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Horst Heidbrink: Einführung in die Moralpsychologie

Cover Horst Heidbrink: Einführung in die Moralpsychologie. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2008. 3., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. 215 Seiten. ISBN 978-3-621-27672-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Das Buch führt in die Moralpsychologie ein. Es steht in der Tradition des englischen Philosophen David Hume. In Anlehnung an die empirische Ausrichtung dieser Tradition wird Moral als empirisches Phänomen untersucht.

Diese Ausrichtung grenzt sich ab gegen eine philosophische Herangehensweise an das Thema. Moral ist traditionell das Gebiet, mit dem sich die Ethik als philosophische Disziplin befasst. Im Zentrum steht hier die Frage nach der Begründung von Moral. Die Moralpsychologie fragt nun nicht nach der Begründung, sondern nach den empirischen Bedingungen von Moral. Von Interesse sind Fragen nach dem Faktischen (de facto) und nicht nach dem, was sein soll (de jure).

Drei empirische Bedingungen von Moral werden idealtypisch behandelt. Dabei handelt es sich um Kognitionen, Situationen und Gefühle, die als Ursachen für moralisches Verhalten ausführlich diskutiert werden.

Die Kenntnis der empirischen Bedingungen von Moral fasst der Autor als zentrales Instrument auf, um mehr Autonomie zu erlangen. Ein Verständnis der Abhängigkeit des Menschen, z.B. von seinen Gefühlen oder von neuronalen Prozessen, erhöht die Möglichkeit, wiederum über diese Prozesse zu verfügen.

Autor

Dr. Horst Heidbrink, FernUniversität Hagen, Arbeitsschwerpunkt: Psychologie des Erwachsenenalters, Leitung des Weiterbildungsschwerpunktes „Themenzentrierte Interaktion: Leitung und Moderation in Gruppen“. Veröffentlichungen zu Freundschaftsbeziehungen, Moralentwicklung, Gruppendynamik.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien in der ersten Auflage 1992. Es gehört insgesamt in die bereite Forschungstradition der empirischen Ethik und wendet sich mit Vehemenz gegen den Kantianischen Rigorismus, der die Moral durch eine transempirische Vernunft (reine praktische Vernunft) reglementiert sieht. Grundprinzipien der reinen Vernunft mögen zwar aus philosophischen Systemen abgeleitet werden – so Heidbrink -, aber das moralische Urteilen und Handeln von Menschen wird de facto nicht durch diese geleitet.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel:

  1. Die Probleme
  2. Die Standpunkte
  3. Die Lösungen

Die Problemexposition geschieht in lockerer Form bezogen auf Probleme im Alltag, in der Literatur sowie in Politik und Gesellschaft.

Die Standpunkte umfassen die kognitive Perspektive, die situative Perspektive sowie die emotionale Perspektive.

Unter Lösungen diskutiert der Verfasser pädagogische Fragen der Moralerziehung auf der Basis der unter den einzelnen Standpunkten dargelegten Forschungsergebnisse und Theorien.

Inhalt

Die im ersten Teil unter Probleme dargelegten Beispiele führen an das Thema heran. Sie verdeutlichen in welchem Maße moralische Fragen im Alltag, in der Literatur, im Film, aber auch in Politik und Gesellschaft virulent sind. Beispiele wie Lügen im Alltag, Abu Ghraib oder Mauerschützen werden gründlich dargelegt und diskutiert.

Ebenfalls kombiniert mit vielen Beispielen werden die einzelnen Standpunkte vorgestellt. Bei den kognitiven Ansätzen konzentriert sich Heidbrink auf Piaget, Kohlberg, Selman und Gilligan. Das Denken bestimmt hier das Handeln! Dabei handelt es sich um alterspezifische Stufen (Paget u. Kohlberg) oder um geschlechtspezifische Determinanten des Denkens.

Das Denken ist dabei nicht – wie in der philosophischen (normativen) Ethik – als Richtschnur, an das sich das Handeln de jure zu halten hätte, gedacht, sondern als empirischer Faktor. Seine Bedeutung kann z.B. in Experimenten aufgezeigt werden.

Die situative Perspektive bezieht sich maßgeblich auf die Kognition (Bewertung einer Situation). Moralische Urteile sind hier weniger prinzipien-, sondern eher situationsabhängig.

Als dritte Perspektive behandelt der Autor die emotionale Perspektive. Sie bildet zu den beiden vorherigen einen paradigmatischen Schnitt. Im Zentrum stehen nicht Freiheit und Wille, sondern emotionale oder auch neuronale Prozesse. Bevor wir moralisch urteilen, haben wir auf einer tieferen Ebene schon emotional reagiert oder neuronale Prozesse haben stattgefunden.

Die Lösungen zeigen Möglichkeiten der Moralerziehung auf. Auch hier werden zahlreiche Beispiele angeführt.

Diskussion und Bewertung

Die vom Verfasser gewählten Beispiele sind sehr gut gewählt. Dadurch, dass sie in Kästen hervorgehoben werden, sind sie leicht zugänglich und können unabhängig von dem sonstigen Kontext, z.B. in Lehre oder Unterricht, eingesetzt werden.

Die einzelnen Theorien sind gut dargelegt und mit Beispielen unterlegt. Die Theorieauswahl bleibt teilweise unbegründet. Man erfährt zuwenig darüber, ob es auch noch alternierende Theorien gibt und in welchem Gesamtrahmen sie stehen.

Die situative Perspektive wird zuwenig konturiert und ist nicht deutlich genug von der kognitiven Perspektive abgehoben.

Die Lösungsansätze zur moralischen Erziehung sind teilweise eklektisch.

Das Buch endet mit einem Plädoyer für Selbsterkenntnis. Wenn wir erkennen, wie abhängig wir von neuronalen Prozessen sind, können wir uns durch Autonomie neue Freiheiten schaffen. Die Argumentation ist durchaus aporetisch, da die Freiheit der übergeordneten Reflexion (Autonomie durch Erkenntnis der Abhängigkeit) ursprüngliche Freiheit voraussetzt. Diese wird jedoch durch die Resultate der Neurophysiologie gerade geleugnet.

Vielleicht lässt sich hier die Differenz zwischen philosophischer Ethik und Moralpsychologie (empirischer Ethik) besonders gut sehen. Was für den Philosophen den Einstieg für sein Nachdenken bildet (welche Voraussetzungen muss ich machen, um am Ende zur Autonomie kommen zu können), ist in der Moralpsychologie Heidbrinks das Resultat.

Fazit

Das Buch ist eine wunderbare Sammlung von Beispielen. Die Studierenden, denen der Verfasser der Rezension das Buch zum Lesen gegeben hat, bestätigen dies mit großem Nachdruck. Anhand der Beispiele lassen sich zahlreiche moralische Dilemmata explizieren, die interessante und kontroverse Diskussionen in Gang setzen können. So kann die Arbeit mit dem Buch durchaus auch eine Lösung des Problems, also der Entwicklung der moralischen Kompetenz, sein.

Die einzelnen Standpunkte werden manchmal zu sehr ad hoc eingeführt. Material wird zusammengetragen, ohne dass für den Leser die leitenden Fragestellungen oder der rote Faden deutlich bleiben. Besonders vermisst man eine fundierte Einleitung, die einen Überblick über das Buch bietet.

Insgesamt enthält das Buch jedoch neben den Beispielen sehr kompetente Abhandlungen zu den Einzelthemen (Piaget usw.).


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 28.01.2010 zu: Horst Heidbrink: Einführung in die Moralpsychologie. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2008. 3., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-621-27672-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6994.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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