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Scott D. Miller, Barry L. Duncan u.a.: Jenseits von Babel

Cover Scott D. Miller, Barry L. Duncan, Mark A. Hubble: Jenseits von Babel. Wege zu einer gemeinsamen Sprache in der Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2000. 266 Seiten. ISBN 978-3-608-91989-9. 30,00 EUR.
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Das Thema

Immer schneller wechseln auf dem "Psychomarkt" modische Therapie-Richtungen. Um sich in Ruhm und klingender Münze (Workshops, Ausbildungen) niederschlagen zu können, müssen die jeweils neuen Richtungen ihre Andersartigkeit, ihre revolutionäre Neuheit und ihre spektakulären Erfolge überbetonen. Sie verpflichten ihre AnhängerInnen auf eine neue Fach-Sprache, was – eine Grunderkenntnis der Systemtheorie – notwendig ist, um sich von anderen Verfahren abzusetzen und erfolgreich am Markt zu behaupten.

Das Ergebnis: ein Babel der Therapie- und Beratungsverfahren, in dem TherapeutInnen und BeraterInnen in hundert unterschiedlichen Sprachen reden, obwohl (so die Autoren des Buchs) sie alle Ähnliches tun.

Diesem "Ähnlichen" widmen Miller, Duncan und Hubble ihr Buch. Was sind die Gemeinsamkeiten, die wirksame Psychotherapie heute auszeichnet?

Die Autoren / der Hintergrund

Scott Miller, Barry Duncan und Mark Hubble sind erfahrene Kliniker und Therapieforscher aus dem weiteren ressourcen- und lösungsorientierten Umfeld. So hat Scott Miller gemeinsam mit Insoo Kim Berg den Klassiker zur lösungsorientierten Arbeit bei Alkoholproblemen geschrieben ("Die Wunder-Methode". Ein völlig neuer Ansatz bei Alkoholproblemen. Dortmund 1997)

Für ihr Buch haben die Autoren Hunderte von empirischen Untersuchungen zur Wirkung von Psychotherapie und von einzelnen Therapiefaktoren zusammengetragen und einige Forschungen auch selbst durchgeführt. Jede ihrer Thesen zu den wirksamen Elementen von Psychotherapie wird durch entsprechende Untersuchungen und Zahlen belegt. Aus konstruktivistischer Sicht liegt für mich hier ein gewisser Widerspruch, da die Autoren ansonsten kritisieren, wie mit empirischen "Erfolgs"untersuchungen in Zeiten umkämpfter Gesundheitsmärkte fast jeder Therapieansatz mit Erfolgsmeldungen für sich wirbt.

Der Inhalt

Untermauert durch empirische Befunde, Hunderte von Literaturangaben und illustriert durch ansprechende Beispiele (mit Transkriptionen von Sitzungs-Teilen) schildern die Autoren in kurzweiliger Sprache die aus ihrer Sicht wirksamen Elemente von Psychotherapie. Was sind nun diese Kernelemente?

Dazu hier die wichtigsten Thesen der Autoren:

  • Unterschiedliche Therapiemodelle wirken in etwa gleich gut (S.16).
  • Es macht wenig Sinn, von "Kurztherapie" zu reden, denn fast alle Therapien sind kurz: Die meisten KlientInnen kommen nur zu einigen Sitzungen, egal, wie das Modell ihrer TherapeutInnen aussieht. (S.19)
  • Therapie-Ergebnisse setzen sich nach den Recherchen der Autoren aus folgenden Wirkfaktoren zusammen (55):
    40 % Anteil der KlientInnen und ihrer Umgebung
    30 % Anteil der therapeutischen Beziehung
    15 % Anteil der theoretischen / technischen Orientierung der TherapeutInnen
    15 % Placebofaktoren wie Glaube an die Wirksamkeit der Therapie
  • Wichtigster Wirkfaktor der Therapie (dem nach den Recherchen der Autoren etwa 40% des Erfolges zuzurechnen ist) sind die KlientInnen selbst. Ihre Veränderungsbereitschaft und Mitarbeit entscheiden maßgeblich über den Erfolg einer Therapie. (S. 41) Dazu die Autoren: "Es gibt Hunderte von Büchern über große Therapeuten, Bücher über große Klienten aber, wenn überhaupt, nur wenige." (41) Diese Kernthese des Buches, die Rehabilitation der KlientInnen, der "unbesungenen Helden der Psychotherapie" (51) ist in der Fachöffentlichkeit bereits nach Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe aufgegriffen worden, bringt sie doch eine fällige Neuorientierung und neue Bescheidenheit sonst eher selbstherrlicher TherapeutInnen auf den Punkt. Oft zitiert wird dazu ein afrikanisches Sprichwort, das die Autoren einem Großkapitel voranstellen: "Solange die Löwen nicht ihre eigenen Geschichtsschreiber haben, werden die Jagdgeschichten immer den Ruhm des Jägers verkünden." (51)
  • Therapien enden dann meist erfolgreich, wenn die KlientInnen recht bald Veränderungen bemerken (60) und diese Veränderungen sich selbst zuschreiben (72).
  • Weiter sind sie um so eher erfolgreicher, je mehr Sprachstil von KlientIn und TherapeutIn sich ähneln (86).
  • Ebenso sind Behandlungen dann erfolgreich, wenn sie sich am Motivationsniveau der KlientInnen und deren momentaner Änderungebereitschaft orientieren (103ff.). (Hier gehen die Autoren genauer auf die Forschungen von Prochaska, Norcross und DiClemente ein.)
  • Therapie-Erfolg stellt sich eher bei konkret formulierten, spezifischen und verhaltensbezogenen Zielen ein (120ff.).
  • Therapie-Erfolg ist wahrscheinlicher, wenn nicht Gründe für Probleme gesucht und bearbeitet werden, sondern Faktoren gesucht und verstärkt werden, die eine Änderung und Verbesserung begünstigen (142).
  • Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges wächst, je mehr TherapeutIn und KlientIn von der Wirksamkeit des jeweiligen Ansatzes überzeugt sind (146ff.) und je mehr beide Misserfolge und Rückschritte einfach Pech, Erfolge aber der KlientIn zuschreiben können (168).
  • Unabdingbare Voraussetzung für gelingende Therapien scheint eine Fokussierung und Strukturierung der Sitzungen durch die Therapeutin zu sein (197).

Aus ihren Kernthesen entwickeln die Autoren folgende Forderungen an eine gute Psychotherapie:

  • Achtsamkeit für außertherapeutische Wirkfaktoren entwickeln (56).
  • Auf alle Änderungen bei KlientInnen achten und diese aufwerten (57).
  • Neugier für den eigenen Beitrag der KlientInnen entwickeln und diesen aufwerten (75).
  • Neugier für förderliche Umstände und das unterstützende Netzwerk der KlientInnen entwickeln und diese durch Aufmerksamkeit verstärken (93).
  • Ausrichtung an der Motivationsstufe der KlientInnen (103ff.)
  • Ausrichtung an konkreten und spezifischen Zielen der KlientInnen (120ff.).
  • Respektvolles Interesse und Wertschätzung für die KlientInnen pflegen (127ff.)
  • Positive Erwartungen fördern (143).
  • Zukunftsorientierung (157) und Selbstbestimmung (163) fördern.
  • Probleme der KlientInnen externalisieren ("de-personalisieren") (168).

Zielgruppen

Sicher ein interessantes Buch all die für PraktikerInnen aus Beratung und Psychotherapie, besonders für diejenigen, die ihre vielleicht zur Routine gewordene Tätigkeit einmal neu überdenken und auffrischen wollen.

Für Studierende eher verwirrend bzw. mit Hilfestellung nutzbar. Für alle, die an ressourcen- und lösungsorientierter Arbeit über den "klassischen" Ansatz von de Shazer/Berg hinaus interessiert sind.

Fazit

Ein lebendiges, schön zu lesendes Buch, das jenseits von Techniken und Schulen Kernelemente von Beratung und Therapie benennt und auf den Punkt bringt.

Hier noch ein Zitat, das mir besonders gut gefallen hat. An einer Textstelle, die sich mit den Parallelen zwischen Zen-Buddhismus und Therapie/Beratung beschäftigt, sagen die Autoren:

"Unsere Klienten sind bereits erleuchtet. Das einzig Beständige ist der Wandel." (55)


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 01.10.2001 zu: Scott D. Miller, Barry L. Duncan, Mark A. Hubble: Jenseits von Babel. Wege zu einer gemeinsamen Sprache in der Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2000. ISBN 978-3-608-91989-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/69.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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