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Marianne Glaßer: Keine heile Welt

Cover Marianne Glaßer: Keine heile Welt. Leben mit einem behinderten Kind. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. 166 Seiten. ISBN 978-3-940529-30-5. 15,90 EUR.

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Thema

Eine Mutter beschreibt sehr offen und eindrücklich ihren dreizehnjährigen Lebensweg mit ihrem geistig behinderten Sohn, der nicht lesen, schreiben und rechnen kann, hyperaktive und autistische Züge zeigt und seine Familie mit einem enormen Aggressionspotenzial belastete.

Autorin

Marianne Glaßer lebt mit ihrer Familie im Fichtelgebirge und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin. Sie hat einen behinderten Sohn.

Aufbau und Inhalt

Man könnte dieses Buch auch als eine spezielle Weise einer persönlichen Rechenschaftslegung verstehen. Aus der Rückschau beschreibt eine Mutter die letzten dreizehn Jahre ihres Lebens seit der Geburt ihres ersten Kindes. Anfänglich hängt der junge Familienhimmel noch voller Geigen, aber mit den nächsten Monaten ziehen immer mehr Sorgen und Zweifel herauf. Marianne Glaßer nimmt den Leser mit in eine quälend lange Phase des Bangen, Hoffen und Ignorieren deutlicher Anzeichen einer Behinderung bei ihrem Kind. Mit einfachen, aber sehr eindrücklichen Worten beschreibt sie die unterschiedlichen Belastungen, denen sie und ihr Mann vor und nach der Diagnose ausgesetzt waren. Obwohl einem der Atem stocken kann, wenn sie sachlich die unmöglichen Bedingungen in Krankenhäuser aufführt, Beispiele von Desinteresse, Ironie und Arroganz auf Seiten des medizinischen Personals beschreibt oder Phasen ihrer Überforderung und Hilflosigkeit mitteilt, wird sie dabei an keiner Stelle des Buchs vorwurfsvoll oder anklägerisch. Auf jeder Seite des Buchs wird spürbar, dass hier eine Frau eine ungemein schwere und bedrückende Last tragen musste, die sie aber letztlich nicht hindern konnte, ihren eigenen Weg zu gehen.

Was dieses Buch hergibt, konnte nicht kürzer und treffender als mit dem gewählten Titel ausgedrückt werden: Keine heile Welt. In der Welt dieser Familie wurde lange jeden Tag um ein Stückchen Lebensqualität gerungen, zeigten sich die Beziehungen zwischen Eheleuten, Eltern und Schwiegereltern als schwierig und teilweise einengend. Wie extrem die Belastungen mit dem geistig behinderten Sohn phasenweise gewesen sein muss, erschließt sich etwas aus der Beschreibung, dass nur ein zweimaliger freiwilliger Psychiatrieaufenthalt half, die eigene Lebenskraft nicht völlig zu verlieren. Und dennoch ist dieses Buch keine Klageschrift, sondern ein Plädoyer für ein Leben mit einem schwer behinderten Kind, welches auch die anderen Familienmitglieder mehr als nur überleben lässt. Marianne Glaßer vermittelt, wie schmerzhaft für sie der Prozess war, an dessen Ende die Entscheidung stand, dass ihr Sohn Mathias zukünftig nicht mehr in der Familie, sondern in einer Einrichtung leben würde. Sie vermittelt aber auch nachdrücklich, welche positiven Folgen diese hart erkämpfte Entscheidung im Nachhinein für alle Familienmitglieder einschließlich Mathias hatte. Indem sie einen großen Teil der Betreuungslast in professionelle Hände legte, schafften sie und ihr Mann die Freiräume, um in der regelmäßigen Besuchszeit des Sohnes zuhause für ihn da sein zu können. Dabei legt das Ende des Buchs den Schluss nahe, dass die Familie diesen eigenen Weg letztlich realisieren konnte.

Zielgruppen

Es liegt nahe, an zwei Zielgruppen zu denken: Zum ersten an der von der Autorin selbst intendierten Zielgruppe der Eltern mit einem behinderten Kind oder einen von Behinderung bedrohten Kind. Zum zweiten angehende oder tätige Fachkräfte in diesem Bereich, um sensibel zu werden oder zu bleiben für die Nöte, Sorgen und Bedürfnisse von durch die Behinderung eines Kindes verunsicherten und belasteten Eltern.

Fazit

Es ist ein anrührendes, ergreifendes und gleichzeitig Mut machendes Buch einer Frau, die nach einer langen Leidensgeschichte genau weiß, über was sie da schreibt. Es wäre zu wünschen, dass viele Eltern im Vorfeld der bangen Klärung einer möglichen Behinderung ihres Kindes dieses Buch in die Hände bekommen könnten. Hier wird eine Behinderung weder schön geredet noch bagatellisiert, sondern Mut gemacht, einen eigenen Weg zu finden, um mit dem behinderten Kind leben zu können.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Bünder
Fachhochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf. Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 04.11.2009 zu: Marianne Glaßer: Keine heile Welt. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. 166 Seiten. ISBN 978-3-940529-30-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6845.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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