Michael May, Monika Alisch (Hrsg.): Praxisforschung im Sozialraum

Cover Michael May, Monika Alisch (Hrsg.): Praxisforschung im Sozialraum. Fallstudien in ländlichen und urbanen sozialen Räumen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-192-2. 24,90 EUR, CH: 39,00 sFr.

Reihe: Beiträge zur Sozialraumforschung - Band 2.

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Thema

Der Band vereinigt in vier Kapiteln unterschiedliche Texte der beiden Herausgeber und anderer Autoren zum Ansatz von Praxisforschung im Sozialraum, zur Sozialraumorganisation in städtischen und ländlichen Räumen, zu sozialräumlichen Aneignungsprozessen und abschließend ein Artikel zur allgemeinen Perspektive von Handlungsforschung.

Herausgeber und Herausgeberin

Michael May ist Erziehungswissenschaftler und Hochschullehrer an der Fachhochschule in Wiesbaden und verantwortet dort u.a. das Masterprogramm maps – Sozialraumentwicklung und -organisation. Monika Alisch ist Soziologin und lehrt an der Hochschule Fulda, wo sie u.a. auch für den Masterstudiengang maps zuständig ist.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung des ersten Kapitels „Sozialraumforschung und Sozialraumpraxis“, die gleichzeitig den Band einleitet, beschäftigen sich die beiden Herausgeber mit der Praxis einer forschenden Annäherung an den Sozialen Raum. Ihr Begriff von Sozialraum, den sie dabei zugrunde legen, stellt gruppen-, institutions- und praxiszusammenhangspezifische Netzwerke raumbezogener Interessensorientierungen in den Mittelpunkt. Sie unterscheiden davon deren kodifizierte Nutzungsregeln und ihre soziale Kontrolle. Folgt man dieser Logik können sozialräumliche Aneignungsprozesse so analytisch erfasst und als raumbezogenes Handeln und Willensbekundungen von sozialen Gruppen gedeutet werden. Dieses Verständnis enthalte, so die Autoren, und das sei im Horizont Sozialer Arbeit besonders wesentlich, den Blick auf partizipative Anteile als Prozesse möglicher gesellschaftlicher Teilhabe und Teilnahme.

Im folgenden Artikel „Von der Gemeinde zur Großstadt und zurück: Methodologische und systematische Traditionen der Analyse sozialer Räume“ beschäftigt sich Monika Alisch mit der Frage wie der soziale Raum empirisch erforscht und mögliche Ergebnisse dazu kommuniziert werden können. Theoretische wie methodologische Ansätze, ausgehend von der historischen Chicago-School of Sociology stellt Alisch kurz dar, um den Bogen zu modernen Ansätzen der Aktionsraumforschung als wesentlichem Modell der Sozialraumanalyse zu schlagen. Sie schließt mit Überlegungen zu drei generellen Erwartungen, denen sich die Sozialwissenschaften zu stellen hätten, kommunizierbare, instrumentalisierbare und praktische Ergebnisse zu erbringen, um ihr eigenes Tun so zu legitimieren. Den Herausgebern selbst geht es mit dem Begriff des Sozialraums um ein „Konstruktionsprinzip sozialer Nähe“ und die Netzwerke raumbezogener Interessensorientierungen von Subjekten und Institutionen, bezogen auf eine konkrete Situation.

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Ralf Leßmeister unter der Überschrift „Jung auf dem Land. Landidylle oder Stadtflair – Sozialraumanalyse zum Freizeitverhalten Jugendlicher im ländlichen Raum“ mit dem Freizeitverhalten Jugendlicher im ländlichen Raum einer rheinland-pfälzischen Verbandsgemeinde (101 – 121). Eingangs stellt er fest, dass die bekannten vorhandenen Studien sich in der Regel in ihren Ergebnissen auf urbane Verdichtungsräume beziehen und man von einer Unterversorgung an Angeboten der Jugendarbeit auf dem Lande auszugehen habe. Er geht der Frage nach, wie junge Menschen, die auf dem Land aufwachsen, die Anforderungen und Wider sprüche moderner Lebensvorstellungen erleben. Dazu bezieht er sich auf Vorgehen, Verlauf und Daten eines eigenen Forschungsprojekts in einem Flächenlandkreis in Rheinland-Pfalz. Das Projekt widmet sich der Frage, inwiefern der Faktor Mobilität in einem Bezug zum Freizeitverhalten der Heranwachsenden steht. Nach dem Verfahren einer kleinräumigen Sozialstrukturanalyse (nach Karsten Heymann) verarbeitet er hierzu bereits vorhandene quantitative Daten zur Einwohner-, Raum- und Sozialstruktur, um die Bandbreite sozialräumlicher Strukturen und Lebensräume zu beschreiben. Umfänglich beschreibt er dazu das komplexe empirische Vorgehen, liefert einige Ergebnisse, um schließlich festzustellen, daß der analytische Erkenntniswert der strukturellen Beschreibung sich erst mit der regelmäßigen Fortschreibung der Daten entfalten kann. Im Blick auf die subjektiven Blickwinkel und Bewertungen der Heranwachsenden, der im zweiten, qualitativen Teil eingefangen wird, nähert er er sich der Beschreibung des jugendlichen Freizeitverhaltens.
Methodisch kann der fundierte Beitrag über ein Praxisforschungsprojekt mit Gewinn gelesen werden, etwa in der begründeten Wahl seiner empirischen Vorgehensweisen. Hinsichtlich der angedeuteten Ergebnisse bleibt manche Fragen nach der Relation von Aufwand und Ertrag aber offen. Etwa wenn angesichts der demographischen Entwicklung, die bereits bestehende Schwierigkeit der Jugendlichen auf dem Lande als sich noch verschärfend bewertet wird, sich mit Gleichaltrigen über den Ort hinaus treffen zu können. Worin der handlungsorientierte Ertrag der ermittelten Ergebnisse für die Gestaltung der Angebote vor Ort im ländlichen Raum bestehen kann, bleibt über die unstrittige Bedeutung von Mobilität auf dem Lande offen.

Stefan Fröba wirft mit den Ergebnissen seines Handlungsforschungsprojekts in München „Man(n) spricht deutsch … zur Partizipation von Männern mit Migrationshintergrund“ (164 – 183) einen Blick auf die Bedeutung des Sozialraums für die Gruppe der Männer mit Migrationshintergrund, die als erste und zweite Generation der sogen. Gastarbeiter in Deutschland über Arbeit Fuss gefasst haben. Er bezieht sich auf Männer, die sich kurz vor oder bereits im Rentenalter befinden und stellt die Hemmnisse dar, die sie bisher davon abgehalten haben sich aktiv am kommunalen Stadtteilgeschehen zu beteiligen. In seiner Hypothese geht er davon aus, dass für diese Altersgruppe der Sozialraum nun neben dem Arbeitsplatz als klassischer Indikator an Bedeutung gewänne, um ihre Partizipation zu ermöglichen. Den Hauptgrund dafür sieht er in ihrer veränderten Lebensperspektive, da sie überwiegend davon ausgehen müssten, ihren Lebensabend im Stadtteil, in diesem Fall dem Harthof in München, zu verbringen und ihre Situation in Sanierungs- oder Neubaugebieten dort auch mitgestalten zu können. Auf der Grundlage quantitativer Daten zum Stadtteil sowie mehrerer eigener leitfadengestützter Interviews mit vier Mitarbeitern von Institutionen im Stadtteil und einigen qualitativen Interviews mit fünf Männern mit Migrationshintergrund, beschreibt er deren Lebenslage und die Perspektiven der Betroffenen. Er beschreibt besonders die Hemmnisse, die die Männer bisher davon abhielten sich aktiv am Stadtteilgeschehen zu beteiligen. Es gelingt ihm wesentliche Hindernisse am Material herauszuarbeiten und die Begrenzungen der Männer vor dem Hintergrund ihrer Lebenslage deutlich zu machen. So gibt jeder der Befragten an, nichts von der Existenz formeller Beteiligungsformen wie einem Ausländerbeirat oder Ausländerbeauftragten in München zu wissen. Die Ergebnisse des Handlungsforschungsprojekts sind wenig überraschend, wenn u.a. materielle Armut, fehlende Kenntnis über Infrastrukturen und ein reduziertes Selbstwertgefühl als wesentliche Hemmnisse ausgemacht werden. Allerdings, das erscheint offensichtlich, ist die kommunale Perspektive überdehnt, wenn rechtliche und finanzielle Sicherheit als wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung von Partizipation benannt werden.

Fazit

Beim Lesen der drei einführenden Artikel Kapitel unter Überschrift Sozialraumforschung und Sozialraumpraxis wird schnell klar, Stil und Inhalt sind adressiert an Theoretiker oder selbst mitforschende Praktiker. Die weiterhin dargestellten Projekte der Praxisforschung loten im Sinne von Fallstudien eine Verbindung zwischen Fragen, Projektskizzen und den theoretischen Bezügen der Handlungsforschung aus. Es wäre sehr begrüßenswert gewesen dazu im Anhang, die verwendeten Instrumente, Leitfäden, Materialien und methodischen Bausteine der Praxisforschungsprojekte zu sammeln. Möglicherweise hätte auch geklärt werden müssen, an wen sich die Autoren mit ihren Beiträgen über Studierende hinaus wenden. Interessierte Praktiker, politisch bzw. freiwillig engagierte Personen in Projekten scheinen weniger im Blick gewesen zu sein. Angesichts des Themas Praxisforschung im Sozialraum und der formulierten Erwartungen an sozialwissenschaftliche Projekte schade. Dennoch liefern vor allem die Fallstudien praxisrelevante fachliche Anregungen zur Durchführung entsprechender Projekte.


Rezensent
Dr. Jürgen E. Schwab
Professor für Soziale Arbeit - Schwerpunkt Bildung, Sozialisation und Jugend, Katholische Hochschule Freiburg


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Zitiervorschlag
Jürgen E. Schwab. Rezension vom 30.11.2009 zu: Michael May, Monika Alisch (Hrsg.): Praxisforschung im Sozialraum. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-192-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7325.php, Datum des Zugriffs 30.09.2014.


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