Stephan Doering, Heidi Möller (Hrsg.): Frankenstein und Belle de Jour
Stephan Doering, Heidi Möller (Hrsg.): Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2008. 397 Seiten. ISBN 978-3-540-76879-1. 39,95 EUR, CH: 65,50 sFr.
Thema und Hintergrund
Der Begriff der "fachlichen Filmkritik" ist bereits vergeben – damit bezeichnete Rudolf Arnheim die Arbeit jener Filmkritiker, die Filme nach durchdachten formalen und inhaltlichen ästhetischen Kriterien beurteilten. Deshalb sollte man besser von "fachspezifischer Filmkritik" sprechen, wenn Filme aus einer besonderen professionellen Perspektive gesehen werden, beispielsweise mit den Augen eines Sozialarbeiters, der Spielfilme und Fernsehspiele, die in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit angesiedelt sind, auf ihre Realitätsnähe (oder –ferne) und auf ihre Klischeehaftigkeit überprüft. (Siehe: Datenbank "SozPäd-Movies" der FH Dortmund). Eine besondere Affinität zum Kino hat die Psychologie, dennoch sind in den letzten Jahrzehnten eher selten fachspezifische Filmkritiken von professionellen Psychologen und Psychotherapeuten bekannt geworden. (Im Gedächtnis geblieben ist mir eine erhellende tiefenhermeneutische Kritik von "Terminator 2" in der leider vor Jahren eingestellten medienpädagogischen Zeitschrift "medien praktisch".) Immerhin hat die Zeitschrift "Psychologie heute" in ihrem Januar-Heft 2009 eine ganze Serie fachspezifischer Filmkritiken angekündigt. Die Idee dazu mag den Redakteuren bei der Lektüre des hier zu besprechenden Buches gekommen sein, in dem 30 Kinofilme aus der besonderen Perspektive professioneller Psychologen, Psychiater, Psychotherapeuten und Psychoanalytiker analysiert werden. Deren Interesse gilt allerdings nicht der Darstellung der Berufsrolle von Psychologen und Therapeuten im Film, sondern sie begreifen die Geschehnisse um die Hauptfiguren als Fallgeschichten, im Zentrum des Interesses steht der Protagonist als Patient. Bei fiktiven Filmfiguren gibt es keinen Datenschutz und keine Schweigepflicht, "wir dürfen sie nach allen Regeln der Kunst analysieren, kritisieren und pathologisieren (…) Doch was ist normal und was pathologisch?" (S. V). Auch hier hilft das Kino, denn deren Helden sind extremere Verhaltensweisen und Gefühlsreaktionen möglich als dem Alltagsmenschen.
Die HerausgeberInnen stießen offenbar auf reges Interesse mit ihrer Idee, einen Band mit Kino-Fallstudien zusammenzustellen, waren "überrascht, wie viele unserer Kolleginnen und Kollegen sich als Kinofans zu erkennen gaben, und längst einen Lieblingsfilm im Kopf hatten, über dessen Helden sie immer schon einmal schreiben wollten" (S. V). Als Motiv für die spontane Kritikbereitschaft benennen sie "Lust am Kino", sehen sie aber auch als "Folge von ersten Versuchen, Spielfilmausschnitte in der ärztlichen, psychologischen und psychotherapeutischen Ausbildung einzusetzen" (S. V). Das deutet nicht unbedingt auf eine durchgeplante Struktur des Buches mit Vergabe von Arbeitsaufträgen hin, sondern eher auf eine zufällige, unsystematische, von den Vorlieben der beteiligten 37 AutorInnen diktierte Zusammenstellung der enthaltenen Filme. Das ist aber ein Vorzug und kein Schaden.
HerausgeberInnen
- Stephan Doering, "Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Medizinstudium in Göttingen, Berlin und Jerusalem, Promotion 1994, Habilitation 2002. Facharztausbildung in Münster und Insbruck, seit 2004 Professor für Psychosomatik in der Zahnheilkunde an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster." (S. XVI)
- Heidi Möller, "Studium der Psychologie, Philosophie und Soziologie, Universität Münster und Bochum. Promotion 1994, Habilitation 2000, TU Berlin Klinische Psychologie, 2002-2007 Universtität Innsbruck, Dekanin der Fakultät für Bildungswissenschaften. Seit 2007 Universität Kassel ‚Theorie und Methodik der Beratung’." (S. XIX)
Aufbau und Inhalt
Um Ordnung in die Vielfalt der Filme und Autoren-Vorlieben zu bringen, verfielen die HerausgeberInnen auf das ICD-10-Raster, die "Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme", deren 10. Fassung die Weltgesundheitsbehörde (WHO) 1990 erarbeitete und 1994 einführte. Psychische Erkrankungen haben den Buchstaben F, weitere Differenzierungen werden mit Zahlen vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis des Buches sieht mithin so aus (Filmtitel hier kursiv):
Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (ICD-10: F0):
- Iris (Alzheimer-Demenz, ICD-10: F00)
Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (ICD-10: F1):
- Trainspotting (Heroinabhängigkeit, ICD-10: F11.2)
- Requiem for a Dream (Amphetamin-induzierte Psychose, ICD-10: F15.56)
Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störung (ICD-10: F2):
- Das weiße Rauschen (Paranoide Schizophrenie, ICD-10: F20.0)
- Wie in einem Spiegel (Paranoide Schizophrenie, ICD-10: F20.0)
- Ekel (u.a. Paranoide Schizophrenie, ICD-10: F20.0)
- Frankenstein (Schizotype Störung, ICD-10: F21)
- Wahnsinnig verliebt (Wahnhafte Störung, ICD-10: F22.0)
Affektive Störungen (ICD-10: F3):
- Und keiner weint mir nach (Schwere depressive Episode, ICD-10: F32.2)
- Der Tod in Venedig (Schwere depressive Episode, ICD-10: F32.2)
Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (ICD-10: F4):
- Elling (Soziale Phobie, ICD-10: F40.1)
- Reine Nervensache (Panikstörung, ICD-10: F41.0)
- Aviator (Zwangsstörung, ICD-10: F42)
- Das geheime Leben der Worte (u.a. Posttraumatische Belastungsstörung, ICD-10: F43.1)
- Mein Leben ohne mich (Anpassungsstörung, ICD-10: F43.2)
- Ich bin die Andere (Multiple Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F44.81)
- Schattenmund (Psychogene Dysmenorrhoe, ICD-10: F45.8
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (ICD-10: F6):
- Die Caine war ihr Schicksal (Paranoide Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.0)
- Ein Herz im Winter (Schizoide Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.1)
- Das Schweigen der Lämmer (Dissoziale Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.2)
- Kalifornia (Dissoziale Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.2)
- Die Klavierspielerin (Borderline Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.31)
- Der blaue Engel (Anankastische Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.5)
- Capote (Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.80)
- Citizen Kane (Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ICD-10: F60.80)
- Boys Don’t Cry (Transsexualismus, ICD-10: F64.0)
- Sex, Lügen und Video (Voyeurismus, ICD-10: F65.3)
- M – Die Stadt sucht einen Mörder (Pädophilie, ICD-10: F65.4)
- Belle de Jour (Sexueller Masochismus, ICD-10: F65.5)
Entwicklungsstörungen (ICD-10: F8):
- Rain Man (Autismus, ICD-10: F84.0)
Das macht zunächst den Eindruck eines Prokrustes-Schemas, wirkt etwas zwanghaft – doch wenn man das Buch gelesen hat, weiß man, dass das inhaltlich keine nachteiligen Konsequenzen hat, dass die Vielfalt der Schreib- und Zugangsweisen nicht beeinträchtigt wird. Einige Filme waren ohnehin nur mit Mühe in einer ICD-10-Schublade unterzubringen, das wird dann von den jeweiligen AutorInnen problematisiert.
Bei Auswahl und Zusammensetzung der Filme würden einem ohne Schwierigkeiten 30 andere Filme einfallen, die psychologisch zu analysieren genau so spannend und lehrreich wäre. Deshalb ist es im Grunde müßig, hieran Kritik zu üben - das gilt auch für die Beschränkung auf Kinofilme und damit die Ausklammerung von Fernsehproduktionen, seien sie noch so geeignet (welches Material böte allein die "Tatort"-Reihe!).
Persönliche Hitlisten der "besten Filme" sind sehr beliebt. Hier meine persönliche Hitliste der Buch-Beiträge: Zu den Filmen "Iris", "Elling" – und als besonderes, anfangs höchst irritierendes Kabinettstückchen: Zu "Citizen Kane".
Zielgruppe und Diskussion
Die HerausgeberInnen erwähnen im Vorwort als Zielgruppen die Cineasten, die psychologischen Laien und "Profis" (tatsächlich in Anführung) sowie die Lehrenden. Die "Cineasten" würden die ihnen vertrauten Helden und Filme in "neuem Licht" sehen; die psychologischen Laien bekämen von bestimmten psychischen Störungen eine reale Vorstellung; die Profis würden die Analysen kritisch überprüfen. Aber vor allem liegen den HerausgeberInnen die Lehrenden am Herzen, denen eindringlich empfohlen wird, die Kinofilme didaktisch zu nutzen. Die Studierenden selbst können die HerausgeberInnen allerdings nicht als Käufer-Zielgruppe im Auge gehabt haben, denn dazu ist das Buch zu teuer, weil ausgesprochen feudal ausgestattet.
Die Breite in Stil und Zugangsweise der Beiträge überrascht, reicht sie doch vom fachsprachlichen wissenschaftlichen Aufsatz über die psychologisierende Filmkritik, das intime Hineinversetzen in Hauptfiguren, aber auch das Hineinversetzen in die Gemütslage bei bestimmten Krankheiten bis hin zum literarisch ambitionierten Versuch. Die Autoren lassen den Leser an Seelenlage und Motivationsstruktur von Serienkillern und Menschenfressern teilhaben. "Wie gestört muss man eigentlich sein, wenn einem so etwas einfällt?" (S. 327), seufzt ein Autor – und meint die Drehbuchautoren der Filme, doch die sind leider nicht Gegenstand des Buches. Vielleicht ist ja das Drehbuchschreiben nur eine besondere Form der Selbsttherapie.
Natürlich gibt es auch den einen oder anderen schwächeren, weil allzu deskriptiven Beitrag. Selbst diese Texte rettet ihr fachpsychologischer Zugang, der sie irgendwann doch zur Analyse zwingt. Gelegentlich finden sich Feuilletonkritiker-Platitüden: "In diesem Film wird alles gezeigt und nichts erklärt." (S. 129) – doch die meisten Schuster bleiben bei ihren Leisten. Das nicht sehr cinephilenfreundliche Gegenteil kommt häufiger vor: ein Übermaß an nicht erklärten Fremd- und Fachwörtern ("perseverierend", "anankastisch"). Spekulative psychologische Hypothesen (‚das vorgeburtliche Glück im Fruchtwasser’, S. 252) dagegen erwartet man ja gerade von einem solchen Buch.
Fazit
Ein sehr empfehlenswertes Buch – wegen der Vielfalt der Zugangs- und Schreibweisen, wegen der Fülle an klugen, überraschenden Einsichten und Analysen, wegen der neuen Perspektiven, die es dem Leser bietet. Was kann man von einer fachspezifischen Filmkritik besseres sagen, als: dass sie Lust darauf macht, den besprochenen Film (ein weiteres Mal) anzusehen. Und dies ist im vorliegenden Buch immer wieder der Fall!
Rezensent
Prof. Dr. Helmut Diederichs
Dipl.-Volkswirt, Dipl.-Soziologe, Dr. phil., habilitierter Film-Soziologe, lehrt Medienpädagogik am FB Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund
Homepage www.fh-dortmund.de/diederichs
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Zitiervorschlag
Helmut Diederichs. Rezension vom 03.02.2009 zu: Stephan Doering, Heidi Möller (Hrsg.): Frankenstein und Belle de Jour. Springer-Verlag (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2008. 397 Seiten. ISBN 978-3-540-76879-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6828.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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