Rita Schäfer: Frauen und Kriege in Afrika
Rita Schäfer: Frauen und Kriege in Afrika. Ein Beitrag zur Gender-Forschung. Brandes und Apsel (Frankfurt) 2008. 520 Seiten. ISBN 978-3-86099-345-3. 39,90 EUR, CH: 67,00 sFr.
Reihe: Wissen & Praxis - 145.
Frauen sind die Trägerinnen der Entwicklung
Dieser, erst einmal von der Entwicklungszusammenarbeit als positiv gemeinter Slogan, lässt sich in verschiedenen Varianten interpretieren. Betrachtet man das Tätigkeitswort "Tragen", dann kann man damit ausdrücken: Eine Last tragen, eine Verantwortung tragen… Die Spannweite der wissenschaftsbestimmten und genderbezogenen Analysen über die Rolle und Bedeutung der Frauen in lokalen, nationalen und transnationalen Entwicklungs- und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen reichen dabei von politik-, friedenswissenschaftlichen, soziologischen, ethnologischen und sozialanthropologischen Studien über Lebensräume, Länder, Regionen und Kontinente, bis hin zu Untersuchungen über regional- und länderspezifische Dynamiken von Gender in Kriegen und Nachkriegsgesellschaften.
Autorin und Thema
Letzteres leistet die Ethnologin, Gastprofessorin an der Universität Göttingen und der Humboldt-Universität Berlin, Rita Schäfer. Sie hat sich bereits mehrfach zur Thematik (etwa mit dem Buch: "Im Schatten der Apartheid", 2005) zu Wort gemeldet. Sie nimmt mit der Studie in Anspruch, nicht nur eine umfassende Auswertung zahlreicher veröffentlichter und unveröffentlichter Studien afrikanischer, europäischer, US-amerikanischer und kanadischer Autorinnen und Autoren vorzunehmen, sondern sie rekuriert auch auf eigene Studien in Nachkriegsgesellschaften, insbesondere in Südafrika, Simbabwe, Namibia und Sierra Leone.
Aufbau
Die Autorin gliedert ihr umfangreiches Buch in vier Teile.
- Im ersten Teil stellt sie Gender in den simbabwischen und namibischen Unabhängigkeitskriegen dar, sie berichtet über Gender im südafrikanischen Befreiungskampf, sowie in den anti-kolonialen Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen in Angola und Mosambik.
- Im zweiten Teil setzt sie sich mit Gender in den westafrikanischen Bürgerkriegen in Liberia und Sierra Leone auseinander.
- Den dritten Teil widmet Rita Schäfer den zentral- und ostafrikanischen Gender-Situationen während des Genozids in Ruanda, den Bürgerkriegen in Burundi, Uganda, Kongo und Sudan.
- Im vierten Teil zeigt sie die Probleme von Gender am Horn von Afrika auf, bei den Kriegen in Äthiopien, Eritrea und Somalia.
Inhalt
Die Länderstudien vermitteln zahlreiche bekannte, weniger bekannte, verschwiegene und strategisch verdrängte Informationen und Hintergrundberichte. Sie machen deutlich, dass nur die Kenntnis und Analyse der historischen Zusammenhänge und Gewaltdynamiken Kriegsausbrüche und Gewaltverhältnisse verstehen und erklären lassen, und zwar nicht erst während der gewaltsamen Konflikte, sondern bereits im Vorfeld. Sie illustrieren, "wie Geschlechterhierarchien und die damit verbundenen Symbolsysteme die zeit- und gesellschaftsspezifischen Ausformungen von Macht, Herrschaft und Gewalt sowie die kulturellen Legitimationen der Gewaltanwendung lange vor dem Ausbruch eines Krieges akzentuier(t)en". Im Gegensatz zu zahlreichen Analysen, die aus den von den Kolonialmächten mächtig installierten Maskulinitätskonstrukten und Machtstrukturen die Unterdrückungs- und Marginalitätsergebnisse von Frauen herleiten, richtet die Autorin eher den Blick auf die jungen Kombattantinnen, die bei den Guerilla- und Befreiungskriegen "ihren Mann" standen. Indem sie sich weigerten, die Frauenbilder und Hausfrauenrollen der viktorianischen, weißen Farmersfrauen und MissionarInnen anzunehmen, sondern auf ihre überlieferten, agrar-ökonomischen Kenntnisse zu rekurieren, gerieten sie nicht nur in Konflikt mit den Kolonialherren, sondern in der nachkolonialen Zeit auch mit den eigenen Herrschern und Machhabenden. Der ugandische Künstler und Befreiungskämpfer Okot p` Bitek (1931 – 1982), hat diese Situation eindrucksvoll in seinem 1967 in Lusaka gehaltenen Vortrag "Afrikas eigene Gesellschaftsprobleme" als "Gebet" formuliert: "Oh Gott, bewahre Afrika, / Vor unseren neuen Herrschern; / Lass sie demütig werden / Öffne ihre Augen, / Damit sie sehen, / Dass der materielle Fortschritt / Nicht auf einer Stufe steht mit geistigem Fortschritt. / Oh Herr, öffne die Ohren der afrikanischen Herrscher / Damit sie Freude empfinden / Beim Klang ihrer Trommeln / und der Gedichte ihrer Mütter" (Rüdiger Jestel, Hrsg., Das Afrika der Afrikaner, es 1039, 1982).
Fazit
Die Studie macht nicht nur deutlich, dass sich die männliche Dominanz in den Kriegskontexten, wie in den Nachkriegszeiten, in den analysierten Ländern und Regionen etabliert hat (vgl. dazu auch die Rezensionen zu: Thilo Thielke, Kenia. Reportagen aus dem Inneren eines zerrissenen Landes; sowie: Dominic Johnson, Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens), dass die sexuelle Ausbeutung zum militärischen und kämpferischen Alltag gehört(e), sondern dass diese Praktiken und Einstellungen sich auch in den Friedensmissionen von schlecht ausgestatteten und unvorbereitet auf ihren Einsatz vorbereiteten Blauhelmsoldaten darstell(t)en: "Sexismus war oft mit Rassismus gepaart, vor allem, wenn es sich um Truppenkontingente handelte, die nicht aus anderen afrikanischen Ländern kamen". Ebenfalls waren und sind die verschiedenen Demobilisierungs- und Reintegrationsprogramme auf Geschlechterstereotypen hin orientiert, weil sie meist nur an die "männlichen Kämpfer" adressiert waren. Eine genderbezogene Veränderung der Macht- und Geschlechterverhältnisse als Nachkriegs- und Friedensaufgabe muss in erster Linie von den direkt Beteiligten ausgehen. Eine Reihe von unabhängigen Frauenorganisationen in den afrikanischen Ländern leistet dabei bemerkenswerte Arbeit; sie unterliegen aber immer noch und immer wieder Repressalien, Anfeindungen und Verfolgungen. Sie benötigen Solidarität und Hilfe – auch im Rahmen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit – um "der Fortführung bzw. der erneuten Etablierung von Gewaltverhältnissen, sozio-ökonomischen Ungleichheiten und (neo-)traditionellen Machtstrukturen gegenzusteuern". Die Studie "Frauen und Kriege in Afrika" ist ein Fingerzeig für alle diejenigen, die wissen, dass Gerechtigkeit, Menschenrechte, Gleichheit und Friedfertigkeit die Grundlagen für die humane Weiterexistenz der Menschheit darstellen und das Fehlen die Weiterentwicklung der Menschen gefährdet, lokal und global; sie ist ein Nachschlagewerk für globales, solidarisches Denken und Handeln; und sie ist ein Baustein für ein gelingendes Leben für alle Menschen in der Einen Welt.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.12.2008 zu: Rita Schäfer: Frauen und Kriege in Afrika. Brandes und Apsel (Frankfurt) 2008. 520 Seiten. ISBN 978-3-86099-345-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6958.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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