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Andreas Krüger: Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen

Cover Andreas Krüger: Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen. Ein Manual zur ambulanten Versorgung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 297 Seiten. ISBN 978-3-608-89065-5. 27,90 EUR.

Reihe: Leben lernen - 213.
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Thema

Das Manual zur ambulanten Versorgung ‚Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen‘ ist ein Therapiemanual zur Behandlung akut traumatisierter Kinder und Jugendlicher. Akute Traumatisierung erfordert, so der Autor, sofortige Hilfestellung, um das Risiko von Chronifizierungen für das spätere Leben so gering wie möglich zu halten. Das Vorgehen wird Aspekt für Aspekt und Schritt für Schritt erläutert, ohne die Notwendigkeit zur Flexibilität außer Acht zu lassen: „Das Vorgehen ist am Symptom sowie dem subjektiven Befinden und den direkten Wünschen des Patienten nach Linderung von Leid und weniger theoriegeleitet ausgerichtet“ (S. 20). Das Vorgehen ist einem bio-psycho-sozialen, versorgungsintegrierten und therapiemethodisch integrativem Ansatz verpflichtet, der neben der konkreten Behandlung der betroffenen Kinder und Jugendlichen auch dem Einbezug ihrer Familien, ihres sozialen Umfeldes sowie der Berücksichtigung interdisziplinärer und versorgungsstruktureller Aspekte eine große Relevanz zuweist. Der Autor verfolgt mit diesem Band die beispielhafte Ausbreitung umfassender Hilfsangebote für akut traumatisierte Kinder und Jugendliche nach dem Modell der Trauma-Ambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Autor und Hintergrund

Dr. med. Andreas Krüger ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und als Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig. Er hat sich als Experte für die Behandlung psychisch traumatisierter Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien nicht nur als Autor zahlreicher Veröffentlichungen und Bücher zum Thema Trauma, häufig in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Luise Reddemann, sondern auch als leitender Oberarzt durch den Aufbau einer Trauma-Ambulanz für Kinder, Jugendliche und ihre Familien verdient gemacht. Inzwischen hat sich daraus der Förderverein ‚Ankerland‘ zur nachsorgenden Hilfestellung von durch Verkehrsunfälle, Missbrauch oder sonstiger Gewalt psychisch traumatisierten Kindern und Jugendlichen entwickelt, der nicht nur die körperliche Genesung im Blick hat. Da die Vernetzung von Hilfeangeboten für das Gelingen dieser Hilfestellung eine zentrale Rolle spielt, ist er überdies in Bereichen der Aus- und Fortbildung verschiedener, am Hilfeprozess beteiligter Berufsgruppen tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beinhaltet eine umfassende Einführung und Anleitung zum Verständnis und Umgang mit akuter, jedoch auch komplexer Traumatisierung.

Nach einer Einführung in das Thema, in der die Notwendigkeit einer spezifischen Versorgung akut traumatisierter Kinder und Jugendlicher anhand wichtiger Daten und Fakten hergeleitet und in die einzelnen Abschnitte des Buches eingeführt wird, ist es in acht weitere Kapitel und das Literaturverzeichnis gegliedert. Übersichtliche Tabellen stellen eine Unterstützung bei der Erarbeitung und Anwendung der Inhalte des Buches dar.

Im 2. Kapitel wird eine Verortung der Behandlungsmöglichkeiten, jedoch auch der Grenzen von akut traumatisierten Kindern und Jugendlichen vorgenommen: ein Umstand, der im Enthusiasmus der Hilfeleistung manchmal aus dem Blickfeld gerät. Vor allem aber hilft die Aufzählung der Grenzaspekte auch einer realistischen Einschätzung der Möglichkeiten bei multiproblembelasteter Jugendhilfeklientel, die zumeist mehrere der Kriterien erfüllt, die ein Vorgehen nach dem Manual begrenzen oder ein abgewandeltes Vorgehen erfordern, ganz zu schweigen von Formen organisierter z. B. ritueller Gewalt. LeserInnen erhalten dadurch ein angemessenes Gefühl für die Chancen und Risiken der Behandlung im Traumabereich, die der Autor bereits in der Einführung treffend als „Mikroverletzungen“ (S. 9) des Gehirns darstellt, die sich im weiteren Lebensverlauf „einzubrennen“ (S. 10) drohen und sich Wege „auf psychischer und Verhaltensebene“ (ebenda) bahnen.

Das 3. Kapitel dient den theoretischen Grundlagen, innerhalb derer nicht nur aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse – für zumindest die meisten Berufsgruppen verständlich – Platz finden, sondern das vor allem die Entwicklungsaspekte nach traumatischen Lebensereignissen angemessen würdigt. Die meisten Symptome nach Traumata sind zwar in keiner Hinsicht eindeutig auf die Traumaerfahrungen zurückzubeziehen – jeder Einzelfall entwickelt seine spezifische zumeist kreative wie destruktive Phänomenologie – die Ausprägung der jeweiligen Symptomatiken zeigt jedoch eine Alters- und Entwicklungsspezifik. Wie der Autor selbst formuliert, ergeben sich Grenzen des Buches alleine dadurch, dass „grundsätzlich alle Aspekte einer differenzierten Betrachtung für jede Entwicklungsphase bedürften“ (S. 22). Dennoch verhelfen die Darstellungen zu einem vertieften Verständnis über die Entwicklungsabhängigkeit und die Dynamik von Traumafolgen inklusive ressourcenorientierter Aspekte und bieten auch einen kritischen Blick auf die medizinische und die Differenzialdiagnostik, deren Möglichkeiten der Autor in Bezug auf die nosologische Zuordnung kindlicher Traumafolgestörungen als ‚unbefriedigend‘ beschreibt. Ein Abschnitt zu den höchst bedeutsamen Umfeld- und Beziehungsfaktoren bei Traumata im Kindes- und Jugendalter schließen das inhaltsreiche Kapitel ab.

Den strukturellen und institutionellen Voraussetzungen ist das 4. Kapitel gewidmet. Von der Bedarfsplanung und ökonomischen Aspekten angefangen wird hier besonders die Notwendigkeit multiprofessioneller Kooperationen ins Zentrum der Betrachtung gestellt. Dabei werden Notfalleinrichtungen der Akutversorgung wie Polizei und das Rettungswesen ebenso in die Überlegungen einbezogen wie notfallseelsorgerische und ehrenamtlich arbeitende psychosoziale Versorgungsangebote. Fallkonferenzen und dem ‚Runden Tisch‘ werden eine große Bedeutung in der Koordination der psychotherapeutischen Versorgung mit Schulen, Kindergärten, Jugendhilfe und dem Jugendamt beigemessen Auch hier wird sinnvollerweise nochmals auf die Grenzen traumatherapeutischer Versorgung bei komplexen Jugendhilfefällen hingewiesen, bei denen häufig zunächst nur stützend begleitet werden kann, bis das Umfeld eine Traumabehandlung mit tragen und unterstützen kann.

Im 5. Kapitel zu Behandlungsvoraussetzungen wird dieses Thema erneut aufgegriffen. Detailliert werden Zugangswege und Behandlungsvoraussetzungen erläutert, die eine verantwortungsvolle Traumabehandlung erst ermöglichen, ohne das betroffene Kind oder den/die Jugendliche/n zu überfordern. Auch hier helfen Übersichten und Tabellen der Systematisierung der notwendigen Grundvoraussetzungen für die weitere Vorgehensweise. Auch ganz pragmatische Aspekte der Dokumentation, anamnestischen Abklärung, Diagnostik und Therapieplanung werden dabei abgehandelt. Über dem ganzen Kapitel hängt angemessenerweise der Leitspruch: „Sie sollten davon ausgehen, dass von den anderen Professionen nicht immer die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit erkannt wird … , um das Kindeswohl koordiniert und gemeinsam abzusichern … . Werden Sie deshalb initiativ!“ (S. 128, Hervorhebung im Original)

Das umfangreiche 6. Kapitel widmet sich der traumaadaptierten Psychotherapie in seiner konkreten Vorgehensweise. Nach einigen grundsätzlichen Überlegungen zum Behandlungsbeginn, in denen wiederum die Tatsache eine Rolle spielt, dass die Kinder und Jugendlichen nicht „erneut durch die Verhältnisse traumatisiert“ (S. 178) werden dürfen und bereits die Bedeutung ressourcenorientierter Aspekte betont wird, geht der Autor zunächst auf Therapieziele ein. Da traumatische Erfahrungen sich „in sämtlichen Bereichen der Lebenswelt“ (S. 191) der Kinder oder der Jugendlichen widerspiegeln, lassen diese sich nach Ansicht des Autors nur dialogisch mit den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Eltern und entlang realistischer Zeitkontingente innerhalb der vorhandenen Versorgungsstruktur erarbeiten. Geachtet werden sollte von TherapeutInnenseite jedoch auf einige traumatypische Aspekte in der Zielsetzung und Behandlungsplanung, die ebenso wie bedeutsame Themen der Psychoedukation mit den Kindern und Jugendlichen selbst sowie ihren Familien und ihrem Umfeld in einer Übersichtstabelle zusammengestellt sind. Sorgfältig wird danach entlang dem inzwischen international abgesicherten Modell: ‚Sicherheit und Stabilität etablieren – aufarbeiten – integrieren‘ auf Verfahren der Stabilisierung und Distanzierung eingegangen, bevor die Traumakonfrontation und Traumaintegration erläutert wird. Dabei wird in großem Umfang auf die bereits an anderer Stelle publizierte ‚Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für Kinder und Jugendliche (PITT-KID) zurückgegriffen, auf die für tiefergehende Ausführungen bereits in der Einleitung verwiesen wird (Krüger & Reddemann, 2007). Über die zusammenfassenden Hinweise erhält der/die LeserIn jedoch eine gute Übersicht und Einführung in das Verfahren, das Ressourcenorientierung ins Zentrum seiner Behandlungsstrategien stellt. Biografie- und beziehungsorientierte Ansätze mag man dabei als bedeutsame Schwerpunkte traumaorientierter Arbeit vermissen, insbesondere wenn man stärker aus dem Komplextraumabereich kommt, es bieten sich aber zahlreiche Anschlussmöglichkeiten an derartige Behandlungskonzepte. Ein Teilkapitel zur Behandlungsevaluation schließt das Kapitel ab.

Im 7. Kapitel werden familientherapeutische Aspekte der Traumaarbeit erläutert. Nach einem Teilkapitel über Familiendiagnostik wird dabei auf die Eltern- und Geschwisterkonstellation und auf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Koordination familien- und umfeldunterstützender Maßnahmen mit dem einzeltherapeutischen Vorgehen eingegangen. Dieses Kapitel wird ebenso wie einige vorherige mit hilfreichen Ausführungen über ‚häufig gestellte Fragen‘ und ‚Behandlungsfallen‘ abgeschlossen, bevor einige abschließende Bemerkungen in Form des 8. Kapitels das Buch abrunden.

Zielgruppe

Das Manual richtet sich in erster Linie an im Traumabereich tätige PsychotherapeutInnen und ÄrztInnen, jedoch auch an alle weiteren im Hilfeprozess beteiligten Berufsgruppen wie PsychologInnen, PädagogInnen, MitarbeiterInnen von Jugendämtern, Schulen und Kindergärten, PolizeibeamtInnen, Rettungskräfte, SeelsorgerInnen und OpferhilfemitarbeiterInnen. In seiner Anschaulichkeit und aufgrund der vielen Behandlungsbeispiele ist es sogar geeignet für Auszubildende und Studierende, gewisse Kenntnisse über die Grundorientierungen der Psychotherapie und Beratung sowie Grundkenntnisse der Psychopathologie werden jedoch vorausgesetzt.

Fazit

Mit dem Manual zur ambulanten Versorgung für akuttraumatisierte Kinder und Jugendliche liegt eine strukturierte, umfassende bio-psycho-sozial und netzwerkorientierte Anleitung vor, die in der Praxis tätigen Berufsgruppen hilft, ihr Vorgehen zu systematisieren und eine qualifizierte Risikoabwägung vorzunehmen. Konkrete Anweisungen können zwar für die praktische therapeutische Arbeit vor Ort immer nur Anregungen sein, vor dem letztlich der indikationsspezifische und situationsadäquate Einsatz die eigentliche Qualität der Hilfestellung ausmacht. Dafür jedoch stellt das Buch einen breit gefächerten Wissenshintergrund bereit, der das Gelingen von Hilfeprozessen in seiner notwendigen Komplexität beschreibt, dafür zahlreiche konstruktive Anregungen bietet und auch zu den Grenzen und Risiken der Traumarbeit mit Kindern und Jugendlichen steht. Für eine verantwortungsvolle, umfassende, interdisziplinär und multiprofessionell ausgerichtete Behandlungsplanung stellt das Buch daher einen entscheidenden Meilenstein dar.

Literatur

Krüger, Andreas & Reddemann, Luise (2007). Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für Kinder und Jugendliche. PITT-KID – Das Manual. Stuttgart: Klett-Cotta. (Leben lernen. 201.)


Rezensentin
Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner
Homepage www.gahleitner.net
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Zitiervorschlag
Silke Birgitta Gahleitner. Rezension vom 09.06.2009 zu: Andreas Krüger: Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen. Ein Manual zur ambulanten Versorgung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-608-89065-5. Reihe: Leben lernen - 213. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7193.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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