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Irvin D. Yalom: Wie man die Angst vor dem Tod überwindet

Cover Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. btb Verlag (München) 2008. 269 Seiten. ISBN 978-3-442-75201-0. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 38,90 sFr.

Originaltitel: Staring at the sun.
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Thema

«Le soleil ni la mort ne se peuvent regarder en face. (Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Gesicht blicken.) Francois de la Rochefoucauld, Maxime 26 ». Dieses Zitat, das noch vor dem Vorwort erscheint, leitet direkt zum zentralen Thema des Buches ein und bietet gleichzeitig eine Erklärung des Titels. Angst (statt „Furcht“) ist der Preis, den wir für das Bewusstsein unserer Existenz zahlen, so der Autor. Wie der Mensch die Angst, bzw. den „Terror“ (so der Amerikanische Begriff) vor dem Tod überwindet, davon handelt dieses Buch, geschrieben für Fachleute und Laien. In den Dialogen zwischen Dr. Yalom und seinen Patienten, deren Alter, Situation und Auslöser für das Aufsuchen der Therapie unterschiedlich ist, aber allen gemeinsam, dass sie an Todesfurcht leiden, bekommt der Leser einen ehrlichen und direkten Zugang zum Gedankenmodell des Autors. Der Autor, 75 Jahre alt, schont sich selbst dabei nicht und enthüllt seinen sehr persönlichen Umgang mit diesem universellen, uns allen gleichermaßen betreffenden Thema.

Autor

Irvin D. Yalom wurde 1931 als Sohn russischer Einwanderer in Washington D.C. geboren .Er ist ein bekannter Psychoanalytiker und Bestsellautor in den USA, sowie emeritierter Professor der Stanford University School of Medicine. Er schrieb Fachbücher zur Gruppen- und zur Existentiellen Psychotherapie und ist bei den meisten Lesern bekannt geworden durch seine Romane „Und Nietzsche weinte“, „Die rote Couch“, „Die Schopenhauer-Kur“ u.a. Yalom hat mehrere Auszeichnungen für seine Bücher erhalten. Es sind wahre Geschichten aus seiner therapeutischen Praxis, unterhaltsam geschrieben und für die praktische Lebenshilfe von großem Nutzen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor erwähnt bereits im Vorwort, dass es sich um „ein zutiefst persönliches Buch“ (S.7) handelt. Anschaulich, in einer klaren und einfachen Sprache geschrieben, verbindet der Autor seine fachliche und private Erfahrung mit der Angst vor dem Tod, verknüpft sie mit der von ihm entwickelten existenziellen Therapie und versucht anhand der Axiome des altgriechischen Philosophen Epikur seinen Patienten und sich selbst gedankliche Werkzeuge an die Hand zu geben, die ohne den Trost an einem Glauben nach einem Leben nach dem Tod auskommen müssen.

Im ersten Kapitel „Die Wunde der Sterblichkeit“ führt er den Leser in Epikurs Denken ein: epikureisch steht nicht nur für den verfeinerten Sinnesgenuss, vielmehr ging es dem Philosophen und praktizierenden Mediziner um die Erlangung der Ataraxie, d.h. der Seeleruhe. Epikur glaubte, dass die Wurzel des menschlichen Leids die allgegenwärtige Furcht vor dem Tod sei. Yalom fügt hinzu, dass sich diese Furcht im Alter von sechs Jahren und später in der Pubertät, erstmals zeigt und anders als Freud, der die unterdrückte Sexualität als Ursache der pathologischen Erscheinungen sieht, ist es bei Yalom das Wissen über die eigene Sterblichkeit.

Im zweiten Kapitel „Todesfurcht erkennen“ deckt der Autor mit Hilfe seiner therapeutischen Intervention, die hinter verschiedenen Symptomen, wie Angstgefühle, Depression u.a. stehende Todesfurcht. Klassisch, wie bereits aus früheren Werken bekannt, führt er den Leser mit gedanklich nachvollziehbaren Dialogen in kleinen Fallgeschichten und bekannten Geschichten aus Film und Literatur an seine Argumentation heran.

Im dritten Kapitel „Der Weckruf“ beschreibt Yalom auslösende Situationen, z.B. Tolstois Romanheld Iwan Iljitsch, der im Angesicht einer tödlichen Erkrankung erkennt, dass er „so schlimm stirbt, weil er so schlimm gelebt hat“ (S.42), die dazu führen können, dass Menschen ihr Leben, ihre Beziehungen usw. grundlegend ändern. Zentraler Gedanke ist: „Obwohl uns die Physikalität des Todes zerstört, rettet uns die Idee des Todes“ (S.40).

Im vierten Kapitel „Die Macht der Ideen“ stellt er einige seiner Werkzeuge in der therapeutischen Arbeit mit Patienten vor, die helfen können die Todesangst zu bewältigen: Die drei Ideen/Axiome Epikurs:

  1. Die Sterblichkeit der Seele
  2. Das ultimative Nichts des Todes
  3. Das Argument der Symmetrie (S.82)

sowie Yaloms Gedanke des „Welleneffekts“ (S.86), der sich seiner Meinung nach auf die Tatsache bezieht, dass jeder von uns, bewusst oder unbewusst konzentrische Einflusskreise erzeugt.

Im fünften Kapitel „Todesangst durch Beziehung überwinden“, zeigt der Autor durch zahlreiche praktische Beispiele, wie die im vierten Kapitel vorgestellten Ideen durch den Synergieeffekt im Alltag wirken können. Obwohl die menschlichen Wesen darauf angewiesen sind sich mit anderen zu verbinden, ist das Sterben ein einsames Ereignis im Leben. Yalom unterscheidet zwei Arten von Einsamkeit: „die tägliche und die existenzielle“ (S. 119), während erstere eine interpersonelle Isolation sei, der „Schmerz von anderen Menschen isoliert zu sein“, entstammt letztere „dem unüberbrückbaren Abgrund zwischen dem Einzelnen und seinen Mitmenschen“ (S.120). Er führt an, dass man durch Empathie oder reine Anwesenheit einem anderen Menschen, der dem Tod gegenüber steht oder Todespanik hat, helfen kann.

Im sechsten Kapitel „Im Bewusstsein des Todes: eine Kurzbiographie“, fasst der Autor seine persönliche Erfahrung und Haltung mit der eigenen Sterblichkeit zusammen.

Schließlich bietet Irvin Yaloms siebtes Kapitel „Todesfurcht ansprechen: ein Rat an Therapeuten“ richtet sich an Therapeuten. Der Autor beschreibt zunächst die „existenzielle Herausgehensweise“ und erklärt weiterhin den Unterschied zwischen Inhalt und Prozess in der Therapie um schließlich anzumerken, dass die Gedankenmodelle allein nicht ausreichen, sondern der „Synergieeffekt von Ideen plus Beziehung“ (S. 196). In zahlreichen Fallbeispielen verdeutlicht der Autor seine Arbeitsweise und bezieht weitere Hilfsmittel mit ein, wie das Arbeiten im „Hier und jetzt“ (S. 211), die „Selbstoffenbarung des Therapeuten“ (S.230) und das Arbeiten mit Trauminhalten „Träume: Der Königsweg zum Hier und Jetzt“ (S.250).

Fazit

Dieses Buch besticht durch die authentische Annäherung an ein Thema, über das man in unserer Gesellschaft nicht gern spricht: den Tod. Es ist fast unmöglich dieses Buch zu lesen ohne sich als Leser über das eigene Leben Gedanken zu machen, wohl wissend, dass es jederzeit zu Ende sein kann. Und gerade deshalb ist es hervorragend geeignet um Laien und Fachleuten durch die eigene Konfrontation mit dieser unumstößlichen Tatsache und durch die Vielfalt der Ideen, die in den Kapiteln vorgestellt werden eine eigene Haltung dazu zu entwickeln, ein Art „Dauerweckruf“. Für den gläubigen Menschen könnte es eine Herausforderung sein, da Yalom über sich selbst schreibt, dass seine Arbeit in einer säkularen, existenziellen Weltanschauung verwurzelt sei, die übernatürliche Glaubensvorstellungen zurückweist (Kapitel „Religion und Glaube“) und seine Gedankenmodelle eher philosophische als theologische sind, trotzdem sie eine Art Trost spenden, der mehr vom menschlichen Verstand und Gefühl genährt wird.

Letztlich bietet es sich auch als Lehrbuch an, oder Anleitung für alle die in therapeutischen Berufen tätig sind um die eine eigene Angst vor dem Tod zu überwinden, sich im therapeutischen Prozess zu öffnen wenn es angebracht ist und den Patienten die Möglichkeit zu bieten offen darüber zu reden.


Rezensentin
Dipl.-Psychol. Aspasia Zontanou


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Zitiervorschlag
Aspasia Zontanou. Rezension vom 20.02.2009 zu: Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. btb Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-442-75201-0. Originaltitel: Staring at the sun. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6883.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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