe Zwiespältigkeit wird weiter hinten im Band noch einmal deutlich, wenn als ein Trend der Erziehungshilfen die aufsuchende Familientherapie hervorgehoben wird.
Eine weitere Akzentuierung der Autoren bei der Analyse der aktuellen Situation der Hilfen zur Erziehung liegt in der Hervorhebung des Zusammenhangs von globalisierter, neoliberal orientierter Sozialpolitik und einer zunehmenden Ökonomisierung der Jugendhilfe und der Dienstleistungs- und Qualitätsdiskussion in der Jugendhilfe. In diesem Kapitel wird die Diskussion um Modelle der „Neuen Steuerung“ aus den 90er Jahren nachvollzogen und Verfahren der Qualitätssicherung werden skizziert, allerdings war dies auch bei anderen AutorInnen schon kompakt nachzulesen.
Hilfreich erscheint mir das Kapitel „Herausforderungen an die Jugendhilfe als professionelle Praxis“, in dem deutlich wird, dass die Sicherung fachlich adäquater Rahmenbedingungen Bestandteil guter Praxis sein muss und das Versprechen von Partizipation mit dem SGB VIII allein noch lange nicht eingelöst ist.
Überholt und etwas einseitig orientiert ist der Abschnitt über Wirkungen der Jugendhilfe, nach Abschluss des Bundesmodellprojekts wirkungsorientierte Jugendhilfe ist man hier schon sehr viel weiter.
Ganz sicher richtig liegen Ritzmann und Wachtler, wenn sie die Verbesserung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule als Entwicklungspotential beschreiben, ob sie bei der aufsuchenden Familientherapie auf der richtigen Spur sind, wird man sehen müssen, der Trend zur Flexibilisierung der Erziehungshilfen ist vielerorts (leider) schon rückläufig.
Fazit
Bedauerlicherweise gibt der Verlag dem Leser des Bandes keine Informationen zur Biographie der Autorin und des Autor sowie zum Kontext der Entstehung der Arbeit, außer den in der Einleitung von beiden selbst formulierten knappen Aussagen. Es ist anzunehmen, dass es sich bei der Arbeit um eine Bearbeitung einer sicherlich sehr guten Diplomarbeit handelt und dass beide in der ambulanten Erziehungshilfe engagiert sind und dort ihre Erfahrungen gemacht haben. Das würde auch erklären, dass bei anderen Themen wie der stationären Erziehungshilfe die Akzente sowohl bei den Herausforderungen wie bei den Perspektiven etwas beliebig gesetzt erscheinen.
Literatur
Krause, Hans-Ulrich; Peters, Friedhelm (Hrsg.) (2008²): Grundwissen erzieherische Hilfen. Basistexte Erziehungshilfe. Weinheim und München: Juventa
Seithe, Mechthild (2001): Praxisfeld: Hilfe zur Erziehung. Fachlichkeit zwischen Lebensweltorientierung und Kindeswohl. Opladen: Leske und Budrich
Rezensent
Prof. Dr. Werner Freigang
Hochschule Neubrandenburg. Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik, Erziehungs- und Familienhilfen
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Zitiervorschlag
Werner Freigang. Rezension vom 21.11.2009 zu: Jan Ritzmann, Katrin Wachtler: Die Hilfen zur Erziehung. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 239 Seiten. ISBN 978-3-8288-9560-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6799.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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