Juliane Horn: "Fair"-Handlung. Täter-Opfer-Ausgleich [...]
Juliane Horn: "Fair"-Handlung. Täter-Opfer-Ausgleich mit Jugendlichen. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 90 Seiten. ISBN 978-3-8288-9629-1. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
Thema
Der Täter-Opfer-Ausgleich im Jugendstrafrecht kann sich seit seiner Verankerung in demselben seit 1990 als durchaus etabliert bezeichnen. Es gibt mittlerweile rund 300 Einrichtungen und Institutionen, die Täter-Opfer-Ausgleich durchführen, und die Jahresstatistiken vom Servicebüro für Täter-Opfer-Ausgleich weisen ca. 35.000 dort verhandelter Ermittlungsverfahren aus. Dennoch gibt es Hinweise, vor allen Dingen von den engagierten Praktikern, dass die Fallzahlen noch längst nicht das Potential erreichen, welches ausgeschöpft werden könnte, die Akzeptanz, vor allen Dingen in der Justiz, nicht überall gleich hoch ist und die Anwendung der Maßnahme nach wie vor zu einem großen Teil im Bereich der Körperverletzungsdelikte stecken bleibt, obwohl die Anwendbarkeit des Täter-Opfer-Ausgleichs ausdrücklich nicht auf diesen Tatbereich konzentriert ist (BGHSt 48, 134,140). Nach der Implementierungsphase mit vielfältiger Begleitforschung scheint sich das Interesse der Wissenschaft auf andere Themen konzentriert zu haben, denn der Forschungsboom zum Täter-Opfer-Ausgleich wirkt eher abgeflacht. Außer der Auswertung der Täter-Opfer-Ausgleichsstatistik von 1993 – 2002 der Forschungsgruppe Täter-Opfer-Ausgleich im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz (2005) gibt es keine bundesweit, flächendeckende Auswertung zu der Maßnahme. Es sind allerdings einige Arbeiten, vorwiegend Diplomarbeiten oder Dissertationen, zu vermerken, die in regionaler Bezogenheit das Thema für sich entdeckt haben. Mit weiterführenden Fragestellungen zur Wirkung eines Täter-Opfer-Ausgleichs oder zur Zufriedenheit der Beteiligten mit der Maßnahme geben sie der Debatte um die Maßnahme neue Nahrung. Einen solchen innovativen Beitrag zum Thema Täter-Opfer-Ausgleich leistet die hier rezensierte Arbeit von Juliane Horn, die sich mit der Wirkungsweise des Täter-Opfer-Ausgleichs auf jugendliche Beteiligte auseinandergesetzt hat.
Entstehungshintergrund
Das Werk von Juliane Horn stellt die Veröffentlichung ihrer Diplomarbeit dar, die im Jahre 2007 entstanden ist; die Literatur, Zeitungsauswertungen, und die Durchführung der Interviews weisen auf diesen Zeitraum hin. Es erschließt sich leider nicht, aus welchem Fachgebiet die Verfasserin kommt und lässt daher nur Raum für Vermutungen, dass es sich um den Bereich der Psychologie oder Pädagogik handeln könnte. Motivierend für die Verfasserin waren persönliche Einblicke in die Arbeit einer Konfliktschlichtungsstelle und das Erleben, dass die Jugendlichen überwiegend positiv und zufrieden mit ihrer Teilnahme an einem Täter-Opfer-Ausgleich waren.
Aufbau und Inhalt
Die vorliegende Arbeit ist nach einer kurzen Einleitung in fünf Kapitel eingeteilt.
- Das erste Kapitel setzt sich mit den Pädagogischen Grundlagen und insbesondere mit den Grundannahmen der humanistischen Pädagogik auseinander. Da die Autorin in dem Konzept des Täter-Opfer-Augleichs ein humanistisches Menschenbild erkennt, hält sie eine umfassende Erarbeitung der Thematik und eine Aufbereitung der vier erkenntnistheoretischen Annahmen der Humanistischern Pädagogik für unabdingbar.
- Im zweiten Kapitel wird das Jugendalter interdisziplinär betrachtet. Hierbei erfolgt die Begriffsklärung des Jugendalters sowohl aus juristischer, soziologischer als auch medizinischer Perspektive. Die Zentralen Entwicklungsaufgaben, die das Jugendalter bereit hält, nehmen mit ihren vielschichtigen Aspekten wie Akzeptanz und Nutzung des eigenen Körpers, emotionale Unabhängigkeit von den Eltern, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufbauen, Vorbereitung auf eine berufliche Karriere, Entwicklung einer eigenen Ideologie sowie der Identitätsentwicklung einen angemessenen, sehr gut komprimierten Raum ein. Auch die Betrachtung von Risikoverhaltensweisen und ihre Funktionen sind aus unterschiedlichen Blickwinkeln dargestellt. Die Beschreibung zeigt kurz und knapp, dabei sehr intensiv und fundiert, mit welchen Einflüssen und Entwicklungen Jugendlich zu kämpfen haben und wie individuell und subjektiv der Umgang jedes Einzelnen mit dieser Phase ist. Die gesellschaftliche Grenze jugendlichen Probierverhaltens liegt im Jugendstrafrecht und wird nicht nur der Vollständigkeit halber zusammengefasst dargestellt, sondern auch um einen guten Übergang zum Täter-Opfer-Ausgleich im Jugendstrafrecht zu schaffen.
- Der Täter-Opfer-Ausgleich steht im Zentrum des dritten Kapitels. Die Bereiche der Begriffsklärung, Zielsetzung, Entstehungsgeschichte, gesetzliche Grundlagen und Eignungskriterien sind entsprechend der dazu zahlreichen vorliegenden, aber nicht vollständig ausgewerteten Literatur angemessen kurz und knapp gehalten. Gerade die Eignungskriterien hätten besonderer Aufmerksamkeit bedurft, da sie das Einfallstor für Kritiker bilden. Dass in aktuellen Arbeiten immer noch nicht auf die Darlegung dieser Gliederungspunkte zu den Grundlagen des Täter-Opfer-Ausgleichs verzichtet werden kann und ihre Darstellung die Kenner des Täter-Opfer-Ausgleichs ein wenig erschöpft, kann mitnichten der Autorin angelastet werden. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, wie immer noch unbekannt der Täter-Opfer-Ausgleich in der Bundesrepublik ist und trotz jahrelanger erfolgreicher Praxis des Täter-Opfer-Ausgleichs nicht von einer homogenen Basis des Wissens ausgegangen werden kann. So gehören auch die Punkte zur Bedeutung des Täter-Opfer-Ausgleichs für die Beteiligten und zur Rolle des Vermittlers sowie zum Ablauf eines Täter-Opfer-Ausgleichs in diesen Pflichtbereich. Innovativ und sehr schön dargestellt sind hier dann weiter die Ausführungen zur humanistischen Pädagogik und zu den Entwicklungsaufgaben, jeweils in Beziehung gesetzt zum Täter-Opfer-Ausgleich. Hier ist ein kleines Juwel versteckt, schafft es die Autorin mit ihrer Darstellung die pädagogische Relevanz und damit quasi einen Beweis für die Wirkungsmöglichkeiten des Täter-Opfer-Ausgleichs zu schaffen.
- Das vierte Kapitel widmet sich dem Täter-Opfer-Ausgleich in der Praxis und beinhaltet vier Interviews von Jugendlichen, die an einem Täter-Opfer-Ausgleich teilgenommen haben. Dieses Kapitel ist solide bearbeitet und kann für andere Diplomarbeiten eine gute Vorlage sein, wie ein kleines Forschungsprojekt mit Interviews methodisch und praktisch zu erfolgen hat. Allein die Anzahl von vier Interviews wirkt geradezu rührend. Die Arbeit, die die Verfasserin investiert hat, sollte allerdings als Startsignal dafür gewertet werden, diesem Forschungsdesiderat des Täter-Opfer-Ausgleichs mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nur wenn von mehr Jugendlichen und anderen Betroffenen Aussagen zu ihrer Einstellung und Zufriedenheit gegenüber eines Täter-Opfer-Ausgleichs vorliegen, kann die Maßnahme wieder mehr ins Zentrum der Reaktionen auf abweichendes Verhalten rücken und die Nutzung von Täter-Opfer-Ausgleich erhöht werden.
- Das fünfte Kapitel mit Fazit und Ausblick ist sehr gut gelungen und untermauert, wie wichtig die Durchführung eines Täter-Opfer-Ausgleichs im Verhältnis zu herkömmlichen Reaktionsmöglichkeiten auf abweichendes Verhalten Jugendlicher ist, um die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter positiv und im Sinne einer stabilen Persönlichkeitsausbildung meistern zu können. Als zentrales Element wird hier nochmals auf die Verantwortungsübernahme durch den Täter abgestellt sowie auf die Zurückgewinnung von Aktivität und Handlungsmöglichkeiten durch das Opfer.
Zielgruppen
Die vorliegende Arbeit ist für alle diejenigen Leser und Leserinnen geeignet, die selbst als Mediator bzw. Mediatorin in Strafsachen im Täter-Opfer-Ausgleich tätig sind. Sie bekommen durch die Arbeit von Juliane Horn gute Argumente für ihre Arbeit an die Hand. Auch JugendrichterInnen und Jugendstaatsanwälte sollten dieses Buch zur Kenntnis nehmen und bei ihren zukünftigen Entscheidungen die pädagogische Tauglichkeit des Täter-Opfer-Ausgleichs mehr berücksichtigen und auf diese Maßnahme verstärkt zugreifen. Das Buch eignet sich aber auch für alle sonst an dieser Thematik Interessierten, wie Studierende der Sozialen Arbeit, der Polizeihochschulen, etc., bietet es doch einen guten Einblick über Sinnhaftigkeit, Zielsetzung und Wirkung dieser Maßnahme.
Diskussion
Das Buch von Juliane Horn liest sich aufgrund der klaren Sprache und dezidierten Formulierungen ausgesprochen gut. Die Autorin versteht es hervorragend, komplexe Sachverhalte gut überschaubar und verständlich darzustellen. Mit ihrem Konzept der humanistischen Pädagogik in Bezug zum Täter-Opfer-Ausgleich hat sie Neuland betreten und bereichert so die Literatur zu dieser Maßnahme. Gerade Menschen, die schon lange in diesem Tätigkeitsfeld arbeiten, sei es als Mediatoren, Jugendrichter oder Jugendstaatsanwalt, können durch die Arbeit einen erfrischenden Innovationsschub bekommen.
Fazit
Mit der Arbeit von Juliane Horn kann den letzten Kritikern der ausgleichenden Gerechtigkeit und des Täter-Opfer-Ausgleichs im Jugendstrafrecht der letzte Wind aus den Segeln genommen werden. Juliane Horn überzeugt mit ihrer fundierten Argumenten, fachlich sauber recherchierten Begründungen und einer klaren, auf den Punkt gebrachten Sprache. Ein erfreuliches Werk!
Rezensentin
Prof. Dr. jur. Ute Ingrid Haas
Professur für Kriminologie und Viktimologie, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Fakutltät Soziale Arbeit - Institut für angewandt Rechts- und Sozialforschung -
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Ute Ingrid Haas. Rezension vom 22.02.2009 zu: Juliane Horn: "Fair"-Handlung. Täter-Opfer-Ausgleich [...]. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 90 Seiten. ISBN 978-3-8288-9629-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6830.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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