Heiko Ernst: Weitergeben! Anstiftung zum generativen Leben
Heiko Ernst: Weitergeben! Anstiftung zum generativen Leben. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2008. 255 Seiten. ISBN 978-3-455-50073-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
Thema
Heiko Ernst, Chefredakteur der „Psychologie Heute“ und Autor verschiedener psychologischer Sachbücher, legt mit seinem neuen Buch ein anregendes vielseitiges Werk zum Thema „Generativität“ vor. Generativität im Sinne von „zeugender und kreativer Fürsorge“ wurde von Erikson als typische psychosoziale Krise des mittleren Erwachsenenalters beschrieben. Im Zuge eines Prozesses des Bilanzierens und der Sinnsuche beschäftigen sich Menschen in der Lebensmitte intensiv damit, wie sie die „gewonnenen Jahre“ möglichst befriedigend nutzen können. Da diese Lebensphase als eher undramatische Zeit der Stabilisierung und Konsolidierung gilt, fanden solche Themen bisher insgesamt wenig Beachtung in der Wissenschaft.
Aufbau …
Das Buch ist in fünf in sich geschlossene Kapitel gegliedert, die sich inhaltlich teilweise etwas überschneiden. Daher ist für den Leser nicht immer deutlich, inwieweit die Ausführungen für die 68er Generation speziell gelten oder allgemeingültiger Art sind. Im Prolog werden, in Anlehnung an den Lebenslaufforscher Kotre, verschiedene Arten von Generativität eingeführt: biologische, technische, elterliche und kulturelle Generativität.
… und Inhalt
- Das erste Kapitel ist der „in die Jahre gekommenen“ 68er Generation mit ihrem speziellen Erfahrungshintergrund (Individualisierungsschub, Bruch mit den Eltern) gewidmet. Als „best ager“ wollen sie „möglichst schmerzlos und in Würde älter werden“, mit einem hohen Erlebniswert, freizeit- und konsumorientiert. Von ihren hehren Idealen und ihrem Wunsch, die Welt zu verbessern, sei in der Lebensmitte nur noch pragmatischer Reformismus geblieben, zerbröselt „unter dem Druck von Sachzwängen und des Realitätsprinzips“ (S. 32). Die These des Buches lautet: die Generativität - als vielleicht wichtigste aller Lebensaufgaben, als „ethisches Urmotiv - ist als Brücke zwischen dem eigenen Erwachsenenleben und der Altersphase, aber auch als Brücke zwischen den Generationen zu begreifen.
- Im zweiten Kapitel, zur „Entdeckung der Generativität“, liegt der Fokus auf Eriksons epigenetischem Modell: erst nach dem Ausbilden einer festen Identität kann Generativität entstehen, die wiederum Voraussetzung für das Erreichen von Integrität im Alter ist. Ihr Gegenpol ist ein Zustand der Stagnation und Selbstabsorption. Generativität, mit ihren Vorläufern Altruismus und Fürsorge, entwickelt sich im Lauf des Lebens, beeinflusst durch die subjektiv erlebten Vorbilder im näheren und weiteren Umfeld und in Abhängigkeit von der wahrgenommen Qualität der Beziehungen zu den Bezugspersonen. Generativität wird als eine mehr oder weniger stabile Ich-Stärke (bzw. idealiter als Persönlichkeitsmerkmal) verstanden. Generative Akte richten sich vorrangig auf die Versorgung und Erziehung der eigenen Kinder. Darüber hinaus kann sich generatives Verhalten auf die nachfolgende Generation allgemein orientieren, wie z. B. dem Fördern junger Talente oder der Übernahme einer Mentorenfunktion.
- Das dritte Kapitel erhebt einerseits einen Status quo (wie Erwachsene sind) und formuliert andererseits eine Idealvorstellung (wie Erwachsene sein sollten). Bei der postmateriellen Generation diagnostiziert der Autor ein Jugendlichkeitssyndrom, d. h. den „tiefen Wunsch, die eigene Jugend festzuhalten oder fortzuschreiben“ (S. 106). In Kontrast dazu sei aber ihre Alltagsrealität durch Mühen und Dilemmata, Stress und Unsicherheiten gekennzeichnet. An dieser Stelle wird kurz auf das hohe Belastungspotential der „sandwich-Generation“ hingewiesen, deren generative Möglichkeiten durch die Pflege der eigenen Eltern klar beschnitten sind. Abschließend wird die Idee der „midlife crisis“ kritisch diskutiert.
- Das vierte Kapitel, ein Ausflug in die Philosophie und Religion, hebt das Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit als die entscheidende Bedingung für Generativität hervor. Aus dem Wunsch nach symbolischer Unsterblichkeit, als das „Zweitbeste, was man haben kann“, resultiere das Bedürfnis von Menschen in der Lebensmitte, etwas zu hinterlassen. Mithilfe verschiedener Abwehrmechanismen, wie etwa die Hoffnung auf den letzten Retter oder die narzisstische Illusion der persönlichen Unverwundbarkeit, versuchen Menschen dem Gedanken an den unabwendbaren eigenen Tod zu entfliehen. Dies behindert die reife Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben.
- Das fünfte Kapitel zielt auf die Suche nach einer zeitgemäßen generativen Ethik ab. Aktuell habe sich die Generativität hauptsächlich auf das materielle Versorgen der nächsten Generation verlagert, wohingegen die Weitergabe von Werten und das Pflegen von Traditionen an Bedeutung verliere. Positive Beispiele einer kollektiven Generativität, die sich dem langfristigen Erhalt der Lebensgrundlagen und Handlungsspielräume verschrieben hat, werden aufgezeigt, wie z. B. Bildung oder der Erhalt von Kulturschätzen. Aber auch im subjektiven Erleben bringt generatives Verhalten persönliche Befriedigung, steigert das Selbstvertrauen und hält aktiv und geistig beweglich.
Diskussion
Insgesamt ist das Buch als sehr gelungener Ansatz zu bewerten, das Konzept der Generativität einem breiten Leserkreis in seiner gesellschaftlich-historischen, wie auch persönlichen Bedeutung zugänglich zu machen. Das Buch will aufrütteln und Menschen in der Lebensmitte motivieren, ihre Potentiale zu nutzen und ihre Traditionen und Werten der nachfolgenden Generation verfügbar zu machen. Dies gibt der 68er wie im Prinzip allen Generationen die Chance, ein kulturelles Erbe zu hinterlassen. Die diversen Fallbeispiele sowie Auszüge aus so unterschiedlichen Quellen wie Philosophie, Religion, Belletristik und Gesellschaftspolitik tragen zur Veranschaulichung und Vertiefung bei. Diese Bandbreite zeugt von dem breiten Wissen des Autors, macht es dem Leser allerdings an manchen Stellen schwer, den roten Faden im Auge zu behalten. Schließlich hätte die aktive Rolle, die das Individuum selbst in seiner generativen Geschichte spielt, noch klarer herausgearbeitet werden können.
Fazit
Das Buch ist empfehlenswert, denn es greift ein zentrales Lebensthema des mittleren Erwachsenenalters auf und wirft ein neues Licht auf diesen unzureichend beachteten Entwicklungsabschnitt. Es wird deutlich, dass die Eriksonschen Überlegungen nichts an Aktualität eingebüßt haben, wenngleich Generativität sich unter den heutigen Bedingungen etwas anderes gestaltet. Die Tragweite des Gedankens macht der Autor mit seinem Hinweis deutlich, Generativität könne die Schlüsseltugend des 21. Jahrhunderts werden, die dem Bewahren von Natur und Kultur dient.
Rezensentin
PD Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin an der Universität Mannheim (Lehrstuhl Erziehungswissenschaften) im Bereich Entwicklung- und Familienpsychologie sowie Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in eigener Praxis in Ludwigshafen
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Christiane Papastefanou. Rezension vom 10.02.2009 zu: Heiko Ernst: Weitergeben! Anstiftung zum generativen Leben. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2008. 255 Seiten. ISBN 978-3-455-50073-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/6999.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Ulman Lindenberger, Jacqui Smith u.a. (Hrsg.): Die Berliner Altersstudie
Hartmut Radebold, Hildegard Radebold: Älterwerden will gelernt sein
Stellenangebote
Ergotherapeut/in für Tagespflegehaus, Wilnsdorf
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
