Sabine Bujnoch: Frauen in Führungspositionen in der sozialen Arbeit
Sabine Bujnoch: Frauen in Führungspositionen in der sozialen Arbeit. Edition Pro Mente (Linz) 2008. 135 Seiten. ISBN 978-3-901409-95-0. 16,00 EUR.
Autorin
Sabine Bujnoch arbeitet seit 2002 als Sozialarbeiterin im Tageszentrum Wärmestube der Caritas der Diözese Linz. Das Buch ist die Veröffentlichung ihrer 2006 am Studiengang für Soziale Arbeit der Fachhochschule Salzburg eingereichten Diplomarbeit. Von ihr ist bereits erschienen "Geschlechterhierachien in der Sozialen Arbeit - Ursachen und mögliche Wege der Veränderung", in Geschlechtersensibele Soziale Arbeit, Wien, LIT-Verlag 2008.
Aufbau ...
- Einleitung, Erkenntnisinteresse und Aufbau der Arbeit
- Allgemeine Begriffsklärung
- Historischer Überblick
- Sozialisation und Geschlecht
- Die Genderperspektive in der Sozialen Arbeit
- Frauen und Führung in der Sozialen Arbeit
- Gender Mainstreaming - eine handlungsorientierte Perspektive für die Soziale Arbeit
- Zusammenfassung, Fazit, Ausblick
... und Zielsetzung
Ziel der Autorin ist es herauszufinden, welche Fähigkeiten und Eigenschaften Frauen besitzen und ob es ihnen möglich ist, diese in einer Führungsposition im Bereich der Sozialen Arbeit einzusetzen. Dazu stellt Bujnoch zwei Fragen:
- Frage eins: Können Frauen ihre Fähigkeiten und Eigenschaften in Führungspositionen der Sozialen Arbeit umsetzen?
- Frage Zwei: Gibt es in der Sozialen Arbeit Geschlechterrollenzuweisungen, Normen und Werte, wodurch die Umsetzung der Fähigkeiten und Eigenschaften in Führungspositionen erschwert wird?
Zur Beantwortung soll untersucht werden, welche Bedeutung die geschlechtsspezifische Sozialisation, die (derzeitigen) gesellschaftlichen Strukturen und, die immer noch vorhandene Trennung in Frauen- und Männerrollen bei der Umsetzung dieser Fähigkeiten und Eigenschaften von Frauen in einer Führungsposition in der Sozialen Arbeit haben. Dazu ist zu fragen, was sind überhaupt Fähigkeiten und Eigenschaften von Frauen? Welche Geschlechtsstereotype gibt es und worauf beruhen sie? Desweiteren wird gefragt, ob und wenn welche Konsequenzen die weibliche Sozialisation auf die Tätigkeit von Frauen hat? Sabine Bujnoch ist nicht die erste Autorin die diese Fragen stellt und hinterfragt. Hier ist der Fokus speziell gerichtet auf ein Berufsfeld das in der Allgemeinheit als typisch weiblich charakterisiert wird. Fazit mŸsste sein: in der Sozialen Arbeit finden sich in der Führung vornehmlich Frauen.
Inhalt
Als Einstieg werden kurz und verständlich die Begriffe Führung, Führungsposition, Führungseigenschaften, Gender Mainstreaming und Soziale Arbeit definiert. Interessant insbesondere der um 1900 entwickelte "Eigenschaftsansatz", denn hier stellt sich die Frage ob diese Theorie heute wirklich überholt ist. Danach wurde angenommen, dass Führungspersönlichkeiten über bestimmte angeborene und ererbte Merkmale verfügen wie z.B. die Körpergröße. Ergänzt wurde dieser Ansatz später um Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Durchsetzungskraft, Überzeugungskraft, konzeptionelle Fähigkeiten, Kreativität und soziale Kompetenzen. Geht es um Frauenförderung, Gender oder um Beurteilungen und Einstellungen von Frauen am Arbeitsplatz ist dies eine bekannte und gängige Beurteilungs-Praxis. Nicht unbedingt benachteiligungsfrei!
Zur Beantwortung der gestellten Fragen erläutert die Autorin in einem historischen Überblick die Entstehung des Berufs des Sozialen Arbeit und wie sich dieser zu einem Frauenberuf im Besonderen entwickelt hat. Die Entwicklung der Leitidee der "geistigen Mütterlichkeit" nach Übertragung der Erziehungsarbeit vom Gesinde auf die Mutter, als Folge der Entdeckung der Kindheit. So Pestalozzis Forderung, erst müsen die Mütter selbst erzogen werden, bevor sie die Kinder erziehen. Die spezifisch mütterlichen Eigenschaften von Frauen sollten danach naturgegeben sein, aber trotzdem der Pflege und Bildung bedürfen. Spezielle Ausbildungen die sich an den besonderen Fertigkeiten und Kenntnisse der Frauen orientierten wurden eingerichtet und der Ausbildungsgang der Kindergärtnerin durch Henriette Schrader-Breymann eingerichtet. Der Beruf der Sozialen Arbeit wurde ein Frauenberuf.
Alice Salomon setzte diesen Weg 1908 fort, mit der Gründung der Sozialen Frauenschule in Berlin. Hier wurden Theorie und Praxis für Frauen miteinander verbunden, was an klassichen Hochschulen dieser Zeit nicht üblich war. Wie Bujnoch anmerkt, ein erster Schritt die Soziale Arbeit als einen Frauenberuf zu klassifizieren. Frauenberufe ergeben sich aus "naturgegebenen " Eigenschaften und Männerberufe aus "erworbenen" Eigenschaften. So finden sich zur Zeit der Weimarer Republik Frauen in den administrativen Bereichen unter männlicher Leitung und schlecht bezahlt wieder. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus ist die direkte klientenzentrierte Soziale Arbeit eine weibliche Domäne. Die geschlechtsneutrale Bezeichnung "Fachkraft für Sozialverwaltung" veränderte nichts zugunsten mšglicher Führungsaufgaben. Wie an späterer Stelle zu erfahren ist, werden nur zwei der Diakonischen Werke in Deutschland von Frauen geleitet. Bei der Deutschen Caritas lag der Anteil von Frauen in Führungsgremien im Jahr 2001 bei 15% und in den 27 Diözesan-Caritasverbänden arbeitet eine Frau als Direktorin! Zahlen die nachdenklich machen unter dem Rückblick der Entstehung.
Anschaulich und praxisnah mit vielen Beispielen beschreibt die Autorin den Einfluss der Frauenbewegung und damit die Veränderung von der Frage nach den Persšnlichkeitseigenschaften zur Frage nach der Geschlechterrolle. Stereotypisierungen der Merkmale die einen Beruf auszeichnen werden beschrieben und analysiert.
Ist die Soziale Arbeit ein Frauenberuf? Frauenberufe sind Berufe, für die Frauen in besonderer Weise geeignet sind bzw. Berufe, die für Frauen in besonderer Weise geeignet sind. Für die Gültigkeit dieser Aussage zählen u.a. Annahmen über Berufe, Arbeitsinhalte und Arbeitsformen, die Frauen angeblich erfüllen. Andererseits Vorstellungen über Frauen selbst und über eine generell gültige Beschreibung von Frauen und ihr geschlechtsspezfisches Arbeitsvermögen betreffend. Die Betrachtung wird aus Gendersicht fortgesetzt, unter Berücksichtigung der vorherigen Erläuterungen zu Rolle und Stereotypen und die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in den geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen, Zuweisungen und der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Im Zuge der Professsionalisierung des sozialen Dienstleistungsbereiches sehen immer mehr Männer Erwerbsmšglichkeiten und Karrierechancen in diesem Bereich. Entscheidend ist dafür wohl die Bürokratisierung, Hierachisierung und Verwissenschaftlichung. So fällt bei der Betrachtung des gesamten Berufsfeldes eine Trennung in eine weibliche und eine männliche Seite auf, mit teilweise sehr großen Unterschieden in den Handlungsfeldern und Funktionsbereichen. Das Ergebnis zeigt klassisch:
- Frauen gleich helfend / beratend sprich klientenzentriert,
- Mann gleich definierend / anleitend / kontrollierend / entscheidend!
Und so verwundert dann auch nicht, die männliche Aussage "Männer würden schneller befördert als die weiblichen Kolleginnen, da sie über Qualitäten verfügten, die nicht als typisch männlich gelten"! Zieht man hier Befragungen von Frauen in technischen Berufsfeldern heran, finden sich so formulierte Erklärungen leider nicht. Fazit: Soziale Arbeit und die Geschlechterfrage sind untrennbar miteinander verbunden. Auswirkungen die sich auch auf der Klientinnen-Seite zeigen.
Nach diesen begleitenden grundsätzlichen Ausführungen geht es um die Situation von Frauen in Leitungspositionen, möglichen Gründen für ihre Unterrepräsentanz und die Bedeutung von Macht und Karriere für Frauen. Die Situation ist kaum anders als in anderenFührungspositionen und Gründe dafür finden sich nach umfangreichen Analysen dafür sechs. Auch diese sind nicht unbekannt und schade, dass sie auch für dieses Berufsfeld wieder als Benachteiligung aufgedeckt werden. Unter dem Aspekt der Veränderung wird Gender Mainstreaming (GM) als eine handlungsorientierte Perspektive beleuchtet. Ziel ist es bei GM bestehende Systeme, Strukturen und Bedingungsgefüge die für Ungleichbehandlungen verantwortlich sind zuerst zu analysieren um sie dann zu verändern. Auch hier gilt Top- Down. Damit sind Frauen an den strategisch wichtigen Entscheidungen zur Verwirklichung nur bedingt beteiligt.
Frau Bujnoch schließt ihre Arbeit ab mit den Sätzen: " Frauen müssen sich ihrer Qualitäten bewußt(er) werden und vor allem selbstbewußter dazu stehen. Alleine geht`s aber nicht!"
Fazit
Empfehlenswert - schön das es keine Diplomarbeit geblieben ist. Die Entwicklung dieses Berufes allgemein und als Frauenberuf im Besonderen. Zum Thema Frauen in Führungspositionen denke ich (andere, die ich angesprochen habe auch) zuerst an die sogenannten MINT Berufsfelder und weniger an die klassisch sozialen Berufe. Umso nachdenklicher sollte es machen, dass es um die Führungspositionen in der Sozialen Arbeit nicht anders bestellt ist als in anderen Professionen.
Ein Buch, das zum richtigen Zeitpunkt kommt. In bestimmten Studiengängen sollen Studierende verpflichtend ein Semester zum Thema Gender belegen müssen. M.E. sollte die Auseinandersetzung mit diesem Thema in keiner Ausbildung fehlen. Im Rahmen der weiteren Professionalisierung gilt es Strategien zu entwickeln: In den Handlungsfeldern der Männer Frauen zu installieren und in den Handlungsfeldern der Frauen paritätisch Männer einzusetzen, denn auch die Klientel hat ein Geschlecht.
Das Buch hat im Einzelnen nichts Neues ergeben, alles ist bekannt. Interessant wird es durch die Darstellung der Zusammenhänge. Ich fände es schön und werde es auch vorschlagen, das Buch in der Ausbildung einzusetzen. Es ist verständlich, anschaulich und nachvollziehbar geschrieben. Durch die vielen Anmerkungen gibt es reichlich Möglichkeiten der Vertiefung und Ergänzung.
Rezensentin
Ute Wellner
Juristin und Mediatiorin,freiberuflich tätig in Personaltraining, Fortbildung und Mediation. Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und Gleichstellungsrecht, Diskriminierung am Arbeitsplatz (sexuelle Belästigung, Mobbing, AGG)
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Zitiervorschlag
Ute Wellner. Rezension vom 18.11.2009 zu: Sabine Bujnoch: Frauen in Führungspositionen in der sozialen Arbeit. Edition Pro Mente (Linz) 2008. 135 Seiten. ISBN 978-3-901409-95-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7242.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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