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Matthias Müller, Corinna Ehlers (Hrsg.): Case Management als Brücke

Cover Matthias Müller, Corinna Ehlers (Hrsg.): Case Management als Brücke. Schibri-Verlag (Uckerland) 2008. 192 Seiten. ISBN 978-3-933978-88-2. 14,80 EUR.

Reihe: Praxis, Theorie, Innovation - Band 4.

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Thema

Case Management wird zunehmend in den Arbeitsfeldern des Sozial- und Gesundheitswesens eingesetzt. In den jeweiligen Handlungsfeldern stellen sich unterschiedliche Bedingungen, die die Implementierung von Case Management erleichtern oder erschweren. Das Konzept Case Management erfährt dabei verschiedene Verwendungszwecke, von der Funktion als bloßer Eye-catcher über die Vorstellung mit Case Management könnten Kosten eingespart werden. Die Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC) entwickelte Standards und Richtlinien nach denen ein fachlich qualifiziertes Vorgehen in der fallorientierten Arbeit sicher gestellt ist. An diesen Standards und Richtlinien können die vorhandenen Konzepte in der Praxis gemessen werden.

Das vorliegende Buch widmet sich dieser Aufgabe, eine Brücke zwischen Theorie und Praxis herzustellen und einen Blick auf die heterogenen Arbeitsfelder zu werfen.

Herausgeber, Herausgeberin und AutorInnen

Matthias Müller, Diplomsozialarbeiter (FH), zertifizierter Case-Management-Ausbilder (DGCC), lehrt an der Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung und vertritt die Professur „Pädagogik, Sozialpädagogik und Hilfen zur Erziehung“.

Corinna Ehlers, Diplomsozialarbeiterin (FH), Gesundheitswissenschaftlerin (MPH), zertifizierte Case –Management-Ausbilderin (DGCC), unterrichtet an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin im Studiengang Gesundheits- und Pflegemanagement und an der Hochschule für angewandte Wissenschaften und Kunst Hildesheim, Studiengang Soziale Arbeit und Gesundheit.

Weitere Autoren sind: Siglinde Bohrke-Petrovic, Prof. Dr. Ingrid Gissel-Palkovich, Dr. Peter Heller, Andrea Küpper, Prof. Dr. Peter Löcherbach, Prof. Dr. Brigitta Michel-Schwartze, Prof. Ruth Remmel-Faßbender, Wiebke Rockhoff, Angelika Scheuerl, Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt

Aufbau und Inhalt

Das Buch widmet sich drei Brücken:

  1. Case Management als verbindendes professionelles Instrument zwischen heterogenen Arbeitsfeldern,
  2. als eine Methode oder Verfahren, mit der/dem verschiedene Organisationen fallbezogen verknüpft und/oder koordiniert werden können und
  3. als Brücke zwischen Theorie und Praxis.

In vier Teilen werden diese Brücken beschrieben.

  1. Im ersten Teil stellen Wolf Rainer Wendt und Peter Löcherbach transdisziplinäre oder auch generalistische Reflexionen zum Case Management an. Wobei einerseits der Bogen zu den verschiedenen Arbeitsfeldern und der darin verankerten Anforderungen verdeutlicht, andererseits vor einer Verwässerung der Konturen des Case Management gewarnt wird.
  2. Im zweiten Teil wird besonders auf das Gesundheitswesen und die Beschäftigungsförderung eingegangen und die Entwicklungen in diesen Bereichen werden skizziert und bewertet (Corinna Ehlers, Siglinde Bohrke-Petrovic, Brigitta Michel-Schwartze).
  3. Im dritten Teil werden Praxiserfahrungen mit Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen und der Arbeitsmarktintegration aufgezeigt (Kinder- und Jugendhilfe/Angelika Scheuerl, Jugendmigrationsdienst/Wiebke Rockhoff, Brustonkologie/Andrea Küpper-Matthias Müller, Fallmanagement in einer Optionskommune/Peter Heller).
  4. Der letzte Teil konzentriert sich auf das Aus- und Weiterbildungsgeschehen (Case Management-Weiterbildungen/Ruth Remmel-Faßbender, Weiterbildung und Hochschulabschluss/Ingrid Gissel-Palkovich).

Exemplarisch werden einige Beiträge kurz vorgestellt.

Im Gesundheitswesen wird Case Management wie in den USA und Großbritannien als Lösungsstrategie zur Überwindung von Versorgungs- und Arbeitsabläufen eingesetzt. Corinna Ehlers zeigt verschiedene Ansätze auf – das Konzept Managed Care, die Integrierte Versorgung, Disease-Management-Programme und führt Beispiele aus verschiedenen Krankenhäusern in Deutschland auf. Auch in der ambulanten Versorgung (Hausärzte, Kinderärzte, Pflegedienste) finden sich Möglichkeiten für den Einsatz von Case Management. Corinna Ehlers sieht die Rahmenbedingungen auf der System- und Organisationsebene noch nicht ausreichend gegeben, um das Konzept Case Management einzusetzen. Die Implementierung von Case Management sieht sie in der Verbindung der Kosten- und Qualitätskontrolle im Gesundheitswesen und der Verwirklichung der individuellen Patienteninteressen, wobei die Zeit für trägerübergreifende Programme noch nicht reif sei und eher in Teilbereichen wie im Krankenhaus Case Management als Konzept berücksichtigt wird.

Zwei Beiträge von Siglinde Bohrke-Petrovic und Brigitta Michel-Schwartze widmen sich dem beschäftigungsorientierten Fallmanagement, das im Zuge des SGB II seitens der Bundesagentur für Arbeit als Fachkonzept entwickelt wurde und vergleichen es mit Case Management.

Siglinde Bohrke-Petrovic zieht mehr eine Bilanz und arbeitet einige Schwachstellen des beschäftigungsorientierten Fallmanagements heraus: Leistungen zur Eingliederung in Arbeit werden eher restriktiv vergeben; Einsparungen werden den Fallmanagern vorgegeben und andererseits sollen sie intensiv betreuen; ein zu hoher Betreuungsschlüssel; fehlende Netzwerkkooperationen erschweren die Fallsteuerung. Weiterhin bemängelt sie fehlende auf den Einzelfall bezogene Ziele und Strategien und eine mangelnde Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Brigitta Michel-Schwartze vergleicht Case Management mit dem Fallmanagement. Sie zeigt die unterschiedlichen Zielsetzungen und Klientenleitbilder auf und beleuchtet die Phasen und Instrumente in den beiden Konzepten. In ihrem Resümee sieht sie Ähnlichkeiten im Aufgabenfeld, aber gleichzeitig eindeutige Unterschiede, wie z.B. in Bezug auf die Neutralität, die bei den Fallmanagern nicht gegeben ist. Case Management und Fallmanagement könnten eine Brückenfunktion einnehmen und haben ihre Berechtigung. Fallmanagement als Beitrag zu einer Staatstätigkeit im Rahmen einer globalen Ökonomisierung der Lebenszusammenhänge.

In einer ausführlichen Darstellung geht Wiebke Rockhoff auf die Chancen und Herausforderungen der Implementierung von Case Management im Jugendmigrationsdienst ein. Als Ausgangspunkt werden die Arbeitsgrundsätze des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Integrationsbegleitung von neu zugewanderten Jugendlichen und junger Erwachsener (12-27 Jahre) aus dem Jahre 2004 vorgestellt und die weitere Entwicklung skizziert. Derselbe Vorgang ist für die Migrationserstberatung für über 27 jährige Zuwanderer ausgewiesen. Die Methode Case Management wurde vom Zuwendungsgeber in die Aufgabenbeschreibung aufgenommen und damit waren die verantwortlichen Träger der Jugendsozialarbeit angehalten, mit diesem Konzept ihre Arbeit neu zu strukturieren. Eine Arbeitshilfe, die im Detail vorgestellt wird, bildet die bekannten Phasen/Schritte und Standards des Case Management ab. Case Management wird von Wiebke Rockhoff als geeignetes Instrument für den Aufgabenkreis angesehen, sofern es sich um Klienten mit komplexen Problemlagen handelt. Es dient der Professionalisierung und Standardisierung im Jugendmigrationsdienst. Allerdings treten noch Schwierigkeiten in der Umsetzung auf. Widersprüchliche Vorgaben des Zuwendungsgebers, bei der Zusammenarbeit mit den Fallmanagern in den Jobcentern, keine eindeutige Klärung der Systemsteuerung, fehlende Motivation (Gefühl der Perspektivlosigkeit) bei den Klienten und die fehlende Freiwilligkeit der Teilnahme an diesem Unterstützungsverfahren. Eine besondere Rolle in der Umsetzung scheint der Rollenwechsel bei den Mitarbeitern zu sein, von der eher begleitenden/beratenden Tätigkeit hin zur Fall- und Systemsteuerung. Widersprüchlich sind auch die Betreuungszahlen im Case Management der Jugendmigrationsdienste. Es wurde der U-25 Schlüssel der Arge 1:75 übernommen, für komplexe Problemlagen unrealistisch.

Ingrid Gissel-Palkovich greift eine Fragestellung auf, die die Hochschulen und die Weiterbildung in nächster Zeit erheblich beschäftigen wird und zwar die Anerkennung von Weiterbildungsanteilen in der Hochschulausbildung und umgekehrt. Der Bologna-Gedanke sieht die stärkere Verzahnung beruflicher Aus- und Weiterbildung und der Hochschulausbildung vor. Angesichts der Kultushoheit bei den Ländern werden lokale Kooperationen und Bündnisse notwendig, die dann Anerkennungsmodalitäten auszuarbeiten und zu vereinbaren haben. Ingrid Gissel-Palkovich sieht hier einen eindeutigen Auftrag für die Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management, mit einem Orientierungsrahmen Standards sicherzustellen und vergleichbare Bedingungen zu schaffen.

Zielgruppe

Das Buch ‚Case Management als Brücke’ wird insbesondere in den Weiterbildungsinstituten, den Hochschulen und in der Praxis Aufnahme finden und wird Anregungen geben, in den verschiedenen Handlungsfeldern Verbindendes aber auch Spezifisches auszumachen und weiter zu diskutieren.

Fazit

Case Management steht nicht mehr am Anfang seiner Aufnahme im deutschen Sozial- und Gesundheitswesen. Insofern sind Veröffentlichungen, die eine Zwischenbilanz ziehen, sehr hilfreich für die Fachdiskussion. Dies trifft auf das Buch ‚Case Management als Brücke’ eindeutig zu. Es sind ehrliche, abwägende Positionen zu finden, die den nicht einfachen Implementierungsprozess von Case Management skizzieren. Immer wieder wird thematisiert, dass die Ebene der Systemsteuerung nicht genügend ausgearbeitet ist, damit fehlt der fallorientierten Arbeit der Rahmen. Gesetzte Rahmenbedingungen (z.B. Ziele, Fallzahlen, Qualifizierung der Mitarbeiter) entsprechen nicht dem anspruchsvollen Konzept Case Management, das seine Wirksamkeit und Nachhaltigkeit nur mit entsprechenden Personalressourcen und strukturell geebneten Wegen entfalten kann.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Neuffer
Dipl. Sozialarbeiter, Dipl. Pädagoge, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit. Schwerpunkte: Sozialarbeitswissenschaft, Systemische Beratung, Case Management, Mediation
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Zitiervorschlag
Manfred Neuffer. Rezension vom 20.05.2009 zu: Matthias Müller, Corinna Ehlers (Hrsg.): Case Management als Brücke. Schibri-Verlag (Uckerland) 2008. 192 Seiten. ISBN 978-3-933978-88-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6848.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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