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Andreas Vonier: Cochlea-implantierte Kinder [...]

Cover Andreas Vonier: Cochlea-implantierte Kinder gehörloser bzw. hochgradig hörgeschädigter Eltern. median-verlag (Heidelberg) 2008. 235 Seiten. ISBN 978-3-922766-97-1. 42,00 EUR.

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Thema

Das Cochlear-Implantat (CI) ist aus der heutigen technischen Versorgung hörbehinderte Menschen nicht mehr wegzudenken. Ein besonderes Augenmerk gilt hier den Kindern, die schon sehr früh (teils mit 3-6 Monaten) implantiert werden können. Das ist deswegen wichtig, weil die Sprachentwicklung bekanntermaßen ja schon im Mutterleib beginnt. Durch eine frühzeitige CI-Versorgung kann diese baldmöglichst lautsprachorientiert verlaufen. Ein ertaubt oder stark schwerhörig geborenes Kind, welches nicht frühzeitig versorgt werden kann, verliert kostbare Zeit – nicht nur in der Sprachentwicklung. Für ein hörendes Elternpaar liegt die Entscheidung für ein CI auf der Hand.

Eine besondere Problematik zeigt sich jedoch bei Kinder gehörloser bzw. hochgradig hörbehinderter Eltern vor allem dann, wenn diese gut in der Gehörlosengemeinschaft integriert sind. Immer noch ist in Gehörlosenkreisen ja das CI oft ein „Feind“ den es zu bekämpfen gilt. Teilweise mit dem verständlichen Hintergrund, das in der Gehörlosengemeinschaft integrierte Menschen ihre eigene Lebensart und Kultur in Gefahr sehen. Solche Eltern haben einfach Angst, keinen Kontakt zu ihren eigenen Kindern zu finden wenn diese erst mal CI-implantiert und also „Hörend“ sind. Stark schwerhörige, in der Gehörlosengemeinschaft integrierte Erwachsene müssen teilweise auch heute noch mit Anfeindungen anderer Gehörloser rechnen, weil diese das CI – oft aus Unkenntnis – verurteilen. Unkenntnis, weil gehörlose (gl) Menschen auch heute oft noch nicht die notwendigen, neuesten und umfassenden Informationen zum CI haben.

Die von der Gehörlosengemeinschaft erst in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erkämpfte Anerkennung, auch der Gebärdensprache, scheint auf den ersten Blick für die Betroffenen ja die Lösung aller Probleme zu sein. Gebärdendolmetscher können angefordert werden, in den Schulen findet Wissensvermittlung mittlerweile mit Gebärdenunterstützung statt. Immer mehr gl Jugendliche besuchen höhere Schulen und studieren. Ein CI für jedes gl bzw. stark hörbehindert geborene Kind würde bedeuten, das es in absehbarer Zeit keine Gehörlosengemeinschaft mehr gibt! Für manchen Gehörlosen ist das schon fast „Völkermord“, da ja eine soziale Minderheit „ausgerottet“ werden soll. Ich verwende bewusst solche provokativen Begriffe, da ich das so schon öfter von Gehörlosen in Diskussion so gesagt bekam!

Inhalt

Das vorliegende Buch nun ist eine sehr gut verständliche Inauguraldissertation und beginnt mit einem geschichtlichen Überblick zur Entwicklung der Gehörlosenkultur mit allem was dazu gehört. Sehr gut verständlich und vor allem nachvollziehbar wird trotz der dem Anlass gebotenen Kürze dargelegt, wie Gehörlose in der Welt vor dem CI lebten und welche Erleichterungen sie in den letzten Jahren für sich erkämpft haben. Das macht gleichzeitig auch verständlich, wieso es zu den zuvor schon genannten Problemen kommen kann. Auch die Ängste gehörloser Eltern werden leichter nachvollziehbar nach dieser sehr interessanten und spannenden Einleitung.

Nach einem Überblick zum neuesten technischen Stand in der CI-Entwicklung wird darauf eingegangen, wie sprachliche und intellektuelle Entwicklung von hörenden Kindern gehörloser Eltern bisher verlaufen ist (im Vergleich zu hörenden Kindern hörender Eltern), auch im Vergleich zu gehörlosen Kindern mit gl Eltern bzw. gl Kindern mit hörenden Eltern. Es wird dargelegt, welche Erfolge in der sprachlichen Entwicklung implantierter Kinder nachgewiesen sind. Auch werden Vergleiche gezogen zu „normal“ aufwachsenden Kindern. Macht es wirklich einen Unterschied sehr früh oder doch lieber später zu implantieren?

Das Buch zeigt auch erfolgreich den Wertekonflikt zwischen der Hörenden- und Gehörlosengemeinschaft auf. Beide sehen ja die Notwendigkeit einer CI-Versorgung aus einem anderen Erleben heraus. Auf der einen Seite die Hörende Welt, auf der anderen die Gehörlose Welt. Jede setzt die Prioritäten, was das Hören betrifft, anders.

Es werden Studien genannt und erläutert, welche sich mit der Entwicklung CI-implantierter Kinder befassen. Beispiele aus 18 Familien-Interviews zeigen die unterschiedlichsten Erfahrungen selber hörgeschädigter bzw. gl Eltern.

Zum Abschluss werden die Ergebnisse noch einmal besprochen und auch überlegt, ob und welche pädagogischen Konsequenzen sich aufgrund der Studien und Interviews ergeben könnten. Denn auch mit CI brauchen viele Kinder in der Kommunikation bestimmte kommunikative Voraussetzungen, die z.B. in der schulischen Betreuung berücksichtig werden müssen.

Diskussion

Es ist nicht immer einfach, die Argumente gl oder stark schwerhöriger Eltern nachzuvollziehen. Zu wissen auf welcher Grundlage die Zweifel und Ängste dieser Eltern beruhen, wird es möglich machen, ihnen verständliche und gut nachvollziehbare Entscheidungshilfe zu geben. Vielfach wird in der GL-Gemeinschaft noch beklagt, das ein hörender Mensch gar nicht verstehen kann, welche Zweifel die betroffenen Eltern plagen. Feinfühlig diesen Eltern verständlich zu machen das ihre Kinder mit CI möglicher Weise sehr viel mehr Chancen haben ihr Leben zu gestalten in einer hörenden Welt gelingt nach der Lektüre dieses Buches sicher eher.

Verständnis zu wecken bei selber gehörlosen oder stark hörbehinderten Eltern für die Chancen, die ein CI einem taub geborenen Kind bieten kann. Eltern sollten ja verstehen, dass sich ihre Kinder später nicht von ihren abwenden werden nur weil sie ein CI haben.

Trotz der naturgemäß vorhandenen reichlichen Tabellen und Grafiken ist das vorliegende Buch sehr gut verständlich, informativ und bisweilen sogar spannend!

Leider für mich (und vielleicht auch andere interessierte Laien), für den Anlass, zu dem dieses Buch geschrieben wurde, aber nachvollziehbar, sind doch recht viele Passagen in Englisch (vor allem im ersten Teil des Buches) die nicht immer mit einer deutschen Übersetzung versehen wurden.

Fazit

Dieses Buch ist sicher ein wichtiges Instrument für interessierte Eltern die vor der Entscheidung stehen, ob sie ihr Kind implantieren lassen sollen oder nicht.

Aber auch für die Menschen, welche betroffene Eltern beraten sollen/wollen. Da hier auch sehr viel Hintergrundinformationen zur Entwicklung der Gehörlosengemeinschaft zu lesen sind, die wesentlich zum Verständnis der Ängste und Zweifel betroffener Eltern beitragen können, werden Berater nach der Lektüre bisweilen sicher etwas feinfühliger vorgehen.


Rezensentin
Erika Classen
Spätertaubt und CI-Trägerin seit Februar 2000. Ca. 12 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit bundesweit in der Hörbehinderten-Selbsthilfe
3-jährige ergotherapeutische Ausbildung
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Zitiervorschlag
Erika Classen. Rezension vom 09.06.2009 zu: Andreas Vonier: Cochlea-implantierte Kinder [...]. median-verlag (Heidelberg) 2008. 235 Seiten. ISBN 978-3-922766-97-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7039.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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