Gudrun Hentges, Volker Hinnenkamp u.a. (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung in der Diskussion
Gudrun Hentges, Volker Hinnenkamp, Almut Zwengel (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung in der Diskussion. Biografie, Sprache und Bildung als zentrale Bezugspunkte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 326 Seiten. ISBN 978-3-531-15318-6. 29,90 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-16802-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Das Thema "Migration und Integration" ist mittlerweile in den Sozial- und Erziehungswissenschaften etabliert und hat auch Politik und Medien und damit die "Mitte der Gesellschaft" erreicht (vgl. NIP = Nationaler Integrationsplan oder LIP = Lokaler Integrationsplan; Zuwanderungsgesetz, Islam-Forum usw.). Es gibt eigene Studiengänge oder Module zum Thema, eigene Zeitschriften, immer mehr Publikationen und Tagungen, Vereine und Initiativen, (Forschungs- und Praxis-)Projekte und Maßnahmen. Und nun also ein Reader zum Thema "Migrations- und Integrationsforschung in der Diskussion". Man erwartet als neugieriger Kollege eine Art Bilanz und kritische Rückschau mit Ansätzen zu einer Prognose: Wie geht„s weiter in der wissenschaftlichen Migrations- und Integrationsdebatte?.
Herausgeber/ Autoren und Aufbau/ Inhalt
Die drei Herausgeber der Hochschule Fulda, allesamt Professoren der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politik, Kommunikation), präsentieren elf recht unterschiedliche Beiträge elf verschiedener Autoren (am bekanntesten wohl Ursula Boos-Nünning und Annette Treibel), die aber alle die "zentralen sozialwissenschaftlichen Bezugspunkte … „Biografie“, „Sprache“ und „Bildung„" (Einleitung, S. 7) betreffen (sollen). Dies wird einleitend von Zwengel/ Hentges kurz, aber nicht überzeugend begründet (warum nicht - auch - „Identität“, „Kultur“ oder „Fremdheit" als Fokus der Migrations.- und Integrationsforschung?) und spiegelt sich teilweise in den Kapitelüberschriften wieder:
- "Migrations- und Integrationspolitik in vergleichender Perspektive" - vier Beiträge;
- "Migration und biographische Entwürfe" - zwei Beiträge;
- "Migration und Sprache" - zwei Beiträge und
- "Berufliche Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten" - drei Beiträge.
Eine Art Zusammenfassung oder Resümee der Herausgeber fehlen, wie auch nicht deutlich wird, nach welchen Kriterien die Auswahl der Beiträge erfolgte, die auch sehr unterschiedlich in Bezug auf Inhalt, Methode, Duktus und Zielsetzung sind.
Die Beiträge im einzelnen - eine kritische Würdigung
Bereits
der erste Beitrag von Hentges ("Integrations-
und Orientierungskurse. Konzepte - Kontroversen - Erfahrungen")
besteht eigentlich aus zwei gänzlich unterschiedlichen Teilen:
Daten und Fakten zu Integrationskursen im bundesdeutschen und
"europäischen Kontext" (S. 23 - 52) sowie den
Ergebnissen einer qualitativen Studie von Studenten zu
"Orientierungskursen" (S. 52 - 71). Auch die weiteren
Beiträge zum (eher politikwissenschaftlichen) I. Kapitel sind
reich an Daten, Gesetzesauszügen und speziellen Informationen,
z.B. zur Integrationspolitik in anderen Ländern (z.B.
Großbritannien und England), zur Flüchtlingsthematik oder
zur Situation der Roma in der EU (Beitrag Schwarz).
Theoretisch überzeugt mich vor allem der Beitrag von Baringhorst
zu "Abschied vom Multikulturalismus".
Einen
guten und kritischen, an Klassikern (Bourdieu, Elias, Foucault
usw.) sowie aktuellen Konzepten orientierten
(Intersectionality-Ansatz), wenn auch einseitigen
(frauenforscherischen) Überblick zur "soziologischen
Forschung und Lehre" hinsichtlich des Themas "Migration und
Integration" gibt Treibel im II. Kapitel. Vor allem die
Herausarbeitung der These, dass der viel erwähnte und zur
Erklärung herangezogene "„Migrationshintergrund“ nur noch
eine Variable unter vielen" ist (S. 153), hätte, falls sich
diese Auffassung in den Köpfen relevanter Personen festsetzt,
enorme politische und pädagogische Konsequenzen (vgl. Hegel:
"Ist das Reich der Ideen erst revolutioniert, hält ihm die
Praxis nicht mehr stand"). Wer sich aktuell aus der Sicht der
Frauenforschung zum Thema "Migration und Integration"
informieren und Literaturanregungen haben will, liegt bei Treibel,
wenn auch in kompakter und gedrängter, nicht immer ausdiskutiert
Form, richtig.
Es folgt im II. Kapitel ein Beitrag von Norbert Cyrus über "polnische Haushaltsarbeiterinnen", der sich auf acht Interviews mit Frauen zwischen 21 und 49 Jahren stützt und bei der Interpretation das theoretische Konzept der "Weil- und Um-zu-Motive" von Alfred Schütz heranzieht - die Klassiker erleben m.E. zur Zeit gerade in der Migrationsforschung eine Renaissance (Bourdieu, Elias, Simmel, Schütz).
Almut Zwengel beginnt das III. Kapitel zu
"Migration und Sprache" mit einem Aufsatz, der sich an ihre
Antrittsvorlesung 2005 anlehnt ("Wenn die Worte fehlen …").
Herangezogen zur Analyse werden "drei Fallstudien" bzw.
offene Interviews mit "Migrantinnen mit geringen deutschen
Sprachkenntnissen", die im Sinne der Strukturhypothesen von
Oevermann bzw. im Anschluss an die Grounded Theory (Glaser/
Strauss) als "Autonomie", "Vermittlerin" und
"Fossilierung" typisiert werden. Deutlich wird auch, dass
informelle Kontakte zu Einheimischen in ähnlicher
sozio-ökonomischer Lage für einen Kompetenzzuwachs im
Deutschen wichtig wären.
Der dritte Herausgeber,
Volker Hinnenkamp, wendet sich dann in seinem Beitrag gleich
mehreren zentralen aktuellen theoretischen Konzepten zu: "Sprachliche
Hybridität, polykulturelle Selbstverständnisse und
„Parallelgesellschaft" und garniert seine theoretischen
Überlegungen mit Beispielen aus der Alltagskommunikation
hybrider Sprecher (Deutsch-Türken). Deutlich wird dadurch auch,
dass sich im Alltag oftmals "etwas eigenes, drittes"
konstituiert (S. 246), ein kreativer "Mischmasch" - vgl.
"Der Dritte Stuhl" (Badawia 2002) oder die "Third
Culture Kids" - der im Alltag entsteht und quasi aus der "Mitte
der (Einwanderungs-)Gesellschaft" kommt, aber noch nicht in der
Mitte des gesellschaftlichen Bewusstseins angekommen ist.
Das
IV. Kapitel zur "beruflichen Qualifizierung" (das
ist nicht, wie im Untertitel suggeriert, "Bildung"! - vgl.
Griese: "Aus Bildung wird Qualifikation" 1991!)
beginnt mit Boos-Nünnings Beitrag zu "Berufliche
Bildung von Migrantinnen und Migranten" und basiert auf der
mittlerweile bekannten These vom "vernachlässigten
Potenzial", arbeitet - noch einmal - die Gründe für
das "schlechte Abschneiden" im Bildungssystem heraus
(Humankapitaltheoretischer Ansatz nach Bourdieu,
Institutionelle Diskriminierung), nennt überzeugende Daten zum
Thema und fragt abschließend in wohlmeinender Absicht: "Was
ist zu tun?" Ich denke, das wissen alle, die sich eingehend mit
der Thematik "Bildungsbenachteiligung von Migranten" -
spätestens seit PISA 2000 - befasst haben! Es wird, so meine
These, aber nur jetzt darauf reagiert, weil sich Wirtschaft und
Industrie dazu genötigt sehen (Fehlendes Fachkräftepotential,
fehlende Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt, demographische
Entwicklung als Stichworte).
Sodann macht sich
Baumgratz-Gangl Gedanken zur "Verbesserung der Bildungs-
und Ausbildungsbeteiligung von Migrant(inn)en im Übergang Schule
- Ausbildung - Beruf" und schließt damit logisch an den
Beitrag von Boos-Nüning an. Sie orientiert sich am
Programm "Kompetenzen fördern - Berufliche Qualifizierung
von Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf (BQF-Programm)"
und erläutert den offiziellen Begriff von "Menschen mit
Migrationshintergrund", der mittlerweile auch in Verruf geraten
ist und von den Betroffenen zumeist abgelehnt wird. Die Suche nach
bessern Begriffen angesichts des Wandels der Wirklichkeit bleibt
oberste soziologische Aufgabe (meinte schon Max Weber).
Zuletzt konzentriert sich Schahrzad Farrokhzad auf das
aktuelle Thema "Hochqualifizierte" bzw. "Akademikerinnen
mit Migrationshintergrund" und liefert damit ein Beispiel für
den Paradigmenwechsel weg von Defiziten, Problemen und Konflikten und
hin zu Potentialen, Kompetenzen und Ressourcen von Migranten. Es geht
um hochqualifizierte sog. "Bildungsin- und -ausländer",
wobei das Thema an Hand von "acht biographischen Portraits"
mittels "biographisch-narrativer Interviews" (was sonst?)
empirisch unterlegt und angereichert wird. Es wird über -
überwiegend negative bzw. diskriminierende - schulische
Erfahrungen berichtet, über die "Abqualifizierung bereits
erworbenen kulturellen Kapitals", über die Relevanz der
Lehrer im schulischen Bildungsprozess, über wenig(er) Probleme
an der Universität (als multikulturelles Subsystem) über
"ethnische Nischen" und die Relevanz von "sozialem
Kapitel" am Arbeitsmarkt, Gefahren der Reduktion der
Berufschancen auf den Migrations- und Integrationsbereich, über
berufserfolgreiche Iranerinnen und die Bedeutung von Vorbildern
(Eltern, Lehrer, Freunde) - ein interessanter und wegweisender
Abschlussbeitrag, der leider nicht in ein Schlusswort oder Fazit der
Herausgeber übergeht.
Fazit
Der Band beinhaltet Beiträge mit unterschiedlicher inhaltlich-thematischer und methodischer Ausrichtung (Literaturrecherchen, eigene Studien, Sekundäranalysen). Es fehlt mir ein stringentes Gesamtkonzept, so dass die Beiträge mehr einem Nebeneinander als einem Gesamtwurf ähneln, was auch durch das fehlende Schlusskapitel belegt wird. Was ist das Gesamt-Fazit? Warum die "Bezugspunkte" "Biografie, Sprache und Bildung" (eher "Qualifikation")? Was ist deren Stellenwert im Themenzusammenhang von "Migrations- und Integrationsforschung". Am überzeugendsten finde ich die Beiträge, in denen mittels qualitativer Forschung (Interviews) die Betroffenen selbst zu Wort kommen und dies dann theoretisch angemessen interpretiert wird (wie bei Farrakhzad). Aber warum immer nur Interviews? Wo bleibt die methodische Kreativität oder Innovation? Da ein Ausblick oder dergleichen fehlt, fehlt mir auch eine Art Prognose, da der Band ja vom Titel her eine Bilanz verspricht: Wie geht„s weiter? Wie soll es weiter gehen? Welche Theoriekonzepte haben sich bewährt (Klassiker!?)? Was wäre methodisch zu tun? Welche Chancen der Realisierung haben Vorschläge und Projekte, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen?
Literatur
- Badawia, Tarek: Der Dritte Stuhl. Frankfurt: IKO 2002
- Griese, Hartmut M.: Aus Bildung wird Qualifikation - eine polemische Kritik. In: Berufsbildung, 45. Jhrg., Heft 2/ 1991
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 23.09.2009 zu: Gudrun Hentges, Volker Hinnenkamp, Almut Zwengel (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung in der Diskussion. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 326 Seiten. ISBN 978-3-531-15318-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7069.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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