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Guilleaume Paoli (Hrsg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche

Cover Guilleaume Paoli (Hrsg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen. Edition Tiamat Verlag Klaus Bittermann (Berlin) 2002. 207 Seiten. ISBN 978-3-89320-062-7. 14,00 EUR.

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Das Thema

Jenseits sozialistischer, "bürgerschaftlicher" und kapitalistischer Vorstellungen zur Krise der Arbeitsgesellschaft meldet sich mit den Glücklichen Arbeitslosen seit ihrer Gründung im Jahre 1996 eine ungebunden anarchistische Richtung zu Wort, die respektlos die heiligen Fundamente unserer Arbeitsethik und Arbeitsgesellschaft in Frage stellt. In diesem Band sind grundlegende Texte der Bewegung vereinigt.

Die Autor/ der Hintergrund

Guilleaume Paoli, beschreibt sich selbst so:

"geboren 1959, französischer Staatsbürger korsischer Abstammung und internationaler Gesinnung". Paoli lebt seit 10 Jahren in Berlin. Er ist Mitbegründer der Glücklichen Arbeitslosen und Mitherausgeber ihrer Zeitschrift "müßiggangster".

Am 14. August 1996 wurden die Glücklichen Arbeitslosen im Berliner Prater gegründet. Der dort vorgetragene (und in diesem Band abgedruckte) Text "Auf der Suche nach unklaren Ressourcen" wurde später als "Manifest der Glücklichen Arbeitslosen" berühmt.

Die Glücklichen Arbeitslosen sind nicht fest organisiert und immer wieder gründen sich unabhängig neue Gruppen. Die zahlreichen Angebote zu Fernsehsendungen und Talk-Shows lehnen die Glücklichen Arbeitslosen in der Regel ab, so dass der vorliegende Sammelband neben der Zeitschrift eine gute Möglichkeit bietet, sich mit den Ideen der Glücklichen Arbeitslosen auseinander zu setzen.

Der Inhalt

Heftig kritisieren die Glücklichen Arbeitslosen den Ist-Zustand:

Der Arbeitsgesellschaft ist die Arbeit ausgegangen. Die riesigen Reichtümer, die in diesem Lande produziert werden, brauchen immer weniger Arbeitskräfte - eine schöne Folge des technischen Fortschrittes, denn wer sehnt sich schon nach stumpfsinnigen Arbeitsplätzen am Fließband zurück, wenn Roboter diese Arbeit genauso tun können? Der Segen des technischen Fortschritts kommt aber nur Wenigen zugute: Statt die reichen Erträge und arbeitskräftefrei erwirtschafteten Gewinne zu besteuern, bleiben die deutschen Regierungen bei der (schwindenden) Besteuerung der Arbeitskraft. Wer arbeitskräftefrei Gewinne erwirtschaftet, zahlt so gut wie keine Steuer.

Durch die neuen Entwicklungen sind Millionen Menschen ohne Arbeit und es werden noch mehr werden. Statt vernünftig zu überlegen, wie die knappe Arbeit verteilt und ein Leben ohne Arbeit gesichert werden kann, tun die Regierenden so, als sei Arbeitslosigkeit durch mangelnden Fleiß, schlechte Qualifikation und Drückebergertum der einzelnen Arbeitslosen entstanden. Ihre einzige Antwort: Mehr Druck auf die Arbeitslosen, Kürzung der Hilfen zum Lebensunterhalt, Zwang zu unentgeltlicher Arbeit und zu sinnlosen Bewerbungstrainings und Weiterbildungen.

Während Millionen Menschen eine Möglichkeit zur Arbeit verweigert wird, beschwören Medien und PsychologInnen immer wieder, wie schlecht es den Arbeitslosen zu gehen hat, wie depressiv sie sind und wie ein Leben ohne Arbeit keinerlei Sinn macht.

Hier setzen die Glücklichen Arbeitslosen ganz andere Akzente. Ihre Thesen werden in diesem Sammelband in einzelnen kleinen Texten, Skizzen, Aufrufen und Flugblättern dokumentiert. Viele der Texte hat der Herausgeber Paoli verfasst, einige stammen von regionalen Gruppen, wieder andere aus der Zeitschrift "müßiggangster" oder wurden "per Zufall im Internet gefunden" (106). Die meisten Texte haben aufklärerischen Charakter. Daneben finden sich literarische Skizzen (z.B. "In Abeitamp", S.150), ein "Tauglichkeitstest zur Eignung als Glücklicher Arbeitsloser" (74f.) und ein "Adoptionsvertrag" (76), mit dem verdienende Mittelständler einen Arbeitslosen als Hilfskraft einstellen sollen. Lohn und Hilfsarbeit bleiben dabei fiktiv und der Steuergewinn fließt dem Arbeitslosen zu. Das sind weit weniger Steuermittel, als der Arbeitslose sonst in einem sinnlosen Bewerbungstraining verbrauchen würde, ermöglicht ihm aber, seinen Alltag sinnvoll zu gestalten.

Hier weitere Thesen und Argumente der Glücklichen Arbeitslosen im Einzelnen:

  • Arbeitslosigkeit ist eine nicht umkehrbare strukturelle Entwicklung. Wir werden Zeuge beim "Todeskampf der Arbeitsgesellschaft"(162). "Es ist infam, Arbeitslose für diese strukturelle Entwicklung schuldig zu machen und die Rechnung der globalisierten Wirtschaft von den Schwächsten bezahlen zu lassen." (63)

  • Die Glücklichen Arbeitslosen kritisieren das bisherige Rezept der Regierungen: Lohnsenkungen, Vermehrung fiktiver Beschäftigungen und Ökonomisierung bisher privater Bereiche (176).

  • Sie fordern die "Entökonomisierung des Alltags" (177,189). Es geht ihnen darum, "den Scheingegensatz zwischen Glück und Arbeitslosigkeit zu versöhnen." (8) Faulsein und die Arbeit verweigern ist für Gehaltsempfänger durchaus üblich. Sobald sich Arbeitslose zum Faulsein bekennen, wird dies nicht toleriert. (10)

  • Die Glücklichen Arbeitslosen gehen weiter als ihr Vorbild Lafargue mit seiner Forderung nach einem "Recht auf Faulheit", sondern sprechen grundsätzlich den Kategorien "faul", "fleissig", "Arbeit", "Freizeit" ihre Grundlage ab (39). Ihr Ideal ist der ruhende und auch tätige Mensch, der sein/ihr Auskommen hat und tut, was sie/er möchte und ihr/ihm sinnvoll erscheint. Ziel ist die "Zurückeroberung der Zeit" (20,37). In ihren Aktionsformen versuchen die Glücklichen Arbeitslosen, ihre Grundsätze durch einen anderen Stil zu verwirklichen: Sie demonstrieren im Liegestuhl mit entspannenden Getränken, PassantInnen müssen sich ihre Flugblätter selbst nehmen (z.B. 79f.). Glückliche Arbeitslose organisieren "Spaziergänge" ohne vorgegebenes Ziel, bei denen sich die Menschen spontan und neugierig durch die Stadt treiben lassen und/oder Ämter provozierend besuchen (89ff., 104).

  • Alltagsschilderungen aus "armen Entwicklungsländern" schrecken die Glücklichen Arbeitslosen nicht. Sie betrachten fasziniert den sozialen Reichtum ärmerer Länder und diskutieren das Spannungsfeld zwischen sozialer Unterstützung und sozialer Kontrolle (192ff.).

  • Die Einrichtung Arbeitsamt ärgert die Glücklichen Arbeitslosen. Weit davon entfernt, "ehrenhafte Stellen" zu vermitteln, stehen die Arbeitsämter für "sinnlose Termine, Pseudojobs, Drohungen und Ärger" (60). Ein weiterer Grund: Die von der Bundesanstalt für Arbeit laut Jagodas letztem Bericht ausgegebenen Jahressumme (70 Milliarden Euro) würden allen 5 Millionen Arbeitslosen ein monatliches Einkommen von 1166 Euro sichern (60).

  • "Wenn der Arbeitslose unglücklich ist, so liegt das nicht daran, daß er keine Arbeit hat, sondern daß er kein Geld hat." (35) Statt von "Arbeitssuchenden" sollte die Rede von "Geldsuchenden" sein (35). Was interessiert, sind "Geldbeschaffungsmaßnahmen" (54). Bürgerarbeit wird von den Glücklichen Arbeitslosen wie jede andere Art der Zwangsbeschäftigung abgelehnt (126f.).

  • Dabei bleiben die Glücklichen Arbeitslosen mit den Arbeitssuchenden solidarisch: Falls sie selbst einmal arbeiten müssen, möchten sie schließlich auch gute Arbeitsbedingungen vorfinden (19). Die Glücklichen Arbeitslosen sehen ein, dass manche einfach Arbeit brauchen: "Um sich 'verwirklichen' zu können- was das auch immer heißen soll - brauchen manche eine Arbeitsstruktur, andere eher Dilettantismus und Muße." (173) Aber das soll ihrer Meinung nach jeder Bürger für sich entscheiden.

Die derzeitige Arbeits-Politik der Regierenden lässt nur ein "Bündnis für Simulation" zu: "Ihr tut, als ob Ihr Arbeitsplätze schafft, wir, als ob wir arbeiten." (29)

Zielgruppen und Fazit

Ein kurzweiliger, respektloser, informativer, bei aller Ironie und Parodie ernsthafter und ernst zu nehmender Sammelband, ein Standardwerk von heute und ein Klassiker von morgen, der in keiner privaten oder öffentlichen Bibliothek fehlen sollte.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 15.04.2003 zu: Guilleaume Paoli (Hrsg.): Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche. Edition Tiamat Verlag Klaus Bittermann (Berlin) 2002. 207 Seiten. ISBN 978-3-89320-062-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/709.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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