Angela Dressler: Nachrichtenwelten [...] Auslandsberichterstattung
Angela Dressler: Nachrichtenwelten. Hinter den Kulissen der Auslandsberichterstattung. transcript (Bielefeld) 2008. 266 Seiten. ISBN 978-3-89942-961-9. 27,80 EUR, CH: 48,80 sFr.
Reihe: Medien Welten - Band 2.
Insiderinformationen als heiße Ware
Überall, schreibt die in Berlin und London tätige Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Angela Dreßler, ist Wissen, das Macht darstellt und öffentlich vermittelt, Kapital, geldwertes wie personales. Bei der Informationsbeschaffung und –weitergabe, insbesondere wenn die Ergebnisse wissenschaftlich, also objektiv verwertet werden sollen, gelangen die Informationen entweder als Studying-up-, oder als Studying-sideways-Materialien, offiziell oder inoffiziell, zum Anfrager. Ist das Interesse an den Informationen wissenschaftlich, ist es sicherlich notwendig, substanzielle Nachrichten von Gerüchten zu unterscheiden und dabei auch die jeweiligen Quellen zu gewichten. Journalisten, insbesondere Auslandskorrespondenten, sind ohne Zweifel darauf angewiesen, bei der Beschaffung und Bewertung der Informationen nicht nur Sorgfalt walten zu lassen, sondern auch bei der Analyse und zusammenfassenden Aussage Landes-, Kultur-, ethnologische und psychologische Kenntnisse zur Verfügung zu haben und ihre Erfahrungen einzubringen.
Inhalt
Angela Dreßler hat sich daran gemacht, im Spannungsfeld von Journalismus und Wissenschaft mit den Mitteln und Methoden der Ethnographie die Recherchearbeit von Auslandskorrespondenten zu analysieren. Indem sie Meinungsäußerungen sammelt und die Arbeit der "Meinungsmacher" beobachtet, will sie am Beispiel der Berichterstattungsräume Südostasien, den USA und dem Nahen Osten die Informationspraxis von verschiedenen Medienorganisationen, wie etwa der ARD, Deutschlandfunk, ZDF und anderen Einrichtungen, von Printmedien, wie z. B. der ZEIT, wie auch von freien Journalisten, aufzeigen, dass im Zusammenhang mit der globalisierten Welt nicht nur die Informationsmacht bedeutsam ist und der internationale Kommunikations- und Nachrichtenfluss, die Medienverflechtungen und die Deutungshoheiten von kommunikations- und medienwissenschaftlicher Bedeutung sind, sondern auch im Sinne einer "Medienethnologie" neue Analysemöglichkeiten eröffnen. Dazu benutzt sie die ethnographischen Methoden der Feldforschung und das Gespräch, das Interview und die Nachfrage ("Oxymoron"), um der Arbeitsroutine und dem Berichterstattungsalltag der Auslandskorrespondenten auf die Spur zu kommen. Dabei geht es der Autorin nicht nur darum, die Sicht der Korrespondenten darzustellen, also nicht um autobiographische und kompilatorische Erzählungen, bei denen Auslandskorrespondenten selbst zu Wort kommen, sondern sie werden durch andere Stimmen, Beobachtungen, Analysen und theoretische Erörterungen ergänzt: Auslandsberichterstattung wird so als kulturelle Praxis dargestellt, weitgehend fernab von investigativem oder gar Sensationsjournalismus.
Angela Dreßler hat ihre Recherchen und Kontakte mit Auslandskorrespondenten bei Praktika und Hospitationen im In- und Ausland erworben. Mit dem ethnographischen Blick – "Das Feld bestimmt die Methode" – und der Würze des "phänomenologischen Raums", bei dem es in der Kultur- und politischen Berichterstattung darum geht, "Räumlichkeit in Sprache (zu) fassen", geht es darum, die in den Zeiten der sich immer interdependenter entwickelnden und entgrenzenden (Einen?) Welt zu erkunden, wie die durch die Informationsmacht wahrgenommene Öffentlichkeit zustande kommt, gemacht wird und wirkt. Immer wieder wird in der global-kritischen Diskussion beklagt, dass die durch die Medien geschaffene Macht tatsächliche politische und gesellschaftliche Dominanz und damit Ungerechtigkeit und Ohnmacht macht. Mit der konkret vorgefundenen Metapher "It`s the story that counts". Die Welt ist in Bewegung – und die Kommunikation ist es auch. Wie sich der Alltag der Auslandskorrespondenten verändert und gestaltet, hängt nicht nur davon ab, wie sich das Medieninteresse in der Öffentlichkeit entwickelt, sondern auch, wie sich ein jeweiliges Ereignis im Fokus der geopolitischen Aufmerksamkeit darstellt, und damit auch dem heimischen Publikum "verkaufen" lässt. Der Arbeitsablauf der Auslandskorrespondenten zwischen Routine und Scoop riechender einmaligen Chance wird von der Autorin für den Leser nachvollziehbar vermittelt, mit Interviewtexten und wertenden Analysen. So geraten die einzelnen Passagen, ob in Bali, in Singapur, in New York oder Tel Aviv, nicht selten zu "Standarderfahrungen", die – hingeschrieben – beinahe platt wirken; wie etwa, man müsse "den Leser abholen auf seiner Reise", was bedeute, dass der Auslandskorrespondent "viel mehr beschreiben und umschreiben, viel mehr erklären als sonst" müsse. Was dann freilich auch klar macht, dass die Gefahr auf bekanntem – unbekanntem Terrain besteht, Geschichten zu erzählen, die in der Phantasie oder im Projektionsraum des Journalisten entstehen und die "Bodenhaftung" verloren haben.
Fazit
Allerweltsweisheiten, die dem im Fernsehsessel behaglich sitzenden Zuschauer oder dem die Zeitung lesenden Frühstückshektiker zwar präsent sind, aber im Alltagsgeschehen nur selten konfrontieren, wie: Es hängt alles mit allem zusammen! Oder: Es gibt viele Wahrheiten! Gar mit den Sprichwort charakterisiert: Wie man in den Wald hinein ruft…!, werden in der ethnographisch-medialen Analyse von Angela Dreßler zu einer Geschichtenerzählung über den journalistischen Arbeitsalltag von Auslandskorrespondenten und deren alltäglichen Konditionen. So stellt sich die Arbeit nicht nur als eine Bestandsaufnahme der je konkreten, immer verschiedenen, weil orts- und situationsabhängigen Arbeitssituation der Journalisten dar, sondern sie ermöglicht auch einen Blick hinter den Vorhang. Das Guckloch öffnet sich dabei zu einem beinahe Miterleben und Verstehen, wie Information und Orientierung zusammen kommen, die wir fernab erfahren und gelegentlich hautnah zu erleben meinen. Dass dabei der Grad zwischen dem In-Form-Bringen der Information durch den Auslandskorrespondenten, was auch manipulieren bedeuten kann, und dem übermittelten Tatsachenbericht schmal ist, wird in der Analyse deutlich. So mag die Arbeit auch eine Anregung sein, "nach der eigenen Verortung" zu fragen und das eigene "Da-Sein im Zusammenhang mit Orientierung zu begreifen und die eigenen Werte nebst Weltanschauung, nicht als Richtig oder Falsch, sondern als `Formsache` zu verstehen und zu hinterfragen" – für künftige Schreiber genau so, wie für Profis.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2008 zu: Angela Dressler: Nachrichtenwelten [...] Auslandsberichterstattung. transcript (Bielefeld) 2008. 266 Seiten. ISBN 978-3-89942-961-9. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/6864.php, Datum des Zugriffs 09.02.2010.
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