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Jens Weidner, Rainer Kilb u.a. (Hrsg.): Gewalt im Griff

Cover Jens Weidner, Rainer Kilb, Otto Jehn (Hrsg.): Gewalt im Griff. Band 3. Weiterentwicklung des Anti-Agressivitäts- und Coolness Trainings. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-407-55875-6. 19,90 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Edition Sozial.

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Einführung in das Thema

Dass Gewalt bei Jugendlichen ein sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Pädagogik und anderen wissenschaftlichen Disziplinen prominentes Thema ist, muss an dieser Stelle nicht weiter betont werden. Der von Jens Weidner, Rainer Kilb und Otto Jehn herausgegebene dritte Band in der Reihe "Gewalt im Griff" beschäftigt sich mit "Weiterentwicklungen" des mittlerweile recht bekannten Anti-Aggressivitäts- und Coolness-Trainings und kann als Fortsetzung des ersten Bandes in dieser Reihe mit dem Titel "Neue Formen des Anti-Aggressivitätstrainings" gesehen werden.

Aufbau und Inhalte

Das Buch umfasst insgesamt 18 Kapitel, die sich auf 4 Abschnitte verteilen.

Abschnitt 1 beschäftigt sich mit einer "Theoriediskussion". Dabei wird in Kapitel 1 zunächst auf die theoretischen Grundlagen des Anti-Aggressivitäts- und Coolnes-Trainings (folgend AAT) eingegangen und ein Plädoyer für eine konfrontative Pädagogik geleistet. Das zweite Kapitel skizziert mögliche Ursachen von Gewalt bei Kindern und Jugendlichen, wobei zunächst die allgemeine Forschungslage kritisiert wird, daran anschließend aber dann doch die am meisten diskutierten Ursachen aufgelistet werden. Die folgenden Kapitel in diesem Abschnitt beschäftigen sich mit idealen Merkmalen von AAT-TrainerInnen (Kapitel 3), der Frage, ob Frauen als TrainerInnen geeignet sind (Kapitel 4) und der fachöffentlichen Kritik am AAT (Kapitel 5).

Im nächsten Abschnitt werden in insgesamt 4 Kapiteln Ergebnisse verschiedener Evaluationen vorgestellt. Insgesamt zeigen die vorgestellten Evaluationsergebnisse positive Effekte, wobei in "härteren" Kriterien (wie z.B. Legalbewährung, s. Kapitel 8) die Effekte kleiner sind bzw. verschwinden.

Abschnitt 3 umfasst fünf Kapitel, die neue Anwendungsfelder des AAT vorstellen. Z.B. stellt Ahmet Toprak in Kapitel 11 ein für männliche türkische Jugendliche angepasstes AAT vor. Die weiteren Kapitel in diesem Abschnitt behandeln Empfindungen von Teilnehmern im Verlauf eines AATs (Kapitel 10) sowie modifizierte AATs für die stationäre Jugendhilfe (Kapitel 12), im Maßregelvollzug (Kapitel 13) und in der Grundschule (Kapitel 14).

Im letzten Abschnitt werden in vier Kapiteln Weiterentwicklungen des AAT vorgestellt. So wird in Kapitel 15 das AAT um ein soziales Training ergänzt, in Kapitel 16 systemische und psychodramatische Methoden vorgestellt. Kapitel 17 thematisiert theaterpädagogische Elemente und Kapitel 18 stellt ein Attraktivitätstraining vor, welches den Trainingsteilnehmer ermöglichen soll, neue (positive) Seiten an sich zu entdecken.

Zielgruppen

Im Vorwort formulieren die Herausgeber des Bandes, dass die einzelnen Kapitel von Praktikern für Praktiker geschrieben wurden. Dem kann ich mich nur anschließen: LeserInnen, die sich mehr mit dem theoretischen Hintergrund des AATs und seinen Weiterentwicklungen beschäftigen möchten, werden durch den Band eher enttäuscht. Hier empfiehlt es sich, auf andere Bücher auszuweichen (z.B. Weidner, J. (2001). AAT - Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter: ein deliktspezifisches Behandlungsangebot im Jugendvollzug (5. Auflage). Mönchengladbach: Forum Verlag Godesberg, vgl. die dazu gehörige Rezension).

Bewertung

Sicherlich bietet der Band für PraktikerInnen Anregungen und Eindrücke, wie mit gewaltbereiten und gewalttätigen Jugendlichen in der pädagogischen Arbeit umgegangen werden kann. Äußerst positiv ist ein gesonderter Abschnitt über Ergebnisse verschiedener Evaluationen, was (leider) in der Praxis eher eine Ausnahme ist und deshalb an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden soll. Zu Bedenken ist bei dem Studium der größtenteils positiven Evaluationsergebnissen, dass das AAT kommerziell vertrieben wird und somit die Gefahr besteht, die Ergebnisse "schön zu reden". Eine noch stärker kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Evaluation und deren Methoden (meist keine Kontrollgruppen, vorwiegend weiche Kriterien, Einschätzungen durch die Trainingsleitung), gerade auch dann, wenn sie positiv auffallen, wäre wünschenswert.

Am Wichtigsten für PraktikerInnen sind sicherlich die Abschnitte drei und vier, in denen verschiedene Anwendungsfelder und Weiterentwicklungen vorgestellt werden.

Fazit

Für PraktikerInnen sicherlich ein interessanter und gut zu lesender Band, der einen vielseitigen Einblick in Theorie, Evaluation und Anwendung des AATs liefert. Wer Band 1 der Reihe "Gewalt im Griff" sein Eigen nennen kann oder eine andere Buchpublikation zum AAT besitzt, wird nicht viel Neues lernen. Auch muss berücksichtigt werden, dass das AAT (bzw. die Ausbildung zur(m) AAT-TrainerIn) kommerziell angeboten wird, was u.U. eine kritischen Behandlung des AATs durch zumindest einige Autoren bzw. Herausgeber einschränken kann. Zumindest sollte dies bei der Lektüre mit berücksichtigt werden.


Rezensent
Dipl.-Psych. Oliver Christ
Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg
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Zitiervorschlag
Oliver Christ. Rezension vom 11.05.2004 zu: Jens Weidner, Rainer Kilb, Otto Jehn (Hrsg.): Gewalt im Griff. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-407-55875-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/704.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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