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Christian Diller: Zwischen Netzwerk und Institution

Cover Christian Diller: Zwischen Netzwerk und Institution. Eine Bilanz regionaler Kooperationen in Deutschland. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 394 Seiten. ISBN 978-3-8100-3233-1. 30,50 EUR.

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Hintergrund und Thema des Buches

Als Resultat des Steuerungsverlustes staatlicher Planung im Rahmen der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bildet sich ein modifiziertes Staatsverständnis heraus. Der Steuerungsmodus der Kooperation gewinnt zunehmend an Bedeutung, die Region als wirtschaftliche und politische räumliche Handlungsebene gerät in den Fokus des Interesses. Damit findet eine Entwicklung von der hierarchischen staatlichen Koordination zur regionalen Kooperation statt, in welcher der Staat die Rolle eines Supervisors, der die eigenverantwortlichen Akteurgruppen fördert, Inne hat. Der 'verhandelnde Staat' fasst Partizipation als Ressource für eigene erweiterte Handlungsspielräume auf. Dabei versteht der Autor 'Kooperation' als ein Handlungsprinzip gesellschaftlicher Steuerung, 'Netzwerk' als eine moderne Organisationsform und 'Region' als die räumliche Handlungsebene, in welcher die neuen Kooperationen stattfinden. In diesem Buch wird eine Bilanz aus über einem Jahrzehnt neuer regionaler Kooperationen in Deutschland gezogen.

Der Autor

Dr. Christian Diller, Referatsleiter Raumordnung, Regionalplanung, Gemeinsame Landesplanung in der Behörde für Bau und Verkehr, Hamburg.

Aufbau und Gliederung

In den Kapiteln eins bis vier wird der gesellschaftspolitische Hintergrund von regionalen Kooperationen dargestellt und danach diese Form der Zusammenarbeit in den Kontext der allgemeinen Netzwerkdiskussion eingeordnet. Hierzu werden die Ziele und die inneren Merkmale regionaler Kooperationen herausgearbeitet. Christian Diller erarbeitet weiter eine differenzierte Leistungsbilanz von regionalen Kooperationen und stellt die Gründe von Erfolgen und Misserfolgen solcher Zusammenarbeit dar.

In den Kapiteln fünf und sechs werden prozessuale und personale Aspekte regionaler Kooperationen beleuchtet. Es geht dabei um die Fragen der Verstetigung der Kooperationen sowie um die Rolle vom so genannten Prozessmotoren, einer Gruppe von wichtigen Akteuren in dieser Diskussion.

Aus der Analyse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes der vergangenen 15 Jahren wird im ersten Kapitel die Frage, wieso gerade unter den aktuellen Bedingungen regionale Kooperationen und Ansätze zu regionaler Zusammenarbeit ansteigen, beantwortet. Ausgangspunkt bildet dabei die These, dass als Resultat des Steuerungsverlustes staatlicher Planung sich langsam ein verändertes Staatsverständnis entwickelt. "In diesem neuen Modell gewinnt zum einen der Steuerungsmodus der Kooperation an Bedeutung, zum anderen wird die Region als wirtschaftliche und politische räumliche Ebene aufgewertet" (Diller 2002, S. 19).

Die in der empirischen Untersuchung analysierten Kooperationsformen werden in Kapitel zwei dargestellt. Dazu setzt der Autor die regionalen Kooperationen in den allgemeineren Kontext der netzwerktheoretischen Diskussion und grenzt sie gegenüber anderen Formen der Zusammenarbeit ab. Diller unterscheidet zwischen Kooperativen Netzwerken und Institutionalisierten Kooperationen. In diesem Kapitel werden die wichtigsten Typen regionaler Kooperationen mit ihren jeweiligen Entstehungshintergründen vorgestellt.

Vor dem Hintergrund einer bundesweiten schriftlichen Erhebung mit 151 ausgewerteten Fällen werden im dritten Kapitel die wichtigsten Merkmale der Kooperationen dargestellt. Untersucht wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich Aufbauorganisation und Arbeitsintensivität, hinsichtlich der Akteure und ihrer Beziehungsstrukturen, der Themen und Aktivitäten, der eingeschlagenen Strategie sowie der Finanzierungsquelle von regionaler Kooperation.

In Kapitel vier wird eine Zwischenbilanz aus 10 Jahre neuer regionaler Kooperation gezogen. Dazu werden die sichtbaren Ergebnissen dargestellt und der Frage nachgegangen, welche weichen Effekte sich für die beteiligten Akteure ergeben haben. Der Hintergrund des Erkenntnisinteressens liegt nach Diller darin, dass die bisherige Forschung zwei Aspekte regionaler Kooperation ungenügend beachtet: Die Frage ihrer Verstetigung, sowie die Frage nach dem "human factor", d.h. wieweit bestimmte Akteure den Verlauf und das Ergebnis der neuen regionalen Kooperationen prägen.

Im fünften Kapitel wird die Frage der Verstetigung regionaler Kooperationen systematisch analysiert, indem die Lebenszyklen von netzwerkartigen Kooperationen bzw. die strukturelle Veränderung von Kooperation im Zuge ihrer Alterung betrachtet werden. Ein wichtiger Punkt bildet der Unterschied zwischen institutionalisierter Kooperationen und nicht institutionalisierten kooperativen Netzwerken.

Um die Darstellung des Akteurtyps Prozessmotoren oder Prozesspromotoren geht es im sechsten Kapitel, indem auf die drei wichtigsten Typen: Moderatoren, Mediatoren und Manager eingegangen wird. Abschließend werden in diesem Kapitel die Fragen nach den erfolgversprechenden Faktoren von Promotoren und wie sie den Erfolg von regionaler Kooperation beeinflussen beantwortet.

Im Anschluss an die Zusammenfassung in Kapitel sieben werden mögliche Entwicklungsperspektiven und differenzierte Empfehlungen für die wichtigsten Institutionen in diesem Themengebiet erarbeitet.

Inhalte

Diller will anhand seiner bundesweiten und vergleichenden Untersuchung aller wichtigen Typen neuer regionaler Kooperation zur Steuerung räumlicher Entwicklung einen umfassenden Ansatz erarbeiten. Dieser Anspruch grenzt seine Arbeit zu anderen Arbeiten in diesem Bereich ab. Die dahinter stehenden Kooperationen werden systematisch in die theoretische Diskussion des Netzwerkbegriffs eingeordnet. Diller unternimmt eine Systematisierung externer und interner Erfolgsbedingungen, indem er quantitativ signifikante Regelmäßigkeiten in der inneren Struktur von Kooperationen aufspürt und herausarbeitet sowie die Frage nach den inneren erfolgsfördernden Merkmalen quantitativ beantwortet. Mit der systematischen Einführung des Begriffs der "Verstetigung" in die Diskussion um regionale Kooperationen geht es ihm darum, Aussagen über politische Konsequenzen machen zu können. Im Abschluss nimmt er den Betrachterstandpunkt der Prozessmotoren ein, wobei er deren Rolle und Bedeutung für die Entwicklung der regionalen Kooperation genauer beleuchtet.

Als Spezifikum der Arbeit und als Abgrenzung zu anderen Publikationen in diesem Themenbereich werden zwei Grundtypen regionaler Kooperationen gemeinsam betrachtet: Die Kooperationen zur Regionalentwicklung (zum Beispiel regionale Entwicklungskonzepte, Regionalmarketingansätze, Städtenetze, Regionale Agenda-21-Prozesse), sowie die Kooperationen zur Lösung regional bedeutsamer Konflikte (z.B. Mediantionsverfahren). "Diese beiden Formen wurden bislang in meist völlig getrennten Diskussionslinien thematisiert und dies nicht von ungefähr: Faktoren wie unterschiedliche Zielsetzungen, unterschiedlicher Konflikteskalationsgrad und unterschiedliche zeitliche Dimensionierung setzen einer Vergleichbarkeit dieser beiden Grundtypen regionaler Kooperationen Grenzen" (Diller 2002, S. 16).

In den bisherigen Untersuchungen sind die Grenzen der beiden Typen regionaler Kooperationen fließend. Diller sieht jedoch Gemeinsamkeiten zwischen entwicklungsorientierten und konfliktlösungsorientierten Netzwerken, da beide eingerichtet werden, weil bestimmte etablierte Institutionen und Routinen bestimmte Leistungen offenbar nicht erbringen können. "Beiden Formen liegt die Hoffnung zugrunde, kooperatives Handeln anstelle hierarchischer Koordination führe zu besseren Ergebnissen, zu gemeinsamen Win-Win-Lösungen" (Diller 2002, S. 16).

Zielgruppen

Das Buch richtet sich sowohl an Wissenschaftler, die an Fragen der regionalen Kooperationen und Netzwerkforschung interessiert sind, als auch an die Praxis von Projekten in diesem Bereich und an die Entscheidungsträger der Politik auf den unterschiedlichen Ebenen (Bund, Länder und Kommunen).

Fazit

Dem Autor gelingt es, den Diskurs um regionale Kooperationen weiterzuentwickeln und eine Bilanz von der zehnjährigen Geschichte regionaler Kooperationen in Deutschland zu ziehen. Durch sein "Geflecht von Theorien", welches Diller aus pragmatischen Gründen wählt, um sich an das oft verworrene Thema der Netzwerkforschung zu machen, gelingt es ihm, den Diskurs auf kreative Art und Weise weiterzuentwickeln. Damit werden neue Brücken zwischen verschiedenen Diskussionsträgern in einem interdisziplinären Feld gebaut. Von da aus können die empirischen Beobachtungen systematisch eingeordnet werden. Zum Schluss des Buches erarbeitet der Autor strategische Empfehlungen für Politik und Verwaltung sowie für Universitäten, Fachhochschulen und andere Forschungs- und Lehreinrichtungen. Über große Strecken fesselt das Buch den Leser. Leider gibt es einige Stellen, die durch eine Abspeckung an Spritzigkeit gewonnen hätten. Alles in allem liest sich dieses Buch mit großem Gewinn.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 18.02.2003 zu: Christian Diller: Zwischen Netzwerk und Institution. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 394 Seiten. ISBN 978-3-8100-3233-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/723.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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