Angelika Diller, Martina Heitkötter u.a. (Hrsg.): Familie im Zentrum (Familienhilfe)
Angelika Diller, Martina Heitkötter, Thomas Rauschenbach (Hrsg.): Familie im Zentrum. Kinderfördernde und elternunterstützende Einrichtungen. Verlag Deutsches Jugendinstitut (Wiesbaden) 2008. 372 Seiten. ISBN 978-3-87966-436-8. 13,80 EUR.
Reihe: DJI-Fachforum Bildung und Erziehung - Band 6.
Thema
Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor in der Fakultät Erziehungswissenschaft und Soziologie der Technischen Universität Dortmund, hat zusammen mit seinen Münchner Mitarbeiterinnen Angelika Diller und Martina Heitkötter einen Sammelband herausgegeben, in dem es um integrierte Infrastrukturangebote für Kinder und Eltern geht. Herausgeber und Herausgeberinnen gehen davon aus, "dass für das Aufwachsen von Kindern mehr benötigt wird als Mutter und Vater, als eine moderne Kleinfamilie" (S. 9), nämlich ein "miterziehendes Dorf" im übertragenen Sinne: "Einrichtungen, in denen die Familien als Ganzes, als Lebenszusammenhang im Zentrum stehen, in denen kindfördernde und elternunterstützende Angebote gleichermaßen die Basis bilden, in denen für Eltern und Kinder eine anregungsreiche Mitwelt organisiert wird und familienergänzende Leistungen bereitgestellt werden, müssen [die] verloren gegangenen Funktionen des einstigen „Dorfes“ substituieren, gleichermaßen sekundär sicherstellen. In diesem Sinne sind qualitativ gute, kindfördernde wie elternunterstützende Kindertageseinrichtungen, sind Familien- bzw. Eltern-Kind-Zentren, Mehrgenerationenhäuser oder auch Ganztagsschulen Gebilde und moderne Soziotope, die dazu beitragen, dass das verloren gegangene Dorf an anderer Stelle wieder aufgebaut wird" (S. 10).
Die Notwendigkeit einer vernetzten familienbezogenen Infrastruktur wird damit begründet, dass sich die Anforderungen an Familien durch den gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel erhöht haben und damit die Bedarfslagen größer geworden sind. So habe der Siebte Familienbericht "deutlich gemacht, dass die Mehrzahl der Familien Unterstützungsangebote braucht" (S. 11) – wobei diese aber auf ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Probleme zugeschnitten sein müssten. Jedoch dürften diese nicht länger voneinander unabhängig (weiter-) entwickelt werden. So zeichnet sich derzeit folgender Trend ab: "Bislang großteils fragmentierte und getrennt voneinander existierende Angebotsstrukturen entwickeln sich hin zu vernetzten, unter einem Dach gebündelten oder zumindest aus einer Hand bereitgestellten integrierten bzw. multifunktionalen Angebotsformen. Einrichtungen der Kindertagesbetreuung, der Familienbildung oder der Erziehungsberatung vernetzen sich in neuen Kooperationsmodellen mit Vermittlungs- und Qualifizierungsstellen für Kindertagespflege, mit Ärzten und anderen Akteuren aus dem Gesundheitsbereich, mit aufsuchenden Hilfen wie beispielsweise der Sozialpädagogischen Familienhilfe, wie Familienhebammen, Familienpat(inn)en sowie mit dem breiten Spektrum von Hilfsangeboten für Familien und haushaltsnahen Dienstleistungen" (S. 12).
Aufbau
Das Buch umfasst fünf Teile.
1. Politische Kontexte und Herausforderungen
- Im ersten Teil des Sammelbandes skizziert Irene Gerlach zunächst die Geschichte der deutschen Familienpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg und geht dann auf die aktuellen Herausforderungen ein (Generativität, Leistungsfähigkeit und Stabilität von Familien, sozialer Ausgleich, Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf).
- Dann befasst sich Adalbert Evers mit den Konzepten "Wohlfahrtsmix" und "Governance" sowie mit ihrer Bedeutung für soziale Dienste (z.B. Kindertagesstätten).
- Herbert Schubert beschreibt verschiedene Formen der Vernetzung bzw. Arten von Netzwerken sowie deren Steuerung.
- Anschließend behandelt Stefan Sell die "Finanzierungsarchitektur" für Familienzentren/Eltern-Kind-Zentren, die sich zumeist als eine hoch komplexe Mischfinanzierung erweist.
- Klaus Peter Strohmeier greift erneut das Thema "Familienpolitik" auf, wobei er in erster Linie bevölkerungspolitische Aspekte mit Bezug auf die kommunale Ebene diskutiert.
2. Kinderfördernde und familienunterstützende Einrichtungen
- Im zweiten Teil des Sammelbandes skizziert zunächst Thomas Rauschenbach Entwicklungslinien mit Bezug auf eltern- und kinderfördernde Angebote. Er zeigt auf, wie aus der zuvor als Privatsache betrachteten Kinderbetreuung eine in Gesellschaft und Politik intensiv diskutierte Thematik geworden ist. Dies führte zur rechtlichen Verankerung und zum Ausbau der Angebote, aber auch zur Entwicklung neuer Formen (z.B. Familienzentren).
- Anschließend befassen sich Sigrid Tschöpe-Scheffler und Wolfgang Wirtz mit Entwicklungslinien im Bereich der Familienbildung und beschreiben deren Angebote.
- Dann behandeln Annemarie Gerzer-Sass und Elisabeth Helming die Entstehung von Selbsthilfegruppen und Mütterzentren, wobei sie intensiv auf die unterschiedlichen Formen von Mütterzentren und deren Dienstleistungen für den sozialen Nahraum eingehen.
3. Blick auf Praxisentwicklungen
- Im ersten Kapitel des dritten Teils stellt Sybille Stöbe-Blossey die Familienzentren in Nordrhein-Westfalen vor: die mit ihrer Entwicklung verbundenen Ziele, die Sicherstellung fachlicher Standards durch ein Gütesiegel und ihre Angebote für Eltern und Kinder.
- Dann diskutieren Kathrin Bock-Famulla, Anja Langness und Mandy Schöne Erfahrungen aus dem Modellprojekt "Kind & Ko", das in den Kommunen Paderborn und Chemnitz mit Unterstützung der Bertelsmann und der Heinz Nixdorf Stiftung durchgeführt wurde und vor allem die Koordination und Steuerung von Angeboten für Kinder anzielte.
- Angelika Diller analysiert den Personalmix in ausgewählten Familienbildungseinrichtungen, Mütter- und Familienzentren, Kindertagesstätten und "hybriden" Einrichtungen (Generationenhäusern), wobei sie auf die Bedeutung ehrenamtlicher Mitarbeiter/innen, die mit dem Personalmix verbundenen Risiken und die Herausforderungen für die Einrichtungsleitungen verweist.
- Nicole Klinkhammer befasst sich mit der Finanzierung von drei Kindertageseinrichtungen mit einem besonders flexiblen und langen Betreuungsangebot, das der differenzierten Bedarfslage von heutigen Familien eher gerecht wird.
- Schließlich beschreiben Melanie Staats und Christiane Krämer die haushaltsnahen Dienstleistungen von Mehrgenerationenhäusern und die aktive Einbeziehung der Nutzer/innen in den Prozess der Qualitätsentwicklung.
4. Sicht politischer Akteure
Im vierten Teil des Sammelbandes werden drei Interviews von Entscheidungsträgern präsentiert, die sich mit der kommunaler Familienpolitik und der Weiterentwicklung der Angebote eines Trägerverbandes befassen. Angelika Diller interviewt
- Uwe Lübking, Referent des Deutschen Städte- und Gemeindebundes,
- sowie Wolfgang Stadler, Geschäftsführer des AWO Bezirksverbands Ostwestfalen Lippe,
- während Martina Heitkötter den Sozialdezernenten der Stadt Augsburg, Konrad Hummel, befragt.
5. Beispiele aus der Praxis
Im fünften Teil des Buches werden verschiedene Einrichtungen hinsichtlich ihrer Entwicklungsgeschichte, Konzepte, Angebote, Kooperationen und aktuellen Herausforderungen vorgestellt:
- das Kinder- und Familienzentrum "Blauer Elefant" (Essen) von Mariamar del Monte,
- das Mehrgenerationenhaus von Mobile e.V. in Pattensen von Annette Köppel,
- die Familienstützpunkte K.I.D.S. in Augsburg von Gabriele Kühn und Susanne Wittmair,
- die Eltern-Kind-Zentren in Hamburg von Ursula Meyer-Rumke
- sowie die Eltern-Kind-Zentren in Brandenburg von Bettina Bildt-Wieser, Martina Lüdeke und Kerstin Schulz.
Fazit
Der Sammelband von Angelika Diller, Martina Heitkötter und Thomas Rauschenbach erfüllt voll und ganz die auf dem Umschlag genannten Zielsetzungen: "Im Mittelpunkt stehen … die institutionellen Veränderungsprozesse und deren politische Rahmungen. Ziel ist es, auf der einen Seite aus wissenschaftlicher Sicht den Stand der Diskussion aufzubereiten und zukünftige fachliche Herausforderungen zu benennen. Auf der anderen Seite gewährt der Blick in die Praxis sowie aus der Praxis anhand von konkreten Beispielen vor Ort einen Einblick und Überblick über derzeit laufende Programme und Projekte". So entstand ein vor allem für (Kommunal-) Politiker, Verwaltungsfachleute, Verbandsvertreter und Einrichtungsleitungen interessantes und relevantes Buch.
Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 16.01.2009 zu: Angelika Diller, Martina Heitkötter, Thomas Rauschenbach (Hrsg.): Familie im Zentrum (Familienhilfe). Verlag Deutsches Jugendinstitut (Wiesbaden) 2008. 372 Seiten. ISBN 978-3-87966-436-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7120.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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