Torsten Junge: Gouvernementalität der Wissensgesellschaft
Torsten Junge: Gouvernementalität der Wissensgesellschaft. Politik und Subjektivität unter dem Regime des Wissens. transcript (Bielefeld) 2008. 402 Seiten. ISBN 978-3-89942-957-2. 36,80 EUR, CH: 62,00 sFr.
Reihe: Sozialtheorie.
Thema und Zielsetzung
Torsten Junge behandelt in seinem Buch Veränderungen der Gesellschaft, die in die heutige Wissensgesellschaft münden und weitere Umgestaltungen mit sich gebracht haben. Doch zeichnet sich diese Wissensgesellschaft durch Pluralisierung von Wissen aus. Die entstandene individuelle Souveränität führt wiederum zu einer stärkeren Partizipation des einzelnen Bürgers und somit zu Umstrukturierungen der Gouvernementalität, worüber der Autor theoriefundiert und praktisch orientiert ausführlich informiert.
Entstehungshintergrund
Entstanden ist das Buch aus dem Interesse des Autors an Politik und Philosophie mit dem Schwerpunkt der Philosophie Michel Foucaults. Aus diesem Interesse und im Rahmen einer Promotion sind aus der Feder des Autors mehrere Publikationen und das vorliegende Buch entstanden.
Autor
Dr. phil. Thorsten Junge wurde 1970 geboren und studierte nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung als Maschinenschlosser in Hamburg Soziologie, Politische Wissenschaft und Psychologie. Nach Abschluss des Studiums und praktischen Erfahrungen bei verschiedenen Digital- und Printmedien begann er eine Promotion zum Thema Gouvernementalität der Wissensgesellschaft bei Marianne Pieper und Susanne Krasmann mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung und publizierte in diesem Rahmen mehrere wissenschaftliche Artikel und Buchbeiträge. Im Anschluss daran absolvierte er das Referendariat des Lehramtes der Oberstufe an einer Hamburger Gesamtschule.
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht einschließlich eines ausführlichen Literaturverzeichnisses aus 400 Seiten. Diese sind in elf Kapitel gegliedert und enthalten wiederum übersichtlich untergliederte Unterkapitel, die über Hintergründe der Gouvernementalität der Wissensgesellschaft informieren.
Nach einer Überblick vermittelnden Einleitung beginnt der Autor seine Ausführungen mit einem Kapitel „Zur Transformation moderner Staatlichkeit“. Junge spannt den Bogen historisch von der Hobbesschen Staatstheorie der Einsicht der Notwendigkeit individueller Abgabe von Souveränität bis zu modernen, diametralen Modellen der höchst individuellen Verantwortung und Souveränität und schließt mit einem Unterkapitel über „Die `innere` Kontrolle“. Zentrales Element ist im ersten Kapitel die Darstellung von verschiedenen Modellen und Realitäten des Miteinanders im Staat, was nicht nur die Beziehung des Einzelnen zum Staat als abstrakte, übergeordnete Entität beinhaltet, sondern gerade die Beziehung von Ego zu Alter. Diese Beziehung stellt ebenso die Frage nach der Distinktion von privatem zu politischem Handeln.
Das dritte Kapitel, „Die Gouvernementalität“ legt zunächst einen Grundstein mit der Darstellung der Staatstheorie Michel Foucaults. Junge bemüht sich auf diesem theoretischen Boden möglichst losgelöst von institutioneller politischer Herrschaft und politischen Hierarchien zu argumentieren. Hierbei weist er auf eine historische Bewegung hin, die ebenfalls diese Richtung eingeschlagen habe und weist auf gesellschaftliche Veränderungen hin. Dabei sei ein informiertes und mündiges Individuum immer wichtiger geworden und werde zunehmend durch die Gouvernementalität gefördert. Die Veränderung im generellen Bild des Subjektes fördert diese Entwicklung. Junge lässt dabei keineswegs außer Acht, dass die Stärkung der Souveränität des individuellen Subjekts und eine Förderung dieser Entwicklung auch eine Schwächung der staatlich zentrierten Regulierbarkeit und damit der Sicherheit zur Folge hat. Diese neoliberale Gouvernementalität bedeutet damit nicht nur ein Mehr von Freiheit, sondern im gleichen Atemzug ein gewisses Mehr von Verantwortung – Verantwortung und vor allem soziale Verantwortung gegenüber Anderen und gegenüber sich selbst. Mit der Verminderung von beschränkenden Rechten des Staates ist eine Verminderung der Pflichten des Staates verknüpft.
Es folgen zwei kurze Kapitel: Im vierten Kapitel beschäftigt sich Junge mit der „Gouvernementalität als praxisorientierte Perspektive“. Es schließt direkt an die im vorangegangenen Kapitel angerissene neoliberale Gouvernementalität an. Er betont hier zunächst die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. Gegenüber der Foucaultschen Theorie betont er die praktizierte Verantwortung des mündigen Bürgers gegenüber sich selbst und Mitbürgern. „Zur Methodologie der Dispositionsanalyse“ kommt der Autor im fünften Kapitel und zieht verschiedenste sowohl theoretische, historische als auch aktuelle Quellen heran. Dabei zeigt Junge durchaus ein Problembewusstsein für die subjektive Auswahl der Quellen und betont den Wert praktisch orientierter Quellen.
Im sechsten Kapitel führt der Autor in mehreren Unterkapiteln einen ausführlichen „Diskurs um die Wissensgesellschaft“. Dabei geht es ihm nicht um eine nomenklatorisch eindeutige Verortung, sondern vielmehr um die inhaltliche Diskursivität der Wissensgesellschaft. Nachdem sich Junge mit der „Konzeption der Wissensgesellschaft“ beschäftigt hat und dem Zusammenhang von „Wissensgesellschaft und Postmoderne“ nachgegangen ist, widmet er sich der Diversifizierung des Wissens und der ins Wanken geratenen Eindeutigkeit der Expertenschaft. Dadurch werden Eindeutigkeit und eindeutige Wahrheit zu einer Utopie der Gesellschaft. Durch das Vorgehen des Autors wird klar, dass nicht etwa die Deklarierung der aktuellen Gesellschaft als Wissensgesellschaft fraglich ist, sondern die eindeutige Bestimmbarkeit des „richtigen“ Wissens, die sich in ihrer vollen Diversität und Diskursivität zeigt. Dem daraus entstandenen Problem des Vakuums einer postdogmatischen Gesellschaft widmet er sich im folgenden Kapitel.
Im Titel des siebten Kapitels „Partizipation als Programm der Wissensgesellschaft“ befindet sich bereits die Lösung des im vorangegangenen Kapitels aufgespürten Problems: Partizipation wird als Lösung auf das entstandene Vakuum präsentiert. Partizipation beschränkt sich dabei nicht nur auf die Bestimmbarkeit des Bürgers selbst, sondern ebenso auf eine aktive und ausgeprägte Teilhabe am gesellschaftlichen Wissen bzw. Wissensdiskurs und der Demokratie. Als Beispiel für diese Teilhabe nennt der Autor das Modell der Bürgerkonferenzen zu biomedizinischen Themen, die in Deutschland seit einiger Zeit entstanden sind.
Das achte Kapitel widmet sich der Subjektivität und Selbstbestimmung in Abwendung von dogmatischen Machtverhältnissen aus verschiedenen Perspektiven. Wie ist ohne bekannte Machtstrukturen ein Auseinanderbrechen einer Einheit zu verhindern?
Im neunten Kapitel beschäftigt sich Junge ausführlich mit den „Schemata der Subjektkonstituierung“. In den Unterkapiteln „Auf dem Weg zum Experten“ und „Politik und Moral“ bezieht sich der Autor zunächst exemplarisch auf die bereits angesprochenen Bürgerkonferenzen. Darüber hinaus beschäftigt er sich weitergehend mit der Selbstkonstituierung des Einzelnen und dessen Wahrnehmung der neuen Strukturen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob sich das entstandene Subjekt tatsächlich als selbst konstituiert und wirkmächtig begreift oder ob das Gefühl einer Pseudowirksamkeit besteht, die zwar dem einzelnen Subjekt formell Macht zuspricht, aber dennoch als ohnmächtige Unwirksamkeit angesehen und wahrgenommen wird.
Torsten Junge schließt das Buch mit einem kurzen zehnten Kapitel über die „Partizipation als Regierungstechnologie“ ab, in dem er ein Resümee über die vorangegangenen Kapitel zieht.
Zielgruppen
Das Buch spricht eine exklusive Klientel an und richtet sich an Interessenten der Kritischen Theorie, Gouvernmentality Studies und politischen Philosophie, die über Vorwissen auf diesen Gebieten verfügen und sich nicht scheuen, fundierte und etablierte Theorien mit modernen Umstrukturierungen zu verknüpfen.
Fazit
Sein ausgeprägtes wissenschaftliches Interesse hat Torsten Junge mit der in diesem Buch abgehandelten Thematik nicht nur zu seiner Promotion geführt, sondern dem Leser dieses Buches ein mit Informationen aufgeladenes theoriefundiertes und praktisch orientiertes Werk beschert.
Ein gewisses Vorwissen und Verständnis für die Thematik erleichtert dabei die Lektüre dieses mit wissenschaftlichem Esprit geschriebenen Buches.
Rezensent
Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Arzt und Sozialwissenschaftler. Beschäftigt an den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel (Switzerland)
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 12.02.2009 zu: Torsten Junge: Gouvernementalität der Wissensgesellschaft. transcript (Bielefeld) 2008. 402 Seiten. ISBN 978-3-89942-957-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6986.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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