socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrich Lakemann (Hrsg.): Psychiatrische Familienpflege in Thüringen

Cover Ulrich Lakemann (Hrsg.): Psychiatrische Familienpflege in Thüringen. Evaluation des Modellprojekts Betreutes Wohnen in Familien. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2008. 204 Seiten. ISBN 978-3-88414-463-3. 29,95 EUR, CH: 50,90 sFr.

Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch stellt die wichtigsten Ergebnisse einer Reihe von Studien zur Evaluation des Modellprojektes Betreutes Wohnen in Familien in Thüringen vor. Die Wiedereinführung der psychiatrischen Familienpflege in Thüringen wurde angestoßen durch eine Diplomarbeit an der Fachhochschule Jena, die sich am französischen Vorbild der psychiatrischen Familienpflege orientierte. Der Modellversuch von 2003 bis 2005 wurde im September 2005 unter der Trägerschaft des Vereins Aktion Wandlungswelten e.V. als ambulante Regelleistung ausgerichtet auf psychisch kranke bzw. suchtkranke Menschen fortgesetzt. So wurden im August 2008 47 psychisch kranke Menschen erfolgreich in Gastfamilien betreut. Die wissenschaftliche Begleitforschung fand an der Fachhochschule Jena in Form von Forschungsseminaren statt. Fallstudien von Familien, Experteninterviews sowie eine standardisierte Befragung der Gastfamilien bilden die empirische Basis der Evaluation.

Aufbau und Inhalt

Ulrich Lakemann ist für die wissenschaftliche Federführung gemeinsam mit seinem verstorbenen Kollegen Klaus-Dieter Dresler verantwortlich, dem das Buch gewidmet ist. Lakemann leitet das Buch ein mit einer Vorstellung der Untersuchung und rundet es ab mit dem Schlusskapitel, das die Ergebnisse noch einmal bündelt aus familiensoziologischer Sicht. Neben einem Vorwort des Vereins Aktion Wandlungswelten e.V. werden in den verbleibenden Kapiteln die Ergebnisse der jeweiligen Forschungsarbeiten vorgestellt. Dabei geht es um folgende Fragen:

  • Wie wandelten sich Motive von Gastfamilien seit Beginn der Familienpflegegeschichte im 18. Jahrhundert bis heute?
  • Welche Motive bestehen seitens der Familien des Modellprojekts zur Aufnahme eines psychisch kranken Menschen und welche Merkmale bestehen bei den Gästen?
  • Mit welchen Konsequenzen ist die Integration eines psychisch erkrankten Gastes in die Gastfamilie verbunden?
  • Wie verändert sich das soziale Rollengefüge im Familiensystem, welche Rollen hat der Gast?
  • Was ist das Besondere an den Gastfamilien aus systemtheoretischer Sicht?
  • Ist die psychiatrische Familienpflege für Menschen mit Suchtproblemen geeignet, wenn diese in einer Gastfamilie mit eigenem Erfahrungshintergrund leben?
  • Wie entwickeln und verändern sich Menschen und Familien in der psychiatrischen Familienpflege über die Zeit aus ihrer Sicht?
  • Welche Aufgaben übernehmen die Mitglieder des Familienpflegeteams und wie kann mit Schwierigkeiten konstruktiv umgegangen werden?

Zielgruppen

Alle Berufsgruppen in der ambulanten Versorgung chronisch psychisch Kranker, Mitarbeitende von Familienpflegeteams; Interessierte an qualitativer Forschung

Diskussion

Das Buch zeigt eindrücklich, wie der gemeindepsychiatrische Gedanke „ambulant vor stationär“ mit dem Engagement vieler Personen und Institutionen umgesetzt werden kann; dass es Menschen mit Visionen sind, die sich von Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen; dass Beharrlichkeit zum Ziel führen kann und dass eine geglückte Zusammenarbeit von Forschung und Praxis neue (Versorgungs-)Realitäten schaffen kann. Da es wenig Literatur zum Thema gibt, ist es in jedem Falle eine Bereicherung und ein gutes Beispiel für gelingende begleitende Sozialarbeit. Fallbeispiele und Fotos machen das Buch leicht zugänglich und anschaulich. Neugierig wird man auf andere Projekte bundesweit, die erwähnt, aber nicht näher vorgestellt werden. Besonders die Motive der Familien und die Veränderungen, die sich in den Familien vollziehen, sind sehr ausführlich herausgearbeitet. Aktuelle familienpsychologische Konzepte habe ich in der Rollenanalyse vermisst. Bezug genommen wird auf Parsons (1973), der Frauen eine expressive, Männern eine instrumentelle Rolle zuschreibt, was der Autor des Beitrags selbst als „altmodisch und überholt anmutende These“ bezeichnet. Der breite Familienbegriff und die Tatsache, dass die „am Projekt beteiligten Familien in der Regel nicht dem klassischen, eher traditionellen Bild von Familie entsprechen“ (S. 204), kommt hier ein wenig kurz.

Fazit

Das Buch zeigt auf empirischer Grundlage, dass „Betreutes Wohnen in Familien“ ein Projekt ist, von dem alle Beteiligten vorwiegend profitieren. Es ist damit sowohl eine wichtige Argumentationsbasis für die Politik als auch ein anregendes Nachschlagewerk zu interessanten Fragestellungen der praktischen psychiatrischen Familienpflege.


Rezensentin
Prof. Dr. Jeannette Bischkopf
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Jeannette Bischkopf anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jeannette Bischkopf. Rezension vom 29.08.2009 zu: Ulrich Lakemann (Hrsg.): Psychiatrische Familienpflege in Thüringen. Evaluation des Modellprojekts Betreutes Wohnen in Familien. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2008. ISBN 978-3-88414-463-3. Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6896.php, Datum des Zugriffs 26.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!