Christof Arn (Hrsg.): Wie viel ist eine Stunde Haus- und Familienarbeit wert?

Cover Christof Arn (Hrsg.): Wie viel ist eine Stunde Haus- und Familienarbeit wert? Fachtexte zum Stellenwert der unbezahlten Arbeit. h.e.p.-verlag (Bern) 2002. 122 Seiten. ISBN 978-3-905905-74-8. 19,00 EUR.

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Thema des Buches

Deutlich mehr unbezahlte als bezahlte Arbeitsstunden werden Jahr für Jahr in jedem Land geleistet - die meisten davon in der Haus- und Familienarbeit. Trotzdem gibt es bisher in keinem Land einen berechenbaren "Wert" dieser Arbeit innerhalb der jeweiligen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Mit diesem Buch liegt die Dokumentation einer Fachtagung vor, die zu oben genanntem Thema am 27.04.2002 in Bern, Schweiz, stattgefunden hat. Gesammelt und gebündelt wurden neben den Eintrittsreferaten der ReferentInnen aus Haushaltswissenschaft, Statistik und Wirtschaft zum Stellenwert unbezahlter Arbeit auch die Ergebnisse von Podiumsdiskussionen und Workshops, die an diesem Tag mit den FachtagungsteilnehmerInnen aus der Schweiz und dem nahen europäischen Ausland erarbeitet wurden.

Die Schweizer WissenschaftlerInnen der verschiedenen Bereiche haben sich zusammengeschlossen zum Netzwerk "HausWirtschaftsForschung" mit dem Ziel der Bündelung aller Forschungsergebnisse zu diesem Thema und mit vorliegendem Band erscheint deren erste Veröffentlichung.

Der Herausgeber:

Dr. Christof Arn befasste sich bereits in seiner Dissertation am Ethik-Zentrum der Universität Zürich mit dem Thema "HausArbeitsEthik" und veröffentlicht seit mehreren Jahren umfassende Fachbuch-, Unterrichtsmaterial-, CD-Rom- und Internet-Publikationen zu diesem Thema. Er unterhält ebenfalls eine informative Homepage unter http://www.hausarbeitsethik.ch/, die zum Nachdenken und Nachahmen sowie auch zum Gedankenaustausch anregen will. Als Vater von drei Kindern, davon vier Jahre alleinerziehend, ist sein Wissen um die Bedeutung der Haus- und Familienarbeit sicherlich nicht ausschließlich theoretischer Natur.

Aufbau und Inhalt des Buches

10 AutorInnen aus verschiedenen Bereichen kommen in diesem Buch zu Wort mit je unterschiedlichem Blickwinkel und Schwerpunkt. Dies sind im einzelnen:

Erika Werlen:

Ihr Artikel beleuchtet die Verbindung von Forschung und Hauswirtschaft sowie die bildungs- und gesellschaftspolitische Bedeutsamkeit dieser Verknüpfung. Es werden Gütekriterien der Anforderungen an ökotrophologische Forschung benannt sowie Konsequenzen formuliert, die sich nach Meinung der Autorin besonders auch in der Ausbildung entsprechender Lehrerinnen und Lehrer verwirklichen müssten.

Annemarie Lüdi, Dozentin für Hauswirtschaft:

Ihr Fazit zur Forschung im Bereich Hauswirtschaft/ Haus- und Familienarbeit ist kurz:

"Eine systematische und kontinuierliche Forschung fehlt." Eine Forschungs- und Koordinationsstelle für Haus- und Familienarbeit ist im Campus Muristalden, Bern, im Aufbau.

Jacqueline Schön-Bühlmann, Bundesamt für Statistik, Schweiz:

Wie die statistische Erfassung der unbezahlten Arbeit in der Schweiz vor sich geht, wird in diesem Artikel erläutert - gerade auch im Unterschied zu manchen Erfassungsmethoden der Nachbarländer. Resultate zu den Ergebnissen des Jahres 2000 werden anhand des Zeitaufwandes für unterschiedliche Tätigkeiten und deren Verantwortungsverteilung kurz vorgestellt. Auch in der Schweiz entstehen demnach aus dem Vorhandensein von Kindern im Haushalt eine deutlich einseitige Aufteilung der Verantwortung und entsprechend große Unterschiede bezüglich des Zeitaufwandes für unbezahlte Arbeiten. Die monetäre Bewertung der unbezahlten Arbeit ergibt, laut Erklärung der Autorin, nach unterschiedlichen, leider nie ganz befriedigenden Methoden verständlicherweise auch unterschiedliche Werte.

Sylvie Dousse und Philippe Küttel, Bundesamt für Statistik, Schweiz:

Deren ausführliches Referat wurde auf der Fachtagung in Französisch gehalten - eine kurze Zusammenfassung befindet sich in diesem Buch auf Deutsch:

Die Autoren stellen das Satellitenkonto "unbezahlte Arbeit" vor, das ab 2003 mit der jährlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) in der Schweiz erscheinen wird. In ihm wird die jährliche Wertschöpfung der unbezahlten Arbeit berechnet und somit der Stellenwert der Haushaltsproduktion aufgezeigt.

Ria Wiggenhauser-Baumann:

Als langjährige Gutachterin im Schadensfall - wenn nämlich die familienarbeitende Person aufgrund von Unfall etc. nicht mehr in der Lage ist, die ihr obliegende Tätigkeit auszuführen - nähert sich diese Autorin aus einem anderen Blickwinkel demselben Thema: Wie kann der "Schadensfall" in Zahlen bewertet werden. Sie stellt ein aktuelles Bewertungsmodell vor, das sich in der Erklärung allerdings ausschließlich auf den Haftpflichtfall bezieht. Nach Sicht der Autorin ist in den vergangenen Jahren Bewegung in die Bewertung der geleisteten FamilienArbeit gekommen - nach Ihrer Einschätzung bestehen die Veränderungstendenzen fort.

Elisabeth Häni:

Mithilfe arbeitspsychologischer Forschungsergebnisse befasst sich die Autorin mit dem möglichen Qualifizierungspotential der Familien- und Hausarbeit. Dabei berichtet sie von dem mehrteiligen Projekt zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer in Sonnhalde Worb (Schweiz). Grundlage dabei war ein bekanntes Instrument zur Arbeitsplatzbewertung im Erwerbsbereich (Analytische Bewertung von Arbeitstätigkeiten nach Katz und Baitsch ABAKABA, Katz & Baitsch 1996), das erweitert wurde um das Analyseverfahren der Arbeit im Haushalt AVAH nach Resch 1994. Beide werden von der Autorin in einem Beispiel eingearbeitet und dabei plastisch dargestellt.

In Ihrem zweiten Artikel gegen Ende des Buches stellt sie das Instrument IESKO vor, mit Hilfe dessen erworbene Familienkompetenzen im Erwerbsbereich gemessen und nachfolgend im Verlauf einer Stellenbesetzung anerkannt werden können. Auf der Grundlage der Erkenntnis, dass Lernen überall möglich ist, bezieht diese Erfassungsmethode sämtliche Bereiche - neben dem beruflichen eben auch den Familien-, den Freiwilligen- und den Freizeitbereich - ein, innerhalb deren Kompetenzen erworben werden können. Desweiteren stellt sie verschiedene, in der Schweiz durchgeführte oder vorhandene Formen von "Kompetenzbilanzen" vor - durchführbar innerhalb von Kursangeboten bis hin zur Eigenarbeit.

Barbara Watz:

Man kann sich meines Erachtens leicht dieser Autorin anschließen, die erkennt, dass Haushalts- und Familienarbeit "immer dann als besondere Leistung, als Beruf entdeckt (wird, C.H.), wenn die Familie gestärkt, der Markt entlastet, Arbeitsplätze geschaffen und Kosteneinsparungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen erreicht werden sollen." Welche vier Strategien zur Bewertung von Haushalts- und Familientätigkeit sich tatsächlich Ihrer Meinung nach innerhalb der letzten 30 Jahre international entwickelt haben, wird in diesem Artikel dargestellt:

- die Bewertung durch Verwissenschaftlichung

- die Bewertung durch Qualifizierung und Professionalisierung

- die Bewertung durch Lasten- und Leistungsausgleich

- die Bewertung durch Verweigerung

Sie plädiert zur Konzentration der Kräfte für ein Europäisches bzw. Internationales Institut für Haushalts- und Familienarbeit mit der Verknüpfung von Theorie und Praxis. Dafür fordert sie ein Leitbild gemeinsamer Verantwortung von Frauen und Männern für die Versorgung und Pflege vorhergehender wie nachfolgender Generationen in einer "gelungenen Synthese" zwischen privater und öffentlicher Verpflichtung und Beteiligung.

In einem zweiten Artikel des Buches verdeutlicht sie die Beurteilung und Bewertung des Haushaltsführungsschadens im juristischen Fall und fordert in dem Zusammenhang die Überlassung der Haushaltsbewertung ausgewiesenen HaushaltswissenschaftlerInnen.

Christof Arn:

Der Autor verknüpft gelungen die ethisch begründete Forderung "Gleiche Anerkennung gleichwertiger Leistung" mit pragmatischen Fragen der Bewertung der geleisteten Arbeit. Er beleuchtet sehr genau und treffsicher die Schwierigkeiten der Messung geleisteter Arbeit - gerade auch in Bezug auf Zeiten der Kinderbetreuung. Präzisierungen der monetären Erfassung mit Hilfe ökotrophologischer, arbeitspsychologischer und soziologischer Analysen fordert er wie auch umfassende Kommunikation verschiedenster Kreise zu diesen Themen.

Jost Herzog:

Der Leiter der Zentralstelle für Familienfragen am Bundesamt für Sozialversicherung der Schweiz befasst sich in seinem Artikel mit der, innerhalb der verschiedenen Kantone sehr unterschiedlich gehandhabten, Familienpolitik seines Landes und kommt dabei nicht umhin, zu benennen, dass in der Schweiz - so wie auch in Deutschland- Kinder zu haben ein Armutsrisiko bedeutet. Er erkennt die Familienpolitik als "Querschnittsaufgabe auf allen Ebenen und für verschiedene Akteurinnen und Akteure."

Ruth Thomet:

Als Mitautorin einer dreiteiligen Publikation von Lehrmaterial mit dem Titel "Perspektive 21" weist Ruth Thomet darauf hin, dass im Teil "Arbeitswelten" dieser Trilogie das Wissen um die Bedeutung der Haus- und Familienarbeit Einzug gefunden hat und verweist Interessierte auf entsprechende Internetseiten mit zusätzlichen Angaben zu dieser Publikation.

Zielgruppe

Schade ist, dass dieses alltagsrelevante Thema - obwohl es auf jede Frau und jeden Mann in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft mehr oder minder Einfluss nimmt - vermutlich keine allzu große InteressentInnengruppe vorfinden wird.

So wird dieses Buch besonders interessant sein für all jene, die sich bereits länger schon mit diesem Thema befassen - für organisierte Frauen und Männer in den Familienverbänden, Beauftragte für Gleichstellungsfragen, familienpolitisch interessierte Frauen (vermutlich eher seltener Männer), wünschenswert wäre es aber besonders für PolitikerInnen sämtlicher Länder und Parteien.

Fazit

Ein Buch, das meines Erachtens Vorwissen auf dem Gebiet der Anerkennung und Bewertung der Haus- und Familienarbeit voraussetzt - oder aber ausgesprochen neugierig machen kann auf die ausführlicheren Hintergründe all der Themen, die hier in den vielfältigen Artikeln ja nur angerissen werden konnten.

Besonders gelungen erscheint mir die Verknüpfung der verschiedenen Medien (Druck und Internet) - innerhalb des Buches. Es werden immer wieder Hinweise auf aktuelle Internetseiten eingeflochten, die zum weiterführenden Austausch über die Grenzen der Länder (und des Denkens) hinweg anregen wollen.

Zu meiner völligen Zufriedenheit fehlt jetzt nur noch die Umsetzung der interessant dargestellten Erkenntnisse der Fachleute durch PolitikerInnen ...


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Claudia Haider
Projektmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen


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Zitiervorschlag
Claudia Haider. Rezension vom 04.03.2003 zu: Christof Arn (Hrsg.): Wie viel ist eine Stunde Haus- und Familienarbeit wert? h.e.p.-verlag (Bern) 2002. 122 Seiten. ISBN 978-3-905905-74-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/700.php, Datum des Zugriffs 25.10.2014.


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