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Adam Krzemiński: Testfall für Europa. Deutsch-polnische Nachbarschaft [...]

Cover Adam Krzemiński: Testfall für Europa. Deutsch-polnische Nachbarschaft muss gelingen. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2008. 105 Seiten. ISBN 978-3-89684-136-0. 10,00 EUR.

Reihe: Standpunkte.

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"Hüben wie drüben lauert der EU-verächtliche Populismus"

Der Schweizer Publizist Roger de Weck, bekannt auch als Moderator der Sendung "Sternstunde" im Schweizer Fernsehen SF1 und auf 3sat, Präsident des Stiftungsrats des traditionsreichen Genfer Hochschulinstituts für internationale Studien HEI und Gastprofessor am Europa- Kolleg in Brügge und Warschau, Redakteur der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", ist Herausgeber einer bemerkenswerten Diskussionsreihe der Körber-Stiftung, die "Standpunkte" von Zeitgenossen über die internationale Politik in Deutschland vorstellt, kontrovers und populär, mit der Zielsetzung, dass Jedermann und Jedefrau die gesellschaftliche und politische Entwicklung in einer sich immer interdependenter entwickelnden und entgrenzenden Welt versteht und sie im Sinne eines zôon politikon, eines politischen Lebewesens, als individuelle und gesellschaftliche Herausforderung begreift. Roger de Weck weist in seiner Einführung des "Standpunkts" des polnischen Journalisten Adam Krzemiński darauf hin, dass eine gelingende partnerschaftliche Nachbarschaft zwischen Polen und Deutschland zu einem "Testfall für Europa" werden und eine "deutsch-polnische Agenda" eine positive Entwicklung bei der Einigung des Kontinents voran bringen kann.

Autor

Der Germanist Adam Krzemiński wurde 1945 in Radecznica geboren. Er gilt als Fachmann für deutsch-polnische Beziehungen und mischt sich in Polen und Deutschland immer wieder in die Zeitläufte ein, trägt zur Reflexion und Analyse des über lange Zeit hin schwierigen nachbar(feind)schaftliche Verhältnisses zwischen Deutschland und Polen bei. Als Redakteur des Nachrichtenmagazins ÈPolitykaÇ und Autor von Drehbüchern und Essays ist er in beiden Ländern bekannt und anerkannt.1993 erhielt er die Goethe-Medaille und 1996 den Essayistik-Preis des Polnischen P.E.N.-Clubs. Für sein Engagement innerhalb der deutsch-polnischen Verständigung wurde er 1999 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt. 2006 erhielt er den Viadrina-Preis der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Krzemiński ist Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Warschau. Er kann also, wie kaum ein anderer, den Deutschen und den Polen einen Spiegel ihrer Irrungen, Verwirrungen vorhalten, aber auch ein Bild zeichnen, welche Möglichkeiten und Chancen eine gute (europäische) Nachbarschaft beiden Völkern für die Gegenwart und Zukunft winkt.

Inhalt

Der Autor beginnt seine Analyse gleich mit einem spektakulären Vorschlag: Wie wäre es, fragt er, wenn im November 2008 der Deutsche Bundestag und der polnische Sejm eine gemeinsame Sitzung durchführten, bei der beide Parlamente zwei wichtiger Daten ihrer Geschichte gedächten – des 9. November als Maueröffnung und des wieder vereinigten Deutschlands und des 11. November als neunzigster Jahrestag der Wiedervereinigung des polnischen Staates. Diese Möglichkeit ist für 2008 nicht genutzt worden. Das lässt die Pessimisten laut werden, die diese komplizierte, von Vorurteilen und Schuldzuweisungen nach wie vor geprägte Nachbarschaft eher als "Streitgemeinschaft" denn als europäische Partnerschaft betrachten. Aber der Optimismus Krzemińskis baut für eine solche Initiative gleich eine weitere Brücke: "Wenn der 10. November zu früh (oder zu heikel) ist, dann könnte ein derartiger Akt der Volksvertreter auch Anfang 2009 stattfinden und alle drei Jahrestage – 1918/19, 1939 und 1989 – abdecken". Dazu aber sei der politische Wille notwendig.

Es sind, wie vielfach in der Geschichte, die Animositäten, nicht selten die lokalen und regionalen negativen Erfahrungen, die Konflikte und Missverständnisse verursachen und das medial verbreitete Bild vom "bösen Nachbarn" unter die Völker bringen: "Kaum gestohlen, schon in Polen", ist eine Auffassungen von Deutschen über die Polen, ebenso wie die vom hässlichen, militärischen und bierernsten Deutschen bei den Polen. Der polnische Spruch – Kto się czubi, ten się lubi – klingt im Polnischen nicht ganz so unverbindlich und verspielt wie im Deutschen: Wer sich neckt, das liebt sich. Die Ost-Erweiterung der Westeuropäer habe noch nicht statt gefunden. Zwar gibt es einige positive Ansätze, die persönlichen und kollektiven Beziehungen zwischen Deutschen und Polen zu verbessern – genannt seien hier das deutsch-polnische Jugendwerk, rund 1.500 Schul- und 600 Städte- und Gemeindepartnerschaften, die regelmäßigen Regierungskonsultationen, deutsch-polnische Stiftungen, die Initiative Kreisau und gemeinsame Veranstaltungen in den Euroregionen – doch zu Selbstverständlichkeiten sind diese Aktivitäten noch nicht herangewachsen, zu "kommunizierenden Röhren" zwischen Warschau und Berlin, die nur als System und gemeinsam funktionieren können.

Krzemińskis Analyse ist ein Griff in das Geschichts- wie das Nähkästchen, mit Informationen, die selten in Geschichtsbüchern aufgeschrieben werden. Die Erinnerung an die verschiedenen "Witz-Kriege" der letzten Jahrzehnte, etwa den "Brötchenkrieg" von 1995, als eine polnische Bäckerin in Frankfurt/Oder preiswerte Brötchen aus Polen verkaufte und die einheimischen Bäcker aus der Konkurrenz aus der Nachbarstadt Slubice nach staatlichem Eingreifen riefen; den "Papierkrieg" von 1998, mit dem eine Resolution des deutschen Bundestages zur Rolle der Vertriebenen eine harsche Antwort aus dem Sejm provozierte; den "Museumskrieg" um das vom Bund der Vertriebenen geplante Zentrum gegen Vertreibung; oder auch der "Kartoffelkrieg" vom Sommer 2006, als in einer "taz"-Satire die Brüder Kacyński als Kartoffeln verspottet wurde, was den polnischen Staatspräsidenten veranlasste, ein Gipfeltreffen des deutsch-polnisch-französischen Weimarer Dreiecks platzen zu lassen. Sicherlich sind die Bezeichnungen derartiger Konflikte als "Kriege" der Bedeutung der Anlässe nicht gerechtfertigt, aber ein Dialog, der auf Verständigung zielt, braucht das Aussprechen von Wahrheiten, auch wenn sie manchmal aufregen und wehtun. Mit "Versöhnungskitsch" ist niemandem gedient, weil er nicht ehrlich daher kommt.

Fazit

Eines sollte in das Erinnerungs- und aktuelle Gedächtnis der Deutschen und der Polen hinein geschrieben werden: "Die EU ist die beste Burg gegen die Gespenster der Vergangenheit"; und sie ist das Fundament, auf dem ein friedliches, erträgliches und gemeinsam zu gestaltendes europäisches Haus für die Gegenwart und Zukunft der Polen und der Deutschen gebaut werden kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.12.2008 zu: Adam Krzemiński: Testfall für Europa. Deutsch-polnische Nachbarschaft [...]. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2008. 105 Seiten. ISBN 978-3-89684-136-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6948.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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