Christine Färber u.a.: Migration, Geschlecht und Arbeit
Christine Färber u.a.: Migration, Geschlecht und Arbeit. Probleme und Potenziale von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2008. 270 Seiten. ISBN 978-3-940755-00-1. D: 24,90 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 44,00 sFr.
Thema
Migrantinnen sehen sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt oftmals mit mehreren Formen der Diskriminierung konfrontiert: Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, Religion sowie Geschlecht sind hierbei die zu analysierenden Faktoren, wenn es darum geht, die Ursachen von Benachteiligungen und Diskriminierungen aufzuzeigen. Das Buch von Christine Färber, Nurcan Arslan, Manfred Köhnen und Renée Parlar kartografiert die einzelnen Sackgassen des deutschen Arbeitsmarktes und zeigt mögliche Einstiege für Migrantinnen und Migranten in Ausbildung und Arbeit.
Autorenkollektiv
Frau Dr. Christine Färber ist Hochschullehrerin an der HAW Hamburg und Leiterin von Competence Consulting für Organisations- und Politikberatung mit Sitz in Potsdam. In der science community hat sie sich insbesondere im Bereich Genderforschung sowie Gleichstellungspolitik (v.a. im Hochschulbereich) einen Namen gemacht. Nurcan Arslan arbeitet in London im Children´s Service als Diplom Pädagogin. Manfred Köhnen und Renée Parlar sind im Bereich Genderberatung in Berlin tätig.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist eine Forschungspublikation aus dem Netzwerk der Entwicklungspartnerschaft „MigraNet“ für die Regionen Bayern und Brandenburg. Das Projekt soll u.a. verbesserte Strukturen zur Verknüpfung der beiden Arbeitsfelder „Migration“ und „Arbeitsmarktintegration“ schaffen. Zudem soll, so fordern die Autorinnen und Autoren der Studie, das Thema „Gender“ über Frauenorganisationen institutionell in die Netzwerkstruktur (verstärkt) integriert werden. „MigraNet“ wird gefördert im Rahmen der Europäischen Gemeinschaftsinitiative „EQUAL“ aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und der Bundesagentur für Arbeit.
Aufbau
Das Buch ist stringent aufgebaut und sehr kleinteilig in einzelne Unterkapitel gegliedert. In der Einleitung erfolgt eine thematische Rahmung der Begriffe „Geschlecht“, „Migration“ und „Arbeit“ in Verbindung mit konzeptionellen Überlegungen zu Gender und Interkulturalität.
Hinzu kommt ein Abriss über den aktuellen Diskussionsstand der Forschung aus unterschiedlichen Perspektiven bzw. Gewichtungen im Sinne von Migrationsforschung, Gender Studies sowie Arbeitsmarktforschung.
Um den komplexen Wechselwirkungen der drei Ungleichheitsdimensionen „Schicht“, „Geschlecht“ und „Migration“ nachzugehen, ist neben dem einleitenden ersten Kapitel zur Positionierung des Forschungsthemas das Buch in drei weitere Hauptteile gegliedert: Im zweiten Kapitel geht es um eine Analyse der arbeitsmarktrelevanten Statistiken nach Geschlecht und Migration. Hierbei soll eine Kausalanalyse zur Erwerbsbeteiligung von Migrantinnen Wirkungszusammenhänge von Geschlechterrollenorientierungen der Migrationsgruppen auf die Arbeitsmarktchancen erklärbar machen. Diesem hauptsächlich quantitativen Teil auf Basis von Arbeitsmarktstatistiken folgen im dritten Kapitel eine qualitative Bewertung besonderer Probleme von Migrationsgruppen und spezifischer Probleme von Migrantinnen anhand von Expertinneninterviews mit relevanten Akteuren am Arbeitsmarkt. Neben der Analyse einzelner Problembereiche werden in diesem Kapitel Lösungsmöglichkeiten aus Expertinnensicht entwickelt.
Durch Hinzunahme des Blickwinkels von Frauen mit Migrationshintergrund auf die aktuelle Arbeitsmarktsituation entsteht letztendlich im Aufbau des Buches ein dreistufiges Setting im Multimethodenmix aus:
- regionaler Genderanalyse mitsamt Datenverknüpfungen,
- qualitativer Expertinneninterviews, und
- einer qualitativer Interviewstudie mit Migrantinnen.
Die Ergebnisse dieser Triangulation werden im fünften und abschließenden Kapitel als Basis für Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsmarkterfolge von Migrantinnen zusammengefasst.
Inhalt
Das Buch verfolgt das Ziel, neben einer arbeitsmarktlichen Bestandsanalyse von Migrantinnen, Wirkungszusammenhänge aufzuzeigen und Handlungsempfehlungen vorzustellen
Das zweite Kapitel „Regionalanalyse
der Daten zu Arbeitsmarkt, Geschlecht und Migration“
beinhaltet zunächst eine Analyse der Datenstruktur sowie ein
Überblick über die historische und soziale Zusammensetzung
der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland und
über genderbezogene Migrationsaspekte. In klar gegliederten
Unterkapiteln wird dann die Lebenssituation der Frauen und Männer
aus ausgewählten Herkunftsländern dargestellt. Die weiteren
Untergliederungen behandeln dann alle relevanten Kennzahlen zur
Analyse der regionalen Arbeitsmarktdaten. Mit großer Sorgfalt
wird in diesem Kapitel die komplette empirische Datenbasis bezüglich
ihrer Aussagekraft zur Beantwortung der Forschungsfragestellung
identifiziert und – soweit vorhanden – genau beziffert.
Eine wesentliche Erkenntnis ist die Tatsache, dass aufgrund einer
defizitären Datenstruktur Kausalanalysen zum Status der Frauen
mit Migrationshintergrund nur sehr bedingt durchführbar sind.
Insofern erfüllen die Regionalanalysen die Funktion, die soziale
Lage und Zusammensetzung großer Gruppen von Migranten nach
Geschlecht differenziert aufzuzeichnen.
Besonders wertvoll
macht diesen Teil des Buches die Aufarbeitung der kompletten
Datenlage zur Stellung von Migranten am Arbeitsmarkt. Die Autoren
schreckten dabei nicht davor zurück, alle auswertbaren
Datenquellen zu prüfen und die damit verbundenen Probleme im
Hinblick auf den heuristischen Gehalt zu nennen. Die Ergebnisse
dieser kritischen Überprüfungen fließen dann in
konkreten Verbesserungsvorschlägen zur Erfassung von
migrationsrelevanten Aspekten in der Arbeitsmarktstatistik ein. Dass
damit eine gewisse Komplexitätssteigerung einhergeht, ist
erwartbar, aber gerechtfertigt, da diese komplexe Materie der
Kombination von Gender, Migration und Arbeitsmarkt genau diese
Sorgfalt und Differenziertheit verlangt.
Vorab lässt
sich schon sagen, dass die Ergebnisse dieser Datenanalyse sehr
interessant sind. Die behandelten empirischen Fragestellungen zur
Arbeitsmarktstatistik von Migrantinnen decken alle relevanten Gebiete
der derzeitigen Diskussion ab, wie z.B. konfundierende Effekte von
Staatsangehörigkeit und Geschlecht als „doppelte
Benachteiligung“, Armut, Komplexität von Familienbildern,
Zwangsheirat sowie „ausländische Jungs als
Bildungsverlierer“ im selektiven deutschen Schulsystem, um nur
einige wenige Punkte exemplarisch zu nennen.
Im Endeffekt
lassen sich schon anhand der empirischen Auswertungen des zweiten
Kapitels ethnische und geschlechterbezogene Diskriminierungen am
deutschen Arbeitsmarkt deutlich erkennen.
Das dritte Kapitel nimmt die empirisch nachweisbaren Diskriminierungen am Arbeitsmarkt des vorangegangenen Teils auf und versucht aus Sicht der Expertinnen und Experten einzelne Mechanismen und Wirkzusammenhänge hierfür zu identifizieren. Bei der Lektüre dieses Abschnittes fallen besonders die methodische Sorgfalt und die genaue Darstellung der jeweiligen Interviewpersonen sowie die Vorstellung des Interviewleitfadens auf. Im Interviewleitfaden werden fünf Themen angesprochen:
- Funktion und Erfahrungshintergrund sowie allgemeine Einschätzung der Thematik Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten
- Wahrnehmung von unterschiedlichen Migrationsgruppen in der Region
- Hürden für spezifische Migrationsgruppen und diesbezügliche Genderaspekte
- Chancen und Potentiale von Migrantinnen und Migranten
- Lösungsmöglichkeiten für die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund, für beide Geschlechter und spezifisch für Frauen
Neben den einzelnen Fragekomplexen des Leitfadens behandelt der dritte Teil des Buches insbesondere das Verhältnis der drei Fachdiskurse „Migration“, „Gender“ und „Arbeitsmarkt“ zueinander und die damit verbundene Praxisrolle der Expertinnen aus den jeweiligen Schwerpunkten. Zudem werden wichtige Fragen der Handhabbarmachung sowie Konkretisierung von abstrakten Zielvorgaben im Arbeitsfeld aufgeworfen.
Das vierte Kapitel: „Arbeitsmarktpolitische Perspektiven von Migrantinnen in Deutschland“ erschließt auf individueller Ebene die persönlichen Hintergründe und Erfahrungen der Befragten. In gewohnt methodisch einwandfreier Weise skizziert hier das Autorenteam die (berufs-)biografischen Hintergründe der Befragten und rekonstruiert die soziale Wirklichkeit der Migrantinnen. Zudem findet sich in diesem Kapitel ein sehr ertragreicher Abschnitt zur Handlungsattribuierung bzw. zur „Selbstwirksamkeitsentwicklung“, der einige Ansätze zur weiteren Arbeit im Feld aufzeigt.
Im fünften Kapitel werden die zentralen Untersuchungsergebnisse zusammengefasst und Handlungsempfehlungen ausgesprochen. Neben konkreten Umsetzungs- bzw. Verbesserungsmöglichkeiten formulieren die Forscher zudem ein theoretisches Konstrukt zur verbesserten Bearbeitung des Forschungsthemas. Demnach sollte dem Begriff der „Ethnizität“, neben „Gender“, in der Benachteiligtenforschung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. In der Tendenz konnten die Autoren anhand der Regional- und Genderanalyse der Arbeitsmarktdaten Diskriminierungen aufzeigen, was aufgrund der fehlenden Repräsentativität für den gesamten Arbeitsmarkt der Forderung eines soliden Monitorings in der Arbeitsmarktstatistik besonderen Nachdruck verleiht. Am Ende findet sich als Fazit ein umfassender Forderungskatalog für interkulturelle frauengerechte Modelle in der Arbeitsmarktpolitik.
Diskussion
Der Anspruch der Autorinnen und Autoren, eine Funktionsanalyse zu den Ursachen der Benachteiligungen von Migrantinnen am Arbeitsmarkt durchzuführen, wird aufgrund der schlechten Datenlage nicht ganz erfüllt. Dies war zu erwarten, umso gelungener ist die konstruktive Kritik des Autorenteams, die Datenlage zu verbessern und das Themengebiet „Migration, Geschlecht und Arbeit“ theoretisch-analytisch zu rahmen. Nicht zuletzt die Beleuchtung des Forschungsgegenstandes aus unterschiedlichen Perspektiven anhand der Kombination aus quantitativen Daten und qualitativen Interviews von Expertinnen und Migrantinnen ist eine sehr gelungene second-best Strategie bei mangelhafter Datenstruktur für sekundärstatistische Analysen. Auffallend an dem Buch ist die besondere Qualität und Sorgfalt in der Bereitstellung und Aufarbeitung des empirischen Materials, was ohne Weiteres als Vorbild für weitere empirische Studien in diesem Bereich gelten kann. Im vierten Kapitel: „Arbeitsmarktpolitische Perspektiven von Migrantinnen in Deutschland“ hätte man sich eine Kommentierung der ambivalenten und teilweise heterogenen Perzeptionen gewünscht, zumal Verallgemeinerungen sowie Repräsentativität ohnehin nicht möglich sind.
Fazit
Das Buch „Migration, Geschlecht und Arbeit“ markiert den derzeitigen Stand der Kunst im Themengebiet und bringt die Arbeitsmarktforschung sowohl methodologisch als auch substantiell einen guten Schritt weiter.
Rezensent
Dr. Carsten Weiß
Universität Siegen, Fachbereich 1
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Zitiervorschlag
Carsten Weiß. Rezension vom 13.11.2009 zu: Christine Färber u.a.: Migration, Geschlecht und Arbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen; Farmington Hills, MI) 2008. 270 Seiten. ISBN 978-3-940755-00-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7029.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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