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Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön!

Cover Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt. Berlin Verlag (Berlin) 2008. 413 Seiten. ISBN 978-3-8270-0589-2. 19,90 EUR, CH: 20,50 sFr.

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Biografische Stationen der Autorin

  • 1943 geboren in Moskau als Tochter des deutschen Journalisten Rudolf Herrnstadt und der russischen Germanistin Valentina Herrnstadt
  • 1945 Übersiedlung der Eltern in das zerstörte Berlin
  • Kindheit und Jugend in Ostberlin, Merseburg und Halle/Saale (DDR)
  • 1961-1966 Studium der Sinologie und Kulturwissenschaft in Leipzig
  • 1966-1975 Redakteurin der Zeitschrift "Deutsche Außenpolitik" im Ressort Entwicklungsländer
  • Seit 1975 schreibt sie als freie Autorin zuerst Reportagen für die Ost-Berliner "Wochenpost", aber auch Hörspiele und Prosa
  • 1980 Hörspielpreis der DDR
  • 1987 Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt
  • 1988 Übersiedlung nach Westberlin
  • 1989 Aspekte-Literaturpreis
  • 1990 Förderpreis zum Bremer Literaturpreis,
  • 1996 Ehrengabe der Deutschen Schillergesellschaft
  • 1998 Berliner Literaturpreis
  • 1998/1999 Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg
  • 2001 Gastdozentin am Oberlin College im US-Bundesstaat Ohio
  • 2008 Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Biographie des Vaters

Lieferbare Werke

  • Berliner Mietshaus. 2002.
  • Die freien Frauen. 2006.
  • Biographie in: Köhler, Astrid, Brückenschläge. 2007.

Nicht mehr lieferbare Werke in Auswahl

  • Ich bin ein komischer Vogel. Kinderbuch. 1988.
  • Mitten im Krieg. Erzählungen. 1989.
  • Die sieben Fräulein. Kinderbuch. 1990.
  • In Berlin. Roman. 1994.
  • Letzten Sommer in Deutschland. Eine romantische Reise. 1997.
  • Gedichte und Theaterstücke.

Der Vater

Teil 1: Vor dem Gewitter. Rudolf Herrnstadt wird 1903 in Gleiwitz (Oberschlesien) als Sohn einer wohlhabenden, jüdischen Familie geboren. Nach einem abgebrochenen Jurastudium "verbannt" ihn sein Vater zur Arbeit in der heimischen Zellstofffabrik Krappitz. Die dort verbrachten 2 Jahre im "dunklen, schwarzen Arbeiterelend" werden für den Bürgersohn Herrnstadt zum Schlüsselerlebnis. Er geht nach Berlin, will Schriftsteller werden, begreift aber schnell, dass dies nicht seine Berufung ist, wechselt zum Journalismus und schafft es mit einem genialen Einfall, sich Zutritt zum liberalen "Berliner Tageblatt" und seinem berühmten Chefredakteur Theodor Wolff zu verschaffen, der dem jungen Berufsanfänger in der Folgezeit ein zweiter strenger Vater sein wird. In die hübsche und kluge Chefsekretärin Ilse Stöbe, eine überzeugte Kommunistin, sind beide verliebt, über Jahre hinweg ist sie die Geliebte Herrnstadts. In den frühen 30ern schickt Theodor Wolff den jungen Journalisten als Auslandskorrespondent seines Blattes nach Warschau, von dort – und für kurze Zeit auch aus Moskau und Prag – berichtet er noch während der Nazizeit bis 1937 unter falschem Namen, später für verschiedenen europäische Zeitungen. In dieser Zeit wird Herrnstadt Agent des Auslandsnachrichtendienstes der Roten Armee (GRU), ist Vertrauter des nazikritischen Gesandten in Warschau, Hans von Moltke, und des Legationsrates Rudolf von Scheliha. Erst im August 1939 flieht er, ein schwerkranker Mann (Lungentuberkulose), in die Sowjetunion.

Teil 2: Kriegsbild. In Moskau, nach kurzer Verhaftung und anschließender medizinischer Betreuung, wird Rudolf Herrnstadt der deutschen Abteilung der Komintern (Kommunistische Internationale) zugeteilt und arbeitet in den Kriegsgefangenenlagern der Sowjets, in denen die gefangenen Wehrmachtsoffiziere auf Druck der russischen Armeeführung (Stichwort: Umerziehung) gemeinsam mit den kommunistischen deutschen Emigranten das Nationalkomitee "Freies Deutschland" gegründet hatten. Er wird Chefredakteur der Lagerzeitung gleichen Titels. Während seiner Moskauer Zeit hält sich Herrnstadt  bewusst fern von dem vergifteten Klima des berüchtigten Ghetto-Hotels "Lux", wo Ulbricht und seine Genossen ihre Intrigen spinnen, einander und andere belauern und oft genug denunzieren, ihre späteren DDR-Machtspiele vorwegnehmend. Herrnstadt heiratet die hübsche und gescheite russische Deutschlehrerin Valentina aus Sibirien, und 1943 kommt die Tochter Irina in Moskau zur Welt.

Teil 3: Trümmerbild. 1945 betritt Rudolf Herrnstadt im Gefolge der Roten Armee und der Gruppe Ulbricht wieder deutschen Boden – als ein Mann mit vielen Toten: seine Familie, zu der er kaum noch Kontakt gehabt hatte, ermordet in Auschwitz, die Warschauer Freunde, die Jugendgeliebte Ilse Stöbe, hingerichtet von den Nazis. Im Auftrag der sowjetischen Militärregierung begründet er die "Berliner Zeitung", für die er talentierte Anti- und Nichtnazis engagiert (z. B. für kurze Zeit Egon Bahr und Helmut Kindler) und wechselt schließlich zum SED Parteiorgan "Neues Deutschland". Sein Versuch, das Blatt zu einer vorsichtigen Opposition gegen den Konformismus und die Abgehobenheit der Ulbricht-Linie auszubauen, es zu einem Sprachrohr auch des "kleinen Mannes" und dessen Nöte im zerstörten Nachkriegsdeutschland zu machen, wird misstrauisch vom Politbüro verfolgt, seine Artikel von der Parteileitung  redigiert und dabei oft genug verstümmelt. Herrnstadt engagiert sich beim Bau der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), verwirft die ursprünglichen Bebauungspläne der Architekten, erreicht, dass Wohnhäuser für Arbeiter die breite Straße säumen. Ironie des Schicksals: Von dieser "seiner" Straße aus wird der Aufstand des 17. Juni 1953 seinen Anfang nehmen. Im Vorfeld dieses Datums hatte Herrnstadt als Kritiker der Parteilinie – sein Mitstreiter war der Staatssicherheitsminister Zaisser –  Ulbricht zur Aufgabe seines Postens gedrängt, er hatte Resolutionen und Vorlagen für die Parteigenossen verfasst, seinen Posten als Chefredakteur vernachlässigt in der Hoffnung, der SED ein neues Gesicht geben zu können. Zeitweilig schien es so, als hätten er und Zaisser mit einer Mehrheit im Politbüro Ulbricht stürzen können, aber der Kurswechsel in Moskau, dem Berija zum Opfer fiel, rettete Ulbricht und stürzte Herrnstadt und Zaisser in den Abgrund: aus dem Politbüro entfernt, aus der Partei ausgeschlossen. Zur Unperson erklärt, totgeschwiegen in der Folgezeit und bis über seinen Tod hinaus, wird Rudolf Herrnstadt mit seiner Familie nach Merseburg verbannt, wo er ab Herbst 1953 als Archivar im dortigen Deutschen Zentralarchiv arbeitet. Bis zum Prozess 1954 feilt er an seiner Verteidigung, verfasst danach historische Studien und eine persönliche Rechtfertigung, die erst nach der Wende erscheinen durfte. Am 28. 8 1966 stirbt Rudolf Herrnstadt in Halle an Krebs.

Die Tochter

Dies steht am Beginn des Buches: Die Tochter berichtet vom Ende ihrer Kindheit im Sommer des Jahres 1953. Behütet ist sie aufgewachsen im weitgehend unzerstörten Berliner Bezirk Pankow, den die Politbüro-Mitglieder gleich nach ihrer Rückkehr für sich vereinnahmt hatten. Dort residierten sie, – ganz bürgerlich mit Chauffeur und Dienstmädchen – während ringsumher die Menschen in den Trümmern der Hauptstadt zu überleben versuchten. Nun fährt die Familie ein letztes Mal im Wagen mit eigenem Chauffeur ins Exil nach Merseburg – für die Tochter das Ende kindlicher Unbeschwertheit. Nicht viel mehr wird von ihr, der Tochter, sichtbar werden bei dem Versuch einer Annäherung an ihren Vater. Es ist da eine Distanz zu spüren, ein Schwanken zwischen Nähe und Ferne, zwischen nüchterner Chronik und zaghafter Liebeserklärung. Die Faszination, die die oft beklemmende Geschichte des Vaters im Verlauf ihrer Recherchen in Archiven und bei überlebenden Zeitgenossen von der Tochter Besitz ergreift, mündet nicht selten in Fragen, auf die es einfach keine Antwort geben kann. Brillant waren die Artikel, die der Vater während der Nazizeit für das "Berliner Tageblatt" schrieb. Die Tochter, selber Journalistin, muss es staunend und neidlos zugeben. Nicht einmal jene Artikel, die der Vater nach 1945 im Parteiauftrag schrieb, können diese Brillanz verleugnen. Chronik also – und auch wiederum nicht. Schlaglichtartig durchziehen das Buch jene Szenen, die den oft erstaunten Blick der Tochter freigeben auf den Menschen Rudolf Herrnstadt, der hin und her gerissen war zwischen kommunistischer Überzeugung und bürgerlicher Herkunft. Er erkannte die kleinbürgerliche Denk- und Verhaltensweise jener Gruppe, in deren Gefolge er 1945 nach Deutschland zurückkehrte, um den sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat mit aufzubauen. Die Stalinallee: sein geistiges Kind. Die Tochter findet sie hässlich und es überrascht sie, dass fremde Besucher von ihr fasziniert sind, sie gar mit den Pariser Boulevards vergleichen. Zeitzeugen sprechen über den nach 1945 in der DDR Totgeschwiegenen, und vor unseren Augen entsteht in Momentaufnahmen das Bild eines schlanken, gutaussehenden Mannes, den Hut leicht in den Nacken geschoben, den Mantel lässig übergeworfen, wie er da seinen Weg geht als Antifaschist, als Kommunist. Ein Schweigsamer, ausgestattet mit der Gabe, andere Menschen zum Erzählen zu bewegen, ein in seinen persönlichen Ansprüchen bescheidener Mensch, der es als Chefradakteur ablehnt, deutlich mehr zu verdienen als ein einfache Arbeiter. Der Vater bezahlt schon vor 1953 einen hohen Preis für seine Überzeugung: während eines Aufenthalts in Prag nach Kriegsende verweigert er sich einem Besuch in Theresienstadt. Von dort waren seine Eltern mit dem ersten Transport nach Auschwitz deportiert worden. Seine Schuld? Auch dies eine offene Frage. 1953, nach dem Zusammenbruch, sieht man Herrnstadt tagelang allein in der Diele seines Pankower Hauses sitzen. Frau und Kinder machen Urlaub bei den Großeltern in Sibirien. Bis zu ihrer Rückkehr: kein Anruf, kein Besuch der alten Weggefährten, einzig sein Chauffeur kümmert sich um den zutiefst getroffenen und erstarrten Mann. Er wird Haltung bewahren, so die Tochter, das hat er immer getan.

Fazit

Irina Liebmann lässt einfühlsam und kritisch zugleich vor unseren Augen ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden. Jedoch der Versuch, die Widersprüche und Verirrungen, aber auch die Überzeugungen, für die der Vater konsequent eintrat, zu erklären, hinterlässt so manches Mal ein leichtes Unbehagen: Zu viele Tote säumen den Weg des Rudolf Herrnstadt. Dennoch wird die Lebensgeschichte des Vaters zu einem berührenden Buch der "nachgetragenen Liebe" – so hat es der Schriftsteller Peter Härtling einmal genannt – hinter dessen sehnsuchtsvollem Titel sich vor allem eines verbirgt: der Traum von einem demokratischen Sozialismus trotz Kaltem Krieg und Stalinismus – damals, nach 1945, in der späteren DDR. Es wäre schön gewesen!


Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 07.12.2008 zu: Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön!. Berlin Verlag (Berlin) 2008. 413 Seiten. ISBN 978-3-8270-0589-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6853.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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