Helle Becker (Hrsg.): Politik und Partizipation in der Ganztagsschule
Helle Becker (Hrsg.): Politik und Partizipation in der Ganztagsschule. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2008. 126 Seiten. ISBN 978-3-89974-381-4. 16,80 EUR.
Ganztagsschule braucht die Jugendarbeit
Die nationalen und internationalen Vergleichsuntersuchungen über schulisches Lernen betonen unisono – neben der Problematik des Schulsystems – dass Lernen in der Schule am besten in einem Ganztagssystem gelingen kann. Sie machen aber auch einhellig deutlich, dass Lernen mehr sein muss als der Erwerb von kognitivem Wissen. Soziales und emotionales Lernen muss gleichbedeutend zum reinen Wissenserwerb dazu kommen. Und: Das betont die UNESCO mit ihrer Forderung nach "Lifelong Learning for all". Der Mensch soll nicht primär einem von außen aufgezwungenen Bildungsauftrag unterworfen werden, sondern durch Lebenslanges Lernen die Chance und die Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Aneignung der Welt erhalten. Nicht zuletzt daraus haben sich Programme und Innovationen zur Revision schulischer Bildung entwickelt, die in der griffigen Hentingschen Formel zum Ausdruck kommt: "Schule neu denken".
Entstehungshintergrund
Die Gemeinsame Initiative der Träger politischer Jugendbildung, GEMINI – Gesellschaft für Wissenstransfer – hat von den Jahren 2004 bis 2006 ein Projekt durchgeführt, mit dem Ziel, die Kooperationsmöglichkeiten der politischen Jugendbildung im Ganztag zu erkunden. Das Projekt "Politik & Partizipation in der Ganztagsschule" wollte das schwierige, bisher kaum beackerte Feld der Zusammenarbeit von Schule und Jugendsozialarbeit darauf fokussieren, welche Möglichkeiten im Bereich der Ganztagsschulen bestehen, "neues Lernen" zu initiieren. Die Leiterin des Projektes "P&P", Helle Becker als Herausgeberin des Ergebnis- und "Hausaufgaben"-Bandes lässt die am Projekt Beteiligten zu Wort kommen und bindet gleichzeitig Erfahrungsberichte und Forderungen aus der politischen Jugendarbeit ein. Die einzelnen Beiträge wollen nicht als Rezepte verstanden werden, welchen Platz "Politik und Partizipation" in der Ganztagsschule einnehmen können, sondern die Diskussion über dieses wichtige und vernachlässigte Feld ganzheitlicher Bildung beleben.
Aufbau und Inhalt
Der Soziologe der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Albert Scheer, reflektiert in seinem Beitrag über "Eigenständigkeit und Eigensinn außerschulischer politischer Bildung". Damit markiert er die Bedingungen, die für eine produktive Kooperation zwischen Schule und der außerschulischen Jugendbildung bedacht werden müssen. Besonders in der Politischen Bildung kommt es darauf an, "einen dialogischen und prinzipiell ergebnisoffenen Prozess der Selbstbildung zu konzipieren, der auf den Versuch verzichtet, möglichst einzugrenzen, was zur Sprache kommen kann und was gelernt werden kann und soll" (vgl. dazu auch die Rezension zu Hans-Werner Kuhn, Urteilsbildung im Politikunterricht, und die Rezension zu Christa Kaletsch, Handbuch Demokratietraining in der Einwanderungsgesellschaft).
Der wissenschaftliche Referent am Deutschen Jugendinstitut, Heinz-Jürgen Stolz, fragt, gewissermaßen zur eigenen Selbstvergewisserung der politischen Jugendbildung und –arbeit, was denn das Politische und das Bildende in der politischen Jugendarbeit sein könne, um dann eine "aufsuchende Jugendbildung" am Lernort Ganztagsschule zu diskutieren. "Die politische Jugendbildung sollte daher ein vitales Interesse an dem Zustandekommen lokaler oder regionaler Bildungslandschaften haben und eine schul- und schulformübergreifende Kooperation im Kontext lokaler Bildungsnetze mit vorantreiben". Weil es hierbei auch der Qualifizierung und Bereitschaft der schulischen Lehrkräfte bedarf, legt Dieter Wunder als Herausgeber das im Wochenschau-Verlag erschienene Bändchen "Ein neuer Beruf? Lehrerinnen und Lehrer an Ganztagsschulen" vor (vgl. dazu die Rezension).
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Bildungsstrategie Offenbach" im Rahmen des Bundesprogramms "Lernende Regionen – Förderung von Netzwerken", Nadine Balzter, und der Kulturpädagoge der Hochschule Darmstadt, Achim Schröder, berichten über "Qualitäten der außerschulischen politischen Jugendbildung für ganztägiges Lernen", indem sie die Ergebnisse einer bundesweiten Evaluation darstellen. Dabei weisen sie besonders darauf hin, dass es bezüglich der Vermittlungsformen und Methoden zur Politischen Bildung vielfältige Anregungen gibt zur Übernahme in den schulischen wie in den außerschulischen Bereich.
Helle Becker nennt in ihrer Reflexion über die Ergebnisse des GEMINI-Projektes die Gründe, die dafür sprechen, weshalb sich die deutsche Bildungslandschaft mittel- und langfristig ändern wird, nicht zuletzt durch die weitergehende Einführung der Ganztagsschule im schulischen System. Die ja nicht neue Forderung, dass sich der soziale Raum Schule (wie natürlich auch die Jugendbildung) öffnen müsse für den politischen, lokalen und globalen Raum, um zu einer Vernetzung von schulischem und außerschulischem Lernen zu gelangen und die Zusammenarbeit bei entsprechenden Themen- und Handlungsfeldern schulisch und außerschulisch zu forcieren, lässt sich möglicherweise durch die Einrichtung von Ganztagsschulen voran bringen.
Die Diplom-Pädagogin Katrin Riß und der Sozialwissenschaftler an der Fachhochschule Köln, Andreas Thimmel, informieren über die Evaluationsergebnisse des P&P-Projektes. In zehn Einzelprojekten aus sieben Bundesländern (Berlin, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen) wurden die einzelnen Kooperationsvorhaben von vier verschiedenen Trägergruppen der politischen Jugendbildung organisiert und durchgeführt. Auffallend ist, dass seitens der beteiligten Schülerinnen und Schüler, wie auch der Lehrerinnen und Lehrer und der Jugendsozialarbeiter, überwiegend Zustimmung und Zufriedenheit mit den Lernangeboten zur Politischen Bildung im Ganztagsbetrieb geäußert wurden, während es bei der Umsetzung der Angebote an den zeitlichen und strukturellen Rahmenbedingungen der schulischen Organisation Probleme gab; was bedeutet, dass sich die schulische Ganztagsorganisation unzulänglich auf eine Kooperation mit der Jugend(sozial)arbeit einlässt und es an mangelnden funktionierenden Kommunikationsstrukturen mangelt. Diese Einschätzung wird bestätigt durch das evaluierte Ergebnis, dass eine gelingende Kooperation in erster Linie durch eine beständige personelle Zusammenarbeit der Partner und Teamer garantiert wird und weniger durch eine institutionalisierte Form.
Helle Becker und die Bildungsreferentin der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), Ina Bielenberg, unternehmen den Versuch, "empirische Befunde zur außerschulischen Jugendbildung im Ganztag" anhand der beiden Pilotprojekte "Kultur macht Schule" und "Politik & Partizipation in der Ganztagsschule" miteinander zu vergleichen. Die, angesichts des Ist-Zustandes der politischen Jugendbildung in unserem Land nicht überraschende Antwort: Perspektivisch liege das zentrale Feld der Auseinandersetzung weniger im Praktisch-Organisatorischen, als vielmehr im Pädagogisch-Konzeptionellen. Es bleibt also noch viel zu tun!
Der Referent für politische Jugendbildung im Deutschen Volkshochschulverband, Sascha Rex, informiert über Aktivitäten der Volkshochschulen bei der Mitgestaltung und in einzelnen Fällen sogar der Übernahme der Organisation des Ganztagsschulbetriebs. Dabei bleibt freilich die Frage offen, wo denn in diesem Zusammenhang die schulischen Lehrkräfte bleiben.
In den beiden letzten Beiträgen berichten Mitarbeiter von außerschulischen Bildungseinrichtungen über ihre Erfahrungen mit dem P&P-Projekt: Der Projektreferent im "Haus am Maiberg", einer Einrichtung der Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz, Michael Götz, und die Pädagogische Fachleiterin Jugend bei der Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben" in Sachsen, Kerstin Schöne.
Fazit
Der Problemaufriss eines (neuen) Arbeitsfeldes im Spagat zwischen schulischer und außerschulischer Jugendbildung benennt "Parameter, Hindernisse, Ideen, Hoffnungen und Hausaufgaben" – für die Schule, die außerschulische Jugendarbeit, für die Bildungspolitik. Dabei gibt es einige Antworten und positive Markierungen; es wird aber auch auf zahlreiche Mängelerscheinungen hingewiesen. Sie in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, ist Aufgabe von Schule und außerschulischer Bildung.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.12.2008 zu: Helle Becker (Hrsg.): Politik und Partizipation in der Ganztagsschule. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2008. 126 Seiten. ISBN 978-3-89974-381-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6929.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Achim Schröder, Ulrike Leonhardt: Wegweiser Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule
Thomas Coelen, Frank Gusinde: Was ist Jugendbildung?
Stellenangebote
Erzieher/in oder Sozialpädagoge (w/m) für Kinderheim, Freising
Fachberater/in für Kindergärten, Köln
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
