Tilmann Steinert: Umgang mit Gewalt in der Psychiatrie
Tilmann Steinert: Umgang mit Gewalt in der Psychiatrie. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2008. 126 Seiten. ISBN 978-3-88414-457-2. 14,95 EUR, CH: 27,50 sFr.
Reihe: Basiswissen - 15.
Thema
Der psychisch kranke Mensch braucht Hilfe, er muss aber wegen seiner potentiellen Gefährlichkeit auch kontrolliert werden. So hat die Psychiatrie in unserer abendländischen Kultur seit ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert etwas mit Gewalt zu tun, denn der Wahnsinn ist eine Gefahr für die Vernunft und für die jeweilige gesellschaftliche Ordnung. Es soll aber zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen, im alten Griechenland zum Beispiel oder im arabischen Spanien des Mittelalters, Einrichtungen für Menschen in seelischen Krisen gegeben haben inmitten von Gärten, lieblichen Landschaften, in beruhigend gestalteten Räumlichkeiten, wo Ärzte, Philosophen, Dichter, Musiker und Schauspieler den bedrückten Gemütern wieder zur Harmonie und innerer Kraft verholfen haben.
Nach den exzessiven Gewaltanwendungen an psychisch kranken Menschen durch die Nationalsozialisten und dem sich anschließenden Vierteljahrhundert gewaltsamer Ausgrenzung und brutaler menschenverachtender Vernachlässigung ist das Thema "Gewalt" in der Psychiatrie heute kein Tabuthema mehr. Die direkte und die indirekte psychiatrische Gewalt wird zum Gegenstand von Untersuchungen, von Kontrollinstanzen und Beschwerdestellen und von Auseinandersetzungen zwischen professionellen Experten und Betroffenengruppen. Aber auch die Gewalt, die von psychisch kranken Menschen ausgeht, ihre Häufigkeit, die Begleitumstände, ihre Auswirkungen auf das Personal und ihre Vermeidbarkeit werden differenziert betrachtet. So haben in den vergangenen Jahren Tagungen zu dieser Thematik stattgefunden, es gibt Publikationen, und es gibt Trainingsmöglichkeiten zur Gewaltprävention und De–Eskalation.
Autor
Der Autor Tilmann Steinert ist Chefarzt einer großen psychiatrischen Klinik und hat eine Reihe von Untersuchungen zum Thema Gewalttätigkeit in der Psychiatrie und ins Besondere von Menschen mit der Diagnose Schizophrenie durchgeführt und veröffentlicht. Er war auch Feder führend bei der Erstellung der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde zum Umgang mit aggressivem Verhalten.
Aufbau und Inhalt
Die einführenden Kapitel stellen zunächst die Gefahren dar, die einerseits von psychisch kranken Menschen ausgehen und denen, andererseits, diese ausgesetzt sind. "Umgang mit Gewalt" bezieht sich dann vor allem auf den professionellen Umgang mit Gewalt, die von Patienten ausgeht. Es geht um Ursachen und Auslöser und das rechtzeitige Erkennen von Gewaltpotentialen. Ein zentrales und umfangreiches Kapitel befasst sich mit Techniken und Strategien zur Verhinderung von Gewalt, zur Früherkennung und De-Eskalation, Techniken zur Überwältigung eines Patienten sowie zur nachträglichen Verarbeitung derartiger Ereignisse. Des Weiteren geht es um Dokumentation, juristische Fragen, die Zwangsmaßnahmen im Einzelnen, Psychopharmaka-Einsatz und ethische Fragen im Zusammenhang mit Zwang. Die Botschaft des Autors ist:
- Das Thema Gewalt darf nicht tabuisiert werden, denn es gibt sie.
- Ein professioneller Umgang mit aggressivem Verhalten muss gelernt werden.
- Es gibt Möglichkeiten, Gewalteskalationen aufzuhalten.
- Ein von gegenseitigem Respekt getragenes Behandlungsmilieu kann das Auftreten von Gewalt und die Notwendigkeit von Zwangsmaßnahmen weitgehend verhindern.
Zielgruppen
Das Buch wendet sich an alle psychiatrisch Tätigen, vor allem in stationären Einrichtungen. Risiko-Einschätzung und Gewaltvorgänge sind immer Sache des gesamten Teams aber auch der Vorgesetzten. So macht es durchaus Sinn, mit dieser Lektüre in Teamgruppen und Qualitätszirkeln zu arbeiten. Auch Anleiter für Neulinge im Arbeitsfeld, sei es im medizinischen, pflegerischen oder sozialen Bereich, können die übersichtlichen und dennoch differenzierten Darstellungen für die Einführung der Anfänger in diesen Problemkomplex gut gebrauchen. Eine klare Sprache, viele Beispiele und Zusammenfassungen in Form von Merksätzen machen das Buch für alle Berufsgruppen lesbar.
Fazit
Es geht um ein immer noch zentrales und heiß umstrittenes Thema der Psychiatrie, das sobald nicht "ausdiskutiert" sein wird. Es wird deutlich gemacht, dass ein vernünftiger professioneller Umgang mit Gewaltpotentialen möglich ist. Mitarbeiter in Einrichtungen können lernen, aufmerksamer und gleichzeitig angstfreier mit Aggression freisetzenden Situationen umzugehen. Es muss aber auch hinzu gefügt werden, dass es um "Basiswissen" geht, das noch erweiterbar ist und erweitert werden muss, z.B. um die Auseinandersetzung mit der strukturellen Gewalt und mit der Bedeutung der Macht der professionellen Experten und mit der Be4deutung ihrer so wirkungsvollen und folgenreichen medikamentösen Ein-Griffe. Hierfür ist weiterhin die Sensibilisierung für das, was die Patienten erleben, nötig und die Zusammenarbeit mit ihnen und ihren Angehörigen.
Rezensentin
Prof. Dr. Marianne Bosshard
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Zitiervorschlag
Marianne Bosshard. Rezension vom 03.02.2009 zu: Tilmann Steinert: Umgang mit Gewalt in der Psychiatrie. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2008. 126 Seiten. ISBN 978-3-88414-457-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6897.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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